Sport und Politik Zuschauer im Stadion - Droht juristisches Tauziehen zwischen Profi-Sport und Politik?

Die Corona-Politik der Bundesregierung stößt bei immer mehr Profi-Vereinen auf Widerstand. Vor allem die bundesweit nicht einheitlichen Zuschauer-Beschränkungen sorgen für Unverständnis. Insbesondere aus den deutschen Fußball-Ligen formiert sich eine breite Front gegen die Beschlüsse - sogar von möglichen Klagen ist die Rede. Dafür sehen Juristen sogar Erfolgschancen, der Sportausschuss des Bundestags spricht von "Nachholbedarf".

Es rumort im deutschen Profi-Sport. Das Ausbleiben von Lockerungen in Sachen Zuschauer-Beschränkungen nach dem jüngsten Bund-Länder-Gipfel hat breiten Widerstand ausgelöst - vor allem aus den deutschen Fußball-Profi-Ligen. Den Stein ins Rollen brachte Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, der eine juristische Prüfung der Beschlüsse andeutete. Immer mehr Verantwortliche sind Watzke inzwischen zur Seite gesprungen, unter anderem auch RB Leipzigs Vorstandschef Oliver Mintzlaff und der kaufmännische Geschäftsführer von Dynamo Dresden, Jürgen Wehlend.

Oliver Mintzlaff
Oliver Mintzlaff und Verantwortliche von anderen Vereinen prüfen juristische Schritte gegen die Zuschauer-Beschränkungen. (Archiv) Bildrechte: imago images / Picture Point LE

Anwalt: Klage "hätte Chance auf Erfolg"

Mintzlaff und Co. fordern einheitliche und vor allem bundesweite Regeln. Der Tenor: Es könne nicht sein, dass in Bayern 10.000 Zuschauer bei Spielen zugelassen werden, in Nordrhein-Westfalen 750, in Sachsen-Anhalt 15.000 in Thüringen gar keine und so weiter. Die Unterschiede zwischen den Ländern sind enorm und nach Ansicht der Profi-Sport-Vertreter nicht nachvollziehbar. Als Ausweg wird offen über Klagen gegen die Beschränkungen nachgedacht. Die Erfolgsaussichten gerichtlicher Verfahren seien nach Meinung von Juristen schwer einzuschätzen, könnten aber Erfolg haben. "Ich glaube, dass eine Klage eine gute Chance auf Erfolg hat", so der Gelsenkirchener Anwalt Arndt Kempgens.

Magdeburgs Connor Krempicki schießt
In Sachsen-Anhalt sind bis zu 15.000 Fans im Magdeburger Stadion erlaubt. (Archiv) Bildrechte: dpa

Aktuelle Situation eine "absolute Katastrophe"

Der Jurist erklärte, dass es um Grundrechts-Einschränkungen gehe. "Der gegenwärtige Status quo ist für Liga und Vereine eine absolute Katastrophe", sagt der 53-Jährige über die unterschiedlichen Zulassungsbedingungen. "Die Allianz-Arena ist nicht sicherer als der Signal-Iduna-Park", schätzt auch Sportrechtsanwalt Markus Buchberger die Lage ein. Überhaupt scheint unklar, woher die Zahl 750 beispielsweise in Nordrhein-Westfalen kommt. Nach Ansicht von Rechtsanwalt Matthias Lang gebe es keine wissenschaftlichen Belege, dass diese Obergrenze etwas bringe.

Innenraum Allianz Arena München
10.000 Fans dürfen künftig wieder in die Münchner Allianz-Arena. (Archiv) Bildrechte: imago images/Sven Simon

Vereine loten Erfolgsaussichten für Klage aus

Nach Aussage des Sportrechtlers Martin Nolte würden die betroffenen Vereine ihre Erfolgsaussichten nun über ein einstweiliges Rechtsschutz-Verordnungsverfahren ausloten. Dort werde allerdings "noch nicht über die Gültigkeit der Verordnung entschieden", so Nolte. Es gehe vielmehr um die Überprüfung, "ob die Gründe für den Erlass einer einstweiligen Anordnung so schwer wiegen, dass sie unabweisbar ist." Einheitlich wäre hier nicht zwingend gegeben, da diese Überprüfung von Bundesland zu Bundesland, aufgrund der unterschiedlichen Corona-Schutzverordnungen, unterschiedlich ausfallen könnten.

