Turnen Aufarbeitung im Chemnitzer Turnskandal stockt

Entscheidung über Cheftrainerin Frehse steht weiterhin aus

Die Chemnitzer Turntrainerin Gabriele Frehse ist immer noch suspendiert, trotzdem arbeitet sie an zwei Tagen weiterhin in der Turnhalle. Der DTB reagiert mit harscher Kritik. Betroffene Athletinnen haben mittlerweile Strafanzeige gegen die Trainerin gestellt. Unabhängig davon fordern verschiedene Seiten das Ende von Frehses Suspendierung. Pauline und Helene Schäfer, die die Vorwürfe im November 2020 ins Rollen gebracht haben, äußern sich exklusiv im MDR-Interview zur aktuellen Situation.

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So 07.03.2021 14:18Uhr 05:54 min

https://www.mdr.de/sport/sport-im-osten/video-der-fall-gabriele-frehse-zusammenfassung102.html

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Was bisher geschah

Was ist wirklich passiert am Bundesstützpunkt Turnen in Chemnitz? Dort, wo Gabriele Frehse über Jahre den Ton angegeben hat und die unangefochtene Chef-Trainerin war. Der DTB hat sich festgelegt: Frehse habe "schwerwiegende Pflichtverletzungen" begangen. In 17 Fällen gebe es "hinreichende tatsächliche Anhaltspunkte für die Anwendung psychischer Gewalt durch die Trainerin". So lautet das zentrale Ergebnis des 800 Seiten starken Prüfberichts, den der DTB bei einer unabhängigen Rechtsanwaltskanzlei in Auftrag gegeben hat. Das Problem: Dieser Prüfbericht ist nicht öffentlich zugänglich. Den ehemaligen und aktuellen Turnerinnen ist Anonymität zugesichert worden. Eine essentielle Maßnahme, um extrem persönliche Informationen zu erhalten. Anders kann Missbrauch kaum ans Tageslicht gelangen. Frehse hat nun beim zuständigen Datenschutzbeauftragten erwirkt, dass sie trotzdem Einblick in diesen Prüfbericht erhält – aber nur unter der Bedingung, dass die Anonymität der Turnerinnen gewahrt bleibt. Auch der Olympiastützpunkt als Arbeitgeber will erst handeln, wenn er die konkreten Vorwürfe aus dem Prüfbericht kennt. Bis das soweit ist, kann es noch Wochen dauern.

Pauline und Helene Schaefer Interview 13 min
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Verhärtete Fronten

In der Zwischenzeit verhärten sich die Fronten in Chemnitz. Die Eltern der aktuellen Turnerinnen fordern weiterhin die Rückkehr von Gabriele Frehse in den Trainingsbetrieb. Auch Sophie Scheder, Bronzemedaillengewinnerin bei Olympia in Rio, hat gemeinsam mit sieben weitere Athletinnen  des Bundesstützpunktes einen offenen Brief geschrieben. Darin fordern sie vom Olympiastützpunkt: "Lassen Sie unsere Trainerin Frau Gabriele Frehse umgehend wieder ihrer Leidenschaft nachgehen und beenden Sie die vorübergehende Freistellung."

DTB-Präsident Alfons Hölzl schließt eine Rückkehr von Frehse jedoch kategorisch aus, "zumindest im Auftrag des Deutschen Turnerbundes". Auch Pauline Schäfer, Weltmeisterin am Schwebebalken, verweist im MDR-Interview auf die 17 Missbrauchsfälle, die der Prüfbericht bestätigt hat. "Ich schließe mich da ganz der Meinung des DTB an, dass Gabi in dieser Halle nichts mehr verloren hat."

Sportfördersystem schafft Patt-Situation

Der Olympiastützpunkt wäre einer Rückkehr Frehses möglicherweise gar nicht abgeneigt. Aber die Fachaufsicht über den Bundesstützpunkt hat der Deutsche Turnerbund. Dieser Konstruktionsfehler im deutschen Sportfördersystem schafft die derzeitige Patt-Situation. Der DTB hat die Fachaufsicht und wohl auch die Beweise, um Gabriele Frehse entlassen zu können. Angestellt ist die Trainerin aber beim Olympiastützpunkt. Der hat keine Beweise in der Hand, müsste aber die Entlassung aussprechen und damit das arbeitsrechtliche Risiko tragen. Im Falle einer Niederlage vor dem Arbeitsgericht könnte das eine hohe fünfstellige Entschädigungs-Summe kosten.

