Einschätzung Fan-Aufstand beim FCM: Die Chronik des Absturzes

Daniel George
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Vom größten Erfolg der jüngeren Vereinsgeschichte zur Zukunftsangst – der Weg des 1. FC Magdeburg zeigte in den vergangenen zweieinhalb Jahren konsequent nach unten. Nun fordern die Fans eine außerordentliche Mitgliederversammlung. Wie konnte es so weit kommen?

Brian Koglin FCM, 4, Tobias Müller FCM, 5, Spieler vom 1. FC Magdeburg, enttäuscht schauend,
Mit 21 Punkten aus 21 Spielen belegt der FCM in Liga drei derzeit den drittletzten Tabellenplatz – und würde absteigen. Bildrechte: imago images/foto2press

Erst einmal in der über 55-jährigen Geschichte des 1. FC Magdeburg gab es eine außerordentliche Mitgliederversammlung. 2017 war das anlässlich der Ausgliederung der ersten Herrenmannschaft. Doch nun wollen die Fans eine solche erneut einberufen. Denn sie haben genug.

In der Begründung heißt es: "Unser Verein taumelt derzeit durch eine massive, existenzbedrohende Krise." Und das bereits seit Herbst 2018.

Vom Zweitliga-Aufstieg zur großen Unruhe innerhalb von zweieinhalb Jahren – wie konnte es so weit kommen?

Die Chronik des Absturzes:

12. November 2018 – die Entlassung von Jens Härtel

Er war neben Geschäftsführer Mario Kallnik das Gesicht des Magdeburger Aufschwungs von 2014 bis 2018: Jens Härtel.

2015 stieg der Fußballlehrer mit dem FCM in die dritte Liga auf und führte den Verein somit zurück in den Profifußball. 2018 durfte der 51-Jährige dann sogar den Zweitliga-Aufstieg bejubeln.

Bodenständig in seinem Auftreten und konsequent in seinen Entscheidungen fand der ehrliche Arbeiter einen festen Platz im Herzen der FCM-Fans.

Dementsprechend reagierten die Anhänger auch auf seine Entlasssung nach dem Fehlstart in die Zweitliga-Saison 2018/2019: "Den erfolgreichsten Trainer seit Krügel entlassen – ihr werdet es noch bereuen!" Banner mit dieser Aufschrift waren in Magdeburg zu sehen.

Einschätzung: Nicht wenige FCM-Fans hätten einen direkten Wiederabstieg mit Jens Härtel als Cheftrainer einem Trainerwechsel vorgezogen. Stattdessen übernahm Michael Oenning das Amt – und der FCM stieg am Saisonende trotzdem ab. Den Versuch, durch den neuen Mann an der Seitenlinie doch noch in der Liga zu bleiben, konnten viele Anhänger dennoch nachvollziehen.

22. Dezember 2019 – die Entlassung von Stefan Krämer

Nach der Rückkehr in die dritte Liga wurde Stefan Krämer als neuer Cheftrainer vorgestellt. Der Fußballlehrer kannte die Liga und kam mit seiner sympathischen Art bei den Anhängern an.

Sportlich verliefen die ersten Saisonmonate durchwachsen. Platz zwölf war den FCM-Bossen kurz vor Weihnachten nicht genug. Krämer musste gehen.

Denn: "In Analyse der großen Leistungsschwankungen unserer Mannschaft in der Vorrunde sehen wir unsere Entwicklungsziele gefährdet", erklärte Geschäftsführer Mario Kallnik damals.

Trainer Stefan Krämer, 1. FC Magdeburg
Nach wenigen Monaten im Amt musste Stefan Krämer als FCM-Trainer wieder gehen. Bildrechte: imago images/Christian Schroedter

Einschätzung: Einer der großen Knackpunkte. Vor der Spielzeit hatten die FCM-Bosse erklärt, zunächst hieße das Saisonziel Klassenerhalt. Krämer war mit seinem Team auf dem Weg dahin. Plötzlich hieß es, der Klub wolle innerhalb der nächsten drei Jahre schnellstmöglich in die zweite Liga zurück. Die Begründung der Entlassung führte bei vielen Fans zu dem Schluss: Der FCM ist endgültig angekommen im oft dreckigen Fußballgeschäft.

23. Dezember 2019 – die Verpflichtung von Claus-Dieter Wollitz

Auch, wenn der ganz große sportliche Erfolg noch auf sich warten ließ: Stefan Krämer war bei vielen FCM-Fans beliebt. Sie wären den Weg des Neuaufbaus in Liga drei gerne noch ein Stück weiter mit ihm gegangen.

