Fußball | Unvergessene Vereine Als die BSG Lok Stendal beinahe Pokalsieger wurde

Immerhin 14 Jahre mischte die BSG Lok Stendal in der DDR-Oberliga mit. Der ganz große Triumph sollte den Liebrecht, Backhaus und Co. aber versagt bleiben. Das Märchen vom Kultklub aus der Altmark endete 1968. Doch die Erinnerungen an die großen Schlachten "Am Hölzchen" sind bis heute nicht verblasst.

von Uwe Karte & Ronny Eichhorn

Fotocollage Mannschaft Lokomotive Stendal - Oberliga 1963/64 9 min
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Fr 15.03.2019 11:23Uhr 08:30 min

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Aktuell heißen die Gegner von Lok Stendal in der NOFV Oberliga Altlüdersdorf oder Straußberg. Doch der kleine Verein aus der Altmark blickt auf eine glorreiche Geschichte im DDR-Fußball zurück. Mit dem Höhepunkt FDGB-Pokalfinale 1966. Insgesamt kickte Stendal 14 Jahre in der höchsten Spielklasse, die damals auch Oberliga hieß, aber die besten Mannschaften der Republik vereinte. 1968 endete das Abenteuer, eine Rückkehr gelang bis zur Wende nicht mehr.

BSG Lok Stendal - die Protagonisten

Gerd Backhaus, Peter Güssau, Ernst Weiser, Dieter Busch und Hans Zeppmeisel erinnern sich an die glorreichen Zeiten.

Hans Zeppmeisel
Hans Zeppmeisel - 79 Jahre - Torhüter, 89 Oberligaspiele. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Hans Zeppmeisel
Hans Zeppmeisel - 79 Jahre - Torhüter, 89 Oberligaspiele. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Gerd Backhaus
Gerd Backhaus – 76 Jahre – Stürmer, drei Länderspiele für die DDR, 140 Oberligaspiele für die BSG Lok Stendal, Oberliga-Torschützenkönig 1964 mit 15 Toren
„Wir hatten hier eine gute Ära. Man hat durch den Sport viel erlebt und kennengelernt. Es war eine schöne Zeit.
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Ernst Weiser
Ernst Weiser, 80 Jahre, 73 Oberligaspiele für Stendal Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Peter Güssau
Peter Güssau - 80 Jahre, 136 Oberligaspiele für Stendal Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Dieter Busch
Dieter Busch - 83 Jahre, 24 Oberligaspiele für Stendal, 107 für Magdeburg, 101 für SG Sachsen Leipzig Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Der Pokal-Skandal von 1952

Bevor der Blick auf die starken 60er Jahre geht, mit so tollen Fußballern wie Gerd Backhaus, Kurt Liebrecht, Peter Güssau, Ernst Weiser, Dieter Busch und Hans Zeppmeisel, schauen wir in die Anfänge der Oberliga. Denn die damalige SG Blau-Weiß Stendal qualifizierte sich für die erste Oberliga 1949/50, belegte dort den zehnten Platz. Und stand 1952 im Halbfinale des FDGB-Pokals, wurde dabei um das Endspiel betrogen. Einen Tag vor dem Finale gegen Dresden wurde der Halbfinalsieg gegen BSG Einheit Pankow Berlin kassiert. Offensivmann Jochen Giersch soll ohne Genehmigung eingesetzt worden sein. Ein Skandal.

In der Oberliga mauserte sich Stürmer Kurt Weißenfels, der wegen nicht genehmigten Vereinswechsels auch schon mal für ein Jahr gesperrt wurde, 1952 zum Torschützenkönig. Mit 27 Toren. Und der Weißenfelser ist auch beim Pokalendspiel 1966 als Assistenztrainer immer noch in Stendal dabei. Stendals Oberliga-Rekordspieler Ernst Lindner brachte es 1956 ebenfalls zur Torkanone.  Es folgten Jahre als Fahrstuhlmannschaft zwischen den ersten beiden Ligen, bis 1963 der erneute Aufstieg gelang.

