Fußball Hohe Ablösesummen für Jugendspieler - Nachwuchs-Fußball wird zum Geschäft

Seit Jahren nehmen Transfers zwischen Nachwuchsleistungszentren zu. Jetzt kauft Mainz 05 den 16-jährigen Torwart Pit Zuther vom 1. FC Magdeburg für 85.000 Euro. Der Fall ist symptomatisch für den heutigen Talentehandel.

Symbolbild: Geld regiert den Fuߟball - Euroscheine flattern durch Stadion.
Geld spielt auch im Nachwuchs-Fußball eine immer größere Rolle. Bildrechte: imago/INSADCO

Trotz der Corona-Krise scheint es im Fußball finanziell kaum Grenzen zu geben: Mit Mainz zahlt ein mittelklassiger Bundesligist nun 85.000 Euro, um U17-Torwart Pit Zuther aus Magdeburg zu holen. Dieser Betrag stand als Ausstiegsklausel im Vertrag des minderjährigen Kickers. Dabei muss erwähnt werden, dass es vor 20 Jahren noch verpönt war, wenn sich Nachwuchsleistungszentren untereinander Spieler abwerben. Heute ist es eher der Standard. "Sport im Osten" sprach mit dem Ex-Junioren-Nationalcoach Frank Engel und analysiert, was im deutschen Nachwuchs falsch läuft. Außerdem berichtet ein Insider Details.

Engel: "Oft nur schwer nachzuvollziehen"

"Ich bin einem Alter, wo mich nichts mehr schockt", meint Trainer-Legende Engel. Als "Sport im Osten" ihn nach seiner Einschätzung zu Wechseln wie dem von Zuther fragt, setzt der 70-Jährige aber einen strengeren Ton an: "Keiner hat eine Garantie, dass der Junge einschlägt. Ob das der richtige Schritt ist, wird sich zeigen. Zumindest erhält der 1.FC Magdeburg aber eine solide Ausbildungsentschädigung. Mainz war zu meiner Zeit als U-Nationaltrainer wohl eines der wirklich starken Nachwuchsleistungszentren. Man kann diese frühen Wechsel im Nachwuchs aber oft nur schwer nachvollziehen und sie auch kaum verhindern, weil auch der Nachwuchs-Fußball immer mehr ein Geschäft wird."

Da die Marktwerte und damit Ablösen für junge Talente in den letzten Jahren explodiert sind, wurde der Kampf um die besten Kicker des Landes entfesselt. "Man erkennt bei 15-Jährigen schon, wer in einer Rangliste unter den Top-10 in Deutschland ist. Dass sich die großen Vereine beizeiten um diese Spieler bemühen, ist einerseits verständlich. Ob es immer für die Entwicklung der Spieler richtig ist, ist eine andere Seite. Mich stört mehr, dass die Klubs sich mittlerweile um die Nummern 20 bis 80 streiten. Die Leistungsdichte ist nämlich so eng, dass je nach Tagesform die Nummer 23 von heute bereits morgen die 79 sein kann. Da sind große Leistungsverschiebungen ganz normal", erklärt der Experte. Engel war ab 2009 fünf Jahre lang genau in dieser Altersklasse verantwortlicher DFB-Trainer und weiß, wovon er spricht.

Frank Engel
Ex-Junioren-Nationalcoach Frank Engel. (Archiv) Bildrechte: imago/Schwörer Pressefoto

"Bei Kritik vom Trainer wird der Spieler zum nächsten Klub hofiert“

Nach Informationen von "Sport im Osten" wechseln zwei weitere Spieler der FCM-U15 nach Hannover und Bremen. Dabei sollen sie nicht mal die besten ihrer Mannschaft gewesen sein. "Mir gefällt die hohe Fluktuation überhaupt nicht. 17- oder 18-Jährigen, die im dritten oder vierten Nachwuchsleistungszentrum spielen, kann das nicht helfen", moniert Engel und fordert: "Die Vereine sollten mehr Geduld mit den Spielern haben und auch die Spieler mit sich selbst. Leistungssport ist kein Zuckerschlecken. Da geht es auf und ab. Sich durchzubeißen, muss man lernen."

Die Klubs würden das Wesentliche aus den Augen verlieren. "Es geht immer noch um die individuelle Ausbildung und nicht darum, Teams zusammenzustellen, die Titel im Jugendbereich holen", rüffelt Engel das Verhalten der Profivereine. Denn dieses ruft auch die Berater zusätzlich auf den Plan, wie der ehemalige Übungsleiter durchblicken lässt: "Wenn ein Junge von seinem Trainer kritisiert wird und sich beleidigt fühlt, hofiert ihn der Berater ins nächste Nachwuchsleistungszentrum." Während in Mitteldeutschland vor allem RB Leipzig den Talentemarkt anheizte, kreisen immer mehr Berater auch um kleinere Nachwuchsschmieden.