Frehse zweimal pro Woche in der Halle

Die Strukturen am Olympiastützpunkt in Chemnitz sind teilweise über Jahrzehnte gewachsen, Frehses Arbeit wird offenbar geschätzt. So hat der Olympiastützpunkt sie aufgrund des großen öffentlichen Drucks zwar suspendiert. Trotzdem steht sie weiterhin zweimal pro Woche in der Turnhalle, als Lehrkraft des Sportgymnasiums im Profilsport Turnen. Die nötige Genehmigung für diese Tätigkeit stammt aus dem April 2020. Entziehen wollte der Olympiastützpunkt diese Genehmigung offensichtlich nicht. Dem MDR schreibt OSP-Geschäftsführer Thomas Weise: "Das rechtstaatliche Prinzip der Unschuldsvermutung gilt auch für Frau Frehse, auch wenn sie eine weitere Nebentätigkeit ausübt. Frau Frehse ist in der vertieften sportlichen Ausbildung als Lehrkraft - nicht als Trainerin – tätig." Egal wie man die Tätigkeit bezeichnet: Frehse arbeitet über das Sportgymnasium auch mit Athletinnen, die sie als suspendierte Stützpunkt-Trainerin nicht mehr trainieren darf. Der Deutsche Turnerbund  zeigt sich in einer Stellungnahme darüber nicht sonderlich erfreut. "Der DTB lehnt jede weitere Trainertätigkeit von Frau Frehse ab. Der DTB fordert die verantwortlichen Stellen auf, die Trainertätigkeit von Frau Frehse am Sportgymnasium Chemnitz zu unterbinden."

Landesamt lehnt Suspendierung ab

Dazu wird es aber wohl nicht kommen. Arbeitgeber ist in diesem Fall das Landesamt für Schule und Bildung. Dem sind „keine konkreten Vorwürfe gegenüber Frau Frehse bekannt. Allein Veröffentlichungen durch die Medien können (und dürfen) nicht zu arbeitsrechtlichen Maßnahmen gegen Beschäftigte im öffentlichen Dienst führen,“ schreibt die Behörde dem MDR. Während des Unterrichts mit Frau Frehse ist allerdings nun immer ein weiterer Beschäftigter in der Halle. "Zum Schutz sowohl von Frau Frehse als auch der Schülerinnen", teilt die Schulbehörde mit. Pauline Schäfer, die die Untersuchungen gegen Gabriele Frehse mit ihren Vorwürfen maßgeblich ins Rollen gebracht hat, beobachtet die Entwicklung. "Auf der einen Seite steht das Fehlverhalten der Trainerin. Auf der anderen Seite steht das System, das es deckt. Ich glaube, dass man an den Strukturen ansetzen muss, um dieses Problem speziell in Chemnitz zu beseitigen."

Vater Quaas: "Ton rauer. Aber Missbrauch? Nie gesehen."

Trotzdem bleibt die Situation in Chemnitz unübersichtlich. Da ist zum Beispiel René Quaas, Vater des 15-jährigen Turn-Talents Lea Quaas. Sie hat seit 2015 mit Gabriele Frehse trainiert. Papa Quaas hat sie regelmäßig zum Training gefahren. Die Familie wohnt nur eine Autostunde entfernt. Er erzählt, wie er deswegen häufig das Training in der Halle verfolgt habe. "Da hab ich gesehen, dass das teilweise schon ein rauerer, strengerer Ton ist, wie im Freizeitsport", schildert er offen. Aber psychischer Missbrauch? "So was in der Form habe ich nie gesehen oder mitbekommen."

Familie Quaas Interview 18 min
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Helene Schäfer: "Hätte Gabi früher auch verteidigt"

Seine Tochter Lea spricht positiv über die fast sechs Jahre unter Gabriele Frehse: "Seitdem ich hier bin habe ich nichts von den Vorwürfen mitbekommen. Gabi hat zwei Seiten: Sie ist eine strenge Trainerin, aber trotzdem nette Person, sie kümmert sich um alles für uns."

Helene Schäfer, die genauso wie ihre Schwester Vorwürfe gegen Gabriele Frehse erhoben hat, ist erstaunt über derartige Aussagen. "Aber auch ich bin von Gabi jahrelang psychisch unter Druck gesetzt und manipuliert worden. Vor ein paar Jahren hätte ich Gabi wahrscheinlich auch noch verteidigt." Aber warum? "Als minderjährige Turnerin entsteht eine sehr starke emotionale Abhängigkeit von der Trainerin. Weil man auch seine Ziele erreichen will."

Leonie Papke: Vorwurf des Schmerzmittelmissbrauchs

Auch Leonie Papke hat in Chemnitz geturnt, war bis 2019 im Nationalkader. Mittlerweile kann sie aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr Turnen. Ihr Vater Lars Papke will die Ursachen juristisch aufklären lassen, sagte er dem MDR: "Wir haben die Anzeige erstattet gegen Frau Frehse und zwei Mediziner aus Chemnitz. Und der Vorwurf ist, dass unserer Tochter über einen längeren Zeitraum ohne unsere Zustimmung Schmerzmittel verabreicht wurden." Auch Pauline und Helene Schäfer haben Frehse angezeigt – wegen Körperverletzung und Misshandlung Schutzbefohlener. Ob Klage gegen Frehse erhoben wird, ist noch ungewiss. Die Ermittlungen dauern an.

Schalte Peer Vorderwülbecke 10 min
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So 07.03.2021 16:42Uhr 10:05 min

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Wem glauben?

