Jörg Bär (Bischofswerda, links) versucht Aues Andreas Langer am Schuss zu hindern.
Jörg Bär (Bischofswerda, links) versucht Aues Andreas Langer am Schuss zu hindern. Bildrechte: Frank Kruczynski

Fußball | Unvergessene Vereine BSG Fortschritt Bischofswerda - Stolz der Oberlausitz

Zwei Jahre schnupperten die Kicker der BSG Fortschritt Bischofswerda in den 80er Jahren Oberliga-Luft. Zwar gelang den Oberlausitzern beide Male der Klassenerhalt nicht, einige Farbtupfer konnte das Team um den charismatischen Trainer Horst Rau aber dennoch setzen. Und die Heimspiele gegen Dynamo Dresden und den BFC Dynamo blieben unvergessen.

von Uwe Karte/ Ronny Eichhorn

Jörg Bär (Bischofswerda, links) versucht Aues Andreas Langer am Schuss zu hindern.
Jörg Bär (Bischofswerda, links) versucht Aues Andreas Langer am Schuss zu hindern. Bildrechte: Frank Kruczynski

Oberliga-Fußball in der Oberlausitz! Zwei Jahre haben die Fußballer der BSG Fortschritt Bischofswerda das Oberhaus des DDR-Fußballs besucht. Und auch wenn es mit dem Klassenerhalt nicht ganz klappen wollte, bleiben doch die Erinnerungen an eine verrückte Zeit. "Als ich jetzt durch Bischofswerda fuhr, bekam ich Gänsehaut. Ich habe an die vergangene Zeit gedacht. Es war eine wunderbare Zeit“, sagt ein sichtlich ergriffener Horst Rau, der damals das Oberliga-Kollektiv als Trainer geformt hatte.

Bischofswerda 9 min
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Sa 13.04.2019 17:09Uhr 08:58 min

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Schleifer, Heißsporn und Motivator: Trainer Horst Rau

Und sein Name war Programm bei der BSG Fortschritt Bischofswerda. Es ging rau zu, wenn Trainer Horst Rau zur Tat schritt. Beim Training hatte er schon mal das Megafon dabei, "damit mich jeder auf dem Platz hört". Die Halbzeitansprache konnte sehr laut und emotional sein. "Ich bin auch schon explodiert, das gehörte dazu, um die Spieler wachzurütteln." Er konnte seine Jungs schleifen, war aber auch ein Motivationskünstler. 1986 schaffte er, der 1982 nach Bischofswerda kam, mit Fortschritt den Aufstieg, 1989 kam er nach elf Spieltagen zurück und schaffte fast noch die Sensation, die Klasse zu halten.

Franz Beckenbauer (Bayern, li.) gegen Horst Rau (Dresden) 1974
Horst Rau - als Spieler bei Dynamo Dresden auf Augenhöhe mit Franz Beckenbauer - hier beim Europacup-Duell in München. Bildrechte: imago/Pressefoto Baumann

Seine ehemaligen Spieler sprechen noch heute mit Respekt über den Coach. Knipser Roci Schiemann erinnert sich: "Er war hart aber herzlich. Wenn die Einstellung nicht stimmte, das hat ihn geärgert. Da haben Wand oder Tür gewackelt. Wenn er da dagegen gehauen hat, da bist du kleiner geworden." Tino Gottlöber, der später beim FC Rot-Weiß Erfurt Europacup spielen sollte, fügt schmunzelnd hinzu: "Er war einer, unter dem ich gern trainierte, auch wenn man ihn nach Training manchmal verfluchte. Er war hart in seinen Ansprachen, aber nie nachtragend." Legendär waren seine Bergan-Läufe, teilweise mit Spielern auf den Schultern.

Horst Rau
Fortschritt-Cheftrainer Horst Rau (1986) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

An ein Erlebnis während eines Spieles gegen Energie Cottbus erinnerte sich Steffen Schmidt. "Ich wollte ausgewechselt werden, hatte einen Mittelfußbruch, wie sich später herausstellte. Da sagte Horst Rau zu mir: Schmidt, straff dich!"

Aufstieg auf dem Hartplatz

Wie nun sah diese Truppe aus, die 1986 sensationell den Aufstieg in die höchste DDR-Spielklasse schaffte. Viele Akteure kannten sich aus der Dresdner Sportschule, hatten dort diverse Nachwuchsmannschaften bei Dynamo durchlaufen, den Sprung in die Erste aber nicht geschafft. Spieler wie Jörg Bär, der knapp fünf Jahre bei Dynamo zubrachte. Der Libero war die prägende Figur bei Fortschritt Bischofswerda. Rau machte ihn 1983 zum Kapitän, das blieb er bis zu seinem Karriereende 1991. Um die erfahrenen Bär, Andreas Gräulich, Karsten Petersohn und Keeper Jörg Klimpel baute Trainer Rau eine kampfstarke Mannschaft auf.