DFB-Regeln werden umgangen – Berater umgarnen 13- bis 15-Jährige

Im Übergang zur U16 geht es für die Talente um den sogenannten Jugendfördervertrag. Denn davor dürfen die Jugendlichen noch kein Geld bekommen - zumindest nicht offiziell. Ein Mitarbeiter eines ostdeutschen Nachwuchsleistungszentrums, der namentlich nicht genannt werden will, erzählt: "Tatsächlich ist es aber so, dass bei herausragenden Spielern die Entlohnung zuvor auf den Namen eines Elternteils läuft oder ein Spieler kann auf Mini-Job-Basis schon früher ein paar Hundert Euro monatlich dazu verdienen." Wie in diesem Beispiel umgehen die Klubs also teils juristische Regeln – oder auch die des DFB. Gerade das Ringen um die Jugendförderverträge ist heiß. "Schon ab der U13 schwirren Berater zwei Jahre um die Jungs herum, damit sie dann bei Vertragsabschluss wirtschaftlich profitieren", verrät der Angestellte.

Ex-Profi-Coach Frank Engel bestätigt diese Eindrücke: "Es gibt sogar Berater, die die Spieler zwischenzeitlich monatlich mit kleinen Honoraren bezahlen, nur um sie auf ihrer Liste zu haben. Zu viele wollen ein Trittbrett finden, um mit Fußball ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Das ist schon Wahnsinn. Vor allem in den jüngeren Jahrgängen sollten eigentlich die Trainer die Berater sein." Entscheidend ist das Datum 30. April. Laut DFB-Regeln dürfen erst dann fremde Vereine an den U15-Spieler herantreten, bis dahin hat der eigene Klub die alleinige Chance, dem Spieler ein Angebot zu unterbreiten. Doch auch hier gibt es reihenweise Verfehlungen. Die Berater sammeln die Offerten anderer Klubs inoffiziell bereits im Vorfeld. Ist der Vertrag beim eigenen Nachwuchsleistungszentrum nicht rechtzeitig unter Dach und Fach, wird der Ausbildungsverein am 1. oder 2. Mai bereits mit dem feststehenden Abgang konfrontiert.

"Eltern träumen von Millionärs-Söhnen"

Warum aber unterstützen die Eltern Wechsel ihrer Kinder quer durch Deutschland? Engel stellt fest: "Viele haben falsche Vorstellungen. Wenn ihr Junge mit 15 Jahren erstmals das DFB-Trikot trägt, stehen einige draußen und glauben, dass ihre Söhne in fünf Jahren Millionäre sind." Der Leipziger hat die ernüchternden Zahlen parat: Zwei bis drei würden es pro Jahrgang bundesweit in die Nationalmannschaft schaffen, etwa zehn bis zwölf in die Bundesliga – und die Spätzünder kommen da ja erst noch dazu.

Sein Rat an die Erziehungsberechtigten: "Man sollte die Gesamtpersönlichkeit seines Jungen betrachten, immer an eine duale Karriere denken. Charakter schlägt Talent, sage ich immer. Daher sollten sich Eltern nicht von großen Geldscheinen blenden lassen, sondern aufs soziale Umfeld schauen. Es ist immer vorteilhaft, sein Kind in der eigenen Nähe zu haben. Beim Übergang in den Männerbereich ist wichtig, zwischen 19 und 21 Jahren regelmäßige Spieleinsätze zu haben - und nicht bei namhaften Klubs nur auf der Bank zu sitzen." Kurz: Das heimatnahe Nachwuchsleistungszentrum ist oft das Bessere.

Dynamo verliert Eigengewächs an Gladbach

Auch bei Dynamo Dresden gibt es erneut einen Verlust, der Fragen aufwirft. Denn die Schwarz-Gelben offenbarten in den vergangenen Jahren deutschlandweit mit die höchste Durchlässigkeit zum eigenen Profiteam. Dennoch wechselt der 17-jährige Ryan Don Naderi, der sechs Spielzeiten bei der SGD verbrachte, zur U19 von Borussia Mönchengladbach. "Dynamo hat sich gut entwickelt, hat mit dem neuen Trainingszentrum super Voraussetzungen. Aber die Erstligisten ziehen mit ihrer Spielklasse und den großen Zahlen", beurteilt Engel den Fall skeptisch. Wie es Kevin Ehlers und Ransford Königsdörffer beeindruckend vorgelebt haben, hätte der Weg für Don Naderi zum Profi kaum kürzer sein können als in Dresden und doch sucht der Mittelstürmer das Weite. Umso spannender wird, ob er sich durchsetzen kann.

