Unvergessene Vereine Zwei sensationelle Jahre in Steinach

Steinach im Landkreis Sonneberg. Knapp 4.000 Einwohner, im Stadtwappen die Schiefergriffel und die Würfel, getrennt durch den Fluss Steinach. Doch Steinach ist nicht nur durch seinen Schieferabbau bekannt. Vor 55 Jahren machte sich die BSG Motor Steinach auf, für zwei Jahre in der DDR-Fußball-Oberliga für Furore zu sorgen. Gegen den amtierenden Meister SC Motor Jena gelangen gleich zwei Sensationssiege.

von Uwe Karte/Ronny Eichhorn

Motor Steinach 10 min
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Fußball | Unvergessene Vereine BSG Motor Steinach

BSG Motor Steinach

MDR FERNSEHEN Sa 15.12.2018 16:30Uhr 09:45 min

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Die BSG Motor Steinach hat in den 60er Jahren DDR-Geschichte geschrieben. Zwei Jahre nach dem Mauerbau mauserten sich die "Griffelsteiner" als Team nahe der Sperrzone zum Fußball-Oberligisten, lehrten vor allem im ersten Jahr den großen Vereinen das Fürchten, mussten dann aber im zweiten Jahr nach vielen merkwürdigen, von den Oberen des Staates gewollten, Schiedsrichter-Entscheidungen, wieder die Liga verlassen. "Wir waren ein Zwerg in der Oberliga. Aber durch unsere Kameradschaft und unseren Einsatz wurden wir zu einem großen Zwerg", erinnert sich Emil Kühn, damals Mittelfeldspieler der BSG.

Die BSG Motor Steinach

Ortsteingangsschild
Ab 1963 kamen die besten Fußball-Mannschaften in den südlichen Zipfel der Republik, nach Steinach. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Steinach gegen Jena
Auch im zweiten Oberliga-Jahr gewann Steinach gegen Motor Jena mit 2:1. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Jena mit Meistertrainer Georg Buschner und den beiden Ducke-Brüdern musste die Punkte am legendären Fellberg lassen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Rainer Sesselmann
Rainer Sesselmann war für Motor in der Oberliga Rechtsaußen oder Linksaußen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Emil Kühn
Emil Kühn beackerte für Steinach das Mittelfeld. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Bernd Florschütz
Bernd Florschütz stand im Tor, übernahm nach der schweren Verletzung von Heinz Leib die Postion zwischen den Pfosten und war dann im zweiten Oberligajahr Stammkeeper. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Ab 1963 kamen die besten Fußball-Mannschaften in den südlichen Zipfel der Republik, nach Steinach. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Steinach gegen Jena
Und die "Wäldler" sorgten für einige faustdicke Überraschungen. Im ersten Jahr siegten sie gegen Meister Motor Jena zwei Mal. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Steinach Jena II
Mit dabei beim Heimsieg gegen Jena waren auch gut 25.000 Zuschauer. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Die Presse nahm die Erfolge der Steinacher staunend zur Kenntnis. Hier nach dem 2:0 am ersten Spieltag bei Dynamo Berlin. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Der Heimsieg im ersten Spiel gegen Motor Jena sorgte für ein noch größeres Echo in den Zeitungen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Werner Luthardt
Werner Luthardt war in der Oberliga Außenläufer bei der BSG Motor Steinach. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Rudy Bältz
Rudy Bältz spielte für Steinach auf allen Positionen, außer im Tor. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Jochen Neubeck
Jochen Neubeck spielte in Steinach auf allen Positionen außer im Tor. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Wolfgang Wenke
Wolfgang Wenke war ein "Zugezogner", seine Frau kam aus der Gegend. Er spielte vorher in Cottbus. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Kameradschaft und Heimatliebe

Was machte die Mannschaft, die Gegend, die Stadt aus? Die Antworten der noch heute lebenden Fußballer von einst waren einhellig. In der Gegend lebten arme Leute, Griffelmacher und Glasbläser. Aber es gab einen großen Zusammenhalt. Und dieser Teamgeist war auch das Geheimnis des Erfolges der BSG Motor Steinach. Und die Heimatverbundenheit.

Plakate mit historischen Spielerporträts 1 min
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MDR FERNSEHEN Sa 15.12.2018 16:30Uhr 01:00 min

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"Wenn wir bei Auswärtsspielen waren, sahen wir zu, schnell wieder nach Hause zu kommen. Dann gingen wir noch in die Kneipe und haben ausgewertet", so Werner Luthardt. Die Stammkneipe – das "Heinzen Bräu Stübl". Hier wurden die Siege ausgelassen gefeiert, wurde analysiert, gab es oft für die Steinacher Spieler Freibier. "Es war wie eine Familie. Es war eine unvergessene, ja legendäre Zeit", so Luthardt, der übrigens alle 52 Oberliga-Spiele für Steinach bestritten hat.

