Fußball | Unvergessene Vereine BSG Wismut Gera: für die Liga zu stark – für die Oberliga zu schwach

Die BSG Wismut Gera liegt in der ewigen Tabelle der DDR-Liga auf dem ersten Platz. In der Oberliga sind die Ostthüringer auch Spitzenreiter. 1977/78 sorgten sie für das bis dahin schlechteste Abschneiden eines Teams.

von Uwe Karte/ Ronny Eichhorn

Insgesamt sechs Jahre hat Gera in der DDR Oberliga-Luft geschnuppert. 1949 bis 1953 blieb Gera vier Jahre in der höchsten Spielklasse, 1966 und 1977 reichte es nur je einen Frühling. Den größten Erfolg feierten die Thüringer schon 1949 mit dem Einzug ins Finale des FDGB-Pokals. Und in Gera spielten einige später sehr bekannte DDR-Fußballer, wie die späteren Auswahlspieler Dieter Erler, Manfred Kaiser oder Harald Irmscher. Und Georg Buschner, der die Nationalmannschaft 1974 zur einzigen WM-Teilnahme führte und zwei Jahre später zum Olympiasieg in Montreal.

BSG Wismut Gera - die Protagonisten

Harald Irmscher
"Sir" Harald Irmscher spielte in Gera im rechten Mittelfeld. Er war der Star der Mannschaft, blieb dabei stets bescheiden. "Als er kam, hat man gesehen, wie Fußball geht", sagt Udo Korn über diesen "wunderbaen Menschen". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Harald Irmscher
"Sir" Harald Irmscher spielte in Gera im rechten Mittelfeld. Er war der Star der Mannschaft, blieb dabei stets bescheiden. "Als er kam, hat man gesehen, wie Fußball geht", sagt Udo Korn über diesen "wunderbaen Menschen". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Heinz Zubek
Heinz Zubek, Stürmer, erzielte in der Aufstiegssaison 20 Tore. In der Oberliga konnte er wegen einer Verletzung nur zwölf Spiele absolvieren. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Joachim Posselt
Joachim Posselt, Kapitän, Abwehrchef und Aufstiegsheld in Gera, erhielt keine Spielgenehmigung für die Oberliga und wechselte für vier Jahre nach Bad Langensalza. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Matthias Kaiser
Matthias Kaiser, Sohn des großen Manfred Kaiser, spielte alle 26 Oberliga-Partien. Der Mittelfeldspieler wird von Harald Irmscher als "technisch starker und eleganter Fußballer" beschrieben. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Udo Korn
Udo Korn, Abwehrchef und Sturmtank der BSG Wismut Gera. In der Aufstiegsrunde 1977 traf er fünf Mal ins Schwarze, in der Oberliga erzielte er neun Tore. "Wenn Udo kam, gingen auch Dörner und Häfner zur Seite", sagt Matthias Blaseck. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Matthias Blasek
Matthias Blasek spielte vier Jahre Oberliga in Riesa, saß dann nach dem Abstieg plötzlich nur noch auf der Bank. Im November gab es für Gera als Abwehrchef sein Debüt beim Wismut-Duell in Aue. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Aufstieg mit Manfred Kaiser

Harald Irmscher (Zwickau) im Angriff DDR-Oberliga-Punktspiel Motor Zwickau - Wismut Gera
Szene aus dem Oberliga-Spiel Zwickau gegen Gera - hier Harald Irmscher (re.) noch im Trikot der Westsachsen. Bildrechte: Frank Kruczynski

Unter Manfred Kaiser hatte sich Gera 1966 in die Oberliga geschossen. Kaiser, der zuvor als Spieler bei Wismut aktiv war, übernahm die Mannschaft als Trainer nach dem dritten Spieltag und schaffte den vorzeitigen Aufstieg. "Ich habe nur das getan, was man als Trainer tun muss. Training, was Spaß macht und guten Kontakt zu der Mannschaft gesucht. Vorsprung kam zustande, weil die anderen Mitbewerber zu unbeständig spielten. Wir waren auch physisch stärker", sagte der bescheidene Kaiser nach dem Sprung in die Oberliga. Mit zwölf Punkten reichte es aber nur zum 14. und letzten Platz.

