DDR-Oberliga - Die Wendesaison Rainer Lisiewicz: Buna, FDGB-Pokal und Montagsdemos

4. November 1989

Er spielte für den 1. FC Lok Leipzig und Chemie Böhlen in der DDR-Oberliga und machte danach auch als Trainer Karriere: Rainer Lisiewicz. Der heute 70-Jährige coachte auch die BSG Chemie Buna Schkopau, also den Zweitligisten, der 1989 sensationell den FC Hansa Rostock aus dem FDGB-Pokal rauswarf. Wir haben mit Lisiewicz über seine Zeit in Schkopau, die Montagsdemos und die Wende gesprochen.

Rainer Lisiewicz
Bildrechte: imago images/Picture Point

Herr Lisiewicz, wissen Sie noch, was Sie heute vor 30 Jahren gemacht haben?

Heute vor 30 Jahren? Am 4. November 1989 …

Kleiner Tipp: Es war ein Sonnabend. Und es war FDGB-Pokal.

Ach ja! Chemie Buna Schkopau! Da waren wir ziemlich weit gekommen und haben in Rostock 1:0 gewonnen. Stimmt's?

Jawoll, richtig!

(lacht) Ja, daran kann ich mich noch gut erinnern. Wir hatten damals schnelle Leute im Angriff. Den Jörg Nowotny zum Beispiel. Der hat da ein riesen Spiel gemacht. Wie wir die ausgekontert haben - das war ein geiles Spiel.

Wie hatte es Sie überhaupt nach Schkopau verschlagen?

Davor hatte ich vier sehr erfolgreiche Jahre bei Motor Grimma. Wir sind ja in die DDR-Liga (2. Liga, d.Red.) aufgestiegen und haben danach immer die Klasse gehalten. Für so einen kleinen Verein war das nicht so einfach. Nach den vier Jahren jedenfalls wurde mir in Grimma nahegelegt, mein Engagement zu beenden. Da hatte ich aber schon auf dem Zettel, dass in Schkopau etwas frei wird. Ich nahm Kontakt auf und bin dann dort hin.

Sie blieben also in der zweithöchsten Spielklasse der DDR. Was war in Schkopau anders als in Grimma?

Dort hatte ich mit Leuten zu tun, die auch beim HFC gespielt haben. Chemie Buna Schkopau war so etwas wie ein Ableger oder eine Ausbildungsmannschaft des HFC. Die Spieler waren alle im Chemiekombinat Buna angestellt. Dadurch hatte ich einen richtig guten und großen Kader. Das waren alles dufte Jungs.

Trotzdem reichte es nicht weiter nach oben.

Den Sachsen-Anhaltern fehlte dieses letzte bisschen Durchsetzungsvermögen, das man dafür braucht. Das waren alles liebe und teilweise sehr talentierte Jungs, wir hatten viel Spaß. Aber die hatten eine andere Mentalität als die in Sachsen. Im Spiel gingen sie nicht bis zur letzten Konsequenz. So reichte es nur fürs vordere Mittelfeld.

Zurück zum November 1989: Zwei Tage nach dem Sieg gegen Hansa war ja wieder Montagsdemo in Leipzig, wo sie gewohnt haben. Sind Sie auch mit um den Ring gelaufen?

Ich war bei fast allen Rundgängen dabei. Also ja, auch an diesem Tag.

Was sagte Ihr Arbeitgeber dazu?

Im Buna-Werk in Schkopau hatten sie wegen der Montagsdemos sogar eine Versammlung abgehalten. Dort wurde uns praktisch untersagt, an den Demonstrationen teilzunehmen. Aber ich dachte mir: „Was erzählen die mir in Schkopau? In Leipzig kann ich machen, was ich will!“

Wann haben Sie überhaupt zum ersten Mal etwas von den Montagsdemos mitbekommen?

Trainer Rainer Lisiewicz
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Schon sehr früh. Montags war ja immer Fußballer-Stammtisch. Ob in meiner Zeit als Spieler bei Lok oder Chemie Böhlen oder als Trainer in Grimma - ich bin da immer zum Stammtisch im Restaurant "Stadt Kiew" am Leipziger Marktplatz. Da hast du deine ehemaligen Spieler oder Trainerkollegen gesehen. Wir saßen immer am Eingang zur Küche. Es fing an, dass plötzlich Leute ins „Kiew“ reinkamen und zur Küche wieder rausgingen. Kurz danach kamen Leute, die ihr Abzeichen unterm Revers trugen, und fragten uns, ob wir jemanden gesehen haben, der hier durchgerannt ist. Da knisterte es in der Stadt. Wir haben auch schnell mitbekommen, was an der Nikolaikirche abging. Als die Rundgänge begannen, bin ich mit meinem Kumpel immer dabei gewesen.

Drei weitere Tage später, also am 9. November, war dann die Maueröffnung. Wie haben Sie die erlebt?

An dem Tag war mein Freund aus Berlin da. Er hat das mit uns am Fernseher verfolgt.

Sind Sie wie viele gleich losgefahren nach Berlin?

Nein, erst am Wochenende. Da haben wir uns in Ostberlin in einen Bus gesetzt, der rüber gefahren ist, und haben uns das Begrüßungsgeld abgeholt.

Wie lief es für Sie nach der Wende?

Als die Wende auch in Schkopau angekommen war, bin ich bei Buna zum Generaldirektor und fragte ihn, ob er für mich einen Posten übrig hat. Da fragte der mich: "Was will ich mit einem Fußballtrainer im Chemiekombinat?" Da musste ich ihm Recht geben. Aber ich war damals 40 Jahre alt. In dem Alter konntest du noch mal neu anfangen. Ich habe verschiedenes probiert und dann mit einem Freund eine Firma gegründet. Das lief 20 Jahre – bis ich wieder als Lehrer angefangen habe. Das hatte ich ja mal studiert.

In welcher Branche arbeitete Ihre Firma?

Wir hatten Sonnenstudios. Am Ende waren es sechs Stück: in Leipzig, Halle, Grimma und Eilenburg. Das lief recht gut.

Ein Wende-Verlierer, die es ja auch gab, waren Sie damit nicht.

Nein. Ich bin mit der Selbstständigkeit natürlich ein Risiko eingegangen. Damals wusste ja keiner, wie das richtig geht. Aber das war eine Branche, die gerade anfing zu boomen. Die Jahre habe ich mitgenommen, das war auch ein bisschen Glück. Als es mit der Branche langsam bergab ging, habe ich mich auch ausgeklinkt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Sven Kups

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sport im Osten | 09. November 2019 | 16:30 Uhr

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