Claus-Dieter Wollitz dagegen erhielt von vielen Anhängern nie eine richtige Chance. Das hatte zum einen mit seinem cholerischen Auftreten der Vergangenheit zu tun – vor allem aber mit der Kommunikation des Trainerwechsels von Seiten des Vereins (siehe "die Rückkehr zum Leistungsprinzip").

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Einschätzung: Claus-Dieter Wollitz – dieser Trainername rechtfertigte in den Augen vieler Anhänger nicht die Entlassung von Stefan Krämer. Sie sollten Recht behalten. Er scheiterte an der Aufgabe, neue Euphorie zu entfachen.

2. Januar 2020 – die "Rückkehr zum Leistungsprinzip"

In einem Volksstimme-Interview nach dem Trainerwechsel sagte FCM-Geschäftsführer Mario Kallnik: "Wir erwarten jetzt eine Rückkehr zum Leistungsprinzip. Ohne Leistungen keine Sicherheiten. In der Hinrunde war das bei einigen Spielern leider der Fall. Durch das Leistungsprinzip sollen die Leistungsschwankungen der Hinrunde minimiert werden."

Stattdessen wurde alles nur noch schlimmer. Offensichtlich hatte die sportliche Leitung das Standing von Krämer im Team unterschätzt. Führungsspieler wie Jürgen Gjasula, Tobias Müller, Christian Beck oder Sören Bertram waren große Fürsprecher von Krämer gewesen.

Claus-Dieter Wollitz schaffte es nicht, die gesamte Mannschaft hinter sich zu vereinen. Kurz vor Saisonende musste er gehen. Der bisherige Leiter des Nachwuchsleistungszentrums Thomas Hoßmang übernahm und rettete den FCM knapp vor dem Abstieg in die Regionalliga. Geschäftsführer Kallnik und der damalige Sportdirektor Maik Franz gerieten – aufgrund der eigenen Kommunikation – zusehends unter Druck.

Einschätzung: Ein Interview als Sinnbild für die unglückliche Kommunikation des FCM in den vergangenen zweieinhalb Jahren. "Block U", die Ultragruppierung des FCM, forderte deshalb in der Folge auf mehreren Spruchbändern: "Leistungsprinzip für die sportliche Leitung." Sportdirektor Maik Franz musste den Verein zum Ende der vergangenen Saison verlassen.

11. Januar 2021 – die Demontage von Christian Beck

Seit 2013 im Verein, zweimal aufgestiegen mit dem Klub – Christian Beck ist eine Ikone für viele Fans.

Bereits im Januar 2020 kritisierte Geschäftsführer Mario Kallnik den Stürmer in einem BILD-Interview – genau wie Angreifer Sören Bertram: "Weder Christian Beck noch Sören Bertram tauchen in den Top 10 der Liga-Torjäger auf. Bei dem vorhandenen Potenzial von beiden ist mir das für die 3. Liga zu wenig." Acht Treffer hatten beide zu diesem Zeitpunkt jeweils erzielt.

Viele Fans waren von dieser ersten öffentlichen Kritik zwar überrascht, aber kaum verärgert. Schließlich war – trotz aller Verdienste – die Kritik an den Leistungen von Kapitän Beck auch unter ihnen allgegenwärtig.

Anders stellte sich die Situation ein Jahr später dar: Ohne Not erneuerte Kallnik seine Kritik an Bertram und Beck im vereinseigenen FCM-TV.

"An Sören und Christian haben wir eine ganz andere Erwartungshaltung. Wir haben seit über einem Jahr Probleme im Offensivbereich, das habe ich schon damals öffentlich angesprochen und wurde dafür gescholten", sagte Kallnik. "Ich hoffe, dass mit den Neuverpflichtungen jetzt mehr Qualität für mehr Offensivwirkung da ist."

Während Bertram daraufhin in den folgenden zwei Partien jeweils ein Tor erzielte, trat Urgestein Beck als Kapitän zurück und stand am vergangenen Wochenende nicht einmal mehr im von Cheftrainer Thomas Hoßmang nominierten Spieltags-Kader. 

