Pferdesport Unterricht eingestellt - Reitschulen mit finanziellen und organisatorischen Sorgen

Sie halten für gewöhnlich mindestens eine Pferdelänge Abstand. Nun ist aufgrund der Bemühungen, das Coronavirus einzudämmen, für viele Reiter der Stall tabu. Während Jogger immerhin noch in den Park können, haben Reitschulen den Unterricht mit Schulpferden komplett eingestellt. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung sieht "eine noch nie dagewesene Herausforderung" für Vereine und Betriebe.

Eine Reitlehrerin beobachtet ihre Schueler beim Reitunterricht.
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FN-Vorgabe: Weniger Menschen in Stall und Halle

Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) hat einen Notfallplan für Reitschulen und Pensionsställe erstellt. In diesem steht: "Durch den Ausfall des Reitunterrichts für Reitschulen muss die Bewegung der Pferde durch einen Notbewegungsplan sichergestellt werden. Hier sind strikte hygienische sowie regionale und bundesweite behördliche Vorgaben unbedingt zu beachten." Dabei seien von Ställen Anwesenheitszeiten vorzugeben, um die Anzahl der Menschen im Stall bzw. auf der Reitanlage zu minimieren, so die FN.

Zum Schulbetrieb heißt es: "Nur Reitschüler, die eigenständig ein Pferd vorbereiten, reiten und nachher versorgen können, sind von der verantwortlichen Person des Vereins/Betriebs auf freiwilliger Basis dafür vorzusehen." Auf einem Platz oder in einer Halle von 20 x 40 Metern Fläche sind der FN zufolge vier Pferde fachlich und hygienisch vertretbar.

Die FN ist eigenen Angaben zufolge Interessenvertreter von 3.702 Mitgliedspferdebetrieben und 7.364 Reitvereinen mit 682.380 Vereinsmitgliedern sowie rund 80.000 Züchtern. In Sachsen gehen zum Beispiel 158.606 Menschen dem Pferdesport nach, wie das Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft des Freistaats Sachsens 2019 informierte.

Sportbetrieb in Sachsen untersagt 

Bisher gibt es keine Hinweise darauf, dass Pferde oder Haustiere wie Hunde und Katzen mit dem Coronavirus infiziert wurden oder das Virus verbreiten können. Nach Angaben des Friedrich-Löffler-Instituts (FLI) fehlen tiefergehende wissenschaftliche Untersuchungen. Doch auf Grundlage der Allgemeinverfügung "Vollzug des Infektionsschutzgesetzes – Maßnahmen anlässlich der Corona-Pandemie" ist der Sportbetrieb auf und in öffentlichen und privaten Sportanlagen untersagt. Dies dürfte viele Reitvereine betreffen, denn Ausnahmen machen Innenministerium und Gesundheitsministerium momentan grundsätzlich nur für Bundeskader-Athleten bzw. für Athleten mit vergleichbaren Kadereinstufungen - z. B. bei Mannschaftssportarten aus den Bundesligen.

Röhrsdorf - Sorge um Versorgung der Pferde

Der Reit- und Fahrverein Röhrsdorf in Chemnitz hat jeglichen Betrieb mit Schulpferden ausgesetzt. Das bestätigte die Vorsitzende Caroline Münster dem MDR am Samstag (21.03.2020). Sie beschreibt: "Wir haben finanzielle Ausfälle, weil uns als Verein die Einnahmen aus dem Schulbetrieb verloren gehen. Wir müssen unsere Pferde weiter versorgen, müssen die Stallkraft bezahlen. Wir gehen an unsere Reserven."

Junger Mann trainiert mit seinem Pferd auf einem Reitplatz.
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Etwa 50 Reitschülern, die sonst wöchentlich auf der Anlage seien, sei abgesagt worden, so Münster, die erklärt: "Nur ein begrenzter Personenkreis darf in den Stall, damit hat jeder noch mehr zu tun - falls jemand unter Quarantäne müsste, wissen wir nicht, wie die Pferde noch versorgt werden sollen." Das halbe Dutzend Schulpferde werde nun nur noch zweimal wöchentlich bewegt, so Münster. Über die zwei Turniere in diesem Jahr sagt sie: "Ob Sponsoren uns etwas geben können - ich wage es zu bezweifeln."

Sportanlagen in Thüringen sind zu schließen

Ähnlich ist die Lage in Thüringen - durch den "Erlass von Allgemeinverfügungen zum Verbot und zur Beschränkung von Kontakten in besonderen öffentlichen Bereichen." Ihm zufolge sind "Zusammenkünfte in Vereinen, sonstigen Sport- und Freizeiteinrichtungen und -angeboten bzw. Sportanlagen" für den Publikumsverkehr zu schließen. Der Erlass gilt im Freistaat Thüringen vom 18.03. bis 19.04.2020.

Auch beim Reitverein Kinderleicht kein Unterricht mehr

"Momentan wird nicht geritten", sagt Juliane Schmoll, Vorsitzende und Reitlehrerin im Reitverein Kinderleicht e.V. in Erfurt. Sie spricht von einer "merkwürdigen Stimmung" auf dem Hof, denn zwei Drittel der Mitglieder, die die Reitschüler ausmachten, dürften nicht mehr auf die Anlage. Die Pferde stünden nun den ganzen Tag draußen, so Schmoll.

Die finanziellen Sorgen seien groß, da neben den abgesagten Reitstunden auch Veranstaltungen auf der Kippe stünden. Ein weiteres Problem sei es, "die Notversorgung aufrechtzuerhalten, die momentan an den gleichen Leuten hängt". Pferde auf die Koppel bringen, misten, füttern - die Arbeit, die bisher von 20 Personen erbracht wurde, wird nun Schmoll zufolge auf nur fünf Personen verteilt.

Sachsen-Anhalt geht auf Pferdehalter ein

In Sachsen-Anhalt informiert das Ministerium für Arbeit, Soziales und Integration in seinen FAQs zum Coronavirus, dass "das normale alltägliche Bewegen von Tieren z.B. Pferden auf der Koppel oder in einer Reithalle" erlaubt sei. Das Ministerium schreibt: "Diese im Sinne der Tiergesundheit zwingend notwendigen Maßnahmen sind weiterhin zulässig und unterliegen nicht der Genehmigungspflicht."

Kondition und Muskulatur können nachlassen

Reitstall-Besitzer Andreas Habicht vom Reiterhof Gut Seeben in Halle muss momentan abwägen. Wenn vereinzelt erfahrene Reiter kommen, kann er diese beaufsichtigen. Er lebe nicht vom Schulbetrieb, aber bei ihm hätten sich viele Reitschüler abgemeldet, so Habicht. Er argumentiert: "Die Reiter kommen alle einzeln an und hocken nicht zusammen wie beim Basketball." Auch die Übergabe eines Pferdes könne man bei zwei aufeinanderfolgenden Reitern "elegant machen", indem einer das Tier am Kopf halte, während der andere auf Sattelhöhe die Zügel greife.

Und falls das Reiten dennoch auf lange Zeit untersagt wird? Habicht ist überzeugt: "Wenn man eine Stute mehrere Monate rausnimmt, weil sie ein Fohlen bekommt, wirft sie einen Reiter später auch nicht ab. Ein Pferd vergisst nicht die Trab- und Galopphilfen." Kondition und Muskulatur müssten allerdings neu aufgebaut werden.

Die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie sind regelmäßig Thema bei MDR aktuell. Zudem gibt es am 22. März (ab 16:30 Uhr) eine "Sport-im-Osten"-Sondersendung.

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