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Di 20.11.2018 10:28Uhr 00:44 min

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25.000 sehen Sensation gegen den DDR-Meister

Wir schreiben den 18. August 1963. Hinter dem Wald machten sich die Männer der BSG Motor Steinach auf, Fußball-Geschichte zu schreiben. Der frisch gebackene Oberliga-Aufsteiger hatte am 1. Spieltag bei Dynamo Berlin einen sensationellen 2:0-Sieg gefeiert und nun sollte gegen Meister SC Motor Jena das erste Heimspiel am Fellberg steigen. Und es setzte eine Völkerwanderung ein. Steinach, selbst nur 8.000 Einwohner, platzte aus allen Nähten. Am Ende versammelten sich 25.000 Zuschauer im Stadion und erlebten die nächste Sensation. Die BSG siegte mit 2:1, Günther Queck und Ulli Sperrschneider trafen für Steinach, mit Helmut Müller ein Ex-Steinacher für Jena. Geleitet wurde die Partie von Weltklasse-Schiedsrichter Rudi Glöckner, der den Steinachern übrigens gut gewogen war.

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Schiedsrichteranweisung: Steinach muss absteigen

Denn eigentlich, so offenbarte ein Unparteiischer nach der Wende, sollten die Schiedsrichter dafür sorgen, dass Motor schnell wieder aus der Oberliga verschwindet. Aus politischen Gründen. Grund war, dass Steinach am Sperrgebiet lag. Der gesamte Kreis Sonneberg gehörte zu eben dieser Sperrzone, einzig Steinach nicht. Da erschien den politisch Verantwortlichen das Risiko zu groß und zu unberechenbar, wenn viele tausend Menschen zum Fußball durch das Sperrgebiet zogen und dort auch kontrolliert werden mussten. Stürmer Reiner Sesselmann, von 1994 bis 2006 Landrat von Sonneberg: "Man sah nicht gern, dass es in Grenznähe solche Menschenansammlungen gibt, und im Bezirk Suhl wurde mehr Wert auf den Wintersport gelegt. Fußball wurde nicht so gern gesehen von den Funktionären."

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MDR FERNSEHEN Sa 15.12.2018 16:30Uhr 00:57 min

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Man sah nicht gern, dass es in Grenznähe solche Menschen-Ansammlungen gibt, und im Bezirk Suhl wurde mehr Wert auf den Wintersport gelegt. Fußball wurde nicht so gern gesehen von den Funktionären

Reiner Sesselmann, damaliger Stürmer und von 1994 bis 2006 Landrat von Sonneberg

Ex-Spieler Jochen Neubeck glaubt: "Im zweiten Jahr wurden einige Tore nicht anerkannt. Durch Fehlentscheidungen von Schiedsrichtern. Da war der Abstieg besiegelt." Aber nicht alle Unparteiischen hielten sich an die politischen Vorgaben, wie etwa Glöckner, der 1970 das WM-Finale von Mexiko leiten durfte. Bislang ist er der einzige deutsche Final-Referee.

Das sensationelle erste Oberliga-Jahr

Zurück in die DDR-Oberliga sieben Jahre zuvor: Die Steinacher mauserten sich zu einem echten Favoritenschreck. Vor allem auf dem heimischen Fellberg mussten sich die Topklubs warm anziehen. Einzig Karl-Marx Stadt konnte dort beide Punkte entführen. Dagegen kassierte Chemie Halle ein 2:6, Dynamo Berlin ging mit 1:4 baden. "Die Gegner haben uns recht leicht genommen. Wir wurden unterschätzt, hatten aber auch Substanz. Und waren sehr motiviert", sagte Sesselmann.

Nach 16 Spielen stand Steinach auf einem unglaublichen zweiten Platz. Quasi Vize-Herbstmeister. Dann kam das Auswärtsspiel beim späteren Meister BSG Chemie Leipzig. Stammkeeper Klaus Heinzel wurde von Dieter Scherbarth böse gefoult, fiel danach Monate aus. Für ihn musste Feldspieler Ulrich Sperschneider in den Kasten, der in der 70. Minute von Kühn abgelöst wurde, Steinach verlor 0:3. Was Emil Kühn auch heute noch ärgert. "Das waren Holzhacker. Normalerweise muss der Spieler nach dem Foul vom Platz. Es gab aber nicht mal einen Verweis. Der Schiedsrichter hat uns verpfiffen." Danach gewann der krasse Außenseiter kein Spiel mehr, holte aber noch sechs Unentschieden. Und Platz sieben in der Endabrechnung. 

