Fußball | 2. Bundesliga Erzgebirge Aue - So schlecht wie nie zuvor

Analyse

Erzgebirge Aue ist nach 2008 und 2015 zum dritten Mal aus der 2. Bundesliga abgestiegen. Nie war die Mannschaft in der 76-jährigen Vereinsgeschichte schlechter. Kein anderes Auer Team kassierte mehr Niederlagen und Gegentore in einer Saison. Der Kumpelverein bekommt jetzt die Quittung für Fehlbesetzungen und braucht nun die richtigen Leute an den richtigen Stellen, um schnell ins lukrative Zweitliga-Geschäft zurückzukehren. Eine Analyse.

Illustration Erzgebirge Aue
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Am Samstag um 22:21 Uhr war die 2. Bundesliga für Erzgebirge Aue Geschichte. Es passte ins Bild, dass der Abstieg mit einem peinlichen 0:6 beim SV Darmstadt besiegelt wurde. Seit Wochen kreiste das Abstiegsgespenst über dem Erzgebirge, lediglich der schwachen Konkurrenz war es zu verdanken, dass Aue am Zweitliga-Leben blieb. Das ist nun also Geschichte.

Überraschend kommt der Abstieg nicht. Es hatte sich früh in der Saison angedeutet, dass Aue schweren Zeiten entgegenblicken sollte. Um genau zu sein, liegt der Ursprung des Dilemmas schon länger zurück und gipfelte in falschen Personalentscheidungen vor dieser Saison.

Schuster-Aus - der Anfang vom Ende

Da wäre die Trainer-Entscheidung. Dirk Schuster, der Aue zwei Jahre in Folge zum Klassenerhalt geführt hatte, musste/wollte Ende letzter Saison gehen. Die 3:8-Pleite gegen Paderborn war nur ein Brandbeschleuniger. Schuster meldete sich krank. Danach kamen Trainer und Führung des Vereins um Präsident Helge Leonhardt und Geschäftsführer Michael Voigt nicht mehr auf einen Nenner. Dabei steckte der damalige Coach schon voll in den Planungen für die neue Saison.

Dirk Schuster und Helge Leonhardt, 2019
Da war die Welt in Aue noch in Ordnung: Dirk Schuster und Helge Leonhardt 2019. Bildrechte: IMAGO / Eibner

Statt mit Schuster, der Spieler und Mechanismen im Erzgebirge kannte, weiterzumachen, wagte Aue ein Experiment und verpflichtete den No-Name-Trainer Aliaksei Shpileuski. Der war einst im Nachwuchs bei RB Leipzig und sollte Aue das RB-Spiel mit hohem Pressing einflößen. Die RB-DNA ist in Aue so beliebt wie Rosenkohl bei Kindern. Dass zudem zwischen Theorie und Praxis Welten liegen, wurde prompt im Testspiel in der Sommervorbereitung gegen den 1. FC Magdeburg deutlich. Der FCM führte Aue vor. Das Spiel sollte mehr als eine Momentaufnahme sein.

Die falschen Spieler weggeschickt

Das Testspiel fand zwei Tage nach dem Abschied von Stürmer Pascal Testroet statt. Der Top-Torjäger passte nicht ins System des Trainers, Sandhausen freute sich und hält auch dank der Testroet-Tore die Klasse. Aue stand dagegen auf einen Schlag ohne seine Lebensversicherung da, denn Top-Stürmer Nr. 2, Florian Krüger, war zum Bundesligisten Arminia Bielefeld verkauft worden. Einen adäquaten Ersatz fand man nie. Auch der heimliche Abwehrchef Steve Breitkreuz wurde vom Hof gejagt, fand in Regensburg einen neuen Stall und glänzte als Innenverteidiger mit drei Toren in 26 Einsätzen.

Es war nicht das erste Mal, dass Aue bei der Personalplanung völlig daneben lag, doch diesmal blieben die schweren Fehler nicht unbestraft.

