Sport | Corona-Pandemie Profisport ohne Zuschauer - Amateur-Teamsport trifft es richtig hart

Der Profisport, darunter auch die Fußball-Bundesliga, soll künftig wieder ohne Zuschauer stattfinden. Das gab Bundeskanzlerin Merkel am Mittwoch bekannt. Fußball-Zweitligist Erzgebirge Aue reagierte mit Unverständnis. Handball-Erstligist SC DHfK Leipzig hofft, dass die Geisterspiele nicht lange dauern. Ganz zum Erliegen kommt der Amateur-Teamsport. Wie es in der Fußball-Regionalliga Nordost weiter geht, ist noch offen. Sachsens Fußballchef Winkler zeigte sich "entsetzt" über die Pläne.

Auch der Profisport und damit die Fußball-Bundesliga wird von den verschärften Corona-Maßnahmen getroffen. Bund und Länder wollen angesichts dramatisch steigender Infektionszahlen die Partien im November nur noch ohne Zuschauer zulassen. "Wir müssen handeln, und zwar jetzt", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Mittwoch nach Beratungen mit den Ministerpräsidenten der Länder. Es gehe darum, eine akute nationale Gesundheitsnotlage zu vermeiden. "Die Kurve muss wieder abflachen", sagte Merkel. Man brauche jetzt im November eine befristete "nationale Kraftanstrengung". Die Kanzlerin sprach von harten und belastenden Maßnahmen.

Aue-Geschäftsführer Voigt: "Null Verständnis"

Nach dem ersten Stillstand im März hatten es die Deutsche Fußball Liga und der Deutsche Fußball-Bund mit einem ausgeklügelten Hygienekonzept geschafft, den unterbrochenen Spielbetrieb in der Bundesliga und der 2. Bundesliga wieder aufzunehmen - zunächst vor Geisterkulissen. Für die aktuelle Saison erhielt die DFL grünes Licht von der Politik, zumindest bis zu 20 Prozent der Gesamtkapazität der Stadien mit Zuschauern füllen zu dürfen.

Geschäftsführer Michael Voigt
Aues Geschäftsführer Michael Voigt Bildrechte: imago images/Picture Point

Der Geschäftsführer von Fußball-Zweitligist Erzgebirge Aue, Michael Voigt, sagte dem MDR zu den aktuellen Planungen: "Das ist für uns nicht nachvollziehbar. Dafür habe ich null Verständnis. Wir haben ein Hygienekonzept und nach meinem Kenntnisstand hat es bei den Fußballspielen keinen einzigen positiven Test gegeben. Wenn es jetzt einen Nachweis gäbe, dass der Fußball die Corona-Zahlen steigt lässt - aber so habe ich kein Verständnis dafür."

Logo Nordostdeutscher Fußballverband (NOFV)
Logo Nordostdeutscher Fußballverband (NOFV) Bildrechte: NOFV

Die örtlichen Behörden hatten das Recht, die Zuschauerzahl zu reduzieren oder gar einen Fan-Ausschluss zu veranlassen. Dies ist nach dem sprunghaften Ansteigen der Corona-Fallzahlen zuletzt vielerorts geschehen. Auch für das kommende Wochenende ist bereits für zahlreiche Partien der ersten und zweiten Liga eine drastische Herabsetzung oder der Ausschluss von Fans verfügt worden. Wilfried Riemer, Spielleiter der Regionalliga Nordost, sagte dem MDR: "Wie es in der Regionalliga Nordost weitergeht, wissen wir aktuell noch nicht. Wir werden nächste Woche eine Videokonferenz mit den Vereinen machen und danach sehen wir weiter."

Sachsens Fußballchef Winkler "entsetzt über die Ignoranz"

Der Präsident des Sächsischen Fußball-Verbandes (SFV), Hermann Winkler, hat die Beschlüsse zur Verschärfung der Corona-Maßnahmen von Bund und Ländern scharf kritisiert. "Ich bin entsetzt über die Ignoranz und Geringschätzung gegenüber dem Sport und der Vereine", sagte Winkler am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur. "Dort, wo in meist ehrenamtlicher Arbeit mit viel Aufwand Hygienekonzepte erarbeitet wurden, die auch wirken, und wo kaum Infektionsgeschehen vorhanden ist, wird dicht gemacht", klagte Winkler und verwies auf die präventive Wirkung des Sports auch im Hinblick auf die nahende Grippe-Saison. Winkler, ehemaliger Generalsekretär der sächsischen CDU, forderte die Parlamente und deren gewählte Volksvertreter auf, "sich ihrer Verantwortung bewusst zu werden, um diese willkürlichen Beschlüsse zu relativieren, so wie es im Sächsischen Landtag schon angekündigt wurde."