Ein Richterhammer
Juristische Entscheidungen könnten von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich sein. Bildrechte: colourbox

Dynamo-Geschäftsführer Wehlend: "25 Prozent Auslastung muss her"

Dynamo Dresden Geschäftsführer fordert eine 25-prozentgie Auslastung der Stadien und endlich auch einheitliche Regelungen. "Es ist nicht nachvollziehbar, das kannst du keinem vermitteln. Diese Unterschiede allein zwischen Sachsen und Sachsen-Anhalt", sagte Jürgen Wehlend "Sport im Osten". Man setze das Vertrauen in die sächsische Landesregierung, dass 25 Prozent möglich sind. Unter 2G plus. "Das ist unsere klare Erwartung und es wäre auch ein vernünftiger Schritt."  Die SG Dynamo Dresden verliere an jedem Spieltag ohne Zuschauer eine Million Euro, so Wehlend weiter. Darin inbegriffen seien alle Lieferketten, vom Bäcker bis zum Ordnungsdienst.

Jürgen Wehlend 10 min
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10 min

Mi 26.01.2022 20:26Uhr 10:21 min

https://www.mdr.de/sport/sport-im-osten/video-juergen-wehlend-sg-dynamo-dresden-102.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Sportausschuss sieht Nachholbedarf

Die Problematik mit dem Flickenteppich in Sachen Zuschauer-Beschränkungen ist auch in der Politik bekannt. Frank Ullrich ist Vorsitzender des Sportausschusses im deutschen Bundestag. Bei der Bewertung der Situation versucht der frühere Bundestrainer der deutschen Biathleten beide Seiten zu sehen. "Es ist ein schmaler Grat auf dem wir uns bewegen. Ich würde mir aber dennoch wünschen, dass man das etwas einheitlicher gestaltet und nicht sagt, hier machen wir unser Stadion mit 50.000 voll und in einem anderen Bundesland darf nicht einer rein. (...) Ich denke, da ist Nachholbedarf", so Ullrich gegenüber "Sport im Osten".

Frank Ullrich während Interview. 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
1 min

Mi 26.01.2022 14:39Uhr 00:19 min

https://www.mdr.de/sport/sport-im-osten/frank-ullrich-sportausschuss-100.html

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DOSB-Boss Weikert: Profisport erstmal zweitrangig

Die derzeit unterschiedliche Handhabung mit Blick auf die zugelassenen Zuschauer missfällt auch dem Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes. "Mir gefällt das nicht, wenn in Bayern Zuschauer zugelassen sind, woanders nicht. Das ist unserem föderalen System geschuldet“, sagte Thomas Weikert "Sport im Osten". Der Profisport sei für den DOSB aber erstmal nur zweitrangig. "Für den Sport ist wichtig, dass wir in den Vereinen Sport treiben können, dass Sportplätze und Hallen geöffnet sind. Wir müssen dafür sorgen, dass der Sport stattfinden, damit wir nicht noch mehr Mitglieder verlieren."

Sport

DOSB-Präsident Thomas Weikert im SpiO-Talk 2 min
DOSB-Präsident Thomas Weikert im SpiO-Talk Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
2 min

Wie steht der Deutsche Olympische Sportbund zur Thematik der Zulassung von Zuschauern im Sport? DOSB-Präsident Weikert hat eine klare Meinung.