Szene Pokalspiel 4 min
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Mi 06.03.2019 15:13Uhr 04:17 min

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Fünf Jahre Oberliga für Stendal

Jetzt sollte die Mannschaft fünf Jahre am Stück in der höchsten Spielklasse verbringen. Warum? Gerd Backhaus kennt eine mögliche Antwort: "Wir haben immer ein kameradschaftliches Verhältnis gehabt. Alle Charaktere wurden eingebunden. Richtiges Maß an älteren und jüngeren Spielern." Ernst Weiser ergänzt: "Wir konnten als Mannschaft besser bestehen, hatten eine Leistungsdichte. Wir konnten alles spielen. Man konnte uns überall aufstellen." Eine Teambildungsmaßnahme war zudem der jährliche gemeinsame Urlaub. "In jedem Jahr gemeinsam in den Urlaub gefahren, mit Kind und Kegel an die Ostsee", sagte Zeppmeisel.

Martin Schwendler
Martin Schwendler war von 1963 bis 1966 Trainer bei der BSG Lok Stendal. Bildrechte: dpa

Und diese Saison 1963/64 hatte es in sich. Die BSG Chemie Leipzig wurde Meister, Aufsteiger BSG Motor Steinach landete auf Platz sechs und der zweite Aufsteiger BSG Lok Stendal belegte einen überraschenden neunten Platz. Aus dem Kollektiv ragten aber Backhaus, der mit 15 Toren sogar bester Schütze der Oberliga wurde, und Kurt Liebrecht noch heraus. Backhaus, der Mittelstürmer, beidbeinig und kopfballstark, spielte bereits seit 1961 bei Lok, "Kuddel" Liebrecht sogar seit 1949.

Hartmut Hoffmann (Zwickau, rechts) setzt sich gegen Stendals Kurt Liebrecht durch beim Punktspiel DDR-Oberliga BSG Motor Zwickau - Lok Stendal am 19.8.1967.
Hartmut Hoffmann (Zwickau, rechts) setzt sich gegen Stendals Kurt Liebrecht durch Bildrechte: Frank Kruczynski

"Kurt rackerte von der ersten bis zur letzten Minuten, war überall auf dem Feld zu finden und Vorbild in der gesamten Mannschaft. Aushängeschild, Führungsspieler: Er hat gezeigt, wie es geht", erinnerte sich Kurt Weiser, von 1961 bis 1965 bei Lok. Liebrecht brachte es sogar zu 16 Länderspielen. Leider spielt die Gesundheit des 82-Jährigen nicht mehr mit. Mannschaftkamerad Peter Güssau: "Es war ein ganz treuer, bescheidener, fairer Mensch, Er war ein Freund für mich." Und er blieb, wie auch Backhaus, der drei Länderspiele für die DDR absolvierte, der Altmark immer treu. Wie so viele arbeitete auch Liebrecht nach seiner Fußballer-Karriere im Trägerbetrieb, dem Reichsbahnausbesserungswerk.

Zurück zur Saison 1963/64, Stendal sorgte für Furore in einem verrückten Oberligajahr. Besonders die Heimstärke in der Wilhelm-Helfers-Kampfbahn (bis 1951 Stendaler Hölzchen) wurde republikweit bekannt. 21 der 23 Punkte holte Lok im eigenen Stadion. Und so richtig laut wurde es, wenn die Magdeburger nach Stendal kamen. "Die Spieler waren bekannt untereinander. Die Zuschauer waren richtig aggressiv. Wenn Magdeburg kam, brannte das Hölzchen", erinnert sich der damalige Schlussmann Hans Zeppmeisel.

Hans Zeppmeisel 1 min
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Do 14.03.2019 11:41Uhr 00:14 min

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Der große Coup bleibt aus

Stendal hielt sich weiter tapfer in der Eliteliga, wurde im Jahr darauf sogar Sechster. 1966 sollte es zwar in der Oberliga nur knapp klappen. Aber im FDGB-Pokal sorgte Stendal für ein ganz dickes Ausrufezeichen. Auf dem Weg ins Endspiel räumte das Team von Trainer Martin Schwendler im Achtelfinale den FC Carl Zeiss Jena (1:0), im Viertelfinale den BFC Dynamo (2:1) und im Halbfinale den FC Hansa Rostock (1:0) aus dem Weg. Alles Sportklubs. Und das ausgerechnet in einer Zeit, als durch einem Beschluss des DTSB aus Sportklubs Fußballklubs wurden, die im Vergleich zu den Betriebssportgemeinschaften eine besondere Förderung erhielten. Kuriosum am Rande: Genau in dieser Saison stiegen mit Erfurt und Magdeburg zwei Klubs aus der Liga ab.