Hermann Winkler
Hermann Winkler Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

DFL bedauert Entscheidung

Reduzierte Anzahl Zuschauer im Stadion unter Coronabedingungen und Abstandsregelungen.
Bei RB Leipzig waren zuletzt nur noch 999 Zuschauer zugelassen. Bildrechte: PICTURE POINT / Sven Sonntag

Die Deutsche Fußball Liga (DFL) hat mit einer Mischung aus Enttäuschung und Verständnis auf das für November geltende Zuschauerverbot in den Stadien der Bundesliga reagiert. "Zweifelsohne erfordert die sich zuspitzende Pandemie-Lage zusätzliche Anstrengungen in allen Lebensbereichen", schrieb die DFL in einem Statement. Jedoch hätten die Vereine mit "großem Aufwand» Hygienekonzepte entwickelt, hieß es weiter: "Fans und Klubs haben darauf aufbauend, wo immer möglich, Hygiene- und Abstandsregeln nahezu ausnahmslos diszipliniert umgesetzt und sind damit ihrer Verantwortung gerecht geworden." Der Ligaverband hoffe nun, "dass die beschlossenen Maßnahmen im Sinne der gesamten Gesellschaft schnell und nachhaltig Wirkung zeigen".

Handball: Bundesliga und 2. Liga spielen bis Weihnachten

Auch in der Handball-Bundesliga gibt es vorerst nur Geisterspiele. Die Saison wird aber dennoch vorerst fortgesetzt: "Wir haben uns entschieden, dennoch bis mindestens Weihnachten weiterzuspielen", sagte Geschäftsführer Frank Bohmann (Handball-Bundesliga HBL) dem SID. Der Beschluss betrifft auch die 2. Bundesliga. "Das ist ein Schlag ins Kontor, aber unter Berücksichtigung der Gesamtsituation vielleicht auch nachvollziehbar", sagte Bohmann. Er wünsche sich aber "von der Politik eine andere Beständigkeit in ihren Entscheidungen. Das ist schon eine Umkehr von dem, was wir vereinbart haben", sagte der HBL-Boss.

Magdeburgs Michael Damgaard (r) setzt sich durch gegen Ludwigshafens Azat Valiulli.
Der SC Magdeburg in der Bundesliga gegen Ludwigshafen Bildrechte: dpa

SC DHfK: Brauchen mittelfristig wieder Zuschauer

SC DHfK Leipzig: Geschäftsführer Karsten Günther
Karsten Günther, Geschäftsführer des SC DHfK Leipzig. Bildrechte: imago images / opokupix

Der Geschäftsführer vom SC DHfK Leipzig, Karsten Günther, sagte dem MDR: "Ich bin jetzt erst einmal froh, dass wir weiter trainieren und spielen können, nicht den Fehler machen wie im März, als erst einmal alles abgeblasen wurde. Wir können den Spielbetrieb somit erst einmal aufrecht erhalten. Wir schaffen das mittelfristig aber nur, wenn wieder Zuschauer zugelassen werden." Sein Klub hatte erst vor 2.000 und dann vor jeweils 999 Zuschauern in der eigenen Arena gespielt. Das Hygienekonzept funktionierte: "Es gab keinen einzigen Fall, in keiner deutschen Handball-Halle im Oktober. Also die Konzepte wurden hochprofessionell umgesetzt. Die Zuschauer haben sich sehr verantwortungsbewusst an die Regeln gehalten. Deshalb ist es umso bitterer, dass wir da jetzt wieder herunter fallen."

Günther setzt darauf, dass die Geisterspiele nicht von langer Dauer sind: "Wir akzeptieren das. Wenn eben so ein Wellenbrecher (Anm. der Red. Mittel, um die Corona-Infektionen mit einem großen Lockdown zu verringern) dort so rein gerammt werden muss, damit wir die Entwicklung brechen, dann ist das so. Das kann aber nichts sein, was sich über einen längeren Zeitraum erstreckt. Es muss morgen schon wieder darüber nachgedacht werden, wann und wie wir in Teilen öffnen können." Ihm entgehen ausgerechnet beim Derby gegen den SC Magdeburg Zuschauer. Da wäre aber noch nicht das letzte Wort gesprochen, hofft Günther.

Karsten Günther 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

BBL: Gibt keine fachlich-hygienischen Gründe dafür

Eine Verringerung der Zuschauer-Zulassung auf Null bringt vor allem professionelle Teamsport-Ligen im Basketball, Handball, Eishockey oder Volleyball in existenzielle Bedrängnis. Stefan Holz, Chef der deutschen Basketball-Liga, kritisierte das Vorhaben: "Aus unserer Sicht gibt es fachlich-hygienisch keine Gründe dafür", sagte der BBL-Geschäftsführer am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur, "es werden von uns Hygienekonzepte verlangt, für die wir viel Geld in die Hand nehmen und mit ausgewiesenen Experten zusammenarbeiten. Und obwohl die Testphase gezeigt hat, dass die Konzepte funktionieren, dreht man uns doch den Saft ab. Das ist bitter", sagte Holz. Er habe sich eine Verlängerung der Testphase und Ausnahmen für die Bereiche gewünscht, in denen Konzepte funktionieren würden, sagte Holz.

