DDR-Oberliga - Die Wendesaison Millimeter-Entscheidung in der Oberliga: Dynamo DDR-Meister, Aue steigt ab

26. Mai 1990 | 26. Spieltag

Dynamo Dresden hat den spannenden Dreikampf mit dem FCK und dem FCM gewonnen und ist DDR-Meister der Wendesaison 1989/90! Die Schwarz-Gelben sicherten sich den Titel mit dem hauchdünnen Vorsprung von sechs Toren vor dem FC Karl-Marx-Stadt. Noch enger ging es im Abstiegskampf zu. Hier entschieden gerade mal zwei Treffer über Klassenerhalt (Eisenhüttenstadt) und Abstieg (Aue). Für Wismut ist es der erste Abstieg in 39 Jahren DDR-Oberliga.

Szene vom 26. Spieltag der DDR-Oberliga 1989/90, am 26.05.1990 1 min
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Die Konstellation vor dem letzten Spieltag – Dynamo, FCM und FCK standen punktgleich ganz oben - hatte äußerste Spannung versprochen. Die Erwartungen wurden nicht enttäuscht, der Titelkampf war dramatisch wie selten zuvor: Drei Mal wechselte die Führung in der sogenannten Blitztabelle, und die Entscheidung zu Gunsten von Dynamo Dresden fiel erst neun Minuten vor Ende dieser 40. Oberliga-Spielzeit. Die daraus folgende Konsequenz ist eine waschechte Sensation: Der Zweitliga-Verein und Pokalfinalist Dynamo Schwerin startet im Europacup!

Chronologie des Titelkampfs am 26. Spieltag

Anpfiff: Dynamo führt dank des besseren Torverhältnisses.
21. Minute: Lok trifft gegen Dynamo und macht den FCM zum Tabellenführer.
52. Minute: Der FCK trifft gegen den FCM und ist nun Erster.
81. Minute: Dynamo hat das Spiel gegen Lok gedreht und steht wieder vorn.

Szene vom 26. Spieltag der DDR-Oberliga 1989/90, am 26.05.1990: Torsten Gütschow jubelt
Torschützenkönig Torsten Gütschow machte das 2:1 und schoss Dynamo zum Titel. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Lange Gesichter

Auch am unteren Ende der Tabelle gab es ein Rennen drei punktgleicher Mannschaften, von denen zwei direkt aufeinandertrafen. Ins Ziel schaffte es nur Stahl Eisenhüttenstadt – dank zweier Joker-Tore gegen Konkurrent Bischofswerda. Wismut Aue hingegen machte beim FC Berlin ein riesen Spiel, gewann 4:1, um dann mit hängenden Köpfen den Platz zu verlassen. Zwei Tore fehlten letztlich den "Veilchen" zum Klassenerhalt.

Dynamo Dresden – 1. FC Lok Leipzig 3:1 (0:1)

Szene vom 26. Spieltag der DDR-Oberliga 1989/90, am 26.05.1990: Ulf Kirsten mit Ball 4 min
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Torsten Gütschow schießt Dynamo Dresden 1990 zum Meistertitel. Zuvor mussten Kirsten & Co. gegen starke Leipziger einem Rückstand hinterherrennen.

Di 26.05.2020 01:17Uhr 04:29 min

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Video

Die 32.867 Zuschauer im Rudolf-Harbig-Stadion brauchten Nerven wie Drahtseile. Torsten Kracht brachte mit seinem ersten Saisontor die überraschend starken Leipziger in Führung. Gegen träge Dresdner, die mit etwas Glück nicht das 0:2 kassierten und erst zur Halbzeitpause aufwachten. Dann aber lieferten sie sich, angetrieben vom Ausgleichstorschützen Ulf Kirsten einen packenden Fight mit der Lok-Elf. Deren Heiko Liebers hätte in der 87. Minute den Dresdnern beinahe das 2:2 eingeschenkt. Ja, diese Titelverteidigung von Dynamo war ein wirklich knappes Ding.

FC Karl-Marx-Stadt – 1. FC Magdeburg 1:0 (0:0)

Szene vom 26. Spieltag der DDR-Oberliga 1989/90, am 26.05.1990: Der FCK jubelt 1 min
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Auch in Karl-Marx-Stadt ging es eng zu. Fußballerisch stand dieses Spitzenspiel aber auf einem deutlich niedrigerem Niveau. Das lag mit Sicherheit auch an den vielen Ausfällen wegen Sperren oder Verletzungen. Beim FCK fehlten u.a. Dirk Barsikow, Steffen Heidrich und Jörg Illing, beim FCM Dirk Schuster, Dirk Stahmann und Heiko Laeßig. Somit dominierten Kampf und Hektik. Den letztlich verdienten Siegtreffer erzielte der erst im Winter zum FCK gestoßene 20-jährige Arnd Spranger. Nach dem Schlusspfiff feierten beide Lager eine gute Saison. Welche große Titelchance sie hier bzw. am vorletzten Spieltag vergeben haben, spielte noch keine Rolle.

