Trikot
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Fußball | Unvergessene Vereine Das unvollendete Märchen in Sömmerda

In den 80er Jahren tat sich im kleinen Städtchen Sömmerda Revolutionäres. Mit Hilfe des Trägerbetriebes sollte die BSG Robotron in die Oberliga. Die Wende kam dazwischen. Für ein Novum sorgte der Verein dennoch.

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Dieser Verein spielte nie in der höchsten Klasse des DDR-Fußballs, brachte es auf 14 Spielzeiten in der Liga und rangiert dort in der ewigen Tabelle auf Platz 43. Die BSG Robotron Sömmerda machte dennoch republikweit von sich reden. In mehrfacher Hinsicht. 1986 schafften es die Thüringer um ein Haar, ein Freundschaftsspiel gegen den großen FC Bayern München zu organisieren. Im März 1989 dann die Sensation, als Robotron als erste Mannschaft in der DDR mit Puma-Trikot und Werbung auf der Brust auflief. Die politische Wende kam für die Fußballer zur Unzeit, weil sich die BSG dank Robotron gerade aufmachte, den Sprung in die Oberliga zu wagen. Daraus wurde letztlich nichts, weil mit dem Ende der DDR auch der Trägerbetrieb für den Verein wegbrach.

Film Robotron 9 min
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Sport im Osten Sa 23.02.2019 14:55Uhr 08:46 min

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Wie beinahe die Bayern nach Sömmerda kamen

Wir schreiben das Jahr 1985, als bei der BSG Robotron Sömmerda ein Anruf von der Messe Hannover kam. Ein Geschäftspartner von Robotron hatte sich mit dem FC Bayern München zusammengesetzt. Die Bayern sollten in Sömmerda spielen. Es gab eine Bedingung: Transport und Verpflegung sollte von Robotron übernommen werden. Es glühten die Drähte. 1986 sollte der Ball rollen. Neben einem Spiel bei der BSG in Sömmerda war noch eine Partie in Erfurt geplant. Doch am Ende scheiterte das Unternehmen an bürokratischen Hürden. Die Spiele standen nicht im Jahresplan für den innerdeutschen Sportverkehr.

1988 - Erfurter Busse und Vlay kommen zu Robotron

Die BSG kämpfte in dieser Zeit gerade um den Wiederaufstieg in die damals schon zweigleisige DDR-Liga. 1987 gelang der und in Sömmerda hatte man längst schon Pläne, die über die zweithöchste Spielklasse hinausgingen. Manfred Klepsch, bis 1985 Trainer, danach eine Art Rainer Callmund von Sömmerda, spricht aus, was damals nur hinter vorgehaltener Hand geplant wurde. "Wir hatten das Ziel, in die Oberliga aufzusteigen. Das war aber eine geheime Sache, weil es im Bezirk eine Hierarchie gab. Erst kam Rot-Weiß Erfurt und dann der Rest." Die Sömmerdaer machten sich gut in der neuen Liga, belegten den 11. Platz.

Doch damit gab sich in Sömmerda niemand zufrieden. Rund um Robotron-Betriebsleiter Dieter Jordan und Sektionsleiter und zweite Mann im "Büromaschinenwerk Ernst Thälmann" in Sömmerda, Heinz Löffler, wurden die Grundlagen für höherklassigen Fußball geschaffen. Dazu gehört auch, dass 1988 verdiente Oberliga-Spieler zu Robotron wechselten, wie die Erfurter Uwe Becker, Michael Oevermann, Josef Vlay und Martin Busse, die zum Teil mehr als 200 Oberliga-Spiele absolviert hatten. Und Trainer Siegmar Menz. "Der Tenor war klar: Wir wollen angreifen“, erinnert sich Busse: "Ich kam mit 30 hierher, es war mein zweiter Frühling. Ein wunderschöner Abschluss." Vlay erlebte nach einigen Verletzungen in Erfurt nun noch "drei gute Jahre" bei Robotron.