Basketball
Die Stadthalle Weißenfels: Dort spielen die Basketballer des Syntainics MBC Bildrechte: imago images/Köhn

Kein Amateur-Teamsport ab dem 2. November

Bund und Länder wollen wegen der Corona-Krise grundsätzlich Veranstaltungen, die der Unterhaltung und der Freizeit dienen, im November deutschlandweit weitgehend untersagen. Die Regelung betrifft nach MDR-Informationen auch den Freizeit- und Amateursportbetrieb, Individualsport soll ausgenommen werden.

Eingangsbereich zu einem Stadion
Kleinere Fußballstandorte wie der vom FC Eilenburg bleiben zunächst geschlossen. Bildrechte: MDR/Dirk Hofmeister

Wörtlich heißt es: "Institutionen und Einrichtungen, die der Freizeitgestaltung zuzuordnen sind, werden geschlossen. Dazu gehören: der Freizeit- und Amateursportbetrieb auf und in allen öffentlichen und privaten Sportanlagen, Schwimm- und Spaßbädern, Fitnessstudios und ähnliche Einrichtungen."

LSB Sachsen gegen Lockdown im Vereinssport

vier Frauen spielen Volleyball
Volleyball Bildrechte: colourbox

Der Landessportbund Sachsen (LSB) fordert eine weitere Ausübung des Vereinssports. "Wir sind fest überzeugt von der gemeinschaftsstiftenden und vor allem gesundheitsfördernden Wirkung des Sports. Gerade jetzt halten wir es deswegen für besonders wichtig, sportliche Angebote unter den entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen aufrechtzuerhalten", meinte LSB-Präsident Ulrich Franzen am Mittwoch in einer Pressemitteilung. Er sehe große Belastungen auf den Vereinssport zukommen und bedauert die erneuten Einschränkungen aufgrund des Corona-Pandemiegeschehens. "Das ist eine äußerst schmerzhafte Entscheidung, die unsere Mitgliedsorganisationen wieder vor große Herausforderungen stellt", betonte er. "Da es jedoch eine gesellschaftliche Notwendigkeit zur radikalen Kontaktreduzierung gibt, wird natürlich auch der organisierte Sport den gesetzlichen Auflagen Folge leisten müssen. Wir appellieren deswegen schweren Herzens an unsere Mitgliedsorganisationen: Bitte werdet eurer Verantwortung gerecht und stellt den Vereinssport für den angegebenen Zeitraum erneut ein!" Der LSB kündigte in Anbetracht der außerordentlich hohen Belastungen an, sich weiter verstärkt für staatliche Hilfen für den organisierten Sport in Sachsen einzusetzen.

Das am Mittwochabend aufgekommene Gerücht, dass der Landespokal und Landesliga in Sachsen dennoch weitergehen würden, konnte Fußball-Präsident Hermann Winkler gegenüber dem MDR noch nicht bestätigen.

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dpa/sid/cke

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR aktuell | 27. Oktober 2020 | 19:30 Uhr

22 Kommentare

Thommi Tulpe vor 3 Wochen

Ihr in der Holzschnitzer-Provinz solltet Euch mal nicht so wichtig nehmen! Während sich z. B. ein 1. FC Magdeburg in die Geschichtsbücher eines FC Barcelona einschrieb, wird selbst in 100.000 Jahren in der "großen weiten" Fußballwelt kaum jemand wissen, wer oder was Erzgebirge Aue ist.

GEWY vor 4 Wochen

"Eine massive Insolvenzwelle würde alle Ligen im deutschen Fußball erfassen."
Und? Wen stört das?
Ich bin auch Fußballfan, aber wenn die ersten 3 Ligen spielen dürfen, dann kann man auch weiter unten Spielen. Alles andere kann man einen vernünftig denkenden Menschen nicht vermitteln. Sonst ist das purer Aktionismus und Zweiklassengesellschaft.

Thommi Tulpe vor 4 Wochen

Bundesliga und 2. Bundesliga wollen und können nicht auf Milliarden an TV-Gelder verzichten. Und einzig aus diesem Grund "muss" im Profifußball der Ball rollen. Vereine kalkulieren mit "Kohle", welche sie erst in ein paar Monaten erhalten. Bis dahin leben sehr viele Vereine auf Pump. Bleiben die TV-Gelder wegen Saisonabbruch oder Ähnlichem Aus: Eine massive Insolvenzwelle würde alle Ligen im deutschen Fußball erfassen. Ein Schalke 04 in Liga 4? No Go für die "hohen" Herren in DFL und DFB!