Christian Beck 1. FC Magdeburg,11 und Sören Bertram 1. FC Magdeburg,20 enttäuscht
Immer wieder im Fokus öffentlicher Kritik: Sören Bertram und Christian Beck (r.). Bildrechte: imago images/Christian Schroedter

Einschätzung: Kallniks Kritik an Becks Leistungen mag inhaltlich gerechtfertigt gewesen sein. Nur ließ der Geschäftsführer bei der Kommunikation das nötige Fingerspitzengefühl vermissen. Eine unnötige Baustelle, die den Fan-Frust in der aktuell sportlich so angespannten Situation nur noch verschärfte.

Die aktuelle Situation

21 Punkte aus 21 Partien, drittletzter Tabellenplatz – der 1. FC Magdeburg steckt im dritten Jahr in Folge im Abstiegskampf. Zwar erinnert Thomas Hoßmang mit seiner Art an Erfolgstrainer Jens Härtel und viele Fans hätten sich gewünscht, dass es mit ihm an der Seitenlinie funktioniert. Nur der enttäuschenden Auftritt am vergangenen Mittwoch gegen 1860 München (0:3) war ein erneuter Tiefpunkt.

Der Aufschwung nach den Winter-Transfers des neuen Sportdirektors Otmar Schork scheint bereits wieder verpufft zu sein. Viel zu viele FCM-Profis spielen nicht auf Drittliga-Niveau. Seit geraumer Zeit fordern die Fans die Ablösung von Thomas Hoßmang, werfen ihm taktische und personelle Fehlentscheidungen vor. Zum Teil nachvollziehbar, zum Teil überzogen.

Fest steht: Diesen Reflex hat die Vereinsführung mit den Personalentscheidungen auf der Trainerbank in den vergangenen zweieinhalb Jahren selbst in die Fan-Köpfe gepflanzt.

Die Anhänger sorgen sich um ihren Klub und haben Angst – Angst vor der Rückkehr in den Amateurfußball. Angst vor dem totalen Absturz.

Trainer Thomas Hoßmang (FCM)
Viele Fans fordern seine Ablösung: FCM-Cheftrainer Thomas Hoßmang. Bildrechte: IMAGO / Eibner

Einschätzung: Es ist wie so oft im Fußball: Siege würden den größten Ärger vergessen lassen. Ein Erfolg gegen Dresden am kommenden Sonnabend wäre ein guter Anfang. Nur sehen viele Anhänger, darunter die aktive Fan-Szene, eben auch strukturelle Probleme im Klub – vor allem wird die Rolle von Geschäftsführer Kallnik, des Präsidiums und die Arbeit des Aufsichtsrates kritisiert.

Eine umfassende Analyse der Einkaufs- und Personalpolitik sowie eine Aussprache mit Blick nach vorn im Rahmen einer außerordentlichen Mitgliederversammlung dürfte unabdingbar sein. Der Verein hat bereits angekündigt, sich in den kommenden Tage dazu äußern zu wollen.

Daniel George
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Über den Autor Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung.

Vom Internet und den neuen Möglichkeiten darin ist er fasziniert. Deshalb zog es ihn im April 2017 zurück in seine Heimatstadt. Bei MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet er seitdem als Sport-, Social-Media- und Politik-Redakteur arbeitet, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern.

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Recherche/Redaktion: MDR/Daniel George

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 30. Januar 2021 | 19:00 Uhr

14 Kommentare

Karl-W vor 32 Wochen

Ein modernes Stadion bringt keine Siege. Das braucht Geld für bessere Spieler. Alternde Bundesligaprofis die ihre Laufbahn ausklingen lassen wollen könnten helfen.

Magdeburg1963 vor 32 Wochen

Tatsächlich wurde zu Beginn in Liga3 nach dem Abstieg zunächst der Klassenerhalt als Saisonziel ausgegeben. Die Zielstellung wurde später korrigiert, nachdem die Zielstellung massiv kritisiert wurde.

SGDHarzer66 vor 32 Wochen

Ich meine, das in den vergangenen Jahren personelle und strukturelle Fehler begangen worden sind. Fakt ist aber dennoch eines: vor dem 1. FCM liegt noch fast eine komplette Halbserie. Daher kann ich nicht verstehen, das hier massiv von RL geredet wird.
Es existiert kein hoffnungsloser Rückstand auf den ersten Nichtabstiegsplatz und die Konkurrenz schwächelt ebenfalls.
Das demgegenüber der zahlreiche Anhang nun unruhig wird kann ich durchaus nachvollziehen. Denn jedes Mitglied, jeder Fan eines Vereins welcher mit Herzblut an eben diesem hängt, kann nicht dauerhaft seine Emotionen bremsen.