Aufstiegsfeier bei Gera 12 min
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Fr 17.05.2019 10:11Uhr 12:10 min

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Im dritten Versuch: Gera übersteht Aufstiegsrunde 1977

Zehn Jahre nach dem Abstieg aus der Oberliga und zwei ungekrönten Versuchen der Rückkehr gelang Wismut 1977 mit dem jungen Trainer Dietmar Pohl tatsächlich der erneute Sprung in die Bel Etage des DDR-Fußballs. Ein Aufstiegsheld war Harald Irmscher, der nach seinen  großen Erfolgen in Nationalmannschaft und Klub beim FC Carl Zeiss Jena 1976 aussortiert wurde. Allerdings fehlte Irmscher in der Aufstiegssaison für ein halbes Jahr, weil er zum Reservistendienst bei der NVA eingezogen wurde. "Ich hatte kein großes Problem damit, nach Gera zu gehen. In Jena sagte mit Trainer Hans Meyer, dass man mit mir nicht mehr plant", erinnert sich Irmscher, der wegen seiner eleganten Spielweise in Gera "Sir" genannt wurde.

Dietmar Pohl
Vom Klasse-Spieler in Aue zum Aufstiegstrainer in Gera: Dietmar Pohl Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Mannschaft um den jungen Trainer Pohl, für ihn war es die erste Trainerstation, spielte eine starke Saison und machte in der Liga-Staffel E (damals gab es fünf Staffeln) mit vier Punkten Vorsprung auf die BSG Motor Suhl den Staffelsieg perfekt. Das vorentscheidende 2:2 in Suhl besiegelte ein später Treffer von Udo Korn, der später in der Aufstiegsrunde mit fünf Treffern zum besten Wismut-Schützen avancierte. Insgesamt 20 Mal knipste Heinz Zubek. Es folgte die Aufstiegsrunde unter anderem mit der BSG Chemie Böhlen – dem späteren Gruppensieger – und dem Rivalen um Platz zwei, der BSG Chemie Leipzig. Die Entscheidung sollte gegen Böhlen fallen. Kurz vor Schluss führte Chemie. Matthias Kaiser, Sohn von Manfred Kaiser, erinnert sich: "Die waren schon aufgestiegen, kamen aus dem Urlaub zurück. Für uns ging es um alles, wir brauchten einen Punkt." Kurz vor Schluss gelang der Ausgleich – Gera war wieder oben. Ohne einen Irmscher hätte es aber wohl nicht gereicht. Udo Korn: "Als Irmscher kam, haben wir gesehen, wie Fußball geht. Er war nicht überheblich, ein wunderbarer Mensch. Den haben wir gebraucht. Ich habe von ihm gelebt."

Harald Irmscher im Trikot Wismut Gera.
Harald Irmscher (li.) für Gera am Ball. Bildrechte: Kruczynski

Aufstiegsheld Posselt wird ausgebootet

Tragisch endete die Aufstiegssaison aber für Kapitän Joachim Posselt. Ihm wurde zehn Jahre nachdem er mit dem FC Karl-Marx-Stadt überraschend Meister geworden war, das Startrecht für die Oberliga-Mannschaft entzogen – wegen einer längere Zeit zurückliegenden Disziplinlosigkeit. Genauso erging es auch Bernd Krauß, Außenläufer und Aufstiegsheld. Auch ihm wurde vom Fußballverband der DDR die Spielgenehmigung verweigert.

Joachim Posselt
Aus disziplinarischen Gründen: Oberliga-Tür bliebt für Joachim Posselt zu. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Joachim Posselt erinnert sich an den unwürdigen Akt: "Ein Chef der Wismut kam zu mir und sagte, dass er alles geklärt habe und ich Oberliga spielen könne. Erst als die Pässe eingereicht wurden, sagte jemand, wir durften von dir keinen einreichen." Mit Krauß und Posselt waren ja die tragenden Säulen weg. "Damit war klar, dass wir in der Oberliga keine Chance haben", so Posselt. Neuzugänge von Qualität gab es nicht. Auch, so glaubt Gera-Ikone Udo Korn, weil die Wismut keine zwei Mannschaften in der höchsten Spielklasse wollte. "Oberste Priorität hatte Wismut Aue, wir sollten eine starke Ligamannschaft sein. Wir wollten schon hoch, der Trägerbetrieb aber eher nicht."

