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Fußball | Unvergessene Vereine Als Buna Schkopau Oberliga-Luft schnupperte

Man schrieb das Jahr 1981, als ganz Merseburg Kopf stand. Die BSG Chemie Buna Schkopau schaffte die Sensation, stieg in die DDR-Oberliga auf. Es blieb ein Betriebsunfall, doch für Trainer und Spieler ein unvergessener.

von Ronny Eichhorn & Uwe Karte

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Die Vereinsfarben "Grün-Weiß" sind noch dieselben, der Vereinsname ist wieder SV Merseburg 99. Doch Geschichte geschrieben hat der Verein in der Nähe von Halle an der Saale als BSG Chemie Buna Schkopau, der 1981 tatsächlich den Sprung in die DDR-Oberliga schaffte. Einen krasseren Außenseiter habe es nur selten gegeben, resümierte damals im Fußball-Panorama des DDR-Fernsehens Uwe Grandel. Nach einer turbulenten Saison mit drei Siegen, fünf Unentschieden, aber auch einem 1:10 bei Dynamo Dresden, war die Oberliga-Uhr für die BSG aber wieder abgelaufen.

Mannschaftsfoto 8 min
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MDR FERNSEHEN Sa 27.10.2018 16:30Uhr 08:24 min

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Trainer Keller und das gefestigte Kollektiv

Olaf Keller hat den Aufschwung bei Buna Schkopau hautnah miterlebt, stand zwischen 1976 und 1983 als Coach an der Seitenlinie der BSG – war später auch mal Co-Trainer unter Harro Miller bei Lok Leipzig - und erinnert sich noch heute gern an den großen Erfolg: "Die Oberliga war ein Erlebnis. Viele Spieler aus der zweiten, dritten Reihe des Halleschen FC sahen bei uns die Chance, was zu erleben. Das Besondere an der Mannschaft war, dass es ein gefestigtes Kollektiv war. Die Spieler haben füreinander gekämpft. In jedem Spiel und auch im Training. Die Umfänge waren ja deutlich größer geworden, das haben alle ohne zu murren mitgemacht.“

Wie die SED-Bezirksleitung "mithalf"

Dass die BSG Chemie Buna Schkopau überhaupt in die DDR-Oberliga aufgestiegen ist, glich einem Wunder. Denn die SED-Bezirksleitung Halle tat alles, um die Überraschung zu verhindern. In der Halbserie 1980/81, als Buna in der Liga-Staffel C an der Spitze stand, gab es Versuche, Spieler und auch Trainer Keller wegzulotsen.

Man kann es klar sagen, die Bezirksleitung wollte keinen weiteren Oberligisten neben dem Halleschen FC.

Olaf Keller (Trainer)

Kurios: Die HFC-Spieler wurden wie die von der BSG vom Buna-Werk bezahlt. Generaldirektor und Werksleiter standen aber voll hinter der Betriebssportgemeinschaft, die trotz aller Widerstände den Staffelsieg holte und mit Union Berlin, Energie Cottbus, Motor Suhl und Schifffahrt-Hafen Rostock in der Aufstiegsrunde stand. "Wir wollten da kein Punktlieferant sein. Platz zwei war aber fast Illusion“, erinnert sich der damalige Verteidiger Gerd Koßmann an die bevorstehenden acht Spiele.

Wimpel mit Autogrammen
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Aus dem Urlaub zum Aufstiegsendspiel

Die politischen Eingriffe gingen weiter: Drei Tage vor dem ersten Spiel gegen Suhl flatterten bei fünf Stammspielern plötzlich die Einberufungsbescheide zur Nationalen Volksarmee in die Briefkästen. Doch dank gewisser Kontakte konnte der Trainer anstatt der Stammkräfte fünf andere Spieler für die NVA benennen. Das Auftaktspiel wurde 4:1 gewonnen. Drei Spiele vor Schluss der nächste Versuch der Bezirksleitung, den Aufstieg zu verhindern: Keller wurde direkt aufgefordert, dass wichtige Heimspiel gegen Union Berlin zu verlieren. "Ich habe dem Herrn gesagt, er soll in die Kabine sieben gehen und es den Spielern direkt ins Gesicht sagen. Das traute er sich nicht“; erinnert sich Keller. Er selbst erzählte dann der Truppe, dass sie verlieren sollten.

