Nachrichten & Themen
Mediathek & TV
Audio & Radio
LiveLiveErgebnisseFußballFußballSportartenSportartenSport im MDRSport im MDR

Fußball | MeinungRB Leipzig: Bemerkenswerte Fan-Emotionslosigkeit in den entscheidenden Wochen

von Alexander Küpper

Stand: 08. Mai 2022, 12:26 Uhr

97 Auswärtsfans in Gladbach, ein halbvoller Gästeblock im Europapokal-Halbfinale im Ibrox – und das in den alles entscheidenden Wochen für RB Leipzig. Soll es eine erfolgreiche Saison werden, braucht RB eine deutliche Leistungssteigerung, nicht nur auf dem Platz. Alexander Küpper kommentiert.

Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es waren traurige Tage für RB Leipzig, in mehrfacher Hinsicht. Drei Niederlagen aus vier Spielen, das Team im Leistungsloch, Halbfinal-Aus in der Europa League. Fast genauso ärgerlich für RB: Die Emotionslosigkeit, mit der der eigene Anhang all das verfolgte. Ausgerechnet in der entscheidenden Phase ist die Mannschaft auf sich allein gestellt. Die Leipziger Fans gaben zuletzt mehr über sich preis, als Ihnen und ihrem Club lieb ist. Es war, als wollten sie allen Kritikern, all jenen, die RB immer zu einem seelenlosen, künstlichen Konstrukt erklärt haben, demonstrieren: Ja, Ihr hattet recht!

Tedescos Kommentar spricht Bände

Man musste sich schon vor zehn Tagen verwundert Augen und Ohren reiben. Nach dem hart erkämpften Heimsieg im Halbfinal-Hinspiel gegen die Rangers herrschte nicht etwa die pure Euphorie. Stattdessen kritisierte Domenico Tedesco ganz offen die Atmosphäre im Leipziger Stadion. "Von der Stimmung her war es… öhm, ja." Doppelt bemerkenswert – dass die Atmosphäre in einem so wichtigen Spiel war, wie sie eben war und dass Tedesco sein Missfallen darüber so offen kund tat.

Vier Tage später – Bundesligaalltag, RB Leipzig zu Gast in Mönchengladbach. Aufgrund der Halbfinalspiele an einem Montagabend. Undankbar für jeden Auswärtsfan. Über 500 Kiloemter unter der Woche, das kostet Geld, Kraft und mindestens einen Urlaubstag. Was sich dann allerdings in Mönchengladbach für ein Bild bot, war nichtsdestotrotz unwürdig für eine Bundesliga-Spitzenmannschaft. Handgezählte 97 Leipziger Fans waren mitgereist. Ein Gästeblock, so leer, wie es die Bundesliga, außer in Pandemiezeiten, über Jahrzehnte nur selten gesehen hat. Schwer nachvollziehbar angesichts der Bedeutung des Spiels für die Qualifikation zur Champions League. Der Kampf um die Königsklasse – auf dem Platz wird er angenommen, auf den Rängen nicht.

Gipfel der Gleichgültigkeit in Glasgow

Glasgow war dann der Gipfel der Gleichgültigkeit. Nur etwa 1.000 Leipziger hatten sich auf den Weg nach Schottland gemacht. Nicht nur am Cottaweg dürfte man sich etwas ratlos angesehen haben: RB Leipzig fährt mit Hinspiel-Führung im Rücken zu einem europäischen Halbfinale und nicht einmal die Hälfte der verfügbaren Gästetickets werden verkauft. Selbst die vor Ort anwesenden RB-Fans schämten sich. Ein ursprünglich angedachter Fanmarsch wurde abgesagt. Hintergrund: Man wollte sich bei einer derart geringen Anzahl an Gästefans nicht zum europaweiten Gespött machen. Wer die tristen Bilder von vereinzelten Leipziger Grüppchen auf dem George Square gesehen hat, bekam fast Mitleid.

Es sind Bilder, die eine Menge über RB Leipzig aussagen, besonders in Zeiten, in denen ganz Fußballdeutschland noch immer von Frankfurts Jahrhunderttrip nach Barcelona schwärmt. Die Bundesliga hat zwei Halbfinalisten in der Europa League gestellt und sie verkörpern zwei emotionale Extreme. Auf der einen Seite Eintracht Frankfurt – ultimative Emotionalität, Hingabe und Herzblut, Leidenschaft am Limit. Auf der anderen Seite: RB Leipzig.

Man stelle sich vor, Dynamo und der FCM würden international spielen

Bislang standen deutsche Clubs auf internationaler Bühne fast ausschließlich für besondere Fußballatmosphäre und frenetische Fanscharen. Egal, ob Hannover 96 einst in Kopenhagen, begleitet von über 10.000 Fans. Oder der 1. FC Köln mit 20.000 Fans in London. Oder eben die 30.000-fache Eintracht-Ekstase in Barcelona. Wenn deutsche Clubs durch Europa reisen, staunen die Gastgeber. Und man stelle sich nur mal vor, Dynamo Dresden oder der 1. FC Magdeburg dürften solche Spiele bestreiten… In Glasgow wurde nicht gestaunt, höchstens leicht verwundert mit den Achseln gezuckt, angesichts eines nicht einmal halb gefüllten Gästeblocks.

Es ist wirklich merkwürdig: ausgerechnet in den Wochen, in denen RB Leipzig den ersten großen Titel der Vereinsgeschichte feiern könnte, zeigt sich eine bemerkenswerte Teilnahmslosigkeit. Ausgerechnet in den Wochen, in denen RB Leipzig erstmals vom Double träumen durfte, zeigen die Fans, die der Club sonst stolz als Verkörperung einer neuen Fankultur hervorhebt, dass es ihnen im Grunde völlig egal ist.

Apathische Grundstimmung auch durch Tedesco?

Vielleicht hat Domenico Tedesco zu dieser apathischen Grundstimmung beigetragen, als er erklärte, auch wenn alle Spiele verloren gingen, sei es eine super Saison. Er muss jedenfalls jetzt dafür sorgen, dass seine Mannschaft die verbleibenden Spiele im Kampf um die Champions League und im Finale in Berlin mit mehr Entschlossenheit angeht, als es die Anhänger zuletzt getan haben. Sonst erlebt Leipzig eine weitere titellose Saison.

Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | Sport im Osten | 08. Mai 2022 | 16:00 Uhr

Kommentare

Laden ...
Alles anzeigen
Alles anzeigen