Schockstudie für den deutschen Fußball Für zwei Drittel der Fans ist die Bundesliga kein fairer Wettbewerb

Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) erntet in Umfragen weiter harte Kritik. Wie eine neue repräsentative Studie belegt, sehen zwei Drittel der deutschen Fans die sportliche Fairness der Bundesligen nicht mehr gewährleistet. Hintergrund ist die ungleiche TV-Geldverteilung.

SpiO-Talk Joachim Lammert 17 min
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Durchgeführt wurde die wissenschaftliche Erhebung über die Voting-Plattform FanQ, deren Gründer im mitteldeutschen Raum verwurzelt sind. Dr. Joachim Lammert, zuvor an den Universitäten Leipzig und Chemnitz tätig, und Kilian Weber, von 2013 bis 2014 Referent der Geschäftsführung von Dynamo Dresden und seither in der sächsischen Landeshauptstadt wohnhaft, ermittelten darüber die Meinungen von 6.386 Fußball-Anhängern. Sie erfassten erstmals deutschlandweit unter wissenschaftlichen Kriterien die Frage, ob die Bundesliga nach der zehnten Meisterschaft des FC Bayern in Serie noch als spannend, attraktiv und fair empfunden wird. Der MDR analysiert die Resultate.

Über 60 Prozent der Fans finden die Bundesliga langweilig

Fast zwei Drittel (61,2 Prozent) schätzen die höchste deutsche Spielklasse als eher oder sehr langweilig ein. Der höchste Prozentsatz aller Antworten vereinigt sich mit 32,4 Prozent darauf, dass gar keine Spannung gegeben sei.

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Fanforscher Joachim Lammert
Sportökonom Joachim Lammert erhebt mit seiner Plattform "FanQ" repräsentativ Meinungen von Fußball-Anhängern. Bildrechte: Privat

Noch brisanter verhalten sich die Ergebnisse, als nach der sogenannten Integrität des Wettbewerbs gefragt wurde. Integrität meint die Gleichheit, Unbestechlichkeit und Unverletzlichkeit eines sportlichen Wettkampfes. In der Studie wurde sie von den Wissenschaftlern mit "faire Chance für alle Klubs" in die Fansprache übersetzt. Mehr als zwei von drei Personen (67 Prozent) meinen, dass diese nicht oder gar nicht vorhanden sei. Auch hier überwiegt mit 41,2 Prozent die Extrem-Antwort.

Studienmacher Dr. Lammert: "Der Wettbewerb wird witzlos"

Verstößt die DFL mit ihren Rahmenbedingungen in den Augen der Fans also gegen die Chancengleichheit und ist die Bundesliga in deren Sicht somit ein unfairer Wettkampf? Dr. Joachim Lammert erklärt dazu auf "Sport-im-Osten"-Nachfrage: "Ja, das ist richtig. Integrität ist eigentlich ein Must-have bei einem sportlichen Kräftemessen. Für die Bundesliga ist sie aber leider nicht mehr gegeben. Keiner spricht Bayern oder Dortmund die Verdienste der Vergangenheit ab. Aber für sportlichen Erfolg bekommen sie deutlich mehr TV-Gelder, Sponsorings und weitere Erlöse und können damit auch wieder deutlich mehr als andere Vereine in die sportliche Leistungsfähigkeit investieren. Dadurch ist ihre Leistung auf Dauer keine große Errungenschaft mehr, sondern ein Selbstläufer. Der Wettbewerb wird witzlos."

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Fan-Meinung: "Die TV-Geld-Unterschiede sind zu groß!"

Fan Veit Weber
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Fußball-Anhänger Veit Weber aus Dresden – weder verwandt noch verschwägert mit dem Studienmacher Kilian Weber – ist einer von vielen, denen es so geht wie der Mehrheit der Fans in der Umfrage. "Mein Kind kennt nur noch die Bayern als Meister. Die Bundesliga-Ergebnisse wirken teils wie abonniert. Es herrscht Langeweile", meint der Dynamo-Fan. In der Spreizung der Fernsehgelder – Spitzenverdiener Bayern kassierte letzte Saison 90 Mio. Euro, TV-Schlusslicht Fürth 28,5 Mio. – sieht der 39-Jährige die Hauptgefahr. "Dass es ein bisschen nach Platzierung geht, ist für mich verständlich", sagt Weber. "Aber über 60 Mio. Euro Unterschied ist zu groß. Wenn du im Mittelfeld herumkrebst, hast du ewig nicht das Budget, um vorne reinzukommen.“"

Müssen die Vereine mehr Widerstand gegen die DFL leisten?

