Fußball | Bundesliga | Teamcheck RB Leipzig: Vom Jäger zum Gejagten

Die kurze Winterpause neigt sich dem Ende entgegen, die Bundesliga-Rückrunde steht an. Wie hat sich RB Leipzig bislang geschlagen? Wie wahrscheinlich ist ein Triumph im Mai 2020? Wir haben die Lage und die Aussichten zusammengefasst.

Jan Moravek, Felix Uduokhai, Konrad Laimer und Jeffrey Gouweleeuw
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Wenn man nach 25 kräfteraubenden Pflichtspielen in den Achtelfinals von Champions League sowie DFB-Pokal steht und in der Bundesliga als Tabellenführer überwintert, kann man nicht so viel falsch gemacht haben. Nein, das Team von Julian Nagelsmann kann sich getrost auf die Schulter klopfen oder klopfen lassen. Ein Grund zum Feiern ist die prächtige Lage vor der Rückrunde dagegen nicht wirklich. Denn von einer kaum zu schlagenden Übermannschaft ist RB Leipzig schließlich weit entfernt. Und endgültig erreicht ist ja bislang auch noch nichts.

So lief die Hinserie

Die bisherige Saison 2019/20 der Leipziger kann man in drei Phasen einteilen. Die erste war mit sechs Pflichtspielsiegen und einem 1:1 gegen die Bayern überraschend erfolgreich. Mit einem derart reibungsfreien Übergang von Trainer Ralf Rangnick zu Trainer Julian Nagelsmann und dem damit einhergehenden zumindest partiellen Systemwechsel (hin zu mehr Ballbesitz-Fußball) hatten selbst die optimistischsten RB-Fans nicht gerechnet. Bei den Leipzigern lief es zu Beginn prächtig: Mal dominierte das Glück (z.B. beim 3:1 gegen Gladbach), mal das Geschick (z.B. beim 4:0 gegen Union), gern auch beides innerhalb eines Spiels (vor allem beim 1:1 gegen Bayern).

Torwart Manuel Neuer pariert den Schuss von Nordi Mukiele
RB erkämpfte gegen die Bayern einen Punkt. Bildrechte: Picture Point

Wie es läuft, wenn man statt Matchglück das Pech gepachtet hat, zeigte die anschließende Phase. Die zwei Niederlagen und zwei Remis in der Bundesliga mögen als Talfahrt durchgehen. Genau genommen waren sie eine Ergebniskrise, denn die Punktverluste gehörten allesamt zur Kategorie "unnötig". Gleiches gilt auch für die 0:2-Heimpleite in der Champions League gegen Lyon, bei der beide Treffer quasi Eigentore waren.

Nach ein paar harschen Worten und Aussprachen auf diversen Klub-Ebenen stellte sich der Erfolg schlagartig wieder ein. RB mutierte nun zu einer echten Tormaschine (6:1 im Pokal gegen Wolfsburg, 8:0 gegen Mainz, 4:2 gegen Hertha, 4:1 gegen Köln) und arbeitete sich wieder auf Platz zwei hoch, auf Tuchfühlung mit M’gladbach. Am 15. Spieltag war die Tabellenführung endgültig zurückerobert, zwei Spiele später der Herbstmeister-Titel geholt.

Das Besondere an dieser dritten Phase: Die Leipziger Punktesammelei ging mit zunehmender Souveränität vonstatten – trotz Dauerbelastung in drei Wettbewerben. Hinzu kam eine beeindruckende Moral, mit der mehrfach Rückstände aufgeholt wurden. Spektakulärste Beispiele waren das 3:3 gegen den BVB und das 2:2 gegen Benfica Lissabon.

Tor für RB Leipzig zum 3:3. Im Bild v.l.: Torschütze Patrick Schick (21, RB Leipzig)
RB gegen BVB - das sind meist Spektakel. Bildrechte: Picture Point

Wer kommt, wer geht?