Ball im Netz 5 min
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Mi 06.03.2019 15:18Uhr 04:51 min

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Stendal aber stand im Pokalfinale gegen eine weitere BSG, gegen Chemie Leipzig. Vor 15.000 Zuschauern in Bautzen waren die Stendaler über weite Strecken die bessere Mannschaft, das Tor machte aber Chemie in der 74. Minute durch Hans-Bert Matoul. "Man hat uns bescheinigt, dass wir ein gutes Spiel machten. Der Bessere gewinnt meist nicht, Leipzig hat ein glückliches Tor geschossen. Das wäre der größte Erfolg gewesen", weiß Backhaus. Und Keeper Zeppmeisel fügt an: "Wir wurden empfangen wie die Sieger."

Lok lässt Meister Karl-Marx Stadt straucheln

Das Erlebnis schweißte die Mannschaft weiter zusammen. In der Spielzeit 1966/67 konnte sich die BSG noch gegen die Klubs wehren, wurde starker Siebter. Und wieder wurden 22 der 27 Punkte im eigenen Stadion geholt, auch der spätere Meister FC Karl Marx Stadt strauchelte beim 2:0. Ein bemerkenswerter Erfolg, die Gäste hatten zuvor 17 Spiele in Folge nicht verloren. "Ich habe Matz Vogel kaltgestellt", kann sich Ernst Weiser ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Stendals Torhüter Zeppmeisel faustet vor Hartmut Rentzsch (Zwickau, rechts) beim Punktspiel DDR-Oberliga BSG Motor Zwickau - Lok Stendal am 19.8.1967.
Stendals Torhüter Zeppmeisel faustet vor Hartmut Rentzsch (Zwickau, rechts) beim Punktspiel DDR-Oberliga BSG Motor Zwickau - Lok Stendal am 19.8.1967. Bildrechte: Frank Kruczynski

1968 - das endgültige Aus

Doch es gab Begehrlichkeiten, Spieler erhielten Angebote, wechselten. So kehrte Wolfgang Abraham zurück nach Magdeburg, sollte dort dann 1974 den Europacup gewinnen. Adäquater Ersatz war angesichts der sportpolitischen Großwetterlage kaum noch zu finden. Und die Helden kamen langsam in die Jahre. So war die Saison 1967/68 die letzte in der DDR-Oberliga. Das entscheidende letzte Heimspiel gegen den bereits feststehenden Meister FC Carl Zeiss Jena ging mit 1:4 verloren. Eingeleitet auch noch mit einem Eigentor von Siegfried Narthow. "Wir haben uns dumm angestellt, vor lauter Angst in die Hose gemacht. Jena hatte schon die Meisterschaft gefeiert. Nur durch unsere Unfähigkeit haben die die Punkte geholt", erinnert sich Dieter Busch.

Panorama: Lok Stendal 4 min
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Sport im Osten Sa 23.02.2019 14:55Uhr 03:31 min

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Danach verpasste Stendal zwei Mal knapp den Wiederaufstieg. "Es war Umbruch im DDR-Fußball. Es wurde immer schwerer, in die Oberliga zurückzukommen", so Backhaus. Trotzdem blieben viele Spieler, auch weil der Trägerbetrieb, das Reichsbahnausbesserungswerk, dafür gesorgt hatte, dass die Fußballer auch nach ihrer Karriere eine ordentlich berufliche Laufbahn hinlegen konnten.

Dirk Schultz hält Erinnerungen wach

Was bleibt von diesen goldenen Jahren? Die schönen Erinnerungen. Und die will Dirk Schultz bewahren. Der Lok-Historiker arbeitet an einem Buch über die Geschichte des Stendaler Fußballs. "Die Erfolge der 60er Jahre erklären sich nur, weil Lok Stendal auch sportlich das Herz der Altmark war. Die Zuschauer, die am Wochenende kamen, waren schon in den 50er Jahren hier. Diese Erfolge der 50er haben Leute wie Gerd Backhaus und Ernst Zeppmeisel motiviert", erklärt Schultz den Zuspruch für die Altmärker.

Dirk Schultz
Lok-Historiker Dirk Schultz Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sport im Osten | 23. Februar 2019 | 16:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. März 2019, 17:49 Uhr

Hans Zeppmeisel 1 min
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