Das war die kürzeste Spielvorbereitung, eine größere Motivation gab es nicht.

Olaf Keller (Trainer)

Buna gewann trotz drückender Überlegenheit der Köpenicker dank zweier Konter mit 2:0 und schaffte am letzten Spieltag dank eines 4:2 gegen Rostock vor 14.000 Fans tatsächlich den Aufstieg in die Oberliga.

Olaf Keller 1 min
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Danach brachen in Merseburg alle Dämme. "So was hat man noch nie erlebt. Wir waren die Volkshelden für das ganze Chemiegebiet Leuna, Merseburg und Buna“, schwärmt Koßmann. Und Abwehrkollege Roland Demmer glänzen die Augen: "Das war eine Emotion, die da rüber kam. Das war am Ende eine einzige Verfolgungsjagd. Wir mussten alles abgeben, bis auf die Schlüpfer. Das war toll.“ Ein Großteil der Spieler kam zur entscheidenden Partie übrigens aus dem Ostsee-Urlaub.

 Wer waren die bekannten Schkopauer?

Wer war diese BSG Chemie Buna Schkopau 1981, die sich aufmachte, in der Oberliga gegen die Großen des DDR-Fußballs zu spielen? Im Tor stand mit Jochen Habekuß der Publikumsliebling. In Schkopau geboren spielte er zwischen 1961 und 1987 mit Ausnahme der Armeezeit für die BSG, war nach der Wende Trainer beim nunmehr wieder SV Merseburg 99. Roland Nowotny war sicher der im DDR-Fußball bekannteste Akteur der BSG. Der Offensivspieler brachte es auf 36 Länderspiele in DDR-Nachwuchsmannschaften, kickte viele Jahre für den Halleschen FC in der Oberliga, bestritt u.a. auch das Europacup-Heimspiel gegen den PSV Eindhoven 1971. Nach seinem Rücktritt vom aktiven Leistungssport beim HFC 1978 verschlug es Nowotny zu Chemie Buna Schkopau, wo er im Oberliga-Jahr mit vier Toren der erfolgreichste Schütze der BSG war. Und natürlich der Trainer, Olaf Keller. Der spielte zunächst als Torhüter für Buna, wechselte dann 1976 auf die Trainerbank, bis 1983. Später war Keller noch verantwortlicher Coach beim Halleschen FC, Chemie Böhlen und Stahl Thale.

Eintrittskarte 3 min
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Fr 26.10.2018 10:42Uhr 02:30 min

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Oberliga: Heimsieg und heftige Niederlagen

Jetzt also Oberliga für Buna Schkopau : "Wir wussten, dass wir die Leistungsfähigkeit dieser Liga nicht erreichen konnten. Den Klassenerhalt zu schaffen, war ein Ding der Unmöglichkeit", so Koßmann. Am 22. August 1981 sollte das Abenteuer beginnen mit einem Auswärtsspiel bei der BGS Wismut Aue. Günter Krosse gelang in der 28. Minute der historische erste Treffer für die Schkopauer, am Ende setzte sich Aue glücklich mit 4:2 durch. Kurioserweise gab es Bewegtbilder vom Spiel nur aus der ersten Halbzeit mit dem Buna-Führungstor. Danach streikten die DDR-Kameras. Es folgte im ersten Heimspiel gegen Mitaufsteiger Energie Cottbus ein 3:1-Erfolg. Doch danach gab es teils heftige Niederlagen, wie das 1:10 bei Dynamo Dresden, das 0:7 beim BFC Dynamo oder das 1:5 bei Hansa Rostock.

