"SpiO"-Talk | Radsport Tony Martins Hoffnung auf die (spätere) Tour: "Schon im Winter dafür gelitten"

Die lange und erfolgreiche Karriere von Tony Martin neigt sich langsam dem Ende zu. Seine zwölfte Tour de France wäre noch einmal ein Höhepunkt. Der eigentliche Termin ist aber kaum zu halten. Was macht das mit der Motivation?

Tony Martin
Doha 2016: Tony Martin auf der Zielgerade zum vierten WM-Titel im Einzelzeitfahren. Bildrechte: imago/Belga

Noch im April wird Tony Martin 35 Jahre alt. Allzu lang wird seine unter anderem mit vier Weltmeistertiteln im Einzelzeitfahren, fünf Etappensiegen und drei Tagen im "Gelben Trikot" bei der Tour de France oder der Olympia-Silbermedaille 2012 in London hoch dekorierte Karriere nicht mehr andauern.

Das hatte der gebürtige Cottbuser, der seinen Weg zum Radprofi über Jahre hinweg von Erfurt aus vorantrieb, bereits im vergangenen Dezember angekündigt. Der aktuelle Vertrag beim niederländischen Team Jumbo-Visma läuft Ende 2020 aus.

Karriereende? Entscheidung vertagt!

Daher wollte Tony Martin normalerweise jetzt im Frühjahr, wenn die Radsport-Saison erst so richtig ins Rollen kommt, "ohne Stress und Druck fahren, um zu schauen, wie sehr es mir noch Spaß macht" und "ob ich noch die Risikobereitschaft habe", sagte er am Mittwoch (8. April 2020) dem MDR im "Sport im Osten"-Talk. Ein Normalerweise ist während dieser Coronavirus-Pandemie allerdings auf noch unbestimmte Zeit vertagt.

Ich werde meine Entscheidung um drei, vier Monate verschieben müssen.

Tony Martin im "SpiO"-Talk des MDR über ein mögliches Karriereende in diesem Jahr
Tony Martin (Deutschland U 23 / Thüringer Energie Team) belegt Platz 2 bei der Thüringen Rundfahrt 2007 und jubelt mit seiner Mutter
Lang ist's her: Tony Martin herzt seine Mutter. Bei der Thüringenrundfahrt 2007 belegte er Rang zwei. Bildrechte: IMAGO

Der Wahlschweizer nimmt die Krisenumstände gelassen. "Ich werde meine Entscheidung um drei, vier Monate verschieben müssen", sagte er im Wissen, dass es zum einen jetzt viele wichtigere Dinge auf der Welt zu lösen gibt und Martin darüber hinaus selbst in einer glimpflichen Situation steckt – nicht nur weil er daheim bei Freundin und Tochter sein kann oder sein Arbeitgeber finanziell gut aufgestellt scheint.

Immerhin: Training unter freiem Himmel

Während etwa die spanischen oder italienischen Kollegen "gar nicht mehr raus dürfen" und ihr Programm auf der Heimrolle abspulen müssen, kann Tony Martin in der Schweiz zwar allein, aber immerhin neben dem hochgerüsteten Hometrainer auch unter freiem Himmel auf gewohntem Asphalt fahren. Zwar fehlen "die Vorbereitungswettkämpfe, aber wenn man die entsprechende Motivation hat", könne man das "einigermaßen simulieren", betonte Martin.

Ich kann nicht zwei Monate in der Hängematte liegen. Es wäre sträflich, meine Vorbereitung wegzuschmeißen.

Tony Martin im "SpiO"-Talk des MDR
Tony Martin
2015 schlüpfte Tony Martin für drei Tage ins Gelbe Trikot der Tour de France. Er verlor es nach einem Sturz in Le Havre, bei dem er sich das Schlüsselbein brach. Bildrechte: imago/PanoramiC

Um seine inneren Antrieb braucht man sich jedenfalls keine Sorgen machen. Auch wenn ein regulärer Start der aktuell noch nicht verlegten oder abgesagten Tour de France am 27. Juni genauso illusorisch anmutet wie die Rundfahrt unter Zuschauerausschluss (Martin: "Organisatorisch nicht zu bewältigen"); und auch wenn die ersten Wochen nach Ausbreitung des Virus, die mehr und mehr abgesagten Rennen für die Motivation "schwierig gewesen" seien, "kann ich nicht zwei Monate in der Hängematte liegen. Es wäre sträflich, meine Vorbereitung wegzuschmeißen."

Hoffen auf die Höhepunkte

Er hatte frühzeitig sogar auf Olympia verzichtet, um stattdessen möglichst in Topform die große Schleife durch Frankreich, das berühmteste Radrennen der Welt, sowie die spanische Vuelta und zum Abschluss die Straßen-WM in der Wahlheimat Schweiz zu bestreiten: "Dafür habe ich schon im Winter gelitten."

Doch so groß die "Fragezeichen – sportlich, wirtschaftlich und gesamtgesellschaftlich" derzeit auch sind, Tony Martin will die Hoffnung nicht aufgeben: Darauf, dass der Kampf gegen das Virus schneller vorangeht als befürchtet – und auf seine zwölfte Teilnahme an der Tour de France, in wie vielen Monaten die auch immer steigen wird.

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mhe

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR aktuell | 08. April 2020 | 19:30 Uhr

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