Bezeichnend: München und Fürth belegten sportlich nach der Spielzeit 2021/22 genau die Platzierung, wie ihnen das Fernsehgeld zugewiesen wurde. Aus solchen Gründen fordert Weber: "Aus den Vereinen heraus muss es mehr Widerstand gegen die DFL geben. Sie dürfen nicht immer nur jammern, dass sie weniger Fernsehgeld kriegen, sondern müssen sich mit einer gleichmäßigeren Aufteilung durchsetzen. Wenn die Klubs nicht in die Puschen kommen, droht der Bundesliga die Bedeutungslosigkeit."

Fakten dafür, dass die Fernsehgeldverteilung die sportlichen Verhältnisse zementiert, gibt es einige. 2001 wurde die volle Gleichverteilung der TV-Einnahmen abgeschafft. Bis 2016 hatte es über 114 Jahre nie ein deutscher Klub geschafft, mehr als drei Meister-Titel in Serie zu erringen. Diese Saison erreichten die Bayern so wenig Punkte wie nie in den letzten zehn Jahren – und die Konkurrenz landete dennoch weit abgeschlagen dahinter.

Baris Atik, 1. FC Magdeburg,23 gegen Lukas Scherff, FC Hansa Rostock,20.
Rostock und Magdeburg duellieren sich mit wenig TV-Geld nächste Saison in der 2. Liga. Statistisch ist ihre Abstiegsgefahr riesig. Sechs von zehn Drittliga-Aufsteigern gingen direkt wieder runter, nur zwei hielten sich länger als zwei Jahre. Bildrechte: imago images/Christian Schroedter

In der 2. Liga ist die Spreizung prozentual ähnlich groß. Schalke und Werder kassierten ca. 23,4 Mio. bzw. 21,5 Euro und stiegen erwartungsgemäß direkt wieder auf. Von den letzten zehn Zweitliga-Aufsteigern, die jeweils lediglich etwa sieben Millionen Euro aus dem TV-Topf bekamen, etablierten sich zuletzt nur zwei Klubs. Rostock geht ins zweite Jahr und hat noch die Chance, so ein Ausnahmefall zu werden. Auch wenn die Fernseheinkünfte nicht der einzige Grund für einen direkten Wiederabstieg sind, zeigt sich doch, wie diese einen Liga-Sprung erschweren. Fußball-Fan Veit Weber ist sicher: "Erst leidet die Attraktivität, dann werden auch die TV-Geld-Einnahmen sinken."

Über 70 Prozent bewerten Pay-TV-Angebote als schlecht

Tatsächlich bescheinigt nicht mal jeder Fünfte (18,8%) der Bundesliga, eher oder sehr attraktiv zu sein, der Großteil empfindet sie als mittelmäßig attraktiv (30,1%), die Mehrheit von 51,1 Prozent sieht die deutsche Eliteliga als eher oder sehr unattraktiv an. Noch kritischer wird das TV- und Streaming-Angebot der Bundesliga bewertet: 70,8 Prozent beurteilen es als schlecht (24,0%) und sogar sehr schlecht (46,8%). Dr. Joachim Lammert führt dies im Gespräch mit "Sport im Osten" auf folgende Entwicklungen zurück: "Wahrscheinlich hängt das mit dem dauerhaften Umstand zusammen, dass man mehrere Abos haben muss, um alle Spiele seines Lieblingsklubs sehen zu können. Hinzu kommt aktuell noch die deutliche Preissteigerung bei DAZN."

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Dr. Lammert: "Fan-Unzufriedenheit ist ein Risikofaktor für die Bundesliga!"

Thomas Müller, FC Bayern, Mitte, zwinkert in die Kamera.
Bayern-Star Thomas Müller zwinkert in die Kamera. Wie lange zahlen die Fans immer mehr Abos, um immer denselben Meister zu sehen? Bildrechte: IMAGO/Pressefoto Baumann

Aus der Gesamtlage leitet der Sportökonom ab: "Man muss festhalten, dass es eine hohe Unzufriedenheit mit dem Live-Angebot gibt. Daraus kann man zwar nicht direkt auf die Handlungsweise der Fans schließen, sprich‘ es bedeutet nicht, dass alle direkt ihre Abos kündigen und auf den Konsum verzichten. Aber die Perspektive von 70 Prozent unzufriedenen Kunden ist ein Risikofaktor für die Zukunft."

Fan Veit Weber ist so einer, der übers Ende von PayTV-Abschlüssen nachdenkt: "Alle schließe ich auf gar keinen Fall ab. Bislang habe ich nur Sky. Bei einer Erhöhung ist das Abo weg. Es ist keine Option mehr, das zu akzeptieren." Er schildert, wie sie sich als Kinder noch bei Bildrauschen und gruseliger Qualität vorm Fernseher versammelten, um Spiele zu sehen: "Heute lernen das die Kinder doch gar nicht mehr kennen, weil die Eltern beim zweiten, dritten oder vierten TV-Abo Nein sagen."

