Fanprojekte "Ich hoffe, die Fanprojekte bleiben erhalten"

DFB will Fanprojekte reformieren und Finanzierung reduzieren

Wie sieht die Zukunft der Fanprojekte aus? Der Deutsche Fußball-Bund fordet Reformen. Die Projekte fürchten, dass ihnen das Geld abgedreht wird. Zwischen den Fanprojekten und dem Verband ist ein Streit entbrannt. Offen kommuniziert wird vom DFB aber nur wenig.

Menschen auf einer Tribüne 2 min
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Fußball-Fan-Projekte sind mittlerweile fest verankert in den meisten Fanszenen in Deutschland. Ihre Arbeit wird allgemein anerkannt, nicht nur bei den Fans selber, sondern auch von der Politik und den Fußballverbänden. Denn Rassismus, Diskriminierung und Gewalt im Stadion hat in den letzten 20 Jahren spürbar abgenommen. Ex-DFB-Präsident Reinhardt Grindel hat vor ein paar Jahren gesagt, dass diese positive Entwicklung "auch der Arbeit der Fanprojekte zu verdanken ist."

DFB-Generalsekretär fordert Fanprojekt-Reformen

Auch DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius hat sich Mitte September positiv über die Fanprojekte geäußert: "Die Bedeutung der Fanprojekte für die Förderung und den Erhalt einer friedlichen, lebendigen Fan- und Jugendkultur ist allgemein anerkannt und steht auch für den DFB außer Frage." Aber dann formulierte der DFB-Generalsekretär zwei Sätze, die viele in der Fanszene aufgeschreckt haben: "Gleichwohl hat sich die Fanprojektlandschaft in den letzten Jahren stark verändert. Aus diesem Grund braucht es Reformen."

Finanzielle Einsparungen drohen

Und mit diesen Reformen sollen auch finanzielle Einsparungen bei den Fanprojekten einhergehen. Für Michael Gabriel, den Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte ist das keine Überraschung. "Das Thema schwelt schon seit zwei Jahren. Wir wissen, dass der DFB da etwas verändern will." Aber was verändert werden soll und warum, da hält sich der DFB bedeckt. Hinter verschlossenen Türen kommuniziert der Deutsche Fußball Bund offensichtlich eindeutiger. Im Protokoll der Referentensitzung der Sportministerkonferenz am 1. September steht ganz klar: Der DFB plant, seinen Anteil an der Finanzierung der Fanprojekte neu zu bewerten und anzupassen.

Transparent der Fans von Babelsberg, sie bangen um den Erhalt der Fanprojekte
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Projekte vorerst für zwei Jahre gesichert

Eine öffentliche Diskussion über das Thema gibt es nicht. In der letzten DFB-Präsidiumssitzung am 11. September hätten eigentlich Nägel mit Köpfen gemacht werden sollen. Es gab angeblich eine Beschlussvorlage, nach der die Fanprojekte in den nächsten drei Jahren nur noch 3 Millionen Euro pro Jahr vom DFB erhalten sollen. Darüber soll es laut einem Teilnehmer der Präsidiumssitzung eine lange Diskussion gegeben haben, die am Ende zu einem Aufschub der Entscheidung geführt hat. Für die nächsten zwei Jahre finanziert der DFB die Fanprojekte weiter – ohne Kürzung.

Fanprojekt-Sprecher Gabriel: Reformen ja, Kürzungen nein!

"Weder ich noch die Kollegen in den Fanprojekten glauben, dass das Thema damit vom Tisch ist", sagt Michael Gabriel. Deshalb geht er in die Offensive, betont im Interview mit dem MDR mehrfach, dass die Fanprojekte absolut kein Problem mit Reformen haben, dass sie ohnehin regelmäßig auf die Veränderungen im Fußball reagieren, damit ihre Arbeit wirksam bleibe. Schwierig sei eben nur die Verknüpfung von Reformen mit der Finanzierung. Die Botschaft ist klar: Die Fanprojekte können und wollen sich reformieren – aber das Geld darf nicht gekürzt werden. Allerdings tut sich der DFB sehr schwer, den Reformbedarf überhaupt zu benennen, geschwiege denn zu begründen.