FC Berlin – Wismut Aue 1:4 (1:1)

Szene vom 26. Spieltag der DDR-Oberliga 1989/90, am 26.05.1990: Wismut Aue jubelt 3 min
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Viel verspielt haben auch die beiden Kontrahenten der Partie in Berlin. Die einen den anvisierten EC-Platz, die anderen den Klassenerhalt. Beides aber nicht heute. Das gilt vor allem für die Auer, die ein überragendes Spiel machten. Das Wissen um die eigene Stärke und dass am Ende zwei Törchen über den Abstieg entschieden haben, sorgten für große Enttäuschung. Wismut-Urgestein Harald Mothes (303 Oberliga-Spiele für Aue) legte den Finger in die Wunde: "Wir sind nicht hier und nicht heute abgestiegen. Der Geist, der diese Mannschaft immer zusammengehalten hat, fehlte zu oft in dieser Saison."

Eisenhüttenstadt – Bischofswerda 2:0 (0:0)

Szene vom 26. Spieltag der DDR-Oberliga 1989/90, am 26.05.1990: Eisenhüttenstadt - Bischofswerda 1 min
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Leid, aber auch Freude, gab es in Eisenhüttenstadt, wo sich die Stahl-Elf mit einem Sieg im Abstiegsspiel gerettet hat. Nach 45 Minuten Langeweile hatte Stahl-Trainer Günter Reinke den vorerst auf die Bank verbannten Karsten Schulz gebracht und damit ein goldenes Händchen bewiesen. Fortschritts kleiner Trost war, dass durch den Auer Erfolg in Berlin auch ein Sieg nicht geholfen hätte.

Hansa Rostock – Rot-Weiß Erfurt 4:1 (2:1)

Auf die Goldene Ananas hatten die Erfurter offenbar keine Lust. "Derart willenlos habe ich meine Mannschaft noch nicht rumlaufen sehen", ärgerte sich hinterher Trainer Lothar Kurbjuweit. Ganz anders die Hausherren: Der FC Hansa spielte, als ob es noch um einen Startplatz im Europapokal ging. Tat es nicht, aber es war ein schönes Abschiedsgeschenk für Trainer Werner Voigt, dessen Posten ab Sommer der frühere BRD-Nationalspieler Uwe Reinders übernimmt.

FC Carl Zeiss Jena – Stahl Brandenburg 2:2 (2:1)

Jena hatte den Europapokal sehr wohl noch im Visier, agierte aber in der Defensive diesmal nicht konsequent genug. Zwei Mal ließ man Eberhard Janotta durchs Mittelfeld marschieren, was der zu zwei Toren nutzte. Nach dem erneuten Ausgleich warf der FCC noch mal alles nach vorn, dabei ging es teilweise sehr ruppig zu. Doch Stahl Brandenburg verteidigte das 2:2 robust und geschickt.

HFC Chemie – Energie Cottbus 3:0 (1:0)

Einen versöhnlichen Saisonabschluss sicherte sich der HFC. Das lag vor allem an Dariusz Wosz. Der 20-Jährige leitete geschickt die Aktionen seines Teams, fabrizierte einen Zauberpass nach dem anderen und erzielte auch noch die ersten beiden Tore. Cottbus dagegen spielte energielos. Dabei war in dieser Saison mehr drin als nur Rang sieben. Zeitweise lagen die Lausitzer ja sogar auf dem Bronzeplatz. Um den zu halten, hätte auswärts aber mehr kommen müssen, als ein Sieg und acht Niederlagen. Zum Vergleich: Zu Hause blieb Cottbus ungeschlagen (neun Siege).

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sport im Osten | 30. Mai 2020 | 15:30 Uhr

3 Kommentare

SVFF1985 vor 6 Wochen

Klasse Story vom mdr . Da kamen einige Erinnerungen wieder , die man gar nicht mehr so auf dem Schirm hatte. Wäre toll , wenn die Saison 90/91 auch so bearbeitet würde. Dank im voraus

Chemieschwein. vor 6 Wochen

Dumme Schachtis.....

kleener vor 6 Wochen

Danke MDR für diese schöne Zeitreise. Habt ihr absolut super gemacht.

Torschützenliste 1989/90

18 Torsten Gütschow (Dresden)
12 Steffen Heidrich (FCK)
11 Marcus Wuckel (FCM)
11 Uwe Rösler (FCM)
10 Matthias Sammer (Dresden)
10 Petrik Sander (Cottbus)
10 Ulf Kirsten (Dresden)
9 Lutz Schülbe (HFC)

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