Fußball-Legende "Eine hervorragende Geschichte" – HFC-Legende Klaus Urbanczyk wird 80

HFC-Idol, Olympia-Held und Lebensretter. Klaus "Banne" Urbanczyk gehört zweifelsohne zu den populärsten Fußballern der DDR. Am heutigen Donnerstag wird er 80 Jahre alt. Wir sprachen mit ihm über seine bewegte Karriere, Duelle gegen Bobby Charlton sowie die aktuelle Situation beim Halleschen FC.

Klaus Urbanczyk
Bildrechte: imago/Eckehard Schulz

Frage: Herr Urbanczyk, die letzten Monate müssen auch für Sie bewegend gewesen sein. Haben Sie die Corona-Krise bisher gut überstanden?

Klaus Urbanczyk: "Wir sind ganz gut drüber hinweggekommen. Dank der Hilfe meiner Kinder, die vor allem den Nachschub an Lebensmitteln übernommen haben, habe ich bisher alles gut überstanden. Wir haben uns natürlich auch viel bewegt und an die geltenden Vorschriften gehalten."

Mit gerade einmal 24 Jahren waren Sie gefühlt auf dem Höhepunkt Ihres Schaffens, haben mit der DDR-Auswahl 1964 die Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen gewonnen und wurden im selben Jahr als einziger Fußballer in der DDR zum Sportler des Jahres gewählt. Das muss ein turbulentes Jahr gewesen sein?

"Das war schon eine hervorragende Geschichte. Allein die Qualifikation für die Olympischen Spiele war ja schon kriminell. Wir mussten uns ja erst einmal als gesamtdeutsche Mannschaft für die Spiele qualifizieren. Im damaligen Karl-Marx-Stadt haben wir gegen die BRD-Auswahl mit 3:0 gewonnen, anschließend in Hannover mit 2:1 verloren. Das war für uns DDR-Athleten natürlich ein Riesenerfolg."

DDR-Verteidiger Klaus Urbanczyk (l.) kann den Flankenball des italienischen Abwehrspielers und Kapitäns Giacinto Facchetti (dahinter) nicht abblocken, aufgenommen beim 2:2-Unentschieden im WM-Qualifikationsspiel der Fußball-Nationalmannschaft der DDR im Berliner Walter-Ulbricht-Stadion gegen Italien (Archivbild vom 29. März 1969).
DDR-Verteidiger Klaus Urbanczyk (l.) kann den Flankenball des italienischen Abwehrspielers und Kapitäns Giacinto Facchetti (dahinter) nicht abblocken, aufgenommen beim 2:2-Unentschieden im WM-Qualifikationsspiel der Fußball-Nationalmannschaft der DDR im Berliner Walter-Ulbricht-Stadion gegen Italien (Archivbild vom 29. März 1969). Bildrechte: dpa

Sie sprechen von kriminell?

"Jeder hat vorausgesetzt, dass wir uns durchsetzen. Die Ansprüche an uns waren sehr hoch. Es ging immerhin um die Führung der gemeinsamen deutschen Mannschaft bei den Spielen. Es war ja schon eine große Geschichte als Teilnehmer dabei zu sein. Aber es gehörten eben auch erst einmal zwei Spiele dazu, um das zu erreichen."

Es heißt, Sie haben beim Rückspiel in Hannover eine Einladung zur Flucht in den Westen erhalten?

"Es gab Gespräche mit einem Mittelsmann. Der ist mit einem großzügigen Handkoffer auf mich zugekommen und meinte: 'Die Füllung wäre erst einmal nur der Anfang. Das soll aber nicht das Letzte sein. Ich kann Ihnen zwar noch nicht sagen, wo Sie Fußball spielen, aber wir suchen für Sie einen Verein. Wenn Sie heute zustimmen, ist Ihre Frau mit Ihrem Kind morgen in Westberlin und die Sache ist geregelt.'"

Ihre Reaktion?

"Das kam für mich nie in Frage, auch wenn es als junger Menschen natürlich verlockend war. Das Ganze hatte für mich nichts mit politischen Gründen zu tun. Ich wusste einfach nicht, was danach kommen würde, was mit meiner Familie passieren würde? Eine Flucht in die BRD wäre für mich nicht das Richtige gewesen."  

Beim Olympia-Turnier in Tokio erlitten Sie im Halbfinale gegen die Tschechoslowakei eine schwere Knieverletzung. Ihre Karriere hing anschließend am seidenen Faden. Was war genau passiert?