SpiO Talk mit Michael Gabriel 20 min
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DFB-Sprecher: Zusammenarbeit neu abstimmen

"Es gab in den vergangenen Jahren große Veränderungen in der Fanarbeit der Vereine. Die Vereine der Bundesliga und 2. Bundesliga haben mittlerweile alle mehrere hauptamtliche Fanbeauftragte. Die Zusammenarbeit zwischen der Fanbetreuung der Vereine und den Fanprojekten sollte deshalb möglicherweise neu abgestimmt werden", beschreibt ein DFB-Sprecher einen Reformansatz. Allerdings ist diese Entwicklung nicht neu. Fanprojektmitarbeiter und die Fanbeauftragten der Vereine sind schon lange im intensiven Austausch. Vor zweieinhalb Jahren haben Sie sich in einem gemeinsamen Workshop ein Leitbild für eine funktionierende Zusammenarbeit gegeben. Nachzulesen auf der Internetseite des DFB.

Besondere Bedeutung der Fanarbeit in 3. Liga und Regionalliga

Dazu kommt: Die Fanarbeit der ersten und zweiten Bundesliga liegt im Finanzierungsbereich der DFL. Der DFB ist für die Fanprojekte der dritten Liga und den Ligen darunter zuständig. Und da sieht es auf Vereinsseite ganz anders aus, sagt Michael Gabriel: "Wir finden in der 3. Liga vielleicht nur bei jedem zweiten Verein überhaupt einen hauptamtlichen Fanbeauftragten und in der Regionalliga praktisch gar keinen mehr." Deshalb hätten "die Fanprojekte in diesen Ligen eine viel, viel größere Bedeutung." Sie würden vieles übernehmen, was die Vereine nicht stemmen können.

Beispiel Chemnitzer FC

Und deshalb gibt es große Sorgen über die weiteren Pläne des DFB. Angeblich soll die Regel-Finanzierung der Fanprojekte an die Spielklasse gekoppelt werden. In Liga drei würde dann regelmäßig finanziert, bei einem Abstieg dann gegebenenfalls nur noch projektbezogen. Am Beispiel Chemnitz lässt sich das gut festmachen: Der Verein stand monatelang in den Schlagzeilen wegen seiner Rechtsextremistischen Fangruppierungen. Nach dem Abstieg in die Regionalliga würde die Fanprojektarbeit möglicherweise nicht mehr im selben Umfang finanziert. Das Rechtsextremismus-Problem bleibt in der vierten Liga aber das Gleiche. Gerade in Ostdeutschland sind die Fanprojekte unterhalb der dritten Liga essentiell. Denn hier spielen neben dem Chemnitzer FC auch andere Traditions-Vereine mit problematischen Fanszenen: Energie Cottbus, Rot-Weiß Erfurt, Chemie Leipzig und Lok Leipzig.

Ein Raum für verfeindete Fans von Lok und Chemie Leipzig?

Christian Kohn, der Leiter des Leipziger Fanprojekts, bezeichnet seinen aktuellen Etat als "relativ eng. Wir müssen immer gut haushalten". Weitere Einsparpotentiale sieht Kohn im Moment nicht. Würde die Finanzierung durch den DFB reduziert, "müssten wir da einsparen, wo es richtig weh tut: In unserer alltäglichen Arbeit."  Konkret wäre die kontinuierliche Arbeit an Spieltagen vielleicht nicht mehr zu leisten, besonders bei Auswärtsspielen. Da gerade die Anhänger von Lok und Chemie stark verfeindet sind, gibt es für die verschiedenen Fanszenen auch eigene Räumlichkeiten als Anlaufstelle. Ein Konzept das sich bewährt hat – aber dann vielleicht nicht mehr zu bezahlen wäre. 