Ernst Leib Vater des Erfolgs

Trotz aller Widrigkeiten war das ein Riesenerfolg, der auch einen Vater hatte: Ernst Leib. Der kam 1956 nach Steinach, zunächst als Spielertrainer. Und ihm gelang 1961-63 der Durchmarsch von der 3. in die Oberliga. Zudem formte er Werner Linß zum Nationalspieler. Sein Geheimnis: Er arbeitete mit modernsten Trainingsmethoden. Reiner Sesselmann erinnert sich: "Die Leine des Trainers war kurz. Er hat darauf geachtet, dass wir vor den Spielen nicht zu lange unterwegs waren. Das hat er kontrolliert. Und er hat im Training Messungen gemacht. Er war ja im Fernstudium bei der DHfK, das nutzte er für seine Arbeit. Er kontrollierte, wie lange es dauerte es, bis der Spieler wieder normale Herzfrequenz hatte. Nur die fittesten Spieler durften dann auf den Platz.“

Steinach gegen Jena 9 min
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So 18.11.2018 13:11Uhr 09:01 min

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Der "gewollte" Abstieg

Das zweite sollte dann aber das letzte Oberliga-Jahr in Steinach werden. Und obwohl das Team von Trainer Leib am Ende Letzter wurde, hätte der Abstieg verhindert werden können. Für Emil Kühn war ein Knackpunkt die 1:2-Heimniederlage gegen Dynamo Berlin am drittletzten Spieltag. Kurz vor Schluss versemmelte Ulli Sperrschneider einen Elfmeter. Kühn ist sicher: "Hätten wir 2:2 gespielt, wären wir drin geblieben."

Gegenwart heißt achte Liga

Im folgenden Jahr verpassten die Mannen um Trainer Leib als Zweiter nur knapp den sofortigen Wiederaufstieg. Der Trainer verabschiedete sich danach, Steinach blieb noch bis 1975 in der zweithöchsten Spielklasse. Danach wurde die BSG zur Fahrstuhlmannschaft. Leib kehrte 1981 noch einmal zurück und schaffte mit Steinach den Sprung in die DDR-Liga. Nach der politischen Wende wurde aus der BSG der SV Steinach 08, aktuell spielt das Team in der Kreisoberliga Südthüringen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sport im Osten | 15. Dezember 2018 | 16:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Dezember 2018, 16:42 Uhr

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5 Kommentare

18.12.2018 09:45 Norbert L. 5

Zwei Anmerkungen:
Ich war 1963 von Jena nach Steinach gefahren; in Ernstthal war der Zug bereits überfüllt, in Lauscha konnte niemand mehr zusteigen. Die Lauschaer mussten nach Steinach laufen. Im Stadion stand ich auf dem Dach eines Wasserhochbehälters am Hang mit prima Aussicht, durch den Jubel der Zuschauer bin ich bei beiden Steinacher Toren in hohem Bogen vom Dach gefallen. Fantrennung war da noch ein Fremdwort, es ging friedlich zu. Nur dass ein ehemaliger Steinacher das Tor für Jena schoss, erregte etwas Grummeln. Der Stimmung zur Steinacher Kirmes tat es keinen Abbruch.
Bei einer Wanderung 2007 im Frankenwald erzählte der Wirt im oberfränkischen Rodeck, dass er sich damals als Steinacher Fan eine "Ost-Antenne" gebaut hatte, um die Berichterstattung im DDR-Fernsehen zu verfolgen!

15.12.2018 14:48 Mr. N. 4

Super Bericht! Danke mdr. Bitte mehr davon.

15.12.2018 14:36 Martin 3

Toller Beitrag MDR! Trotz meines 85er Jahrgangs ein sehr interessanter Bericht für mich. Gerne mehr davon!

15.12.2018 09:24 Gohliser 2

Zu der Zeit war ich im Kinderferienlager in Lauscha.
Die Unterkunft lag direkt an der Straße nach Steinach.
Am Spieltag (gegen Jena?) war angesichts der Autokarawane, der Busse und Motorräder ein Überqueren der Straße fast unmöglich. Die "Großen" durften auch zum Spiel. Leider war ich selbst noch in der kleinen Gruppe.

15.12.2018 05:51 Beuchaer 1

Nach der vielen, berechtigten Kritik ein großes Lob für diesen Beitrag. So viele Zeitzeugen wird es nicht mehr geben. Die Bilder vom vollen Stadion mit den vielen Zuschauern am Hang... große Klasse.

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