Ryan Don Naderi jubelt
Von Dresden nach Mönchengladbach: Ryan Don Naderi. (Archiv) Bildrechte: IMAGO / Nico Paetzel

Zwei Fälle der Vergangenheit zeigen einen unterschiedlichen Ausgang. Der gebürtige Riesaer Maximilian Arnold verließ Dynamo nach drei Jahren früh Richtung Wolfsburgs U17 und ist heute ein Bundesliga-Star. Als 14-Jähriger versuchte der Dresdner Patrick Pflücke sein Glück in Mainz. Seine Eltern sollen damals selbst Jobs dort bekommen haben. Der Erfolg blieb überschaubar. Pflücke spielte lange niedriger als Dynamo selbst, erst jetzt kämpfte sich der offensive Mittelfeldmann bei Roda Kerkrade mit 13 Toren und fünf Vorlagen in der zweiten holländischen Liga wieder zurück ins Rampenlicht

Kann und muss der DFB jetzt durchgreifen?

Bleibt die Frage, ob der DFB die ausufernden Entwicklungen im Nachwuchsfußball nicht doch strenger regulieren kann. Ein Beispiel wäre, dass ein Verein den Status als Nachwuchswuchsleistungszentrum einbüßt oder zumindest mit weniger Sternen und Fördermitteln prämiert wird, wenn die Fluktuation von Talenten über einen bestimmten Zeitraum zu hoch ist. So wäre quasi eine indirekte Begrenzung von Transfers im Jugendbereich theoretisch umsetzbar. Praktisch dürften gerade die großen und mächtigen Klubs wie Bayern, Dortmund oder RB solche Regelungen blockieren.

Frank Engel glaubt jedenfalls nicht daran: "Das lässt sich auch durch den DFB  nur schwer beschränken und ist auch ein gewisser Freiheitsgrad. Schließlich zählt da das europäische Recht. Dennoch sollte mit derartigen Entscheidungen seriös und verantwortungsbewusst umgegangen werden.  Der Spieler muss im Mittelpunkt stehen, für ihn sollte die beste Entscheidung getroffen werden. Fakt ist, dass die Vereine sich teilweise solidarischer untereinander zeigen könnten. Und da ist jedem das Hemd näher als die Hose. Aber es gibt auch noch die internationalen Fänger."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR aktuell | 06. Juli 2021 | 19:30 Uhr

12 Kommentare

Maza vor 21 Wochen

Nochmal, es ist kein Schwachsinn!!! Die Nachwuchsmannschaften des HFC spielen 1. Bundesliga,trotz Konkurrenz vom Brauseverein. Und ich glaube, dass Wort "vergammelt "sollte man besser bei Lebensmitteln benutzen.
Den Vorschlag mit dem Tee, von Lifad, finde ich gar nicht so schlecht. Probier es einfach mal.

Lifad vor 21 Wochen

Mensch Jochen ... was für eine substanzlose und niveauarme Antwort.
Es sei dir aber verziehen. Manche können halt nicht anders, als in einem
einzigen bedeutungslosen Satz, ihren vollumfänglichen Intellekt zur Schau zu stellen.
Auch wenn ich bezweifle das es ankommt ...
trotz immer wieder schwerwiegender Verluste durch Abwerbung in den Jugendmannschaften, spielen die U17 und die U19 des HFC in der 1.Bundesliga (extra für dich: das ist die höchste Spielklasse im deutschen Fußball),
also lass solch einen Wortschatz, wie "vergammeln" besser weg, passt einfach überhaupt nicht.
Vielleicht solltest du zur Abwechslung mal einen netten Zitronengrastee trinken (soll die Denkfähigkeit verbessern ;) ).

Gernot vor 21 Wochen

RB hier wieder den schwarzen Peter zuzuschieben ist Blödsinn. Die Clubs in Liga 1 und 2 nehmen sich da nichts. Unsere Jugend ist in Sachen Kritik an sich äußerst empfindlich. Wenn Ihnen nun noch eingeredet wurde, wie toll sie sind - als geborene Stars, wird es mit der " Bodenhaftung " sehr eng. Den Rest besorgen die Berater. Fragt mal einen Nationalspieler der 70/80iger Jahre ( egal ob Ost oder West) wie es damals lief.....