Fußball | Jubiläum Joachim Streich: Der DDR-Rekordspieler wird 70

Seine Rekorde werden für immer Bestand haben: Mit 102 Länderspielen und 55 Toren, dazu 229 Treffer in 378 Oberliga-Spielen, gehört Joachim Streich zu den herausragenden Ost-Fußballern. Am 13. April ist er 70 Jahre alt geworden.

Grafik Joachim Streich
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Die große Party an seinem 70. Geburtstag in der alten Heimat muss Joachim Streich verschieben. "Wir wollten ganz in Familie in einem Hotel in Kühlungsborn feiern. Aber das ist aufgrund der Corona-Pandemie nun leider hinfällig", erzählt der Rekordnationalspieler und -torschütze der DDR. "Jetzt werden wir den Geburtstag wohl oder übel zu Hause in Möckern verbringen. Aber wenn es wieder erlaubt ist, holen wir die Feier nach."

Dirk Schuster 1 min
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Di 13.04.2021 13:37Uhr 00:42 min

https://www.mdr.de/sport/sport-im-osten/video-dirk-schuster-joachim-streich-gratulation-geburtstag-100.html

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Rekorde für die Ewigkeit

Obwohl für Streich schon während seiner aktiven Zeit als Spieler nicht immer alles nach Plan lief, gehörte der zweimalige DDR-Fußballer des Jahres (1979, 1983) seinerzeit zu den weltbesten Stürmern. "Ich hatte Talent, musste mir aber vieles hart erarbeiten", sagt Streich im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. In 102 Auswahlspielen traf er 55 Mal, dazu schoss er in 378 Oberligapartien 229 Tore - alles Rekorde für die Ewigkeit.

