Fußball | Unvergessene Vereine Klaus Havenstein und die BSG Chemie Böhlen

Vier Jahre mischte ein kleiner Verein aus der Nähe von Leipzig zwischen 1977 und 1983 in der DDR-Oberliga mit. Und stellte mit Klaus Havenstein sogar einmal den Torschützenkönig. Das Erfolgsgeheimnis: das Chemiekombinat "VEB Otto Grotewohl" und der tolle Teamgeist. Die BSG Chemie Böhlen.

Die BSG Chemie Böhlen hat Geschichte geschrieben. Der Verein vor den Toren Leipzigs schaffte 1977 überraschend den Aufstieg in die DDR-Oberliga, hielt sogar ein Jahr die Klasse und brachte es insgesamt auf vier tolle Spielzeiten in der höchsten Liga der Republik.

Klaus “Have“ Havenstein – der eiskalte Vollstrecker

Die Geschichte der BSG Chemie Böhlen ist nicht erzählbar ohne ihren Torschützen vom Dienst. Klaus Havenstein war ein Phänomen. Der heute fast 70-Jährige war fünf Mal in der DDR-Liga Torschützenkönig, erzielte in der höchsten Spielklasse in 92 Partien insgesamt 55 Tore und war in der ersten Oberliga-Saison der Böhlener sogar Torschützenkönig. "Ich hatte oft das richtige Timing und war im richtigen Moment am richtigen Platz", versucht Havenstein seine Fähigkeiten zu umschreiben, muss aber zugeben: "Manchmal habe ich es selbst nicht begriffen, wie das Ding reinging. Ich war ein Instinktfußballer. Da habe ich manchmal Tore gemacht, da fragst du dich danach, wie habe ich das gemacht."

Manchmal habe ich es selbst nicht begriffen, wie das Ding reinging.

Klaus Havenstein

In Belgershain bei Leipzig spielte der damals 16-jährige Havenstein zum ersten Mal in der Männermannschaft. Mit falschem Pass, man durfte ja eigentlich erst dort mit 18 spielen. Da wurde nach dem Spiel in der Kabine kontrolliert. "Ich habe damals drei Spiele am Wochenende gemacht, in der ersten, zweiten Mannschaft und bei den Junioren. Ich musste nach dem Spiel immer die Kabine verlassen, weil Pass und Ausweis kontrolliert wurden." Schon damals ließ er es vor dem gegnerischen Tor krachen. Dann ging es nach Böhlen, wo er insgesamt 16 Jahre erfolgreich Fußball spielen sollte.

Torjäger Klaus Havenstein (Chemie Böhlen)
Torjäger Klaus Havenstein Bildrechte: Frank Kruczynski

Lieblingskeeper Jürgen Croy

Im Jahr 1977 folgte der große Sprung in die Oberliga. "Die meisten Tore habe ich gegen Jürgen Croy gemacht, sieben. Das war unser Held. Bei den Elfmetern habe ich immer beobachtet, wo der Keeper hingeht.“ Und in der Eliteliga machte "Have" unterschiedliche Erfahrungen mit seinen Gegenspielern. "Conny Weise war der fairste Spieler der Oberliga. Es gab auch andere wie Reiner Troppa oder Udo Schmuck, die haben dich zur Pause fast bis in die Kabine verfolgt. Ich konnte mich aber auch wehren", so Havenstein. Mit seiner Art Fußball zu spielen, erinnerte er sehr an Gerd Müller vom FC Bayern München. Uwe Ferl, damals Youngster bei Chemie Böhlen ist sicher: "Havenstein hätte bei den Bayern die Erfolge erzielt, die Gerd Müller dort erzielt hatte."

Warum aber blieb der Ausnahme-Knipser in Böhlen? Immerhin war er damals mal eine Woche zum Probetraining bei Dynamo Dresden. "Da hatte ich vier Stürmer vor der Nase. Ich bin geblieben, hier war ich wer. Ich bin nach Böhlen gezogen, jeder grüßte schon von weitem. Und ich war verheiratet, hatte drei Kinder. Da wollte ich kein Risiko gehen.“

Oberliga ohne Aufstiegskeeper Ralf Heine

In der Saison 1976/77 schaffte die Böhlener mit ihrem allseits geachteten Trainer Wolfgang Müller souverän den Sieg in der Ligastaffel D. In der Aufstiegsrunde machte die BSG dann als Staffelsieger die dicke Überraschung perfekt. Mit der BSG Wismut Gera ging es hoch. Andere, wie die BSG Chemie Leipzig, blieben auf der Strecke. Ein Aufstiegsheld war Keeper Ralf Heine, der 28 Spiele bestritt, dann aber in der Oberliga nicht eingesetzt werden durfte. Hintergrund war eine Fluchtgeschichte seiner Schwester. Per Fußballbeschluss aus dem Jahr 1970 durfte auch Heine nicht in der höchsten DDR-Spielklasse spielen. Zuvor hatte Heine schon bei der BSG Chemie Leipzig das gleiche Schicksal erlitten. Insgesamt musste er drei Mal einen Vereinswechsel vornehmen.

