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TeamcheckRB Leipzig: Zwischen Titelhunger und Kaderproblemen

von Sven Kups

Stand: 03. August 2022, 07:50 Uhr

Was für eine Euphorie herrschte bei RB Leipzig nach dem Gewinn des DFB-Pokals! Gänsehaut erzeugen aktuell aber eher die Erinnerungen an das Freundschaftsspiel gegen Liverpool (0:5) und den Supercup gegen die Bayern (3:5). Der Appetit auf einen zweiten großen Titel ist bei den Fans natürlich noch da, die Angst vor einer allenfalls mittelmäßigen Saison jedoch auch.

Hinter RB Leipzig liegt eine denkwürdige Saison. In der verlor man das Saisonziel (Bundesliga-Platz vier) zeitweise aus den Augen, aber am Ende war alles gut: Als DFB-Pokalsieger (5:3 n.E. gegen Freiburg) und mit einem Ticket für die Champions League in der Tasche konnten Nkunku & Co. die vergangene Spielzeit als "erfolgreich" abhaken.

Danach hatte es Anfang Dezember nicht wirklich ausgesehen. Entsprechend endete nach 8 Siegen, 4 Remis und 9 Niederlagen (1,25 Punkte pro Spiel) noch vor Weihnachten die kurze Amtszeit des erst im Sommer verpflichteten Trainers Jesse Marsch. Nachfolger Domenico Tedesco (19/6/5; 2,1 Punkte pro Spiel) gelang nicht nur eine Trendwende, sondern auch noch RB Leipzigs erster (nationaler) Titelgewinn überhaupt.

Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt

Furiose Erfolge und unnötige Pleiten gab es bei fast allen der vier Hochzeiten, auf denen RB mitgetanzt hat. Auch unter Tedesco. Die krassesten Ausschläge in der Bundesliga waren die Heim-Niederlagen gegen Bielefeld (0:2) und Union Berlin (1:2) sowie der 4:1-Triumph bei Borussia Dortmund. In der Champions League zahlte man gegen PSG und ManCity Lehrgeld, sicherte sich aber wenigsten Rang drei in der Gruppe und durfte in der Europa League weitermachen.

Dort wiederum gab es hübsche Auswärtserfolge gegen San Sebastian und Bergamo, ein Freilos (Spartak Moskau), aber auch ein deprimierendes Ende im Halbfinale gegen alles andere als übermächtige Glasgow Rangers. Ergebnistechnische und vor allem fußballerische Konstanz zeigte RB einzig im DFB-Pokal. Vier soliden Auftritten folgten ein euphorisierendes Last-Minute-Tor im Halbfinale gegen Union Berlin und der finale Triumph gegen Freiburg in Unterzahl.

Bleiben und Gehen

Ob sich das Auf und Ab der Leipziger in der neuen Saison fortsetzt, ist natürlich Interpretationssache. Für etwas konstantere Leistungen spricht, dass der Kern der Mannschaft zusammengehalten werden konnte. Selbst der international für Aufsehen sorgende Topscorer Christopher Nkunku entschloss sich zu einer Vertragsverlängerung. Andererseits: Noch ist das Transferfenster nicht geschlossen. Und der an diversen Erfolgen maßgeblich beteiligte Konrad Laimer zwinkert weiterhin dem alles andere als abgeneigten FC Bayern zu.  Sein Wechsel vor dem Vertragsende 2023 ist noch bis 1. September möglich und hängt wohl nur am Zahlungswillen des Rekordmeisters - der den Leipzigern im Supercup schon mal bzw. einmal mehr gezeigt hat, wo der Hammer hängt.

Eine bereits feststehende Lücke reißt der Abgang von Nordi Mukiele zu PSG. Die Auftritte des 24-jährigen Franzosen waren zwar alles andere als ganzjährig lichtdurchflutet, aber ohne ihn ist die rechte Abwehrseite mit dem unter Tedesco aufblühenden Benjamin Henrichs nun nur noch einfach statt doppelt besetzt. Die meisten Sportdirektoren – RB verzichtet derzeit ja noch auf einen solchen Funktionsträger - hätten den Wechsel von Mukiele unter den derzeitigen Bedingungen wohl eher abgelehnt.

Schwer verständliches Konzept

Nachzuvollziehen ist die Kaderplanung des Sportdirektor-losen RasenBallsports auch an anderer Stelle nur schwer. Breite Zustimmung gab es einzig bei der Verpflichtung von Xaver Schlager (VfL Wolfsburg). Der Österreicher wird seinen Landsmann Konrad Laimer im Mittelfeld ergänzen - oder eben nur ersetzen. Etwas rätselhaft ist dagegen die Personalie David Raum. Der Linksaußen ist Nationalspieler und immer eine Überlegung wert, wird Angelino aber kaum ergänzen, sondern vielmehr in die zweite Reihe und spätestens im Winter aus Leipzig verdrängen. Querelen mit Ansage.

Skepsis erzeugen auch die kolportierten Bemühungen um eine Rückkehr von Timo Werner. Ob der beim FC Chelsea etwas unzufriedene Ex-Leipziger überhaupt noch ins längst veränderte RB-System passt, ist fraglich. Dass Werner das Gehaltsgefüge im Team wahrscheinlich sprengen würde, kommt noch dazu. Leuchtende Augen jedenfalls sind selbst bei Domenico Tedesco nicht auszumachen. "Ich bin zufrieden mit dem Kader", betonte er vor knapp einer Woche. Seine Offensive sei kein Notfall.

Viele kleine Kaderlücken

Verstärkung könnte Tedescos Team trotzdem gebrauchen, will man die Bayern oder den BVB ernsthaft unter Druck setzen. Zum Beispiel im defensiven Mittelfeld, zumal Kevin Kampl in die Jahre gekommen und verletzungsanfällig ist. Oder in der Innenverteidigung, die mit Willi Orban, Mohamed Simakan, Lukas Klostermann und dem immer noch nicht fitten Josko Gvardiol eher knapp besetzt ist. Oder im offensiven Mittelfeld, da Dani Olmo seinen Glanz vorrangig im spanischen Nationaltrikot versprüht. Oder eben doch in der Offensive, weil es da in Sachen Schnelligkeit eher mau aussieht, sobald der Gegner Christopher Nkunku aus dem Spiel nimmt.

Hintenrum auf Rang vier?

Fragezeichen stehen auch hinter der Spielidee von Cheftrainer Domenico Tedesco, der auf Ballbesitz und Ballkontrolle, statt schnelles Vertikalspiel setzt. Was für massive Probleme das bei dem aktuellen Kader mit sich bringen kann, haben Liverpool und die Bayern zuletzt gut gezeigt. Besonders gegen die Engländer war das "Hintenrumspielen" sehr destruktiv, denn das Leipziger Mittelfeld glich eher einem Schwarzen Loch, und die Offensive hing in der Luft.

Keine Frage, RB Leipzig wird in der Saison 2022/23 wieder oben mitspielen. Aber ganz oben? Das wäre nach aktuellem Kaderstand eher überraschend. Und so wird es erneut "nur" um Tabellenplatz vier gehen. Ein David Raum oder gar Timo Werner werden daran nicht wirklich etwas ändern.

Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | MDR aktuell | 08. August 2022 | 17:45 Uhr

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