Imke Wübbenhorst
Bildrechte: imago images / foto2press

Interview "Ich wollte nur, dass die dummen Fragen aufhören"

Sie wurde für den "Fußball-Spruch des Jahres 2019" nominiert und hat auch sonst eine Menge zu erzählen: Imke Wübbenhorst. Die 30-Jährige hat als erste Frau ein Männerteam in der Fußball-Oberliga trainiert, spielte selbst in der Frauen-Bundesliga für den HSV und Cloppenburg, machte vor kurzem ein Praktikum bei RB Leipzig. Wir haben mit ihr gesprochen.

Imke Wübbenhorst
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Natürlich nicht. Ich bin Profi.
Ich stelle nach Schwanzlänge auf.

Imke Wübbenhorst auf die Frage, ob sie eine Sirene auf dem Kopf tragen werde, damit ihre Spieler eine Hose anziehen könnten, bevor sie in die Kabine kommt.

„Ich stelle nach Schwanzlänge auf!“ – Haben Sie mal bereut, diesen Spruch rausgehauen zu haben?

Imke Wübbenhorst: "Nein, denn wenn du vernünftig antwortest und sagst, dass der Co-Trainer vorher reingeht und schaut, dann geht das immer weiter. Ich wollte mit dem Spruch nicht berühmt werden, sondern nur, dass die dummen Fragen aufhören. Das funktioniert am besten, wenn du einen guten Konter hast. Und der Spruch hatte gesessen. Danach wurde kurz gelacht, und ich wurde in Ruhe gelassen. Natürlich schwingt dabei immer auch die Angst mit, dass man nicht als kompetente Trainerin wahrgenommen wird, sondern als Gute-Laune-Bär oder Sprücheklopferin. Aber ein hartes Wort auf eine dumme Frage ist manchmal ganz gut."

Wie haben denn Ihre Spieler reagiert?

"Als der Spruch die Runde machte, bin ich relativ schnell zu den Jungs und habe ihnen klargemacht, dass mich selbstverständlich null interessiert, was sie in der Hose haben. Sie sollten nur bewerten, wie ich fachlich und zwischenmenschlich mit ihnen spreche, wie wir auf dem Platz arbeiten – nichts anderes. Ich wollte sie auf die 'Nebenkriegsschauplätze' vorbereiten, die dann unweigerlich kommen. Beispielsweise wenn sie dazu befragt werden. Sie sollten dann z.B. kontern: 'Jetzt weißt du, warum ich spiele!' Ein Spieler fragte mich dann, was er sagen soll, wenn er nicht spielt. Da haben wir gelacht, und das Thema war damit durch. Das fand ich toll." 

Im Dezember 2018 hatten Sie das Männer-Team übernommen. Da war Cloppenburg Tabellenletzter. Das war ein Job mit extrem hohem Risiko. Nicht zuletzt als Frau, oder?

"Um es mal beim Namen zu nennen: Es war ein Himmelfahrtskommando. Aber das war mir bewusst. Der Trainer war gegangen, weil kein Geld da war. Spieler konnten nicht bezahlt werden und gingen. Dann wurde der Kader mit A-Jugend-Spielern aufgefüllt. So war klar, dass es ganz schwierig wird. Aber ich sah darin die Chance zu zeigen, dass eine Frau mit Jungs arbeiten kann, dass es funktioniert. Ich dachte, autoritär genug zu sein, um mit ihnen arbeiten zu können. Wer die Spiele genauer gesehen hat, konnte sehen, dass die Mannschaft sich entwickelt hat. Wir haben nicht gebolzt, haben versucht, vernünftig hinten rauszuspielen. Der Altersdurchschnitt lag bei gerade mal 20,3 Jahren. Das waren fast alles 18-jährige Jungs. Nur unser Kapitän war 35 und hat den Schnitt gehoben. Von daher wusste ich, worauf ich mich einlasse. Aber ich wollte vielen Leuten zeigen, dass das auch mit einer Frau als Trainerin klappen kann."

War Ihnen bei der Entscheidung klar, was für ein medialer Hype da vor Ihnen lag?

"Nein. Damit hatte ich gar nicht gerechnet. Ich dachte: Wir leben im 21. Jahrhundert und sind alle weltoffen. Wir werden immerhin von einer Frau regiert, in anderen Gremien gibt es Quoten. Dass es beim Fußball nicht ganz so ist, war klar. Aber so einen Hype hatte ich nicht erwartet."

Da rackern Typen übers Spielfeld – und die Blicke und Kameras sind auf die Frau an der Seitenlinie gerichtet. Gekränkte Männerseelen sind da doch vorprogrammiert.

"Wenn man als Vorstand so eine Entscheidung trifft, muss man natürlich mit viel Gegenwind rechnen. Da gibt es immer gekränkte Eitelkeiten. Und dann wird Misserfolg immer auf diese eine Frau reduziert, und nicht auf den Kader oder andere Probleme. Im Fußball heißt es: 'Es war immer so!' Aber was immer so war, war nicht immer gut. Manche können halt nicht Schritt halten mit der normalen Gesellschaft, die auch immer im Wandel ist."

Wie war das in Cloppenburg? Waren Sie der Buhmann bzw. die Buhfrau, als der Abstieg feststand?

Das war da nicht so. Denn die Jungs waren mein Sprachrohr. Sie transportierten nach außen, dass sie im taktischen Bereich sehr viel gelernt haben. Vieles kannten sie aus der Jugend gar nicht. Auch bei den Zuschauern war es kein Problem. Wir hatten ja immer besonders viele, auch wegen mir als Trainerin. Da waren dann schon mal 800 oder 900 Zuschauer. In den Pressekonferenzen bekam ich viel positives Feedback über mein Coaching. Viele hatten vorher Bedenken, waren aber dann total zufrieden."

Blieb das so entspannt, weil Frauenfußball in Cloppenburg recht erfolgreich läuft?

"Der Frauenfußball spielte da keine Rolle. Es lag eher daran, dass der Verein nicht die große Auswahl hatte. Cloppenburg war damals nicht dazu in der Lage, einen externen Trainer zu bezahlen. Man suchte nach der besten Möglichkeit, die Mannschaft zusammenzuhalten. Also wollten sie einen Trainer aus dem Verein, der die nötige Qualifikation mitbringt. Dann stellten sie fest, dass sie Imke nehmen müssen. Das ist zwar eine Frau, aber sie hat die beste Qualifikation. Und entschieden hat das am Ende ein einziger Mann: der Notvorstand, der nicht mal aus dem Fußball kam. Er sagte: 'Imke bringt die beste Qualifikation mit, ist auch noch Lehrerin für Sport und Biologie. Deshalb macht sie das jetzt für uns!' Dann wurde aber ein neuer Vorstand gewählt, der ganz klar kommunizierte, dass eine Frau nicht seine Wahl gewesen wäre. Ohne Begründung."