Die Tabelle lügt nicht

Der Kumpelverein dümpelte die gesamte Saison im Tabellenkeller herum und stand nur an den ersten drei Spieltagen und nach einem kurzen Hoch am 14. und 15. Spieltag nicht auf dem Relegations- oder Abstiegsplatz. Die blanken Zahlen lügen nicht. Die Erzgebirgler kassierten so viele Gegentreffer wie kein anderes Team der Liga (69). Dazu ließ man die meisten Großchancen für die Gegner zu. Auch im Angriff hapert es. Mit 31 geschossenen Toren liegt man unter dem Durchschnitt (45). Kein Team verbuchte weniger Ecken und nur Hannover 96 erzielte noch weniger Tore nach ruhenden Bällen als der FCE.

Ebenfalls bezeichnend: Aue ist Fairplay-Schlusslicht - mit vier Roten Karten und 89 Gelben. Vorn dabei sind die Veilchen nur bei den Joker-Toren, bei keiner anderen Mannschaft trafen die Einwechsler häufiger. Das zeugt allerdings auch nicht davon, dass die Trainer bei der Startelf ein glückliches Händchen hatten.

Sören Gonther von Erzgebirge Aue 2 min
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Drei Trainer, drei kurze Strohfeuer

Apropos Trainer: Bei der Anzahl der Trainerwechsel liegen die "Veilchen" mit Aleksey Shpilevski, Marc Hensel und Pavel Dotchev vorn. Alle drei eint eine stabile Phase zu Beginn, der ein dramatischer Einbruch folgte.

Sportdirektor Pavel Dotchev und Teamchef Marc Hensel
Weder Sportdirektor Pavel Dotchev noch Teamchef Marc Hensel konnten das Ruder herumreißen. Bildrechte: IMAGO / Picture Point

Das Projekt Shpilevski war schon nach sieben Spieltagen und null Siegen gescheitert. Den Fehleinkauf müssen sich Leonhardt, Voigt und Marc Hensel gemeinsam ankreiden. Sie alle stimmten damals zu, einen unerfahrenen Trainer zu verpflichten, der weder das Umfeld noch die Liga kennt. Aue setzte nach Shpilevski auf die vereinsinterne Lösung mit Hensel, verpflichtete zudem Pavel Dotchev offiziell als Sportdirektor. Der Trainerwechsel schien zu fruchten. Mit zehn Punkten aus vier Spielen gegen Ingolstadt, Hannover, Heidenheim und Rostock sprang Aue aus dem Tabellenkeller.

Wechsel ohne Wirkung

Doch das war nur ein kurzes Strohfeuer. Fortan ging es stetig bergab. Statt sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, fühlte sich Hensel in nahezu jedem Spiel von den Schiedsrichtern benachteiligt. Die Ergebnisse waren katastrophal und nach der achten Niederlage im neunten Spiel war Aue erstmals seit dem 10. Spieltag wieder ans Tabellenende gerutscht. Endstation für Hensel, mit einer miesen Quote von nur drei Siegen und zwei Remis in 16 Spielen. Hensel war gescheitert. Jetzt durfte Pavel Dotchev offiziell auf den Trainerstuhl.

Hat Dotchev als Sportdirektor versagt?

Verändert hat sich auch danach nicht wirklich etwas. Aue verlor regelmäßig, sendete ab und zu Lebenszeichen und blieb glücklos. Das Dilemma mit späten Gegentoren zog sich wie ein roter Faden durch die Saison. Dazu erwachte die Mannschaft oft erst, wenn sie schon zurücklag. Als Dotchev übernahm, war das Kind längst in den Brunnen gefallen. Was er sich aber fragen muss: Hat er als Sportdirektor versagt?

Ein Schiedsrichter im Dialog mit einem Spieler
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Er war im Winter für Neuzugänge zuständig - und die floppten. Jann George (kam aus Regensburg) kommt auf neun Einsätze und null Tore. Prince Osei Owusu (kam von Paderborn) traf in 17 Spielen immerhin zwei Mal, erwies seinem Team aber mit Rot nach sieben Minuten gegen Ingolstadt einen Bärendienst. Im Nachhinein muss sich Dotchev fragen lassen, warum Terrence Boyd vom Halleschen nicht im Erzgebirge, sondern in Kaiserslautern gelandet ist.

