Fußball | Meinung Andere Wahrheiten – was bei der Kritik an RB Leipzigs Fans übertrieben ist

Erst grummelt der Trainer über die Atmosphäre beim Glasgow-Hinspiel, kurz darauf reisen 97 Auswärtsfans nach Gladbach, ehe der Gästeblock im Ibrox-Stadion halb leer bleibt. Und dennoch ist die Kritik an den RB-Fans übertrieben, meint Sven Kups.

Leipzigs Fans feiern mit dem Team.
Die RB-Profis feiern mit dem Heimfanblock den Einzug ins DFB-Pokalfinale nach dem dramatischen 2:1-Sieg über Union Berlin. Bildrechte: IMAGO / motivio

Fans von RB Leipzig haben es schwer. Mal abgesehen davon, dass es sie nach Ansicht der meisten RB-Verachter gar nicht gibt ("Kunden"), sind sie lediglich Teil einer Marketingstrategie, machen als Operettenpublikum im Stadion keine Stimmung, und überhaupt: "Wo waren die eigentlich vor 2009?" Das Gefrotzel, vornehmlich in den sozialen Medien, ist inzwischen so langweilig wie ermüdend.

97 Auswärtsfans alles andere als glorreich, aber ...

Der aktuelle und keineswegs neue Dreh – fast genau 13 Jahre nach der Gründung von RB Leipzig – ist das Zählen der Auswärtsfans. Exakt 97 verirrten sich am 32. Bundesliga-Spieltag im Gästeblock (des übrigens auch im Heimbereich alles andere als ausverkauften Stadions) von Borussia Mönchengladbach. 97 ist eine Zahl, die alles andere als glorreich ist. Aber zu ihr gehören noch andere Zahlen. Zum Beispiel die reichlich 500 Kilometer Reiseweg zu einem Montagabend-Spiel, dessen Termin gerade mal zweieinhalb Wochen vorher feststand.

Ins deutlich weiter entfernte Glasgow schafften es dann drei Tage später rund 1.000 RB-Fans. Was an einem Donnerstagabend natürlich auch nicht zu viel ist, um nicht mit Häme überschüttet zu werden. Dass der Trip von Leipzig nach Glasgow für viele über Frankfurt, Düsseldorf und Edingburgh führte sowie finanziell durchaus anspruchsvoll war, lässt sich wunderbar wegwischen, bleibt aber ein valides Argument. Leipzig mag keine arme Stadt sein, doch in Sachen Kaufkraft und Wohlstand bleibt sie im Osten Deutschlands verortet.

Vergleich mit Eintracht Frankfurt hinkt

Kommen wir zur vielleicht relevantesten Erklärung für die überschaubaren Fan-Zahlen, die viele Anhänger und Gegner des "Kunstproduktes" gleichermaßen gern ignorieren: RB Leipzig hat nicht einmal ansatzweise eine so massive, gefestigte, organisierte und über Jahrzehnte gewachsene Fanbasis wie die traditionelle Bundesliga-Konkurrenz. Nach 13 Jahren dürfte das kein Wunder sein. Deshalb hinkt auch der Vergleich mit den Frankfurtern, die Barcelona geflutet haben und auch sonst schwer beeindrucken. Was Fanzahlen und Stimmung, aber auch was die Randale betrifft. Denn da hat die Eintracht zuletzt gleichermaßen Schlagzeilen gemacht.

Das überrascht jetzt nicht. Mit der Masse an Menschen steigt nun mal die Zahl der Durchgeknallten und Unbelehrbaren. In diesem Zusammenhang allerdings sei die These erwähnt, dass viele Leipziger "Retorten-Fans" der ersten Jahre nicht nur endlich wieder erstklassigen Fußball sehen wollten, sondern sich von den unangenehmen Nebengeräuschen bei Chemie und Lok aktiv abgewandt haben.

Alles andere als gleichgültig und emotionslos

Wie auch immer, RB Leipzigs Anhängerschaft steckt quantitativ und sicher auch qualitativ noch in den Kinderschuhen. Das Teenageralter, um im Bild zu bleiben, ist halt gerade erst erreicht, die Entwicklung schreitet (langsam) voran. Mit einem unvoreingenommenen Blick statt Schaum vorm Mund kann man das in den sozialen Medien bzw. Internetforen gut erkennen. Gleichgültigkeit und Emotionslosigkeit sind da nicht dabei. Aktuell vielleicht etwas Müdigkeit, nach der fünften Englischen Woche in Folge und immer wieder teils absurdem Spott dürfte das jedoch kein Wunder sein.

P.S.: Für das DFB-Pokalfinale in Berlin bekam RB Leipzig rund 26.000 Tickets, die nicht in den freien Verkauf kommen, und um die man sich bewerben musste. Viele Fans gingen leer aus.

Glasgow Rangers - RB Leipzig 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
2 min

Nach dem Aus im Halbfinale der Europa League bei den Glasgow Rangers (1:3) war RB Leipzigs Trainer Domenico Tedesco entsprechend bedient. Er haderte vor allem mit den drei Gegentoren.

Do 05.05.2022 23:34Uhr 01:49 min

https://www.mdr.de/sport/sport-im-osten/video-domenico-tedesco-nach-europa-league-aus-rb-leipzig-glasgow-rangers-100.html

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sport im Osten | 08. Mai 2022 | 16:00 Uhr

57 Kommentare

Nordsachse vor 13 Wochen

Wow, dann warst du schon Fan von vielen Vereinen. Wurde bei deiner Geburt das Rückgrat vergessen oder wie lernt man, sein Fähnchen in den Wind zu drehen und immer denen nachzulaufen die mit der größten Aussicht auf Erfolg daherkommen. Würde dich gern bedauern, aber mein Mitleid hat heute seinen freien Tag.
Grüße aus Nordsachsen.

Voice vor 13 Wochen

Wieso willst Du das. Das muss Herr Kups doch gar nicht. Er nhat hier seine Meinung kund getan. Das verpflichtet ihn aber zu nichts gegenüber irgend Einem hier.

Simmerl vor 13 Wochen

Mist, ich muss mich von meiner Familie trennen, meine teuren Hobbies beenden und die Kohle nur für Fußball ausgeben, um als Fan anerkannt zu werden. Habe ich dies dann getan, folge ich RB zu jeden Spiel. Wenn sie dann irgendwas holen, bin ich dann Fan eines großen Vereins. Aber moment mal, ich habe ja keine Familie, keine Hobbys und keine Kohle mehr. Aber ich gehe einfach in die Bar und sage, dass ich Fan eines großen Vereins bin und 100 Jungfrauen liegen mir zu Füßen oder bringe ich dies jetzt vollends durcheinander.

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