Kommentar zur neuen Machtlage beim DFB Nach Kochs Aus muss Winkler die Gunst der Stunde nutzen

Aller Anfang ist schwer, heißt ein Sprichwort. Beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) ist der Vorteil: Alles kann nur besser werden. Mit der Wahl von Bernd Neuendorf zum DFB-Präsidenten, der Entmachtung von Vize Dr. Rainer Koch und der Stärkung von NOFV-Boss Hermann Winkler sind die Voraussetzungen für den Neustart da. Jetzt gilt es, ehrlich mit der Vergangenheit zu sein. Koch hat die Ostklubs geknechtet. Durch seine Abwahl kann die Gleichberechtigung im deutschen Fußball wiederhergestellt werden.

Hermann Winkler, Präsident NOFV, an der HHL
Hermann Winkler wurde einstimmig ins DFB-Präsidium gewählt, ganz anders als sein größter Gegenspieler Dr. Rainer Koch. Bildrechte: imago images/Picture Point

Kochs Strategie gegen den Osten

Die wichtigste Frage für viele mitteldeutsche Traditionsvereine ist die nach der Drittliga-Aufstiegsregelung. So dürfen die Meister der Regionalliga-Staffeln Nordost, Nord und Bayern nur alle drei Jahre direkt in die 3. Liga hoch, während die Erstplatzierten in Südwest und West immer einen Freifahrtschein erhalten. Das ist eine klare Zweiklassengesellschaft, ein klarer Verstoß gegen den Grundsatz der Chancengleichheit und ein Armutszeugnis für einen Verband, wenn er nicht mal einen für jeden Fan nachvollziehbaren und fairen Spielbetrieb organisieren kann. Ein maßgeblicher Strippenzieher hinter dieser Regelung war Rainer Koch.

Dr. Rainer Koch, DFB Vizepräsident bei seinem Grußwort
Dr. Rainer Koch war in zahlreiche Skandale verwickelt, seine Gangart war oft grenzwertig. Bildrechte: IMAGO/Nico Herbertz

Seine Strategie war: Südwest und West mit Sonderrechten bestechen, Nord und Bayern die zwei schwächsten Regionalligen zuzugestehen und den Nordosten dafür bluten zu lassen. Und wer sich dagegen beschwerte, der wurde von Koch persönlich mit Nachrichten und Anrufen unter Druck gesetzt, das bloß nicht länger zu wagen. So brachte es NOFV-Präsident Hermann Winkler am Samstag bei "Sport im Osten" mit süffisantem Lächeln auf den Punkt: "Rainer Koch war ein unheimlich fleißiger Bursche. Viele Jahre hat er rund um die Uhr für den DFB gearbeitet, die Mails kamen nachts um zwei Uhr, abends um zwölf Uhr. Aber natürlich auch immer mit dem Interesse, was für Bayern und den Süden gut ist, und manchmal eben auch, was persönlich von Vorteil ist."

Winkler kann neue Positionen einbringen

Ab jetzt gilt es jedoch auch für den Ex-CDU-Politiker Winkler, die Gunst der Stunde zu nutzen. Seine Vorgänger waren in Frankfurt a. M. oft zu leise aufgetreten, hatten kein gutes Netzwerk und wurden deshalb über den Tisch gezogen. Jetzt wo mit Koch der größte Gegenspieler raus aus dem DFB-Präsidium ist, wurde der gebürtige Grimmaer gerade einstimmig bestätigt und bekam sein Aufgabengebiet aufgewertet. Statt Breitensport wie Altherrenfußball und Beachsoccer darf der NOFV-Präsident sich jetzt um Nachwuchsgewinnung und die Junioren-Bundesligen kümmern.

Dass mit Prof. Silke Sinning eine seriöse Persönlichkeit aus dem Süden für Koch im Präsidium Platz nimmt, die zusätzlich laut eigenen Worten bei ihrer Bewerbungsrede für "eine offene Diskussionskultur" eintritt, verändert die Verhältnisse schlagartig. Winkler kann nun seine Positionen einbringen, sagt: "Es ist wichtig, dass wir für unsere Themen Verbündete finden. Der Ostfußball hat eine Riesentradition, aber er hat es schwer, weil wir ganz andere wirtschaftliche Strukturen haben. Es wäre wirklich schön, wenn wir den Spruch, der Meister muss aufsteigen, endlich mal umsetzen. Mein einfaches Modell heißt fünf Aufsteiger, fünf Absteiger. Doch leider ist die 3. Liga wie ein closed Shop und da müssen wir nochmal kämpfen."