Spielszene Hansa Buna 1 min
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Mo 22.10.2018 14:36Uhr 00:55 min

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Mi 24.10.2018 11:05Uhr 00:33 min

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"Noch zwei, drei Spiele, dann hätten wir es geschafft..."

Nach der Hinrunde und ganzen vier Punkten schien der Abstieg besiegelt. Dazu wurde mit Frank Kuhnt (drei Tore) auch noch der beste Stürmer zum Halleschen FC delegiert. Doch die BSG Chemie Buna Schkopau legte eine deutlich bessere Rückrunde hin, schaffte sogar die ein oder andere große Überraschung, wie das 2:2 beim 1. FC Magdeburg oder das 1:1 beim Halleschen FC. Das hatte Gründe: Nach der wegen der Aufstiegsspiele kurzen Vorbereitung war in der Hinrunde meist nach 75 Minuten die Kraft weg. "In der zweiten Halbserie mit der besseren Vorbereitung haben wir mitgehalten. Uns haben am Ende zwei, drei Spiele gefehlt, dann hätten wir das noch geschafft“, ist Trainer Keller sicher. Gegen Hansa Rostock (1:0) und bei der BSG Sachsenring Zwickau (4:3) am letzten Spieltag waren sogar Siege gelungen.

Spielszene Schkopau - BFC 1 min
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Mo 22.10.2018 14:39Uhr 00:16 min

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Mannschaft trifft sich jedes Jahr

Was bleibt, ist ein unvergessenes Jahr in der höchsten Spielklasse der DDR. Und die Mannschaft, die damals wie Pech und Schwefel zusammenhielt, trifft sich nach wie vor jedes Jahr, um in Erinnerungen zu schwelgen. Leider sieht die Gegenwart des Schkopau-Nachfolgers SV Merseburg 99 nicht so rosig aus. Nach zwei Jahren in der NOFV Oberliga Süd drohte im Sommer der finanzielle Kollaps. Die Notbremse wurde gezogen, aktuell spielt Merseburg in Liga sieben.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sport im Osten | 27. Oktober 2018 | 16:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Oktober 2018, 11:09 Uhr

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4 Kommentare

27.10.2018 08:30 Vaduz 4

Kann mich gut daran erinnern.ich war Augenzeuge beim Spiel gegen Schifffahrt Hafen,die selbst aufsteigen könnten.im Westfunk sprach man immer von buna schopkau

27.10.2018 06:01 Stefan 3

Eine gute Idee und interessant mal die alten Vereine wieder zu betrachten.
Sehr gut MDR, bitte weiter so.
Nach fast 30 Jahren erinnert man sich teilweise nur noch wenig an solche Vereine.
Ich hoffe es kommen auch noch " Schiebock"( Bischofswerda) usw ...Mal.

26.10.2018 19:53 Balian von Ibelin 2

War damals zu dieser Zeit auch in Schkopau zum Oberligaspiel zwischen BSG Buna Schkopau und BSG Sachsenring Zwickau als Zwickau Fan an das Ergebnis kann ich mich leider nicht mehr erinnern in den Achtzigern gab es auch manche Überraschungsmannschaft wie Chemie Böhlen, Wismut Gera oder auch Buna Schkopau was ist nur aus diesen Mannschaften geworden heutzutage sind diese Mannschaften in der
Versenkung verschwunden trotzdem an all diese Mannschaften sportlich faire Grüße aus Zwickau

26.10.2018 16:50 Beuchaer 1

In der letzten Zeit mussten die Mitarbeiter des MDR. Sport viel Kritik einstecken, meist zu Recht. Heute will ich aber auch mal ein Dankeschön loswerden. Die neue Rubrik, beginnend mit dem Oberligaaufsteiger Motor Suhl und jetzt mit Buna Schkopau habt ihr gut hinbekommen! Bei den alten Säcken, wo ich mich auch drunter zähle, werden viele Erinnerungen an manch eine Oberligaschlacht geweckt, danke.

Videos zur BSG Chemie Buna Schkopau

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