Während der Hinrunde wurde bei RB Leipzig öfter betont, dass sich in der Winterpause wahrscheinlich gar nichts in Sachen Transfers tun wird. Das Gegenteil ist der Fall: Beim Bundesliga-Tabellenführer wird der Kader mächtig durcheinandergewirbelt. Die vorerst überraschendste Personalie ist der Abgang von Diego Demme zum SSC Neapel. Er ist in mehrfacher Hinsicht ein echter Verlust: Demme war mit seinen immerhin sechs Jahren bei RB eine Identifikationsfigur und im defensiven Mittelfeld ein Dauerläufer. In 24 der 25 Pflichtspiele stand er auf dem Platz.

Lorenzo Insigne (24, Neapel), Diego Demme (31, RB Leipzig) und M‡rio Rui (6, Neapel)
Diego Demme erfüllt sich seinen Neapel-Traum. Bildrechte: imago/Picture Point LE

Sein Glück in Istanbul versucht ab jetzt Marcelo Saracchi. Der Außenverteidiger wurde zu Galatasaray ausgeliehen. Bei den Leipzigern gehörte der Uruguayer nur zur zweiten Reihe, die allerdings von den Namen her gut besetzt ist. Diese Reihe ebenfalls verlassen könnten auch noch weitere Kicker. Die konkretesten Gerüchte drehten sich zuletzt um Ademola Lookman, der erst im Sommer geholt worden war, Candido, Matheus Cunha und Stefan Ilsanker.

Zudem berichtete der TV-Sender "sky" am Dienstag über das "ernsthafte Interesse" von Real Madrid an Timo Werner. Demnach sollen die "Königlichen" den Torjäger "intensiv scouten". Es solle nur noch "eine Frage der Zeit sein, bis sich Real Madrid bei Werner meldet und ein Angebot hinterlegt". Allerdings solle ein möglicher Transfer erst im Sommer über die Bühne gehen. Problem für RB: Dank der Ausstiegsklausel in Werners Vertrag wäre dieser deutlich unter seinem Marktwert zu haben.

Die Zahl der möglichen Neuverpflichtungen ist hingegen überschaubar. Sogar sehr überschaubar. Die heißeste Personalie war Benjamin Henrichs, ist inzwischen aber wieder erkaltet. Denn AS Monacos neuer Trainer Robert Moreno hat den Abwehrspieler ins Herz geschlossen und will ihn nicht gehen lassen. Dann wäre da noch das französische Abwehrtalent Tanguy Kouassi von Paris Saint-Germain. Ein Wechsel des 17 Jahre alten Innenverteidigers nach Leipzig kommt aber wohl auch erst im Sommer in Frage.

Benjamin Henrichs, AS Monaco, am Ball.
Henrichs bleibt wohl in Monaco. Bildrechte: imago images/PanoramiC

Der Trainer

Rangnick-Nachfolger Julian Nagelsmann war mit großen Erwartungen in Leipzig empfangen worden. Er hat sie übertroffen. Der 32-Jährige arbeitete sich in Höchstgeschwindigkeit ein und führte RB zur ersten Herbstmeisterschaft. Die ihm zugeworfenen Lorbeeren reichte er teilweise an Ralf Rangnick weiter, denn dieser habe das Feld für den aktuellen Erfolg bereitet. Nichtsdestotrotz sind Nagelsmanns Verdienste deutlich zu erkennen: Er verbesserte das Leipziger Spiel bei Ballbesitz, was zu deutlich mehr Großchancen führte, ließ aber nicht zu, dass das auf Kosten der berüchtigten Kompaktheit der RB-Defensive geht.

Nagelsmann ist beliebt für seine lockere Art, kann aber auch anders: Nach dem Gruppensieg in der Champions League kritisierte der Coach öffentlich sein Team, statt den Meilenstein in der knappen RB-Historie zu feiern. Auch in der Winterpause gab er sich alles andere als euphorisch und bezeichnete seine Mannschaft im Bild-Interview als "noch nicht gut genug, um Meister zu werden". Dafür vergebe man zu viele Chancen. Ob das pure Vorsicht, überkritische Skepsis oder gepflegtes Understatement ist, darüber kann man sicher streiten.