Für eine dauerhafte Aufstiegslösung braucht es Kreativität

Prof. Dr. Silke Sinning  DFB-Vizepräsidentin
Prof. Dr. Silke Sinning ersetzt Dr. Rainer Koch als DFB-Vizepräsidentin. Bildrechte: IMAGO/Revierfoto

Sein Vorteil: Auch in Bayern und im Norden fordern Spitzenklubs gleichberechtigte Aufstiegsregeln. Unwahrscheinlich ist aber Stand heute, dass das von Winkler favorisierte Modell sich durchsetzt. Vielmehr bedarf es der Kreativität des neuen DFB-Präsidiums, wie vier Regionalligen (für vier Aufsteiger) geschaffen werden können. Es gibt genug Spielraum, ohne die Nordost-Staffel in Gänze in Frage stellen zu müssen. Das muss nun endlich nicht mehr in Hinterzimmer-Lobby ausgeklüngelt, sondern kann auch demokratischer entwickelt werden. Ein wichtiges Argument in diesen Zeiten hoher Tankpreise: Die Fahrtstrecken für die Klubs innerhalb einer Liga dürfen nicht sehr viel größer werden.

Um Fans zu halten, benötigt es einen harten Kurswechsel

Bernd Neuendorf
Der Ex-SPD-Politiker Bernd Neuendorf ist der neue starke Mann an der Spitze des DFB. Bildrechte: IMAGO / Revierfoto

Kreativität braucht der DFB auch sonst. Der neue Präsident des größten Sportverbands der Welt, Bernd Neuendorf, erklärte in seiner Bewerbungsansprache passend: "Die Welt hat sich verändert, wir müssen uns verändern." Denn das Image an der Basis ist fatal. In einer aktuellen Meinungsumfrage der Universität Würzburg und Hochschule Ansbach stimmten 93,1 Prozent der 11.725 Befragten der Aussage zu, dass es der DFB-Spitze "nur um Macht und Geld" geht. Nur 4,9 Prozent bejahten die These, dass es den DFB-Funktionären um das Wohl des Fußballs geht. Und bei einem Drittel der Fans hat das Interesse der Fußball-Anhänger laut einer ähnlichen Studie in der Corona-Zeit nachgelassen. Neuendorf gesteht sich das ein: "Die Fans wenden sich ab, sie sind genervt vom DFB." Um das zu ändern, benötigt es einen harten Kurswechsel.

Marketing-Slogan für die DFB-Elf abschaffen - oder ändern

Dafür müssen die Gräben mit der DFL dauerhaft geschlossen und ein gemeinsamer Dialog mit den Fans geschaffen werden. Gerade laufen permanent Studien, wie sich die Breite der Fußball-Interessierten an der Kommerzialisierung stört. Sie sollte ernst genommen werden. Ein gutes Beispiel ist der verunglückte Marketing-Slogan "Die Mannschaft" für die deutsche Nationalelf. Experten raten dem DFB schon länger, daraus "Unsere (National-)Mannschaft" zu machen. Dies würde auch eine neue Identifikation für die Europameisterschaft 2024 im eigenen Land schaffen.

Den Nachwuchs wieder stärken

Kinder spielen Fußball
Der DFB ist auf einen Ansturm von Kindern nach der EM 2024 - gerade in Ballungszentren - noch nicht vorbereitet. Bildrechte: imago/Avanti

Doch auch dann geht es weiter. Neuendorf: "Die Vergangenheit zeigt uns, dass nach solchen Turnieren viele Kinder in unsere Vereine strömen. Sind wir darauf vorbereitet?" Winkler ist für diese Aufgabe vorgesehen und meint: "Das sind wir nicht. Es gibt zum Beispiel große Unterschiede zwischen den Ballungszentren und dem ländlichen Bereich. In den großen Städten wie Leipzig, Halle, Dresden, Chemnitz, Magdeburg sind die Vereine infrastrukturell und auch wegen fehlenden ehrenamtlichen Übungsleitern in Folge von Corona an ihren Kapazitätsgrenzen. Hier müssen unter anderem Fußballplätze und Hallen gebaut werden."