Joachim Streich - Ein Leben für den Fußball

Joachim Streich im Trainingsanzug der DDR-Nationalmannschaft
Als 18-Jähriger bestritt Joachim Streich sein erstes von 102 Länderspielen für die A-Nationalmannschaft der DDR. Die Aufnahme zeigt ihn 1974 bei der WM in der BRD, als er beim 0:2 gegen die Niederlande nur Zuschauer war. Bildrechte: imago/Werner Schulze
Joachim Streich im Trainingsanzug der DDR-Nationalmannschaft
Als 18-Jähriger bestritt Joachim Streich sein erstes von 102 Länderspielen für die A-Nationalmannschaft der DDR. Die Aufnahme zeigt ihn 1974 bei der WM in der BRD, als er beim 0:2 gegen die Niederlande nur Zuschauer war. Bildrechte: imago/Werner Schulze
Wolfram Löwe (li.) und Joachim Streich relaxen am Rande des Trainings.
Mai 1974: Wolfram Löwe (li.) und Joachim Streich in einer Trainingspause für die WM-Vorbereitung. Bildrechte: imago/Werner Schulze
Kopfball von Joachim Streich bei der Weltmeisterschaft 1974 im Spiel gegen Australien
14. Juni 1974: Bei der WM kommt Joachim Streich im Gruppenspiel gegen Australien zu einem Kopfball. In der 72. Minute markierte er mit einem Linksschuss den 2:0-Endstand. Für die DDR-Auswahl traf er insgesamt 55 Mal. Bildrechte: imago/Werner Schulze
Joachim Streich bejubelt das 2:1 im Spiel gegen Malmö FF im Europapokal der Landesmeister 1975/76
1975 wechselte Joachim Streich vom FC Hansa Rostock zum 1. FC Magdeburg. In seiner ersten Saison bejubelt er am 1. Oktober sein Elfmetertor zum 2:1 im Spiel gegen Malmö FF im Europapokal der Landesmeister. Am Ende schied der FCM jedoch durch ein 3:3 aus dem Wettbewerb aus. Bildrechte: imago/Werner Schulze
Martin Hoffmann, Joachim Streich und Manfred Zapf
Einen großartigen Abend erlebte Joachim Streich (Mitte) am 19. Oktober 1977 gemeinsam mit Martin Hoffmann (l.) und Manfred Zapf (r.), als der FCM in der 2. Runde des UEFA-Cups Schalke 04 mit 4:2 bezwang. Auch das Rückspiel gewannen die Magdeburger mit 3:1. Bildrechte: imago/Sven Simon
Joachim Streich wird zum Fussballer des Jahres 1979 in der DDR ausgezeichnet
1979 wurde Joachim Streich zum Fußballer des Jahres 1979 in der DDR ausgezeichnet. Bildrechte: imago/Camera 4
Punktspiel DDR-Oberliga Wismut Aue - 1.FC Magdeburg (3:0 am 23.2.1980): Magdeburgs Torjäger Joachim Streich (rechts) hat abgeschossen, Wolfgang Hölls Abwehraktion kommt zu spät.
Doch es gab auch bittere Niederlagen für Rekordspieler Streich: Im Punktspiel der DDR-Oberliga am 23. Februar 1980 bei Wismut Aue zog der 1. FCM mit 0:3 den Kürzeren. Bildrechte: Frank Kruczynski
Joachim Streich und Jürgen Sparwasser
4. April 1990 - Wiedersehen alter Sturmkollegen: Joachim Streich als Trainer des 1. FC Magdeburg im Gespräch mit Darmstadt-Coach Jürgen Sparwasser. Bildrechte: imago/Camera 4
 Dirk Schuster im Gespräch mit Joachim Streich, 1990
Als erster Oberliga-Trainer der DDR nutzte Joachim Streich nach der Wende die Möglichkeit, als Coach bei einem Fußballverein im Westen zu arbeiten. Im Sommer 1990, noch vor der Wiedervereinigung, ging er nach Braunschweig, der Partnerstadt Magdeburgs, und wurde Trainer des damaligen Zweitligisten Eintracht. Elf Spieltage vor Saisonende wurde Streich (im Gespräch mit Dirk Schuster) jedoch entlassen.  Bildrechte: IMAGO
Gerd Müller (re.) und Joachim Streich.
1. Oktober 1997: Der "Gerd Müller des Ostens" im Gespräch mit dem Original, dem "Bomber der Nation". Bildrechte: imago/Rolf Hayo
Joachim Streich, Georg Buschner und Bern Bransch
8. Mai 2004: Der ehemalige Nationaltrainer Georg Buschner (re.) mit seinen DDR-Traditionsspielern Joachim Streich (li.) und Bernd Bransch. Bildrechte: imago/Camera 4
Ulf Kirsten und Joachim Streich
8. Oktober 2013: Joachim Streich im Einsatz für die Magdeburg Allstars und Ulf Kirsten (Lothar Matthäus & Friends) vor dem "Benefizspiel der Legenden gegen die Flut" in der MDCC Arena in Magdeburg. Bildrechte: imago/Christian Schroedter
Joachim Streich
2017 erschien die Biographie "Der Torjäger" über den Rekordfußballer. Bildrechte: imago/VIADATA
Joachim Streich im Interview vor dem Spiel.
6. Oktober 2018: Joachim Streich noch immer bei den Medien gefragt - hier beim Ost-Klassiker 1. FC Magdeburg gegen Dynamo Dresden in der 2. Bundesliga. Bildrechte: imago/Contrast
Joachim Streich
Joachim Streich mit einem Jubiläumstrikot von seinem Verein Anker Wismar, bei dem er seine unvergessliche Karriere als Sechsjähriger begann. Bildrechte: imago images/Ed Gar
Joachim Streich mit seiner Ehefrau und Geschäftsführer Mario Kallnik 1. FC Magdeburg - 3. Liga Fußball Saison 2020-2021 Punktspiel FC Hansa Rostock vs. 1. FC Magdeburg im Ostseestadion in Rostock
10. April 2021: Joachim Streich mit seiner Ehefrau und Geschäftsführer Mario Kallnik (1. FC Magdeburg) beim Drittliga-Punktspiel FC Hansa Rostock gegen 1. FC Magdeburg (0:2) im Ostseestadion. Bildrechte: imago images/Christian Schroedter
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Streich lässt Kritik abprallen

Trotz dieser beeindruckenden Zahlen stand Streich während seiner Karriere oft in der Kritik. "Der damalige 'FuWo'-Chefredakteur Klaus Schlegel hat mich oft herausgepickt und mich für meine aus seiner Sicht mangelhafte Laufleistung und Spielweise kritisiert. Jürgen Croy wollte mich danach moralisch immer aufbauen. Da habe ich ihm gesagt: 'Jürgen, du musst mich nicht aufrichten. Ich weiß, dass ich hier der Beste bin'."

ein Mann im Porträt 40 min
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Anfänge an der Küste

Begonnen hatte Streichs erfolgreiche Karriere Wismar, wo er nahe der Werft geboren wurde, bei der BSG Aufbau. Von Anfang an kannte er nur eine Richtung: das gegnerische Tor. 1967 wechselte er als 16-Jähriger zum FC Hansa Rostock. "Weil ich nicht delegiert wurde, durfte ich zwar kostenlos im Internat übernachten, wurde aber nicht verpflegt", erinnert sich der gelernte Schaltanlagenmonteur. "Mit 70 Ost-Mark Lehrlingsgeld war es nicht einfach, über die Runden zu kommen. Die älteren Mitbewohner haben mir immer mit Essenmarken ausgeholfen."

Beim FC Hansa reifte der nur 1,73 Meter große Streich zum Schrecken der gegnerischen Abwehrspieler und zum Nationalspieler, als 18-Jähriger absolvierte er sein erstes A-Länderspiel. 1975 verabschiedete sich der Stürmer mit einem verschossenen Elfmeter im letzten Saisonspiel gegen Vorwärts Stralsund aus Rostock. Das 1:1 reichte nicht, der FC Hansa stieg ab. "Ich wollte weiter Oberliga spielen und zum FC Carl Zeiss Jena wechseln. Der Verein war sehr professionell aufgestellt, mit Trainer Hans Meyer herrschte bereits Einigkeit. Auch für meine Frau hatten sie in Jena eine Arbeitsstelle besorgt", berichtet Streich.

