Fußball | Bundesliga RB Leipzig: Nagelsmann hadert mit der "unschönen Seite des Videobeweises"

Korrekt, aber sinnlos: Julian Nagelsmann wusste sofort, wie er die Handspielauslegung von Schiri Manuel Gräfe gegen Yussuf Poulsen am Freitagabend einordnen sollte. RB jedenfalls kostete sie Nerven und zwei Punkte, die den nächsten Rückschlag im Titelkampf bedeuteten.

:Schiedsrichter Manuel Gräfe / Graefe entscheidet durch Videobeweis; Kein Tor in den Schlusssekunden der Nachspielzeit durch Yussuf Poulsen (9, RB Leipzig).
Schiedsrichter Manuel Gräfe entscheidet durch Videobeweis: Kein Tor in den Schlusssekunden der Nachspielzeit durch Yussuf Poulsen. Bildrechte: Picture Point

Ein Tor aberkannt, statt 1:0 weiter mit 0:0. Statt drei Punkten nur einer. Innerhalb weniger Sekunden vom siebten Himmel auf den Boden der Tatsachen. All das haben die Bundesliga-Profis von RB Leipzig am Freitagabend gegen die TSG Hoffenheim erlebt. Der Treffer vom Yussuf Poulsen in der Nachspielzeit wurde zunächst gegeben, bevor ihm Schiedsrichter Manuel Gräfe nach Studium der Zeitlupe die Anerkennung doch noch versagte.

Nagelsmanns Unverständnis

RB-Trainer Julian Nagelsmann drückte nach dem Spiel ausführlich sein Unverständnis aus. "Die Handspielregel wurde korrekt angewandt, auch wenn sie für Fußballer keinen Sinn macht. Wir hatten letztes Jahr gegen Hoffenheim einen Elfmeter kassiert, der zurückgenommen wurde. Basierend auf der gleichen Regel, die da auch schon keinen Sinn gemacht hat", führte der Fußballlehrer aus und legte nach: "Da sieht man die negative Seite des Videobeweises. Weil du da von der maximalen Emotion auf die minimale runtergeschraubt wirst. Man darf nicht jubeln, sondern muss lange warten. Das macht den Sport zwar fairer, aber nicht schöner. Erst recht nicht, wenn man nicht die drei Punkte kriegt."

Julian Nagelsmann, Trainer RB Leipzig, spricht während Pressekonferenz.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Man darf nicht jubeln, sondern muss lange warten. Das macht den Sport zwar fairer, aber nicht schöner."

Julian Nagelsmann, Trainer RB Leipzig

Hoffenheim-Coach Hoeneß zeigt Verständnis für Nagelsmann-Ärger

Ganz anders erlebte die TSG die Schlussphase. Aus einer totalen Enttäuschung wurde pure Freude. "Aus meiner Perspektive sah es wie ein reguläres Tor aus. Ich hab den Kopfball gesehen und die Hand nicht. Umso schöner war es, als es zurückgenommen wurde, auch wenn ich Julian verstehen kann, dass es aus Sicht von RB brutal ist, wenn du dich freust und die Emotionen übersprudeln, und das Tor dann zurückgenommen wird", reflektierte der Hoffenheimer Trainer Sebastian Hoeneß.

RB gegen Hoffenheim in Bildern

RB Leipzig
Freitagabend, 29. Spieltag der Fußball-Bundesliga. Bildrechte: MDR/Kups, Sven
RB Leipzig
Freitagabend, 29. Spieltag der Fußball-Bundesliga. Bildrechte: MDR/Kups, Sven
Trainer Julian Nagelsmann, RB Leipzig, Trainer Sebastian Hoeneß / Hoeness (Hoffenheim)
Die beiden Trainer kennen sich und den Gegner. Funfact: Beide coachten schon den Gegner. Sebsatian Hoeneß war mal Nachwuchs-Trainer bei RB, Julian Nagelsmann war Coach von Hoffenheim. Bildrechte: PICTURE POINT/Roger Petzsche
Angeliño / Angelino (3, RB Leipzig)
RB-Linksverteidiger Angelino darf nach seiner (von ihm dementierten) Verletzung mal wieder spielen. Bildrechte: PICTURE POINT/Roger Petzsche
Emil Forsberg und Willi Orban (Leipzig) gegen Torwart Oliver Baumann (Hoffenheim)
Eine von diversen Halbchancen gibt es in der 13. Minute: Flanke von Angelino - TSG-Keeper Baumann steigt hoch, kann den Ball aber nicht festhalten. Kein Leipziger nutzt das. Bildrechte: Karina Hessland-Wissel
:Schiedsrichter Manuel Gräfe / Graefe entscheidet durch Videobeweis; Kein Tor in den Schlusssekunden der Nachspielzeit durch Yussuf Poulsen (9, RB Leipzig).
... aber Manuel Gräfe schaut sich das noch mal an, sieht, dass Poulsen sich leicht an den Arm geköpft hat, und nimmt den Treffer zurück. Bildrechte: Picture Point
Erwärmung RB Leipzig. Dani Olmo (25, RB Leipzig), Angeliño / Angelino (3, RB Leipzig), Tyler Adams (14, RB Leipzig).
RB Leipzig muss gegen die auf Rang 12 stehende TSG Hoffenheim ran. Bildrechte: PICTURE POINT/Roger Petzsche
Diadie Samassekou (18, Hoffenheim), Emil Forsberg (10, RB Leipzig)
Die erste Halbzeit ist temporeich, aber chancenarm. Bildrechte: Picture Point
Trainer Sebastian Hoeneß
TSG-Trainer Sebastian Hoeneß lässt sein Team zeitweise sehr hoch und aggressiv pressen. Man sieht: Hoffenheim ist besser als nur Rang 12. Bildrechte: Picture Point
Chris Richards (28, Hoffenheim), Willi Orban (4, RB Leipzig)
In der zweiten Halbzeit geht es hin und her, wobei RB Leipzig mehr und vor allem die besseren Chancen hat. Bildrechte: Picture Point
Alexander Sörloth (19, RB Leipzig) nach vergebener Torchance
Nach einer Stunde wird Alexander Sörloth eingewechselt - nun spielt RB mit etatmäßigem Stürmer. Bildrechte: PICTURE POINT/Roger Petzsche
Ryan Sessegnon (17, Hoffenheim), Alexander Sörloth / Soerloth (19, RB Leipzig).
Der Norweger hat zwei Chancen: Ein Kopfball verfehlt das Tor, ein Schuss wird geblockt. Bildrechte: PICTURE POINT/Roger Petzsche
Yussuf Poulsen (9, RB Leipzig) jubelt, aber vergeblich.
Dann die sechste Nachspiel-Minute: Yussuf Poulsen köpft nach einem Eckball zum umjubelten 1:0 ein ... Bildrechte: Picture Point
 Schiedsrichter Manuel Gräfe / Graefe und Trainer Julian Nagelsmann, RB Leipzig, nach dem Spiel
Julian Nagelsmann ist bedient und sauer. Aber nicht auf den Schiedsrichter, sondern über die Handspielregel. Bildrechte: PICTURE POINT/Roger Petzsche
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Vieldiskutierte Handspiel-Regel

