"SpiO"-Talk Andreas Rettig: Die emotionale Entfremdung stoppen

"Wir erkennen in diesen Tagen, was der Fußball ohne Fans wert ist - nämlich sehr wenig", unterstrich der frühere DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig am Dienstag (2. Juni) im MDR. Wie kann der zunehmenden Kluft zwischen den Anhängern auf der einen und den Verbänden und Profiklubs auf der anderen Seite Einhalt geboten werden?

Andreas Rettig
Andreas Rettig war Geschäftsführer der DFL sowie beim SC Freiburg, 1. FC Köln, FC Augsburg und zuletzt bis September 2019 beim FC St. Pauli. Bildrechte: imago images/Martin Hoffmann

Die Coronavirus-Pandemie hat auch den zuvor in vermeintlich unantastbaren Sphären schwebenden Profifußball bis ins Mark erschüttert. Mit beispiellosem Organisationsaufwand gelingt es der Deutschen Fußball-Liga (DFL) mit ihren 36 Erst- und Zweitligaklubs, seit Mitte Mai den Spielbetrieb wieder laufen zu lassen - jedoch in allzu trostloser Atmosphäre ohne Zuschauer in den Stadien der Republik.

Die Corona-Krise nur der "nächste Tropfen"

"Wir erkennen in diesen Tagen, was der Fußball ohne Fans wert ist - nämlich sehr wenig. Es macht auch immer weniger Spaß zuzuschauen. Es ist nur ein Abspielen, um die Medienerlöse zu retten", stellte daher der langjährige Klubmanager und frühere DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig am Dienstag (2. Juni) im "SpiO"-Talk des MDR fest. Ohne diese TV-Einnahmen drohten gleich mehreren Klubs binnen kürzester Zeit schwerwiegende Existenznöte.

Wenn man vor 20 Jahren Wedau-, Müngersdorf, Neckar-, Weser-, Rhein- oder Dreisamstadion genannt hat, wussten Sie, in welcher Stadt Sie sind. Heute hören Sie Stadionnamen und wissen gar nicht, welcher Verein gehört dazu. Das zahlt auf dieses Thema der emotionalen Entfremdung ein.

Aber die Corona-Krise sei nur "der nächste Tropfen, der das Entfremdungsfass zum Überlaufen bringt", meinte Rettig pathetisch. Schon vor dieser Ausnahmesituation sorgte das Geschäftsmodell von Verbänden, Klubs und Spitzenvertretern der Milliardenbranche zumindest bei einigen Teilen der Anhängerschaft und Öffentlichkeit längst für anhaltenden Unmut. Auch der 57-Jährige hat "Verständnis, wenn man am Ende sagt, es ist vielleicht nicht mehr mein Verein, dem man diese Leidenschaft und dieses Herzblut entgegenbringen kann" und sich stattdessen entfernt.

Gerechte Verteilung, keine "unsinnigen" Wettbewerbe

Andreas Rettig hat in der Vergangenheit immer wieder deutliche Kritik an den Entwicklungen seiner Branche geübt und unterstrich im MDR-Gespräch: "Das Rad ist nicht zurückzudrehen, das wäre naiv und blauäugig. Aber ich finde, wir müssen zumindest einige Dinge besser machen, um die emotionale Entfremdung zu stoppen." Er fordert ein Umdenken: "Wir dürfen nicht die Umsatzmaximierung glorifizieren, sondern müssen all die berücksichtigen, die drumherum beteiligt sind, um die Herzen der Leute zu erreichen."

Ich bin optimistisch gestimmt, dass DFL-Geschäftsführer Christian Seifert die Dinge erkannt zu haben scheint und ein Umdenken anstößt. Ich bin gespannt, was da auf welcher Zeitachse passiert.

Zwei primäre Ansätze bringt der gebürtige Rheinländer diesbezüglich nicht zum ersten Mal in die Debatte, um das sich immer weiter ausbreitende Quasi-Monopol einiger weniger Topklubs in Europa womöglich einzuschränken und die Integrität des Fußballs nicht noch gänzlich zu pervertieren: Die Abkehr von der sowohl national als auch international "unsolidarischen Verteilung der TV-Gelder" und "unsinnigen" Wettbewerben wie der neuerdings von der FIFA weiter aufgeplusterten Klub-WM. Kein "Freund" ist Rettig hingegen vom jüngst wieder in die Diskussion gekommenen "Salary Cap", jener Gehaltsobergrenze nach US-amerikanischem Vorbild.

Plädoyer für 50+1: Bringt euch ein!

Vielmehr ist der vorherige Manager des SC Freiburg, 1. FC Köln, FC Augsburg und FC St. Pauli seit jeher ein vehementer Verfechter der mittlerweile auch hierzulande von lauter werdenden Stimmen infrage gestellten 50+1-Regel, wonach die Stimmenmehrheit in den Klubs in letzter Instanz beim Verein liegen muss.