Und schaffte in der Liga das Unmöglich scheinende: Nach einer atemberaubenden Serie von 19 Spielen ohne Niederlage, auch der favorisierte Hallesche FC wurde distanziert, wurde am 14. Mai 1986 bereits der entscheidende letzte Punkt gegen die BSG Chemie Buna Schkopau gesichert. Schiemann, der 18 Tore in der Ligasaison erzielte, erinnert sich an dieses 0:0. "Nach einem Regenguss spielten wir auf dem Hartplatz, auf der Kampfbahn." Dass Schiemann überhaupt damals noch spielte, war eher ein Wunder. Mit 19 hatte der Knipser bereits zwei Kreuzbandrisse.  

Fortschritt 10 min
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Fr 05.04.2019 14:21Uhr 09:39 min

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Traumstart gegen die große SG Dynamo Dresden

Doch wie sollte der Stolz der Oberlausitz nun gegen die Topteams aus Berlin, Dresden oder Leipzig bestehen? "Ich wusste, was auf die Jungs zukommt. Das kannte ich von Dynamo. Wir mussten viel intensiver arbeiten, um Sachen zu kompensieren. In Bischofswerda wurde gekratzt und gebissen“, sagt Horst Rau, der einst als Spieler mit Dynamo Dresden zwei Meisterschaften und einen Pokalsieg feierte. Unter dem legendären Walter Fritzsch. Drei Neue kamen aus der Bezirksliga, die Aufstiegshelden mussten es richten. Das Durchschnittsalter betrug 23 Jahre.

Und die Spieler waren mittlerweile auch Profis. Gearbeitet wurde nur noch auf dem Papier. Das Mähdrescherwerk - Trägerbetrieb des Vereins - sahen die meisten Spieler nur bei der Unterschrift des Arbeitsvertrages von innen. Vor dem Auftaktspiel war die Mannschaft extra motiviert. Es ging ausgerechnet gegen Dynamo Dresden. Viele Spieler waren dort an der Sportschule, schafften nicht den Sprung, und standen nun mit Ralf Minge und Matthias Sammer auf dem Platz.

Der Dresdner Mittelfeldspieler Matthias Sammer (r) im Zweikampf mit dem Bischofswerdaer Mittelfeldakteur Jörg Bär (1989)
Der Dresdner Mittelfeldspieler Matthias Sammer (r) im Zweikampf mit dem Bischofswerdaer Mittelfeldakteur Jörg Bär. Szene aus dem Rückspiel in Dresden. Bildrechte: dpa

Und die Null stand am Schluss, der erste Punkt war eingefahren. "Das war ein Geschenk. Da haben wir gemerkt, da geht was in dem Jahr. Es war tolles Wetter, das Stadion schon anderthalb Stunden vorher voll. Das hat uns Auftrieb gegeben", erinnert sich Tino Gottlöber. Das zweite Heimspiel gewann Schiebock mit 2:1 gegen Union Berlin, das Team war in der Oberliga angekommen. Doch bis zur Winterpause sollte nur noch ein Sieg (2:0 gegen Energie Cottbus) hinzukommen. Auswärts holte Schiebock keinen Zähler. Die Bilanz im Dezember: Sieben Punkte hatten die Mähdrescherwerker auf dem Konto, zu wenig für den Klassenerhalt.

Revolte gegen Trainer folgt Sensation

Und in den kommenden acht Spielen kamen nur drei Punkte hinzu. Vor dem Duell gegen Dauer-Meister BFC Dynamo am 2. Mai 1987 rebellierten einige Spieler gegen ihren Trainer Rau. Der erinnert sich: "Einige Spieler hatten sich zu Wort gemeldet, dass das nicht ausreicht. Es ging auch gegen meine Person. Ich sagte dann in der Vorbereitung, dass wir die Serie ordentlich durchziehen wollen.“ Und Rau hatte angekündigt, nach der Saison aufzuhören.

Dann kam das Spiel: Letzter gegen Erster. BFC-Keeper Bodo Rudwaleit äußerte sich in einem Radio-Interview im Vorfeld etwas despektierlich. Es ging um eine Tasse Kaffee, die er sich angesichts der wenig zu erwartenden Arbeit, neben das Tor stellen könne. Es kam alles anders: Tino Gottlöber und Karsten Petersohn sorgten für eine 2:0-Führung. Der Berliner waren überrascht, bekamen kein Bein auf den Boden. Petersohn wurde in der FUWO zum Spieler des Tages gekürt. Und Bodo Rudwaleit bekam später bei einem Ehemaligenspiel 2018 eine übergroße Tasse überreicht. Bischofswerda aber bekam die zweite Luft, holte fünf weitere Punkte aus drei Spielen, siegte gegen den FC Karl-Marx-Stadt und in Frankfurt (Oder).