"Ich war gegen František Valošek im Laufduell und versuchte den Ball nicht zur Ecke, sondern ins Seitenaus zu klären. Dabei habe ich nicht beobachten können, wie unser Torhüter Jürgen Heinsch herauskam, sodass wir unglücklich zusammengeprallt sind. Das hat mich anschließend zwei Jahre meiner Laufbahn gekostet, um überhaupt wieder spielen zu können."

Klaus Urbanczyk wird 1964 gestützt
Der schwer am Knie verletzte Klaus Urbanczyk wird gestützt. Bildrechte: imago images / United Archives International

Und trotzdem haben Sie am Ende die Bronzemedaille erhalten.

"Damals gab es nur elf Medaillen für die elf Spieler, die auch auf dem Platz standen. Unser Trainer Karoly Soos hat dann vor dem Spiel um Platz 3. gesagt: 'Ihr wisst, Klaus Urbanczyk fällt aus. Egal wer für ihn spielt, gibt die Medaille ab'. So habe ich die Medaille von Peter Rock erhalten. Man muss dazu aber sagen, dass im Nachgang alle mitgereisten Spieler eine Medaille erhalten haben."  

Im Zusammenhang mit Ihren Namen fällt auch immer wieder der von Bobby Charlton. Bei einem Länderspiel in Leipzig 1963 gegen England müssen Sie einen bleibenden Eindruck bei Ihm hinterlassen haben?

"Dazu muss man erst einmal sagen, dass ich einen Riesenrespekt vor Bobby Charlton hatte. Er war zu diesem Zeitpunkt der beste Linksaußen Europas, wenn nicht sogar auf der ganzen Welt. Als wir dann in Leipzig vor hunderttausend Zuschauern gegen England spielten und ich auf der Position des rechten Verteidigers gegen ihn antrat, war allein das schon eine Riesensache für mich. In der ersten Halbzeit hatte ich so meine Schwierigkeiten mit ihm. Aber in der zweiten Halbzeit ich ihn dann klar beherrscht. Im Anschluss hat er gefragt, wo der junge Mann sei, gegen den er gespielt habe. Er hätte noch nie solch ein gutes Sliding-Tackling (seitliche Grätsche, Anm. d. Red.) gesehen. Das war für mich natürlich ein Riesenlob."

1971 kam es zu einem einschneidenden Erlebnis: Während Sie mit dem HFC in Eindhoven zu einem Europacup-Spiel weilten, kam es zu einer Brandkatastrophe in Ihrem Hotel. Sie retten unter Einsatz Ihres Lebens mehrere Menschen. Wie hat Sie diese Nacht im Nachhinein geprägt?

"Die Geschichte in Eindhoven werde ich mein Leben nicht mehr los. Ich habe viele Jahre gebraucht, um darüber hinwegzukommen. Wir wurden in den frühen Morgenstunden aus dem Schlaf gerissen. Als wir rauswollten, schlugen uns an der Rezeption die Flammen entgegen. Danach haben wir uns mit einem Sprung aus den Fenstern im oberen Stock auf ein Zwischendach gerettet, wobei ich mich schwer am Arm verletzte. Dann bin ich nochmal rein und habe ein paar Leute rausgeholt. Später bin ich ohnmächtig geworden und am folgenden Tag aufgewacht. Das Schlimmste war, dass unser Ersatzmann, der 19-jährige Wolfgang Hoffmann dabei tödlich verunglückt ist. Es war eine einzige Katastrophe. Das würde ich meinem schlimmsten Feind nicht wünschen."

Klaus Urbanczyk und Guus Hiddink
Klaus Urbanczyk und Guus Hiddink spielten einst mit dem Halleschen FC und PSV Eindhoven gegeneinander. Das Rückspiel in Holland war nach der Brandkatastrophe im HFC-Hotel abgesagt worden. Bildrechte: imago images/Köhn

Nach Ihrer aktiven Spielerkarriere wurden Sie zunächst Trainer beim HFC. Später führten Sie den FC Magdeburg 1978 und 1979 zweimal zum Gewinn des DDR-Pokals und sorgten auch im Europapokal für Furore. Welche Eindrücke sind geblieben?

"Die Triumphe haben wir mit einer wunderbaren Mannschaft erreicht: Heyne im Tor, Decker und Raugust in der Abwehr, im Mittefeld Döbbel und vorne Streich und Sparwasser. Alle damaligen Spieler in Magdeburg hätten ohne Probleme in der Bundesliga spielen können. Das war eine Bombentruppe. Im Europapokal haben wir Riesenspiele gemacht und sechs Jahre international ordentlich mitgemischt. Das macht mich schon stolz."

