Dirk Parnow auf der Titelseite des Lok-Programmheftes zum 2. Heimspiel
Bildrechte: MDR/Dirk Hofmeister

DDR-Oberliga - Die Wendesaison Ein Kämpfertyp mit Handicap

Oberliga-Story

Er kam, sah und machte den 1. FC Lok Leipzig zum ersten Tabellenführer der DDR-Oberliga-Saison 1989/90: Dirk Parnow. Der damals erst 22-Jährige ist aber auch sonst ein sehr interessanter Protagonist. Wegen seiner Behinderung, und weil er damals ein Zweitspielrecht für einen anderen Verein hatte.

von Sven Kups

Dirk Parnow auf der Titelseite des Lok-Programmheftes zum 2. Heimspiel
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An sein Jokertor zum Saisonauftakt gegen Bischofswerda kann sich Dirk Parnow auch 30 Jahre später noch erinnern. "Ich weiß noch, dass ich das Tor mit dem Kopf gemacht habe. Es war mein erstes und einziges Oberliga-Tor. Wir haben dadurch 3:1 gewonnen. Das war ein schönes Erlebnis vor großer Kulisse." Und es war ein Einstand nach Maß. Schließlich war Parnow zu dem Zeitpunkt gerade mal zwei Monate bei Lok. Bei Vorwärts Dessau hatte er die gesamte Jugend durchlaufen und war nach zwei kurzen Phasen bei Stahl Hettstedt und Aktivist Borna nach Leipzig gekommen.

Kampf gegen den Spott

Von den anderen Fußballern unterschied er sich vor allem äußerlich, denn Parnow hatte bzw. hat einen missgebildeten linken Arm und kann die Hand kaum bewegen. Mit der Behinderung hatte er es als Kind nicht leicht, war oft die Zielscheibe von Spott. "Deswegen trieb ich Sport. Um besser zu werden als andere." Das Problem mit dem Arm war ein Nachteil beim Laufen, doch Parnow war trotzdem schnell. Erst als Leichtathlet über die 100 m, später als Fußballer. "Es ist aber auch eine Frage der Gewohnheit. Der Arm ist seit der Geburt so, ich kenne es nicht anders. Ich habe immer so trainiert." 

Dirk Parnow
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Beim 1. FC Lok wurde Parnow jedenfalls gut aufgenommen. "Vorbehalte gab es da nicht. Wenn du neu irgendwo hinkommst, musst du dich als junger Spieler so oder so erst mal beweisen. Du kommst aus der zweiten Liga und bist natürlich das schwächste Glied in der Kette", erklärt Parnow seine damalige Lage. Der Wechsel zu dem Oberligisten war auch außerhalb der Wochenenden ein Sprung in neue Dimensionen: "Es war anstrengend, denn das Trainingsprogramm da war schon ordentlich. Ich war schon einiges gewöhnt, aber das war eine ganz andere Nummer."

Ärger mit Waage und Konkurrenz

Hinzu kamen Probleme mit dem Gewicht. "Ich wog immer um die 82 kg", erinnert sich Parnow, "sollte aber auf 79 kg runter. Die drei Kilo musst du erst mal wegbekommen!" Montags sei immer gewogen worden. "100 g zu viel kosteten 100 Mark, beim zweiten Mal 200 Mark. Ich war ständig zu schwer. Wegen des Gewichts habe ich ordentlich gelöhnt", erzählt der inzwischen 52-Jährige mit einem Lächeln im Gesicht.

Fußballspiel der DDR-Oberliga
Parnow trifft zum 3:1. Bildrechte: MDR/DRA

Sein damaliger Trainer Uli Thomale erinnert sich noch gut an Dirk Parnow: "Das war ein unheimliches Kraftpaket. Ein Linksbeiner mit einem sehr strammen Schuss. Durch seinen Arm war er gehandicapt, aber das hat man seinem Spiel gar nicht angemerkt." Für den laut Thomale "urwüchsigen Typ", der "charakterlich in Ordnung" war, reichte es bei Lok dennoch nur zu sechs Oberliga-Spielen, alle als Einwechsler.