Vielleicht bringen die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Klarheit, was unter der Regie von Gabriele Frehse alles in Chemnitz passiert ist. Momentan bleibt die Bewertung der Sachlage schwierig. Denn Eltern und Athletinnen äußern sich komplett gegensätzlich über Gabriele Frehse. Die einen sind Gegner, die anderen Anhänger. Zu den entschiedensten Anhängern gehört Frank Munzer. Er ist Präsident des TUS-Chemnitz-Altendorf. Das ist der Trägerverein des Bundesstützpunktes. Gabriel Frehse kennt er seit vielen Jahren.

Frank Munzer: "Autoritäre Trainerin, kein Monster"

Dem MDR sagte er schon Ende Januar: "Es wird hier eine Person Gabi Frehse als ein Monster dargestellt, das sie nicht ist. Sie ist eine autoritäre Trainerin, das gibt sie selbst zu. Sie ist ein sehr resoluter Mensch und sie hat in der Halle hier das sagen."

Frank Munzer, Präsident TuS Chemnitz-Altendorf, im Interview 31 min
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Das Verhalten, was Munzer als autoritär und resolut beschreibt, nennt der Prüfbericht des DTB herabsetzend, degradierend, oder demütigend. Aber warum ist es so schwer, die Aussagen von mindestens 17 Turnerinnen zu akzeptieren? "Weil es mit meiner eigenen Wahrnehmung nicht korrespondiert", sagt Munzer. Möglicherweise ist das das Problem in Chemnitz. Dass die Wahrnehmung und die Bedürfnisse der jungen Athletinnen nicht ausreichend beachtet und respektiert werden. Ihre Perspektive unterscheidet sich mutmaßlich stark von der Perspektive eines Funktionärs. Für Munzer ist klar: "Hier ist Leistungsturnen. Die Mädels wissen, auf was sie sich einlassen. Knallhartes Training. Deshalb kommen die nach Chemnitz. Weil sie hier erfolgreich sind."

Helene Schäfer: "Es geht auch ohne psychische Gewalt"

Wegen der Hoffnung auf Erfolg war Helene Schäfer vor ein paar Jahren ihrer Schwester nach Chemnitz gefolgt. Ihre Kritik nun an Frehse habe sie aber nicht geäußert, weil sie weniger hart trainieren wollte. Sie wollte anders trainieren. "Dass man auch mal über seine Grenzen hinausgehen muss, das gehört einfach mit dazu", erklärt sie im MDR-Interview: "Aber das geht eben auch ohne psychische Gewalt, ohne Demütigungen, ohne Drohungen und auch ohne Bodyshaming. Ich denke, daran sollten wir arbeiten."

Wo sind die Grenzen? Wie werden sie kontrolliert?

Und wohl nicht nur am Bundesstützpunkt Turnen in Chemnitz. Sondern in allen Sportarten, in denen Minderjährigen enorm hohe psychische und körperliche Leistung abverlangt wird. Wie wichtig ist ihre Persönlichkeitsentwicklung im Vergleich zum sportlichen Erfolg? Wo sind die Grenzen? Wie werden Sie kontrolliert? Welche Konsequenzen sind nötig? Die Diskussion darüber hat gerade erst begonnen.

Dieses Thema im Programm: MDR+ | SpiO-Webshow | 07. März 2021 | 15:15 Uhr

10 Kommentare

Maschinist vor 6 Wochen

Das Gespräch mit Frank Munzer ist wirklich sehenswert.

Es wird angesprochen, was sonst gern unter den Tisch gekehrt wird, bzw. was viele nicht wahrhaben möchten.
Leider leben wir in einer Zeit, in der der Wunsch, was sein soll, mehr zählt, als das was tatsächlich ist.

Das Pippi-Langstrumpf-Lied läßt grüßen.

aken vor 6 Wochen

Das hat nichts mit Glaskugel zu tun, sondern mit Logik. Die Sportlerin ist nach Chemnitz gegangen, weil Frehse eien einen guten Ruf hatte. Sie hat auch noch ihre Schwester nachgeholt. Tut man das, wenn man gedemütigt und gemobbt wird? Sie gestatten mir das Zweifel. Sie hatten immer die Möglichkeit den Trainer zu wechseln, warum hat sie es nicht getan? Ich glaube, weil sie überzeugt war, dass sie mit einem anderen Trainer nicht den Erfolg bekommen hätte. Damit Sie sich eine Dumme Bemerkung zur Glaskugel sparen, ich habe auch keine, aber gesunden Menschenverstand und 50 Jahre Erfahrung in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.
Vielleicht schaffen Sie es meinen Beitrag zu veröffentlichen. Habe aber wenig Hoffnung, musste aber doch schreiben, weil mich Frau Schäfer aufregt.

Beri vor 6 Wochen

Eine Glaskugel hat Marcel mit Sicherheit nicht. Nur hat das Ganze durchaus ein Geschmäckle! Schon allein, daß Frau Schäfer auf dem Höhepunkt nicht (!) ihren Mund aufgemacht hat.
Und liebes MDR-Team dieser Kommentar hat mit Nettikette wohl nichts zu tun, oder?