Es war nur ein Baustein von vielen, der in dieser Saison nicht passte. Zu viel lief schief. Auch abseits des Platzes. Der Tod von Vereinslegende Gerd Schädlich schockte ganz Aue. Die XXL-Sperre gegen Clemens Fandrich sorgte zusätzlich für Unruhe und zuletzt musste auch Stammkeeper Martin Männel (Knie-IO) die Saison vorzeitig beenden. Aue blieb in dieser Saison von nichts verschont und bekam den Unmut der Fans zu spüren. Auch, weil die Mitgliederversammlung erst im zweiten Halbjahr vorgesehen ist. Sicherlich wäre sie auch vor Beginn der neuen Saison möglich gewesen.

Neustart mit elf "Alten"?

Fakt ist: In Aue muss man die richtigen Schlüsse ziehen und Fehler der jüngeren Vergangenheit vermeiden. Der FCE braucht jetzt charakterlich die richtigen Leute, muss die sportliche Kompetenz im eigenen Verein stärken und Spieler binden, die ins Erzgebirge passen. Local Heroes sind ein Weg. So wie 2016, als der direkte Wiederaufstieg glückte. Damals bildeten Männel, Breitkreuz und Tiffert eine wichtige Achse. Dotchev war als Trainer am Start. Er weiß, wie es gehen kann. Mit den richtigen Personen an die richtigen Stellen. Sich rar zu machen, gibt kein gutes Bild ab. In Darmstadt waren weder Präsident noch Geschäftsführer vor Ort. Ein starkes Zeichen sieht anders aus.

Und ob es ein Vorteil ist, dass elf Spieler dieser Mannschaft einen gültigen Vertrag besitzen, muss bezweifelt werden. Sieben von ihnen haben maximal Kurzeinsätze bestritten. Da muss man fast hoffen, dass manch einer selbst das Handtuch wirft und Aue so Spielraum gibt, um eine Mannschaft zusammenzustellen, die ernsthafte Chancen hat, um den direkten Wiederaufstieg mitzuspielen. Ansonsten wird es wohl auf absehbare Zeit ziemlich düster im Schacht.

Pavel Dotchev von Erzgebirge Aue 3 min
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3 min

0:6 (!) gegen den SV Darmstadt. Es war mehr als ein Klassenunterschied. Trainer Pavel Dotchev über die Pleite, den Abstieg und die restliche Saison.

Sa 30.04.2022 23:19Uhr 03:28 min

https://www.mdr.de/sport/sport-im-osten/video-dotchev-aue-nach-abstieg100.html

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Video

Diese Spieler haben Vertrag über die Saison hinaus

Tim Kips, Philipp Riese, Tom Baumgart, Antonio Jonjic, Martin Männel, Jann George, Soufiane Messeguem, Anthony Barylla, Omar Sijaric, Ramzi Ferjani, Jannis Lang

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Videos und Audios zur 2. Fußball-Bundesliga

FCM-Mittelfeldspieler Baris Atik
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Dieses Thema im Programm: Audio-Livestream in der SpiO-App | 30. April 2022 | 20:30 Uhr

38 Kommentare

Bernd_wb vor 14 Wochen

Guter Artikel der es gut beschreibt. Ich habe die Abgaenge nicht verstanden. War gegen Sandhausen im Stadion und da war es die Kombination aus loechriger Abwehr, etwas Pech, ausbaufaehiger Chancenverwertung. Das zog sich so durch die Saison auch mit spaeten Gegentoren. Hoffe man kommt wieder zurueck. ABER was auch mit den Leos in einer Kleinstadt geleistet wurde ist schon beachtenswert.

Lieselotte Mueller vor 14 Wochen

Unser Gönner und Mettzehn Didi Mateschitz ist auch alt und hat unsern Heimatverein RBL zu glohreichen Zeiten verholfen, Vier sind üperall einsahme Spitze! Und wir Fenns stehen wie eine Want neben unseren roten Recken!

Ostfussballfan73 vor 14 Wochen

Sie können ja gern Vorschläge machen. Das Beispiel Traoré zeigt doch das eigentliche Problem und die Verzweiflung. Der war nicht fit, aber wollte jede Menge Kohle und wenns dumm läuft, ist er gleich verletzt. Der hat bis heute keinen Verein. Warum wohl? Schaut doch den Fein an. Er wird wieder weg sein, ohne ein Spiel gemacht zu haben.

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