Nicht erst seit dem Spiel zwischen RB Leipzig und der TSG Hoffenheim wird über Sinn oder Unsinn der umstrittenen Handspielregel rege diskutiert. Auch Nagelsmann und Schiedsrichter Gräfe tauschten sich noch auf dem Spielfeld aus: "Ich habe nicht auf ihn eingeredet. Ich hab ihm gesagt, dass er richtig entschieden hat und dass ich die Regel nicht nachvollziehen kann. Dann hat er gesagt, ja, es ist die Regel, er würde sie so auch nicht machen, aber er muss sie so pfeifen."

 Schiedsrichter Manuel Gräfe / Graefe und Trainer Julian Nagelsmann, RB Leipzig, nach dem Spiel
Redeten natürlich über das Handspiel und waren sich einig: Schiedsrichter Manuel Gräfe und Trainer Julian Nagelsmann. Bildrechte: PICTURE POINT/Roger Petzsche

Modifizierung ab Sommer 2021

Gräfe musste das Tor zurückpfeifen, weil es die Statuten verlangen: Ein Handspiel zur Torerzielung ist immer strafbar – unabhängig, ob Absicht oder nicht, ob Arm angelegt oder ausgestreckt. Dennoch wünschen sich viele bei diesem Dauerthema eine Vereinfachung und mehr Klarheit. Ab 1. Juli tritt immerhin eine Entschärfung in Kraft. Die Regelhüter der International Football Association Board (IFAB) beschlossen Anfang März, dass in folgenden Fällen ein Handspiel vorliegt:

  1. Wenn der Ball absichtlich mit der Hand oder dem Arm gespielt wird
  2. Wenn keine Absicht vorliegt: Eine Ballberührung mit dem Arm oder der Hand ist dann strafbar, wenn ein Spieler seinen Körper "unnatürlich vergrößert". Das sei gegeben, wenn die Position seines Arms oder seiner Hand keine Folge der Körperbewegung des betroffenen Spielers oder der speziellen Situation ist. Außerdem gilt die "unnatürliche Vergrößerung", wenn der Spieler mit seiner Körperhaltung das Handspiel "in Kauf nimmt". Damit hat der Schiedsrichter mehr Spielraum zur Interpretation als bisher.
  3. Wenn ein Spieler mit der Hand oder dem Arm ein Tor erzielt, zählt das Tor weiterhin in keinem Fall.


Punkt drei schloss bislang auch die Vorbereitung von Toren mit ein. Heißt: Eine Torvorbereitung durch ein unabsichtliches Handspiel liegt wieder im Bereich des Erlaubten. Allerdings betonte der langjährige Schiedsrichter und heutige Technische Direktor der IFAB David Elleray: "Eine ideale Lösung werden wir beim Handspiel nicht haben. Die Entscheidung wird immer auslegbar sein."

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sst

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sport im Osten | 17. April 2021 | 16:00 Uhr

4 Kommentare

SitBull vor 26 Wochen

Köln trainiert von einem Ex-Düsseldorfer. Was ist nur aus der guten alten Tradition geworden? Naja, vielleicht hat ja dadurch Köln einen Funke(l) Hoffnung.

Quentin aus Mondragies vor 26 Wochen

Wenn es gut läuft, kann man zweimal jubeln. Wenn es schlecht läuft, jubelt man nur einmal. Dies ist doch besser als gar nicht jubeln. Abpfeifen war ja korrekt. Ohne Hand wäre die Kugel wahrscheinlich an den Pfosten. So jetzt Konzentration gegen Köln. Man hätte ja einfach in den vorhergehenden 94 Minuten einnetzen müssen. Chancen waren ja nun Einige da.

Auerbacher vor 26 Wochen

Mimmimiiii..

Seh es genauso, Hand ist Hand!