Nordische Kombination "Vom Held zum Verräter": Erster Olympia-Medaillengewinner der DDR Andreas Kunz verstorben

Andreas Kunz, der einst die erste Olympia-Medaille für eine eigenständige DDR-Mannschaft holte, ist Anfang des Jahres gestorben. Der Nordische Kombinierer durfte sich 1968 über seinen Ruhm nur zwei Jahre lang freuen.

Nordische Kombination: Andreas Kunz (Klingenthal, re.) gewinnt Olympia-Bronze 1968 in Grenoble. Gold ging an Franz Keller (Nesselwang, Mi.), Bronze an Alois Kälin (Schweiz).
Das Podium bei Winter-Olympia 1968 in Grenoble von (re. n. li.): Andreas Kunz (SC Dynamo Klingenthal), Franz Keller (Nesselwang) und Alois Kälin (Schweiz). Bildrechte: IMAGO / Horstmüller

Andreas Kunz, der für das eigenständige DDR-Team die erste Olympia-Medaille überhaupt holte, ist verstorben. Der nordische Kombinierer aus Klingenthal erlag im Alter von 75 Jahren an Neujahr in einem Leipziger Krankenhaus einer langwierigen Erkrankung. Das meldet die "Freie Presse" (Printausgabe am Dienstag).

1968 erstmals getrennte deutsche Olympia-Teams

Bei den Winterspielen 1968 in Grenoble (FRA) hatte Kunz hinter Franz Keller (Nesselwang) und dem Schweizer Alois Kälin Bronze gewonnen. In diesem Jahr traten erstmals zwei getrennte deutsche Mannschaften bei Olympia an. Beide hatten als Flagge allerdings noch die olympischen Ringe und als Hymne die "Ode an die Freude" gemeinsam. Zuvor hatte es aus machtpolitischen Gründen nur eine gesamtdeutsche Mannschaft gegeben.

Ulbrichts Olympia-Held wurde zum Verräter

Zunächst wurde Kunz noch gefeiert, selbst der damalige DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht schickte nach Bronze ein Telegramm. Aber schon zwei Jahre später musste der gebürtige Leipziger, der für den SC Dynamo Klingenthal antrat, seine Laufbahn beenden.

Zum Verhängnis wurde ihm ein Kontakt mit dem kurz vor Olympia 68 nach Westdeutschland geflüchteten ehemaligen Klingenthaler Teamkollegen und Olympia-Mitfavoriten Ralph Pöhland. Den hatte er offiziell als "Verräter" gegeißelt, aber 1970 in Finnland gab es einen launigen gemeinsamen Abend, bei der Pöhland Kunz seine Wildlederjacke aushändigte - für 350 Ostmark, die Pöhland seinem nach seiner Flucht nun arbeitslosen Vater zukommen ließ.

Der Vater plauderte das später betrunken aus. Die Stasi bekam es mit. Kunz wurde nach Zwickau delegiert, offiziell aus "gesundheitlichen Gründen". Später wurde er Sport-Offizier, intensiv bespitzelt. Der "Olympia-Held war aus DDR-Sicht nur noch Verräter", schrieb der "Spiegel" 2018.

cke

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sachsenspiegel | 04. Januar 2022 | 19:00 Uhr

0 Kommentare