SpiO Talk mit Christian Kohn (Fanprojekt Leipzig) 13 min
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DFB-Pläne im Widerspruch zur Innenministerkonferenz

Im Moment gibt es bei der Finanzierung von neuen Fanprojekten einen Automatismus. Wenn Kommune und Land 50% finanzieren, muss der DFB die übrigen 50% nachschießen. Das ist dem DFB ein Dorn im Auge, deshalb will er in den nächsten zwei Jahren auch keine neuen Fanprojekte finanzieren. Allerdings ist die Finanzierung der Fanprojekte keine freiwillige Leistung des DFB. Es gibt nämlich eine Abmachung mit der Innenministerkonferenz aus dem Jahr 2012.  Damals war eine öffentliche Diskussion entbrannt über die hohen Kosten für Polizeieinsätze bei Risikospielen im Fußball. Einige Stimmen forderten eine Kostenbeteiligung der Vereine. Am Ende einigte man sich auf einen Deal. Demnach erwarteten die Innenminister, "dass DFB und DFL über die Erhöhung ihres Anteils für die gemeinsam finanzierten sozialpädagogischen Fanprojekte hinaus, einen festen Beitrag in Höhe von mindestens 10 Millionen Euro […] zur Verfügung stellen." Also jeweils fünf Millionen Euro für DFB und DFL. Nur wenige Zeilen weiter steht in dem Protokoll eine unverhohlene Drohung: Nämlich, dass bei "nicht ausreichender finanzieller Unterstützung der Gewaltprävention eine Kostenbeteiligung an Polizeieinsätzen in den Stadien angestrebt wird." Und das könnte für den DFB und die DFL sehr teuer werden.

DFB beantwortet Anfrage nicht

Nun finanziert der DFB die Fanprojekte derzeit mit 3,4 Millionen Euro. Fehlen also noch mindesten 1,6 Millionen Euro für die damals geforderten fünf Millionen Euro für Gewaltprävention. Die MDR-Anfrage, welche weiteren Projekte neben den Fanprojekten finanziert werden, hat der DFB nicht beantwortet. Vielleicht ein Erklärungsansatz, warum der DFB eine geplante Reduzierung bei der Finanzierung der Fanprojekte nicht offen kommuniziert.

Fanprojekt-Finanzierung am 22. Oktober Thema im Nationalen Ausschuss Sport und Sicherheit

Im Alleingang kann der Deutsche Fußball Bund seine angestrebten Reformen ohnehin nicht durchdrücken. Entschieden wird im Nationalen Ausschuss Sport und Sicherheit. Darin sind unter anderen die Sportministerkonferenz, der Deutsche Städtetag und die Innenministerkonferenz vertreten. Die nächste Tagung findet am 22. Oktober statt. Das Thema Finanzierung der Fanprojekte steht als Punkt fünf auf der Tagesordnung. Michael Gabriel wird für die Koordinationsstelle Fanprojekte ebenfalls an diesem Treffen teilnehmen. Schon jetzt formuliert er seinen Wunsch klar: "Ich hoffe, dass wir mit dem DFB und den Kommunen und den Bundesländern zu so guten Beschlüssen kommen, dass das System der Fanprojekte erhalten bleibt."

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR aktuell | 14. Oktober 2020 | 17:45 Uhr

3 Kommentare

Zwei gekreuzte Haemmer vor 2 Wochen

Wenn jeder Fan ein Sky-Abo hat und den Spieltag vor der Glotze verbringt, dann sind doch die Probleme, die die Fanprojekte lösen wollen, auch gelöst, oder?

Muzzi vor 2 Wochen

Man braucht wohl die Millionen, um die Steuerhinterziehung irgendwie zu finanzieren?
Was für ein erbärmlicher Haufen!

wwdd vor 2 Wochen

Ich nehme an, dort wo sowieso bald keine Fans mehr da sind, braucht man auch diese Projekte nicht.