Joachim Streich mit Blumenstrauß 1 min
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Di 13.04.2021 14:58Uhr 00:34 min

https://www.mdr.de/sport/sport-im-osten/video-joachim-streich-legende-geburtstag-100.html

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Joachim Streich mit Blumenstrauß 1 min
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Vergleiche mit Gerd Müller

Doch der Verband grätschte dazwischen und delegierte Streich zum 1. FC Magdeburg. Seinen Leistungen tat das keinen Abbruch. "Strich", wie er damals genannt wurde, wurde vier Mal Torschützenkönig der DDR-Oberliga und mit dem FCM drei Mal FDGB-Pokalsieger. Wegen seiner Schlitzohrigkeit wurde Streich oft mit Gerd Müller verglichen.

"Wir haben am Samstagabend in der Sportschau natürlich die Bundesliga geschaut. Gerd Müller war wegen seiner genialen Tore auch ein Vorbild für mich", sagt Streich, der mit der DDR-Auswahl 1972 Olympia-Bronze gewann und 1974 an der Weltmeisterschaft teilnahm: "Es gab national wie international viele tolle Momente, aber mein 100. Länderspiel im Londoner Wembley Stadion bleibt mir besonders gut in Erinnerung."

Punktspiel DDR-Oberliga Wismut Aue - 1.FC Magdeburg (3:0 am 23.2.1980): Magdeburgs Torjäger Joachim Streich (rechts) hat abgeschossen, Wolfgang Hölls Abwehraktion kommt zu spät.
Punktspiel DDR-Oberliga Wismut Aue - 1.FC Magdeburg (3:0 am 23.2.1980): Magdeburgs Torjäger Joachim Streich (rechts) hat abgeschossen, Wolfgang Hölls Abwehraktion kommt zu spät. Bildrechte: Frank Kruczynski

Ohne Umwege vom Spieler zum Trainer

Trotz seiner vielen Auslandsreisen kam im Torjäger aber nie der Gedanke auf, die DDR verlassen zu wollen. "Ich hatte nicht die Traute und nach der Hochzeit mit Marita und der Geburt unserer Tochter Nadine stand Republikflucht für mich sowieso nicht zur Diskussion. Dazu habe ich in der DDR sehr gern Fußball gespielt", betont Streich rückblickend. "Aber ich glaube, und das haben die Vergleiche mit den westdeutschen Mannschaften gezeigt, dass ich mich auch in der Bundesliga durchgesetzt hätte."

Unmittelbar nach dem Ende seiner Spielerkarriere wurde Streich 1985 zum Cheftrainer des 1. FC Magdeburg ernannt - erneut gegen seinen Willen. Die großen Erfolge blieben zwar aus, dafür hat Streich andere Spieler geprägt. "Er war derjenige, der mir die Tür zum Profifußball sehr weit geöffnet hat. Joachim hatte ein feines Gespür, auch fachlich und inhaltlich war seine Arbeit absolut überzeugend", sagt Dirk Schuster, damals knallharter Verteidiger und heute Trainer bei Zweitligist FC Erzgebirge Aue.

Braunschweig erste und einzige Station im Westen

Nach dem Mauerfall folgte Schuster seinem Coach 1990 zum damaligen Zweitligisten Eintracht Braunschweig, wo Streich elf Spieltage vor Saisonende entlassen wurde. "Der Verein wollte unbedingt zurück in die 1. Liga. Aber die Qualität im Kader war nicht vorhanden. Und wenn die Erfolge ausbleiben, bist du als Trainer das schwächste Glied", erinnert sich Streich. Nach einem kurzen Intermezzo beim FSV Zwickau, den er 1997 vor dem Abstieg aus der 2. Bundesliga gerettet hatte, zog er sich aus dem Fußballgeschäft zurück: "Ich wollte nicht mehr aus dem Koffer, sondern mit meiner Familie leben."

Heute genießt Streich seinen Alltag als Pensionär, werkelt gern in seinem Garten und hält sich auf dem Fahrrad fit. Den Fußball hat er trotzdem noch im Blick - und ganz besonders das Drittliga-Duell seiner Herzensvereine Rostock und Magdeburg am Samstag im Ostseestadion. Auf ein Ergebnis will sich Streich lieber nicht festlegen, sagt aber: "Ich wünsche Hansa den Aufstieg in die zweite Liga und hoffe, dass sich der FCM rettet. Der Abstieg des 1. FC Magdeburg wäre eine Katastrophe."

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red/dpa

Dieses Thema im Programm: MDR+ | "SpiO"-Talk | 13. April 2021 | 11:45 Uhr