Warum wollen wir nicht die sozialste, nachhaltigste, bodenständigste und nahbarste Liga werden? Warum müssen wir der Premier League hinterher hecheln?

Selbst eine Abschaffung der Regel würde lediglich zu "vermeintlicher internationaler Wettbewerbsfähigkeit" führen, so Rettig. "Ich halte es auch für Unsinn zu glauben, wenn 50+1 fällt, dass morgen die Henkelpötten der Champions League nach Deutschland geflogen kommen", betonte er. Denn man würde "einen Wettstreit mit Oligarchen, Staatsfonds und chinesischen Konglomeraten nicht gewinnen können, wenn sie wirtschaftlich vernünftig und mit Verantwortungsbewusstsein arbeiten wollen. In dieses Rattenrennen müssen wir nicht einsteigen."

Darüber hinaus rief Rettig "jeden Fan und jedes Vereinsmitglied" auf, für 50+1 "zu kämpfen und zu werben und sich vor allem einzubringen, Verantwortung in Vereinen zu übernehmen und darüber in Diskussion mit DFB und DFL zu treten." Dies sei zwar ein zäher und langer Weg, aber "die Chance, über demokratische Prozesse Einfluss zu nehmen."

3. Liga: Mehr versöhnliche Töne wären wünschenswert

Nach dem eindeutigen demokratischen Mehrheitsvotum auf dem letzten DFB-Bundestag hat erst am vergangenem Wochenende auch die 3. Liga den Versuch auf den Rasen gebracht, ihre Restsaison mittels Mammutprogramm bis Anfang Juli sportlich zu beenden. Allerdings hätten DFB und Vereinsvertreter zu Andreas Rettigs Bedauern dabei "wechselseitig kein schönes Bild abgegeben haben".

Gerade von Seiten des Verbandes wären seiner Meinung nach "mehr versöhnliche Töne, mehr vermittelnde, ausgleichende Mediation" wünschenswert gewesen - nicht zuletzt in Richtung jener Klubs, die für einen Abbruch der Spielzeit plädiert hatten. Denn "ich habe Verständnis dafür, dass einige Klubs - neben den wirtschaftlichen Dingen - die Integrität des Wettbewerbs infrage gestellt haben. Es sind ungleiche Voraussetzungen, wenn beispielsweise Magdeburg fünf Tage vor dem ersten Spiel erst wieder ins reguläre Mannschaftstraining einsteigen kann."

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mhe

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR aktuell | 02. Juni 2020 | 19:30 Uhr

9 Kommentare

Quentin aus Mondragies vor 9 Wochen

"Wir erkennen in diesen Tagen, was der Fußball ohne Fans wert ist - nämlich sehr wenig" Ist dem so? Wieviel Zuschauer konsumieren über Pay-TV nochmal die Geisterspiele weltweit? Wieviel kaufen trotzdem Fanartikel? Mittlerweile stehen als Zuschauer Pappkameraden (manchmal auch Sexpuppen) und ich kann mir Kulisse per Knopfdruck dazu klicken. Ist die Qualität der Spiele ohne Zuschauer signifikant schlechter?
Man kann das Ganze auch rumdrehen. Brauche ich den Ultra (im positiven Sinne) überhaupt? Kompensieren die Pay-TV/Internet Einnahmen ggf. nicht jetzt schon die fehlenden Live-Zuschauereinnahmen? Der englische Fußball ist unabhängig der Gelder schneller und attraktiver. Als ich mir mal ein Wochenende Premier League und Bundesliga rein gezogen habe (sorry für die Dekadenz), dachte ich, dass Bundesliga in Zeitlupe läuft. Hinsichtlich der Breite der Qualität ist die Premier League schon das Maß aller Dinge. Dies ist nicht nur dem Geld geschuldet.

SitBull vor 9 Wochen

Es gibt natürlich welche, die dem Mittelmaß der Evolationsstufe voraus oder einfach auch hinterher sind. Ehrlich gesagt, bin ich auch froh, dass die Medien mein eigenes Denken durch Wissensvermittlung abnehmen. Das mit den hinterhecheln der Premierleague. Es ist ja nicht nur die Kohle, die da im System ist. Die spielen/spielten halt auch verdammt attraktiven Fußball. Irgendetwas haben die halt besser gemacht. Ich tippe mal darauf, dass sie die weltweit besten Trainer geholt haben.

RumBelballer vor 9 Wochen

Das mag vielleicht für Dich und viele andere, denen das eigenen Denken durch zu viel Medien/Werbung/Realitysoap schauen abgenommen wurde, aber frag mal die vielen Menschen, welche in sozialen Einrichtungen und als Ehrenamtler arbeiten. Und solange es noch genügend Menschen gibt, die sich dagegen auflehnen, habe ich die Hoffnung, dass dieser ganze Laden irgend wann mal zusammen bricht.
Also wäre ich vorsichtig , alle über einen Kamm zu scheren, Evolution hin oder her, das meintest Du doch bestimmt mit der “Evulationsstufe” 🤣