Für Heine kehrte Freimuth Bott zurück nach Böhlen und wurde in der ersten Oberliga-Saison Stammkeeper und großer Rückhalt der Mannschaft. Dabei hatte er einen Spitznamen, um den ihn seine Mannschaftkameraden sicher nicht beneideten: "Stalin". "Das lag an seinem Aussehen mit dem Schnauzer. Da haben wir ihn halt Stalin genannt", erinnerte sich Havenstein.

Erfolgsgeheimnis: Heimstärke und Zusammenhalt

Jetzt also Oberliga in Böhlen im Stadion an der Jahnbaude. Und es sollte ein erfolgreiches Jahr werden. Am 5. Spieltag gelang gegen Mitaufsteiger Wismut Gera beim 3:1 der erste Sieg. Natürlich Zuhause. Die Heimbilanz der BSG war in dieser Saison beeindruckend. 17 der 20 Zähler wurden im eigenen Stadion geholt, darunter Siege gegen den 1. FC Magdeburg, den BFC Dynamo oder ein 1:1 gegen den späteren Meister Dynamo Dresden.

Und ein ganz junger Spieler feierte beim 1:0 gegen den 1. FC Magdeburg sein Debüt in der Oberliga: Uwe Ferl, zarte 19 Jahre damals. "Das waren meine ersten acht Minuten in der Oberliga", erinnert sich der frühere Mittelfeldspieler und fügt an: "Es gab noch eine Ecke für Magdeburg und ich sollte Manfred Zapf decken." Zapf hatte damals sicher ein Wettkampfgewicht von 95 Kilogramm, daneben der schmale Ferl. "Zum Glück flog der Ball woanders hin.“ Am vorletzten Spieltag stand die Sensation fest: Böhlen bleibt in der Oberliga. Das Erfolgsgeheimnis: "Wir hatten einen kleinen, aber feinen Kader. Acht Spieler haben alle Partien gemacht. Und wir hielten immer zusammen, trafen uns noch nach dem Spiel. Das hat zusammengeschweißt", sagte Havenstein.

Abstieg, Wiederkehr und Absturz

Das zweite Oberliga-Jahr wurde kein so erfolgreiches. Mit 16 Punkten ging es in die Liga zurück. Dabei war ein Klassenerhalt nicht unmöglich. Nach einer langen Durststrecke mit zwölf Spielen ohne Sieg, gelangen vier Partien ohne Niederlage. Dabei Siege gegen Lok Leipzig und Hansa Rostock. Zwei Spieltage vor Schluss fehlte nur ein Punkt zum rettenden Ufer. Doch es standen die Partien gegen Meister BFC Dynamo und den 1. FC Magdeburg an. Und das wurden echte Desaster – 3:10 und 2:10. Ein Grund für den Abstieg waren aber auch Unstimmigkeiten im Verein, auch mit Trainer Wolfgang Müller, der danach den Verein verließ.

Logo: BSG Chemie Böhlen
Bildrechte: imago/Kruczynski

Doch Böhlen kam dank 30 Treffer von Klaus Havenstein sofort zurück in die Oberliga. Die Klasse konnte aber nicht mehr gehalten werden, wobei der Abstieg 1981 unter höchst unglücklichen Umständen passierte. Die BSG verlor am letzten Spieltag gegen den Halleschen FC mit 0:1, die Konkurrenz aus Aue und Zwickau gewann. Entscheidender Knackpunkt war das 1:1 am 24. Spieltag gegen Mitabsteiger Stahl Riesa. 1982/83 spielte Böhlen dann zum letzten Mal erstklassig. Havenstein erzielte nochmal 13 Tore, das reichte aber nicht. 80 Mal schlug es bei der BSG ein, die letzten sieben Spiele gingen komplett verloren. Bis zur Wende spielte Böhlen dann in der Liga. 

Nach der Fusion mit Grün-Weiß Leipzig (der früheren BSG Chemie Leipzig) zum FC Sachsen Leipzig begann der schleichende Niedergang - Böhlen hatte sich zuvor das Startrecht für die Oberliga 1090/91 gesichert. SV Chemie Böhlen spaltete sich ab und startete in der Bezirksliga. Heute heißt die Gegenwart Kreisoberliga. Unvergessen bleiben auch vier Jahre Oberliga und der eiskalte Vollstrecker Klaus Havenstein.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sport im Osten | 26. Januar 2019 | 16:00 Uhr