Hand aufs Herz, welcher Triumph war größer? Der Gewinn des DDR-Pokals als Spieler mit Halle 1962 oder die Pokalsiege als Trainer mit Magdeburg?

"Sicher der beim HFC. Es war für mich immer eine Ehre in Halle zu spielen. Als Spieler war ich zudem erfolgreicher, habe zum Beispiel die Einladung zur Europa-Auswahl bekommen und durfte die Nationalelf als Kapitän aufs Feld führen."

Klaus Urbanczyk
Klaus Urbanczyk - Ende der 70er Jahre als Trainer des 1. FC Magdeburg Bildrechte: imago/Horstmüller

Mit Lok Stendal sorgten Sie als Trainer in den 1990er-Jahren noch einmal für Furore, als Sie als Regionalligist im DFB-Pokal nacheinander die höherklassigen Mannschaften VfL Wolfsburg, Hertha BSC und Waldhof Mannheim aus dem Wettbewerb kegelten. Erst im Viertelfinale kam gegen Bayer Leverkusen das bittere Aus im Elfmeterschießen. Das muss eine unfassbare Saison gewesen sein?

"Rainer Calmund hat sich nach dem Spiel mindestens zehnmal bedankt, dass die bessere Mannschaft nicht weitergekommen ist. Das war ein Riesenerfolg für uns, eine einmalige Leistung. Wir waren ja im Prinzip eine zusammengewürfelte Truppe. Die Begeisterung war unbeschreiblich. Auch vor dem Spiel gegen Leverkusen habe ich die Jungs bei der Ehre gepackt. Wir wollten die hochbezahlten Profis ein bisschen ärgern und das ist uns gelungen."

Jubel nach dem Schlusspfiff des DFB-Pokal-Achtelfinalspieles zwischen der FSV Lok Altmark Stendal und SV Waldhof Mannheim im Stendaler "Hölzchen" bei Trainer Klaus Urbanczyk, (v.l.) FSV-Kapitän Rainer Wiedemann und Co-Trainer Hartmut Sommer.
Jubel nach dem Schlusspfiff des DFB-Pokal-Achtelfinalspieles zwischen der FSV Lok Altmark Stendal und SV Waldhof Mannheim im Stendaler "Hölzchen" bei Trainer Klaus Urbanczyk, (v.l.) FSV-Kapitän Rainer Wiedemann und Co-Trainer Hartmut Sommer. Bildrechte: dpa

Beim HFC haben Sie nicht nur Ihre gesamte Spielerlaufbahn verbracht, sondern hatten auch dreimal den Trainerposten inne und waren noch bis vor wenigen Jahren als Chefscout aktiv. Wie sehr schmerzt die aktuelle Krise der Hallenser?

"Ich hoffe von ganzem Herzen, dass der Verein erfolgreich ist. Erst vor ein paar Monaten, als wir noch an der Spitze standen, habe ich mir in einem Interview gewünscht, dass wir den Aufstieg so schnell wie möglich in die Tat umsetzen. Viel Zeit habe ich schließlich nicht mehr, um das zu erleben. Und plötzlich muss ich die Daumen drücken, dass wir die Klasse halten. Das tut schon weh. Die Jungs müssen sich jetzt den Allerwertesten aufreißen, um da unten wieder wegzukommen. Deshalb appelliere ich an die Spieler, dass sie alles, aber auch alles geben, um diese 3. Liga zu halten."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sport im Osten | 06. Juni 2020 | 16:30 Uhr

7 Kommentare

Kampfbahn1 vor 32 Wochen

Herzlichen Glückwunsch Banne. Tadelloser und integerer (Sports) Mann. Fachlich und menschlich über jeden Zweifel erhaben. Und einer der besten Trainer die je bei Lok Stendal arbeiteten.

Leander vor 32 Wochen

Der mdr hat bei Sportler des Jahres Recht. Peter Ducke wurde bei der Wahl 1965 nur Zweiter. Ihm wurde aber der Titel zuerkannt, nachdem der Erstplazierte Jürgen May in den Westen abgehauen war.

sportfrei vor 32 Wochen

So ein Quatsch. Das Hinspiel ging in Halle 0:0 aus. Es erschließt sich mir der Sinn nicht, dass das Rückspiel auch in Halle hätte stattfinden müssen.
RWG