Fußball | Bundesliga "Der Videoassistent ist gescheitert"

Er sollte den Fußball gerechter machen und entpuppt sich immer mehr als eine Lachnummer. Die VAR-Absurditäten haben in der vergangenen Woche einen neuen Höhepunkt erreicht. Alexander Küpper kommentiert.

Der VAR ist gescheitert. Endgültig. Er hat den Fußball nicht gerechter gemacht, er hat den Fußball ins Chaos gestürzt. Was Millionen von Fußballfans seit Jahren wissen, zeigt diese Woche in Pokal und Bundesliga mit schonungsloser, nie dagewesener Eindrücklichkeit. Einst angetreten, um 100-prozentige Fehlentscheidungen auszumerzen, verliert sich der VAR in Graubereichen und Auslegungsfragen und lässt Spieler, Trainer und Fans in einem rechtsfreien Raum zurück.

Zwei Entscheidungen bei RB Leipzig vs. Union Berlin

Beginnen wir im Pokal-Halbfinale in Leipzig. Union Berlin führt mit 1:0, als Nkunku im Strafraum fällt. Schiedsrichter Brych pfeifft zunächst nicht. Review-Area! Warum es die überhaupt gibt, wenn der VAR wie einst mal versprochen nur glasklare, unzweideutige Fehlentscheidungen korrigieren will, bleibt das Geheimnis der Regelhüter. Sie ist ein Widerspruch in sich, aber das nur am Rande. Brych korrigiert seine Entscheidung. Ja, Nkunku wird getroffen, zweimal sogar. Entscheidet Brych aus dem Spiel auf Strafstoß ist das absolut vertretbar. Aber per VAR? Der erste Kontakt ist minimal, vor dem zweiten hat Nkunku schon begonnen, zu fallen. Ein Graubereich, ein klassischer Kann-Elfmeter, aber ein Fall für den VAR? Niemals!

RB Leipzig - Union Berlin 2 min
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2 min

Zum dritten Mal innerhalb von vier Jahren hat es RB Leipzig ins Endspiel um den DFB-Pokal geschafft. Man des Abends war Emil Forsberg mit seinem Siegtreffer in der Nachspielzeit.

Mi 20.04.2022 23:03Uhr 02:17 min

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Video

Endgültig absurd wird das Ganze nur 4 Tage später, gleicher Ort, gleiches Spiel, anderer Wettbewerb. Am Samstag war Union Berlin wieder in Leipzig zu Gast und wieder wurde diskutiert. In der 59. Minute trifft Nordi Mukiele Niko Gießelmann am Knie. Ein klarer Fall: Elfmeter. Spätestens nach Ansicht der Bilder. Denkste: Schiedsrichter Schlager bleibt auch nach Besuch der Review-Area bei seiner Entscheidung und lässt nicht nur Union Berlin fassungslos zurück.

Schiedsrichter beim Videoassistenten
VAR greift im Pokalspiel RB Leipzig gegen Union Berlin ein. Bildrechte: IMAGO / Picture Point LE

Weitere Beispiele in der Bundesliga

Vergleicht man die Szenen von Mittwoch und Samstag, fragt man sich unweigerlich: Hat der VAR die Spiele gerechter gemacht? Antwort: klares Nein. Hat er für viel Verwirrung, Spielverzögerung, Frust und Ärger gesorgt? Ja! Und dieser Bundesligasamstag hatte noch mehr zu bieten.

Freiburg gegen Gladbach, wenige Sekunden gespielt. Nicolas Höfler grätscht und bekommt den Ball an die Hand. Kein Elfmeter sagt Schiedsrichter Benjamin Brand. Vorerst. Und ändert seine Meinung in der Review Area. Ja, Höflers Handhaltung sieht blöd aus, ist aber völlig normal. Klare Absicht? Auf keinen Fall. Wer in seinem Leben einmal in vollem Lauf zur Grätsche angesetzt hat, der weiss: Diese Handhaltung ist nicht unnatürlich. Sagt sogar Gladbach-Trainer Adi Hütter. Zitat: "Das ist eine natürliche Bewegung von Höfler, da kann kein Mensch was dafür".

Szene zum Elfmeter.
Handspiel von Nicolas Höfler führt zum Eingreifen des VAR. Bildrechte: IMAGO / Jan Huebner

Wo sind wir mittlerweile angekommen, wenn der VAR für Entscheidungen sorgt, die selbst der profitierende Trainer für falsch hält? Der Gipfel des VAR-Versagens dann am Abend in München. Pavard grätscht Bellingham ab und trifft klar den Gegner, erst späte den Ball. Zweifellos Strafstoß! Video-Assistent Marco Fritz sieht das anders, greift nicht ein. Am Tag darauf erklärt Schiedsrichter Daniel Siebert einsichtig: "Strafstoß wäre die richtige Entscheidung gewesen." So weit, so unverständlich. Besonders grotesk: Siebert geht nicht raus in die Review-Area, guckt sich die Szene nicht nochmal an. Warum nicht? Der BVB und Fußballdeutschland bleiben ratlos zurück.

"Zurück zur Tatsachenentscheidung"

Der VAR-Willkür ist nicht mehr nachvollziehbar. Der Videoassistent macht den Fußball nicht gerechter, er verlagert die Probleme lediglich auf eine andere Ebene. Am Ende bleibt es fast immer Auslegungssache, am Ende wird trotzdem diskutiert. In den letzten 5 Jahren seit VAR-Einführung mehr als je zuvor.

Der Fußball gewinnt nichts. Und verliert so viel. Nicht zuletzt den goldenen, ekstatischen Moment des Torjubels, der längst nicht mehr so emotional ist wie früher, weil im Hinterkopf immer die Review-Area droht, weil auch vertretbare Entscheidungen nachträglich als falsch eingestuft werden könnten. Der VAR ist gescheitert. Bitte gebt uns die Tatsachenentscheidung zurück! Bitte gebt uns den Fußball zurück, in den wir uns alle mal verliebt haben!

Videos und Audios zur Fußball-Bundesliga

Xaver Schlager
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Das Bild zeigt RB-Leipzig-Neuzugang Xaver Schlager bei der ersten Trainingseinheit
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Pressekonferenz Xaver Schlager
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1 min

Bei seiner Vorstellung bei RB Leipzig stellt Xaver Schlager eine einfache Rechnung auf: Wenn man alle Spiele gewinnt, springt am Ende ein Titel raus.

Mi 06.07.2022 15:32Uhr 01:18 min

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34 Kommentare

Udo841 vor 10 Wochen

Das führt nur dazu, daß die Mannschaften sich noch tiefert stellen.
Ich frage mich eher, wo der Vorteil für die Mannschaft liegen soll, wenn der Linienrichter das Abseits nicht sieht ?

Udo841 vor 10 Wochen

Das Problem ist nur, daß das Spiel ohne VAR
ja weiter läuft. Wie soll der Schiri sich das ansehen können ?
Oder spll sich der Schiri jede Entscheidung sich ansehen ?

Reisender vor 10 Wochen

M.Gräfe hat dazu ein sehr gutes Interview am WE bei einem Sportsender gegeben. Das war schon starker Tobak, nur möchte das nicht jeder gern hören. Und die für mich beste Erklärung hatte Jan Age Fjörtoft in einer Sportsendung am Sonntag. Der Satz begann mit: der Blinde ……
Findet man in Netz.
Ob da nicht wirklich ein bissel Wahrheit dahinter steckt?
@ Voice , bei der VAR-Frage geht es nicht ums Rumwälzen oder Zeit schinden, es geht um spielbestimmende Entscheidungen, die nicht revidiert werden.

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