Podcast | "Themengrätsche" Fan-Forscher Gabler: Entfremdung des Profi-Fußballs "eine realistische Gefahr"

Bald könnte der Ball wieder durch die Fußball-Stadien rollen. Die 36 Vereine der 1. und 2. Bundesliga warten darauf, dass die Politik grünes Licht sendet. Und klar ist schon jetzt: Wenn es eine Fortsetzung der Saison gibt, dann nur mit Geisterspielen. Für die Fans ein Dilemma: Eigentlich lehnen sie Partien vor leeren Rängen ab – sie wissen aber auch, dass viele Klubs nicht überleben würden, sollte es keinen Spielbetrieb geben. Die organisierte Szene fordert in diesem Zusammenhang grundlegende Veränderungen im Profi-Bereich, weg vom Kommerz. Wie realistisch ist das? Darüber haben wir in der "Themengrätsche", dem Sport-im-Osten-Podcast, mit einem Fanforscher diskutiert. Außerdem besprechen wir mit der BAG Fanprojekte Vorverurteilungen von Fußball-Fans im Zuge der Geisterspiel-Debatte.

Gabler: "Geisterspiele eine erhebliche Umstellung"

"Für viele Fans werden Geisterspiele eine erhebliche Umstellung sein", sagt Jonas Gabler. Er beschäftigt sich wissenschaftlich mit Fans. Das Erlebnis rund um ein Spiel, im Stadion, die Stimmung dort – all das falle weg. Nicht nur deshalb steht "die Mehrheit" Geisterspielen auch skeptisch gegenüber, so Gabler. Auch aber, weil der Profi-Fußball mit einer Saisonfortführung mit solchen Spielen eine Sonderrolle beansprucht und sich von der Gesellschaft abkoppelt. Und trotzdem sei den Fans bewusst, dass es bei den Bundesliga-Klubs kurzfristig ohne Geisterspiele nicht geht.

Gesiterspiel Borussia Mönchengladbach - 1. FC Köln am 21. Spieltag, im Borussia-Park.
Borussia Mönchengladbach - 1. FC Köln Bildrechte: Dehli News

Fan-Szene fordert Veränderung des Profi-Fußballs

Insgesamt aber fordert die Fan-Szene in diesen Krisen-Tagen eine grundsätzliche Veränderung des Profi-Fußballs. Eine Gesundung. Weniger Kommerz, mehr Nachhaltigkeit. Ein Dialog darüber finde gerade statt, so Fanforscher Gabler. Ob dabei am Ende ein aus Sicht der Fans positives Ergebnis herauskommt, mag auch er nicht vorauszusagen. Gabler hält es sogar für "eine realistische Gefahr", dass sich die Entfremdung sogar noch fortsetzt. "Wenn Vereine nun in finanzielle Schieflage geraten, kann der Ruf nach externen Investoren größer werden. Verbunden mit der Idee 50+1 auszuhebeln." Aber das müsse nicht sein, es könne auch in die andere Richtung ausschlagen.

Den organisierten Fußball-Fans geht es also um Grundsätzliches und nicht nur um die Infragestellung von Geisterspielen. Trotzdem müssen sich Fans mit Geisterspielen irgendwie auseinandersetzen – denn sie werden den Profi-Fußball, sollte der Betrieb wieder laufen dürfen, eine ganze Weile begleiten. Was bedeutet das für die Anhänger, auch für die jugendlichen und heranwachsenden?

Gerschel: "Der Austausch und die Freunde fehlen"

Mit dieser Frage beschäftigen sich auch die Fanprojekte. Fanprojekte sind sozialpädagogische Einrichtungen der Jugendhilfe und begleiten deutschlandweit vor allem junge und heranwachsende Fußball-Fans. Sie kommunizieren an verschiedenen Standorten zwischen an allen am Fußball beteiligten Parteien (Vereine, Fans, Behörden) und arbeiten vereinsunabhängig. Sophia Gerschel ist die Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) der Fanprojekte. "Enge Verbindungen in den Fußball-Gruppen fallen weg, der Austausch und die Freunde fehlen", sagt Gerschel. Eine große Herausforderung, die die Fans aber "bislang gut meistern. Für Jugendliche zuhause zu bleiben, das ist nicht leicht."

Dies werde insgesamt gesellschaftlich zu wenig honoriert, sagt Sophia Gerschel. Stattdessen gebe es Vorverurteilungen, und zwar aller Fußball-Fans. Die Deutsche Fußball-Liga und die Gewerkschaft der Polizei hatten in den vergangenen Tagen Befürchtungen geäußert, dass es zu großen Fan-Ansammlungen vor den Stadien bei möglichen Geisterspielen kommen könnte. "Man kann nie für alle Fans sprechen", führt Gerschel aus, "aber sie als Gefahr zu sehen und als Drohkulisse einen Spielabbruch aufzubauen, das ist nicht richtig."

Geisterspiele
Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Wie lange werden Fußball-Fans Geisterspiele akzeptieren?

Wie man Fußball-Fans wertschätzt, wie man sie mitnehmen kann in eine schwierige Zeit mit Geisterspielen, dazu äußert sich Gerschel im Podcast. Mit ihr und mit Fanforscher Jonas Gabler diskutieren wir auch über Fragen wie: Wie lange werden Fußball-Fans Geisterspiele akzeptieren? Und welche Folgen könnte das für die Fankultur haben?

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR aktuell | 30. April 2020 | 21:40 Uhr

2 Kommentare

Matos vor 25 Wochen

Genau Gerald. Mich ko****t die Präsentation und Vermarktung an. Tausende Einstellungen von unterschiedlichen Kameraperspektiven, wenn ein Tor fällt; links, rechts, oben, unten, Trainer, etc, um ja viel Werbung zu platzieren. Ich frage mich, wie das noch weiter gehen soll. Will man in Zukunft auch Aufnahmen von Fanjubel auf Toiletten zeigen, wenn ein Tor fällt? Der Profifußball ist geprägt von einem ständigen Mehr und Schneller. Ich bin einfach nur genervt davon, obwohl ich diesen Sport einst selbst gespielt und geliebt habe. Mit Wehmut denke ich an alte Bundesliga- und DDR-Oberliga-Zeiten zurück.

Gerald vor 25 Wochen

Der Profifußball habe fertig! Die Gier hat den schönen Sport kaputt gemacht!