Zu groß war die Stürmer-Konkurrenz im Team. "Olaf Marschall und Bernd Hobsch waren gestandene Spieler, teilweise Nationalspieler. Die zwei waren immer vor mir dran. Völlig berechtigt, denn die waren besser und hatten mehr Erfahrung", gibt Parnow unumwunden zu. Er habe in der Zeit aber trotzdem sehr viel gelernt.

Ungewöhnliche Gastauftritte

Dirk Parnow liest in einem Buch über sich
In der "Lok-Fibel" gibt es einen kleinen Absatz über Dirk Parnow. Bildrechte: MDR/Sven Kups

Und spielen konnte Parnow damals ja trotzdem. Das lag an einer Besonderheit im DDR-Fußball, dem kurzzeitig eingeführten Zweitspielrecht. "In der Saison 1989/90 gab es bei uns fünf Spieler, die auch bei ihrem Stammverein in der zweiten Liga auflaufen durften." Im Fall von Dirk Parnow war das Vorwärts Dessau. "Wenn ich in Leipzig nur einen Kurzeinsatz oder gar nicht gespielt hatte, durfte ich am Sonntag in Dessau ran. Das hat Spaß gemacht, denn wir haben in der DDR-Liga oben mitgemischt. In der Saison habe ich bei Dessau auch fast alle Spiele gemacht."

Das Glück hielt allerdings nicht lange. Denn Parnow lehnte eine Vertragsverlängerung bei Lok ab und unterschrieb im Sommer 1990 in Dessau. "Das war damals für mich sinnvoller, weil ich spielen wollte. Ich konnte ja nicht ahnen, dass Leipzig dann fast die halbe Mannschaft verliert oder abgibt." Das Zweitspielrecht sei auch nicht mehr in Frage gekommen, denn das habe man wegen Wettbewerbsverzerrung abgeschafft. Dessau sei dann schnell Pleite gewesen. "Nach der halben Saison war die ganze Mannschaft fort."

Kein echtes Wende-Glück

Die politische und vor allem wirtschaftliche Wende in der DDR war damit für Dirk Parnow alles andere als ein Glücksfall. "Ich wollte ja bleiben, wo meine Eltern waren. Aber fußballtechnisch ging es da nicht mehr weiter. Zumindest nicht mehr bezahlt. Wenn du nur Fußball gespielt und nur eine Schein-Stelle hattest, mit einem Arbeitsvertrag, ohne auf Arbeit zu erscheinen, dann kannst du nichts und bekommst auch keinen Job. Das Kartenhaus Profi-Fußball im Osten ist einfach zusammengebrochen. Da blieb dann nur der Weg in den Westen."

Dort machte Parnow noch mal eine Ausbildung und seinen Meister, bekam einen Job und eine Wohnung, kickte zeitweise in der drittklassigen Hessen-Liga und später ein paar Ligen tiefer als Spielertrainer. Inzwischen lebt er im kleinen hessischen Örtchen Nidderau und verdient als Antiquitätenhändler seinen Lebensunterhalt. Ein bodenständiger, einfacher Typ, der mit den gestylten  Protagonisten der ZDF-Sendung "Bares für Rares" rein gar nichts gemein hat. Als Ossi würde er sich aber nicht mehr bezeichnen. "Ich bin doch hier schon länger im Westen, als ich im Osten gelebt habe!" An seine Zeit als Oberliga-Fußballer erinnert in seinem Haus nur noch eine kleine Autogrammkarte. Eingerahmt zwischen anderen Familienfotos an der Wand.

Dirk Parnow
Bildrechte: MDR/Sven Kups

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sport im Osten | 17. August 2019 | 16:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. August 2019, 18:14 Uhr

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Saisonauftakt in der DDR-Oberliga 1989: Lok Leipzig setzt sich mit einem 3:1 an die Tabellenspitze.

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