Rainer Kunde (Wismut Aue), links Erfurts Martin Busse beim Punktspiel DDR-Oberliga Wismut Aue - Rot-Weiߟ Erfurt am 30.5.1982
Martin Busse (hier 1982 links noch im Trikot von Rot-Weiß Erfurt) kam 1988 nach Sömmerda. Bildrechte: Frank Kruczynski

Die DDR-Sensation - Robotron mit Brustwerbung

Dann der nächste Coup – die BSG sollte in "Westtrikots“ und mit West-Brustwerbung "Präsident Sprinter“ auflaufen. Am 12. März 1989 sollte der große Tag sein, ausgerechnet beim Heimspiel gegen den Polizeiverein SG Dynamo Eisleben. Alle waren heiß auf "Puma", doch war das in der DDR eigentlich erlaubt? "Ich war am Mittwoch, drei Tage vor dem Spiel, bei der Bezirksleitung. Die Entscheidung, ob die Trikots angezogen werden dürfen, fiel dann erst am Spieltag. 12 Uhr sagte man, zieht die Dinger an. Leider haben wir 0:2 verloren. Es ging nur um die Trikots, nicht ums Spiel“, erinnert sich Manfred Klepsch. Trainer Menz hatte es schon geahnt und war dagegen, die Trikots überhaupt anzuziehen. "Wir waren aber über Wochen das Gesprächsthema in der Republik. Trikotwerbung, obwohl das in der DDR verboten war." Martin Busse konnte sich ebenfalls noch gut an diesen historischen Tag erinnern. "Wir wurden von einem befreundeten Unternehmen aus der Bundesrepublik mit Schuhen und Trikots ausgestattet. Das war ein Top-Event."

Menz 1 min
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Fr 22.02.2019 09:37Uhr 00:36 min

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Sömmerda fast Pokalschreck für Dynamo

Wie stark die BSG Robotron Sömmerda in der Saison 1988/89 bereits war, am Ende wurde man Vierter, musste auch Dynamo Dresden erleben. Am 10. September 1988 standen sich beide Teams im FDGB-Pokal gegenüber. Die Schwarz-Gelben kamen mit den Auswahlspielern Ulf Kirsten, Matthias Sammer oder Torsten Gütschow. Doch bis weit in die zweite Halbzeit hinein lag der Außenseiter durch ein Busse-Tor in Führung. Kirsten, Matthias Döschner und Gütschow wendeten die Sensation noch ab.

Robotron Sömmerda 1 min
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Fr 22.02.2019 09:44Uhr 00:27 min

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Großer Coup scheitert an der Wende

Das Ende der DDR rückte näher, in Sömmerda plante man derweil den großen Coup. Klepsch: "Ich hatte 1990 den Auftrag, nach der Saison 90/91 Spieler zu holen, die noch besser sind. Auch ein neuer Trainer sollte her. Wir haben Heinz Werner verpflichtet, die Verträge waren bereits unterschrieben. Zudem sollte ein reines Fußball-Stadion gebaut werden. Die Finanzierung stand bereits. "Die ersten fünf Millionen waren schon da. Dann kam das Ende der DDR, die Bürger wollten für das Geld lieber eine neue Kläranlage als ein neues Stadion.“ Erinnert sich Löffler. Klepsch: "Wir hätten das geschafft. Es war alles abgesichert. Leider haben wir es nicht mehr erlebt." 

Jörg Kirsten (Aue, links) im Zweikampf mit Sömmerdas Mönchgesang beim Punktspiel Amateur-Oberliga Süd  Wismut Aue - Soemtron Sömmerda am 16.4.1992
Szene aus der Oberliga S+üd 1^992 - Aue gegen Sommerda. Jörg Kirsten (li.) im Zweikampf mit Sömmerdas Mönchgesang Bildrechte: Frank Kruczynski

Nach der Wende ging es mit dem Wegfall des Büromaschinenwerkes bergab. 192 stieg der FSV Sömmerda in die Thüringenliga ab. Mittlerweile kickt die erste Männermannschaft in der Landesklasse Staffel 2. Der Kurt-Neubert-Sportpark ist aber ein Schmuckstück, beherbergt auch zwei Kunstrasenplätze mit Flutlicht. Zudem gibt es eine Tennisanlage, eine Dreifelder-Halle und einen Multifunktionsplatz.

Sportanlage und Drei-Felder-Halle, 2013
Sportanlage und Drei-Felder-Halle Bildrechte: Karina Heßland-Wissel

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sport im Osten | 23. Februar 2019 | 16:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Februar 2019, 12:26 Uhr