Gutem Start folgten derbe Niederlagen

So gingen die Geraer schon geschwächt in die Vorbereitung, die eigentlich keine richtige war. "Als wir nach der Aufstiegsrunde aus dem Urlaub kamen, fing eine Woche später die Oberliga bereits an. Die Funktionäre haben da auf die Aufsteiger keine Rücksicht genommen", berichtet Heinz Zubeck. Dennoch startete Gera, wohl mit der Euphorie des Aufstiegs ganz gut in die Oberliga-Saison, schaffte gegen den FC Rot-Weiß Erfurt, in Karl-Marx-Stadt und gegen Vorwärts Frankfurt drei Unentschieden zum Auftakt. "Beim Heimspiel gegen Magdeburg – 0:4 – da wurden wir richtig auseinandergenommen", weiß Mathias Kaiser. Es gab weitere drei Pleiten, einige sehr schmerzhafte, wie das 0:6 gegen den BFC Dynamo oder das 1:5 beim FC Carl Zeiss Jena. Ein Problem: Die Kondition. "Uns fehlte aber auch je ein erfahrener Spieler in allen drei Mannschaftsteilen. Kondition reichte meist für 45 Minuten. Wären die Spiele da zu Ende gewesen, hätten wir 14 Punkte geholt." 

Gera Frankfurt 1 min
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Mi 08.05.2019 16:50Uhr 00:59 min

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Neuer Verteidiger - Sieg im Wismut-Duell

Schon jetzt schwante den Geraern, dass es für die höchste Spielklasse der DDR nicht reichen würde. Doch ganz unverhofft kam die BSG zumindest noch zu einem Abwehrspieler, Mathias Blasek. Der einstige Nachwuchs-Nationalspieler war bei der BSG Stahl Riesa in Ungnade gefallen. Sein Vater fragte in Gera nach. Und dann ging es ganz schnell. "Ich sollte mal zu einem Testspiel kommen. Dann war ich da und stand nicht mal zwei Wochen später in Aue in der Startelf", erinnert sich Blasek. Und ausgerechnet im großen Wismut-Duell gegen den großen Bruder feierte Gera den einzigen Oberliga-Sieg. 2:1 und natürlich traf auch Udo Korn, der mittlerweile vom Abwehrchef zum Stürmer avanciert war. Der kantige Riese flößte der Gegnerschaft mit seiner impulsiven Art Respekt ein, erzielte nebenbei auch neun der nur 17 Tore der BSG. "Sir" Harald Irmscher erinnert sich: "Ein feiner Kerl. So einen wünscht man sich in einer Mannschaft. Er wollte immer gewinnen, bekam auch mal Gelb und Rote, mit Schiedsrichtern angelegt. Das gehört dazu. Auch die Schiedsrichter hatten Respekt vor ihm."

Fußballfans 2 min
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Mi 08.05.2019 16:42Uhr 02:02 min

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Udo Korn: "Am Ende war es ein Desaster"

Doch dem Hochgefühl des ersten Sieges folgte die Ernüchterung gegen Sachsenring Zwickau am nächsten Spieltag. Trotz 1:0-Führung ging die Partie mit 2:3 verloren. Im Anschluss gab es auch noch unschöne Szenen außerhalb des Stadion.

BSG Wismut Gera Tabelle Notizen
Aus dem Programmheft der BSG Wismut Gera: Stadionverbote für Wismut-Anhänger Bildrechte: MDR/Ronny Eichhorn

Es gab Stadionverweis für die Spielzeit, die Überführten wurden im Stadionheft beim nächsten Heimspiel namentlich aufgeführt. Der Rest der Saison, in der Rückrunde fehlte mit Heinz Zubek wegen einer Verletzung auch noch ein wichtiger Mann, war eine einzige Katastrophe. Nur gegen Mitaufsteiger BSG Chemie Böhlen holte Gera noch einen Zähler. "Wir waren völlig unterlegen, hatten keinen richtigen Stürmer, alle waren zu langsam. Am Ende war es ein Desaster, es war aber dennoch wunderschön", resümiert Udo Korn.

Zweimal schaffte es Wismut danach noch in die Aufstiegsrunde. 1980 war an Hansa Rostock, Chemie Böhlen und auch Energie Cottbus kein Vorbeikommen. Drei Jahre später reichte in der Runde der Liga-Besten erneut nur zum vierten Platz. Den Titel "Beste Mannschaft der Liga" kann den Geraern aber keiner mehr nehmen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sport im Osten | 18. Mai 2019 | 16:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Mai 2019, 15:24 Uhr

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2 Kommentare

18.05.2019 12:27 basis1 2

@Klaus
für die damalige DDR-Liga, heute würde man 2.Bundesliga sagen.

Ich liebe eure Berichte über die ehemaligen Underdogs. Viele Details und persönliche Geschichten werden in Erinnerung gebracht. Danke an den Verfasser.

18.05.2019 10:43 Klaus 1

Was soll mit der Titel sagen? Für welche Liga zu stark?

Videos zur BSG Wismut Gera

Harald Irmscher 1 min
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