Der DFB muss international Farbe bekennen

FIFA-Präsident Gianni Infantino und Präsident Wladimir Wladimirowitsch Putin  mit dem WM Pokal, 2018
Autoritäre Herrscher suchen die Nähe zu WM-Pokal - wie hier Wladimir Putin bei "seinem" Turnier in Russland. Der DFB muss klarer Position gegen zwiespältige Gastgeber bekennen. Bildrechte: imago images/ULMER Pressebildage

Doch der Aufgabenzettel beim DFB endet auch hier nicht. Viel zu lange hat der deutsche Verband international die Augen zugedrückt, die deutschen Fans sind längst über UEFA und FIFA empört. Neuendorf sprach das Thema bei seiner Kandidatur auf dem DFB-Bundestag an: "Ich habe immer gesagt, dass ich die Vergabe der WM nach Katar kritisch sehe, einerseits aufgrund der Menschenrechtslage dort andererseits unter Nachhaltigkeitsaspekten." Will der DFB glaubwürdig dafür einstehen, muss er international gerade als größter Mitgliedsverband auf den Putz hauen. Schon 2018 fand die WM als Show- und Propagandaveranstaltung von Wladimir Putin in Russland statt. Der Ukraine-Krieg beweist, wie gefährlich es ist, Autokraten Bühnen frei zu geben. Nach Katar 2022 findet das Turnier 2026 in Kanada, den USA und Mexiko statt. Ein riesiges Gebiet mit gigantischen Flugstrecken – ökologisch höchst fragwürdig. Und der größte Hammer kommt erst noch. 2030 will der Schurkenstaat Saudi-Arabien mit Italien die WM ausrichten, die Nachbarschaft zwischen beiden Ländern ist bis heute ein Geheimnis.

Warum Neuendorf eine große Chance hat

Immerhin: Dem Ex-SPD-Politiker Neuendorf nimmt man seine Positionen erstmal ab. Er tritt souverän und eloquent auf – und er muss nach Kochs Abwahl nicht mit dem Schrecken seiner Vorgänger zusammenarbeiten. Winkler meint: "Ganz wichtig ist, dass Bernd Neuendorf nicht in den alten Strukturen und manche sagen ja auch in den alten Machenschaften des DFB verwickelt ist – das ist eine große Chance." Das Motto für den DFB sollte also lauten: Näher am Fan, näher an den Vereinen und näher an den Landesverbänden zu sein – und so auch näher am Osten.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sport im Osten | 12. März 2022 | 16:00 Uhr

5 Kommentare

AntiDFB vor 45 Wochen

Es gibt 3 Möglichkeiten:
Die einfachste wäre wenn es einfach 5 Absteiger aus der 3.Liga gibt, notfalls kann man sie auf 22 Teams aufstocken.
Die 2. Möglichkeit: RL Nord bleibt, RL Nordost bleibt, RL West besteht aus NRW + Hessen. Dann die RL Südwest mit BY RP BW SL. Somit gibt es nur noch 4 Regionalligen.
Oder man denkt wirklich über ne 2gleisige 3. Liga nach.
1.BL und 2.BL auf 20 Teams, je 4 Ab bzw Aufsteiger. 3. Liga 2 mal 18 Teams, 2 steigen auf und 2 steigen ab. Die 16. spielen den 5. Absteiger aus. Oder es steigen je 3 Teams aus der 3. Liga ab und man macht noch ne 6. Regionalliga

Micha R vor 45 Wochen

Kreativität des neuen DFB-Präsidiums zur Schaffung von 4 Regionalligen für 4 Aufsteiger?
Derartige Pläne gab es doch bereits in der Vergangenheit.
Nur liefen die auf eine Aufteilung der RL Nordost hinaus: Mitteldeutschland zur RL Bayern und der Rest zur RL Nord).
Alles andere wäre mit den starken Regionalverbänden im Süden und Westen innerhalb des DFB einerseits und der 3.Liga andererseits auch nicht zu machen gewesen.

Außerdem, die 4.Spielklassenebene stellt aktuell mit den 5 Regionalligen eine Zweiklassengesellschaft dar, denn zu ihr gehören sowohl Profivereine mit Zielstellung 3. Liga wie auch Viertligisten an, für die die Regionalliga selbst ihre Königsklasse istl

Eine echte Alternative zur verfahrenen Situation mit den 5 Regionalligen und nur 4 Aufsteigern wäre deren Ersetzung durch Bildung einer zweistaffeligen bundesweiten 4.Liga als einer weiteren Profiliga innerhalb des DFB (also unterhalb der 3.Liga und oberhalb der Oberligen).

Gernot vor 45 Wochen

Ob der Herr Winkler wirklich die Qualität besitzt, die Interessen des NOFV angemessen zu vertreten, sehe ich eher verhalten bis kritisch.
Zur Person Dr.Koch: Wer glaubt ,dieser Herr wäre durch seine Abwahl wirklich weg, ist naiv.
Er wird weiterhin alles versuchen, sich wieder in Stellung zu bringen bzw.irgendwie alte Machtbefugnis zurück zubekommen. Wahrscheinlich noch ungenierter und aus dem Hintergrund, denn er hat keine wirkliche Funktion mehr und muss daher auf nichts und niemanden Rücksicht nehmen.
Das Kapitel Dr.Rainer Koch ist noch lange nicht beendet.

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