Mi 26.01.2022 17:33Uhr 01:46 min

https://www.mdr.de/sport/sport-im-osten/video-dosb-praesident-weikert-zu-zuschauern-im-stadion-100.html

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NOFV-Präsident Winkler: "Zuschauer wichtig für Amateurvereine"

Der Präsident des Nordostdeutschen Fußball-Verbandes verwies dagegen auch auf die Bedeutung von Zuschauern gerade für den Amateursport. Dazu bemerkte Hermann Winkler, dass durch die Einnahme-Ausfälle der Profivereine auch bei den Landesverbänden deutlich weniger Geld ankommt. 2,35 Prozent der Einnahmen der Bundesligisten werden laut DFL-Vertrag an die Regionalverbände abgeführt, in der zweiten Liga sind es 1,25 Prozent. Das Geld gehe in Nachwuchsarbeit und Weiterbildung der Amateurvereine. "Die Profis unterstützen mit dieser Regelung unsere Amateure, wenn die Politik sie lässt. Ich hoffe auf ein Einsehen und logisches Denken aufseiten der politischen Entscheidungsträger, um die auch im Raum stehende juristische Auseinandersetzung zu vermeiden", sagte Winkler.

Einheitliche Regelungen ab 9. Februar?

Ob mit einer baldigen Anpassung der Regeln zu rechnen ist, blieb unklar. Die Länderchefs einigten sich auf dem Bund-Länder-Gipfel aber zumindest darauf, dass die Staats- und Senatskanzleien er Länder bis zum 9. Februar eine einheitliche Regelung für überregionale Großveranstaltungen vereinbaren sollen. Nach Auffassung von Sportrechtler Nolte werden bis dahin auch voraussichtlich die einstweiligen Rechtsschutz-Verordungsverfahren durch sein. "Der einstweilige Rechtsschutz ist eine Eilsache. Dann werden sich die Gerichte in der Kürze der Zeit mit der Sache befassen. Ich glaube schon, dass das vor dem 9. Februar der Fall wäre", so Nolte.

(ten/rei/dpa)

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR aktuell | 26. Januar 2022 | 19:30 Uhr

4 Kommentare

zenkimaus vor 16 Wochen

Den grossen geht's noch einigermaßen gut. Was machen aber die kleinen und nicht so bekannten Vereine? Denen geht's richtig beschi... Jene welche für die Kids ein Anlaufpunkt sind. Welche soziales Engagement im Dorf leben. Die brauchen jeweilige Unterstützung

Gernot vor 16 Wochen

Ich sehe seit Langem die Verhältnissmöglichkeiten als schwer gestört. Man betrachte nur, was in geschlossenen Räumen, unter mehr oder weniger Beschränkungen alles machbar ist. Es ist ein Witz, wenn ich z.B. in der überfüllten U- Bahn fahre - ohne jegliche Einschränkung- , aber als Geimpfter und Getesteter mich nicht im Freien ( unter gängigen Hygienebedingungen) treffen darf. Corona ist leider immer mehr zum Politikum geworden. Fadenscheinige Argumentationen nutzen unsere " Volksvertreter " um ihre eigene politische Position zu stärken. Aussagen zu besagten Thema werden den eigenen politischen Interessen täglich neu angepasst.
Da muss sich niemand über Mangel an Vertrauen, gerade auch bei einer zwingend nötigen Impfung, wundern. Es wäre vieles einfacher in der gemeinsamen Bekämpfung der Pandemie! Und, alle Verantwortlichen sollten sich über die Stellung von Kultur, Sport ,Freizeit in unserer Gesellschaft Gedanken machen.

SGDHarzer66 vor 16 Wochen

Kein Mensch versteht die Unterschiede in der Beurteilung der Situation, weil sie einfach rational nicht erklärbar sind.
Eine Sammelklage macht sicher Sinn und dieser Schritt gegen die Kretschmer's dieser Welt sollte demnächst auch umgesetzt werden.
Von meinem Verein erwarte ich für das nächste Spiel ein deutliches Zeichen insbesondere in Richtung des Angebotes zum Verkauf von Geistertickets auch wenn 1000 Zuschauer zugelassen sein sollten! Es wird wieder mal Zeit für eine solche Aktion!
Dynamische Grüße aus dem Harz - grummelig und mittlerweile stinksauer!

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