Trainer Julian Nagelsmann mit Emil Forsberg (RB Leipzig)
Julian Nagelsmann ist umstrittener Chef im Ring. Bildrechte: imago images / Christian Schroedter

Erwartungen an die Rückrunde

Nagelsmann begründete seine Zurückhaltung in Sachen Meistertitel allerdings nachvollziehbar. Grund für die Tabellenführung zur Halbserie sei, dass die wahren Favoriten, Bayern und BVB, "nicht die Performance haben, die sie haben könnten". Aber wenn sich die beiden nicht wirklich steigern? Dann könnte vielleicht doch die Stunde für RB schlagen. Die Saison 1997/98 und der 1. FC K’lautern lassen grüßen.

Lob in allerhöchsten Tönen, aber auch Druck kommt von Bundestrainer Jogi Löw, der RB beim Neujahrsempfang der Deutschen Fußball Liga am Dienstag in Offenbach zum ernsten Meisterschaftskandidat deklarierte.

Auch die 293 jüngst vom "Kicker" befragten Bundesliga-Profis nannten RB Leipzig mehrheitlich als Top-Favoriten auf die Meisterschaft (43,1 Prozent). Die Bayern wurden nur von 36 Prozent der Spieler vorn gesehen. Aber die Umfrage basiert ja quasi auf Gefühls- und vielleicht auch Sympathiewerten. Die mit Sicherheit absolut nüchtern wertenden Wettanbieter sehen in der Kristallkugel immer noch den FC Bayern die Schale holen. Die Quote von durchschnittlich 1,5 sagt alles und ist weit weg von der für einen Leipziger Triumph (3,4). Andererseits: Im Fußball ist zwar viel ausrechenbar, aber eben längst nicht alles.

Zwei Jungen jeweils in einem Trikot von RB Leipzig und Bayern München stehen mit dem Rücken zur Kamera vor dem Stadion in Leipzig.
Bildrechte: MDR/Sven Kups

Zuletzt aktualisiert: 15. Januar 2020, 10:36 Uhr

4 Kommentare

Rennsteiger vor 10 Wochen

Also.die Haare können mir schon längst nicht mehr zu Berge stehen, sind einfach weg,Freue mich wie du auf den Start zur Rückrunde und habe dazu doch eine etwas andere Erwartungshaltung. Jeder Anhänger des runden Leders hofft doch von Spiel, dass seine Mannschaft gewinnt. Dynamo-Fans bibbern, dass ihre Truppe nicht absteigt und in Hamburg erwartet man den Wiederaufstieg. Und hier, darf man da nicht ganz leise davon träumen, wie schon es wäre, ausgerechnet RBL beendet mal das Abo der Bayern auf die Meisterschaft? Natürlich hofft man auch in Dortmund, Gelsenkirchen und ......... , dass ihre Teams das ebenfalls schaffen. Keine Frage, wird sauschwer, aber machbar. RBL bleibt für mich Jäger auf die Meisterschale. Das sehen wirkliche Experten und keineswegs Schreiberlinge wie Marcel Reif auch so.
Und klappt es nicht - die Welt geht davon auch nicht unter.

Quentin aus Mondragies vor 10 Wochen

Freue mich auch sehr und bin gespannt, wie der eiserne Gürtel geknackt wird. Schade, dass ins Stadion von Tottenham nur 3100 Gästefans passen. Ja, Erfolg hat den Nachteil, dass es schwieriger wird, an Karten zu kommen.

peter1 vor 10 Wochen

Es wird höchste Zeit, dass es wieder losgeht!!! Was da in der Pause alles geschrieben, gesendet und und und wurde, da stehen Dir die Haare zu Berge!!!
Ich freue mich auf den Auftakt gegen die "Eiserne". Gleich eine schwierige Aufgabe.
Wichtig ist, einen guten Start zu haben.
Von Meisterschaft reden nur die Schreiberlinge und irgendwelche selbsternannten Experten.
Das ist kein Thema, auch wenn wir oben stehen.
"Auf gehts Leipziger Jungs........"

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