BFC-Mittelfeldspieler Christian Backs zieht den Flankenball am Bischofswerdaer Mittelfeldakteur Tino Gottlöber vorbei.
BFC-Mittelfeldspieler Christian Backs zieht den Flankenball am Bischofswerdaer Mittelfeldakteur Tino Gottlöber vorbei. Bildrechte: dpa

Der Klassenerhalt schien möglich, es kam am letzten Spieltag zum Showdown gegen den FC Rot-Weiß Erfurt. Doch nicht nur das Stadion war voll, auch die Hose mancher Spieler. Zwar konnte der eingewechselte Schiemann drei Tore erzielen, das 3:4 und den Abstieg aber nicht verhindern. "Manchen Spielern versagten die Nerven“ erinnert sich Tino Gottlöber.

Geschichte wiederholt sich - zweiter Auf- und Abstieg

Zwei Jahre später war Schiebock wieder da. Knipser Schiemann machte in der Liga 20 Buden zum Aufstieg. Trainer Siegfried Gumz, er hatte von Rau übernommen, schaffte das zweite Wunder. Er übergab dann aber aus persönlichen Gründen an Harald Fischer. Die Bedingungen in Bischofswerda waren für die Spieler deutlich besser. Es gab ein Sporthotel mit Entspannungsbecken. Doch schon nach elf Spieltagen und mickrigen drei Punkten war Schluss.

Jubelnde Spieler am Boden im Schnee. 2 min
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Di 09.04.2019 15:14Uhr 01:59 min

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Horst Rau war wieder gefragt. Und er fand die richtigen Worte. Nach der knappen 0:1-Niederlage beim BFC Dynamo folgten fünf Siege in sechs Spielen. Trotz einer Durstrecke schaffte es Bischofswerda erneut, dass es ein Abstiegsendspiel in Eisenhüttenstadt gab. Und wie 1987 musste Schiebock nach dem 0:2 erneut in den sauren Apfel beißen. Ein Sieg hätte allerdings letztlich auch nicht gereicht, weil Aue mit 4:1 beim BFC Dynamo - jetzt FC Berlin - siegte.

Eisenhüttenstadt 1 min
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Di 09.04.2019 15:07Uhr 00:47 min

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Nach der Wende - BFV im DFB-Pokal

Für überregionale Furore sorgte Schiebock aber noch einmal in den 90er Jahren. Nach dem Gewinn des Sachsenpokals 1992 durften die Oberlausitzer erstmals und bis heute zum einzigen Mal im DFB-Pokal starten. Gegen Zweitligist VfB Oldenburg gelang dem Team von Urgestein und jetzt Trainer Jörg Bär ein 3:2-Sieg. Steffen Schmidt und Tino Gottlöber wurden Zeuge dieses Triumphes. Am 10. Oktober 1992 schnupperte der nunmehr Bischofswerdaer FV  gegen Erstligist Karlsruher SC, mit Oliver Kahn, beim 0:1 an der Sensation, scheiterte erst in der Verlängerung.

Bischofswerda gegen den Karlruher SC
BFV - KSC - Einlauf der Teams mit Oliver Kahn Bildrechte: Bischofswerdaer FV/Wolfgang Schmidt

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sport im Osten | 11. Mai 2019 | 16:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Mai 2019, 11:40 Uhr

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6 Kommentare

12.05.2019 11:39 Jörg LOHMANN 6

Warum sieht man diese Beiträge nicht auf der Facebookseite von Sid.

12.05.2019 09:45 Marcel 5

Ein Stück UNSERER Geschichte, danke MDR.

11.05.2019 19:38 Y5bj 4

@MDR: Vielen Dank für den Bericht, bei der heutigen SiO-Sendung kamen viele Namen und Erinnerungen an frühere OL-Duelle wieder ins Gedächtnis.
Blau-Weiße Grüße aus Magdeburg und dem BFV die besten Wünsche für den Klassenerhalt in der RL.

11.05.2019 17:58 DAV 3

Horst Rau , guter Mann , auch später nach der Wende , Bei den Stahlwerkern , von der BSG STAHL RIESA!!!!! Wir sind die Jungs aus der Stahlwerkerstadt .... BSG Stahl Riesa!!!

11.05.2019 16:09 Dessauer Junge 2

@ ein Dynamo
Das sprichst Du mir aus dem Fußball Herzen .
Als Jugendlicher war die
ASG VORWÄRTS DESSAU
mein Verein
Chemie Böhlen
Chemie Leipzig
Stahl Thale
Gegner die für Spannung sorgten ...
Nun ja ich hoffe der MDR macht weiter mit diesem Kapitel

11.05.2019 14:26 ein Dynamo 1

Da werden Erinnerungen wach. Damals hat uns der Fußball auch Spaß gemacht, zog die Massen in die Stadien. Viele Traditionsvereine dümpeln nun in der Bedeutungslosigkeit rum, kaum noch Zuschauer.

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Bischofswerda - Aue 1 min
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Erfurt - Bischofswerda 4 min
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