Stadion-Atmosphäre ist der Pluspunkt für die Bundesliga

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Positive Resonanzen erzeugt die Bundesliga bei der stimmungsvollen Fan-Rückkehr nach der Corona-Zeit und einigermaßen respektabel bei der sportlichen Qualität. Fast zwei Drittel (62,5 Prozent) bewerten die Atmosphäre in den Arenen nach der coronabedingten Zwangspause als gut oder sehr gut. Nur 21,8 Prozent bezeichnen die sportliche Qualität des Erstliga-Fußballs als schlecht oder sehr schlecht. Zum Stadionerlebnis meint Anhänger Weber: "Die Stimmung ist wieder wie vor Corona, auf den Rängen fetzt das schon." Dennoch hat der bisher treue Dynamo-Fan Zweifel: "Die Bindung ist weniger geworden. Seit 15 Jahren habe ich eine Dauerkarte. Erstmals stelle ich mir die Frage, ob ich das noch mache." Und das mit der SGD bei einem Klub, der als besonders Fan-nah auftritt.

Neue Fan-Vorwürfe: Gesellschaftliche Themen werden vernachlässigt - Kommerz-Debatte bleibt

Hintergrund ist aus Sicht der deutschen Fans die Vielzahl von Fehlentwicklungen, die die Studie abermals bestätigt. Nur 13,6 Prozent sind der Meinung, dass die Bundesliga sich an Themen gesellschaftlicher Verantwortung und Nachhaltigkeit orientiert, 17,9 Prozent glauben, dass die Bundesliga ihr Handeln an Fan-Interessen ausrichtet – jeweils deutlich weniger als ein Fünftel. Fast drei Viertel (72,8%) sind dagegen überzeugt, dass die Kommerzialisierung eher (28%) oder völlig überzogen (44,8%) ist.

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Bei immer mehr Fans lässt das Interesse nach

Wie eine Befragung im Oktober letzten Jahres offenbarte, sorgt diese Einschätzung für ein nachlassendes Interesse am Fußball. Vergleicht man die repräsentative Erhebung von damals mit der jetzt fällt auf, dass sich die Effekte verstärkten. Im Herbst 2021 äußerten fast ein Drittel (33,1%) weniger Interesse an Fußball, nun bemerken 70,7 Prozent, dass ihr Interesse an der Bundesliga in der letzten Saison eher oder stark abgenommen hat. Bei der Entwicklung zeigt sich kein Unterschied zwischen jüngeren und älteren Fangruppen.

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Die Stichprobe der von FanQ befragten Fußball-Anhänger schloss alle Geschlechter, Altersklassen und Fantypen ein. Es nahmen Stadionbesucher aus allen Steh- und Sitzplatz-Kategorien, Anhänger mit und ohne Klub-Mitgliedschaft sowie Fans, die Fußball eher oder fast nur am TV verfolgen, daran teil. Darum gilt sie als repräsentativ.

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Domenico Tedesco (Trainer RB Leipzig) nach dem ersten öffentlichen Training
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR Aktuell | 08. Juni 2022 | 17:45 Uhr

23 Kommentare

Simmerl vor 3 Wochen

Gleichmäßig verteilen? Quersubventionieren? Was soll dies werden? Es wird nach Einschaltquoten verteilt. Wer Mist spielt, kein Interesse erzeugt, soll auch keine Kohle bekommen. Ganz einfach. Warum ist denn Bayern Serienmeister? Weil sie konstant ansehnlichen Fußball liefern.

Simmerl vor 3 Wochen

Zum Verkauf gehören ja immer zwei Parteien. Bayern kauft ja nur von willigen Verkäufern. Es sei denn man bekommt Spieler ablösefrei. Wäre aber auch ein Versäumnis des Abgebenden. Der Ehrgeiz deutscher Meister zu werden, scheint begrenzt. Es reicht ja ein Platz unter den ersten Vier. So bleibt es dann halt bei Bayern. Es braucht weitere Beispiele wie Sabitzer, Werner... um die Sinnlosigkeit manch eines Wechsels zu erkennen. Aber egal, Abstiegskampf und Kampf um Europa ist ja auch spannend.

Ostfussballfan73 vor 3 Wochen

"Ich würde eher sagen, dass die Verfolger vom Serienmeister an Blödheit nicht zu überbieten sind. " nur bedingt, Bayern kann eben durch die finanziellen Möglichkeiten jeder Schlüsselspieler der "gefährlich werdenden" Mannschaften strategisch vom Markt nehmen. Auch wenn er eben dann nur auf den Bank sitzt. Dadurch sind sie extremst breit aufgestellt und können fast alle Ausfälle kompensieren. Das ist beim Rest nicht so (vlt. mit Abstrichen die Österreicher in der BL). Der BVB kann eben einen Haaland nicht ersetzen.

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