Jan Glinker GERADLINIGKEIT

Als gestandener Torhüter erlebst du plötzlich den derbsten Rückschlag deiner Karriere. Doch du bleibst dir treu. Du kämpfst dich aus Rücksicht auf das große Mannschaftsziel allein durch die harte Zeit – und wirst am Ende belohnt.

FCM Jan Glinker
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Der richtige Ort, die richtige Zeit – die Bühne für große Emotionen steht bereit. Als wolle sie ihm zum Abschied auf Wiedersehen sagen, scheint die Sonne über die Hubbrücke hinweg zum Dom. Es ist das vorerst letzte Mal, dass Jan Glinker auf der anderen Seite des Elbufers sitzt. Dieses Szenario erscheint so malerisch, so wunderschön, nicht wahr? "Ja", sagt der 34-Jährige, "ist vernünftig." Doch sein Grinsen verrät: Es ist mehr als das. 

Magdeburg war in den vergangenen Jahren die zweite Heimat des gebürtigen Berliners. Er liebte den FCM und seine Fans und sie liebten ihn. Das würde er selbst so nie sagen. Pathos ist nicht sein Ding. Jan Glinker steht für Geradlinigkeit. Er steht für kurze und klare Worte. Und er steht für den Umgang mit Rückschlägen auf dem Weg nach oben.

Wie hat sich Jan Glinker verändert?

Ein Mann steht vor einem Denkmal. 1 min
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Fr 11.05.2018 14:23Uhr 00:31 min

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Als Jan Glinker seine Kameraausrüstung an diesem Nachmittag im Mai zusammenpackt, wäre Zeit für Wehmut. Der 34-Jährige ist Hobbyfotograf. Und hier am Elbufer, wenige Meter von der Hubbrücke entfernt, war immer sein Lieblingsplatz. Jetzt verabschiedet er sich – von der Elbe, vom Dom, vom 1. FC Magdeburg. Der Keeper hat für zwei Jahre beim Regionalligisten Nordhausen unterschrieben. Beim FCM hatten sie ihm nur ein Jahr garantiert. Das war zu wenig Planungssicherheit für den dreifachen Familienvater. Er sagt: "Ich habe die Entscheidung getroffen, den Verein zu verlassen und stehe jetzt dazu."

Es fällt ihm schwer und leicht zugleich. Denn die zweite Bundesliga hätte ihn schon noch einmal gereizt. Doch er geht, wenn es am schönsten ist: Nach zwei Aufstiegen innerhalb von vier Jahren verlässt Jan Glinker den 1. FC Magdeburg als Held. "Diese Momente", sagt er, "waren mit das Beste, was ich in meiner Karriere erlebt habe."

Ein Song für den Kultkeeper

Ohne seine sportlichen Leistungen und seinen Charakter hätte der FCM wohl kaum auf dem Rathausbalkon gestanden – weder 2015 nach dem Aufstieg in die dritte Liga, noch jetzt nach dem Sprung in die Zweitklassigkeit. Ein halbes Jahr nach seinem Wechsel im Sommer 2014 vom Zweitligisten Union Berlin nach Magdeburg hatte Glinker, den alle nur "Klinge" nennen, Publikumsliebling Matthias Tischer aus dem Kasten verdrängt. Von den Anhängern deshalb anfangs mit Skepsis bedacht, entwickelte sich die Berliner Schnauze bald selbst zu einem der beliebtesten FCM-Kicker. Legendär: Seine Trips im Kleinbus mit Zeugwart Heiko Horner in die Trainingslager nach Spanien und England. Die FCM-Fans widmeten dem an Flugangst leidenden Keeper im Januar 2018 sogar ein Lied.

Glinker festigte seinen Stammplatz in der ersten Drittligasaison, die für den Aufsteiger überraschend erfolgreich mit Platz vier endete, und überzeugte auch in der Hinrunde der zweiten. Doch dann kam der Moment, der ihn auf eine harte Probe stellte – dann kamen die härtesten Wochen und Monate seiner Karriere. "So etwas", sagt er noch heute mit ernstem Blick, "hatte ich bis dahin noch nie erlebt."

Torwart Jan Glinker (1. FC Magdeburg) gibt Anweisungen.
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Die Mannschaft sollte ihre Ruhe haben. Warum hätte ich auch unser gemeinsames Ziel gefährden sollen, nur weil es bei mir schlecht lief? Es ging in den letzten Jahren für jeden von uns immer nur um den 1. FC Magdeburg als Verein – genau diese Einstellung hat uns stark gemacht.

Stell dir vor, du bist der sichere Rückhalt deiner Mannschaft. Du gibst ihr Ruhe und Souveränität. Du hast in der Hinrunde siebenmal zu Null gespielt. Dein Team steht auf einem Aufstiegsplatz – und dann tauscht dich dein Trainer aus. Dein jüngerer Konkurrent darf in der Rückrunde um den ganz großen Coup kämpfen. Du sitzt als Nummer zwei nur noch auf der Bank. Wie gehst du mit dem größten Rückschlag deines Fußballerlebens um? 

Cheftrainer Jens Härtel erklärte nach der Winterpause 2017 den zehn Jahre jüngeren Leopold Zingerle zur neuen Nummer eins. "Ich habe diese Entscheidung damals nicht verstanden und verstehe sie bis heute nicht", sagt Jan Glinker. Der FCM beendete die Saison erneut auf dem vierten Tabellenplatz und verpasste den möglichen Aufstieg. "Wenn ich dreist wäre, könnte ich jetzt sagen, wir hätten schon damals aufsteigen können, wenn ich die Nummer eins geblieben wäre", meint Glinker. Doch er ist nicht dreist. Denn: "Natürlich weißt du nie, wie es dann gelaufen wäre. Leo hat seine Sache ja auch gut gemacht. Und ich bin jetzt einfach froh, dass wir es in dieser Saison gepackt haben."

Echte Freundschaften und unglaubliche Mentalität

Beeindruckend war sein Umgang mit der Situation damals: Glinker äußerte nach dem Torwartwechsel verständlicherweise seinen Unmut – aber nur kurz. Danach schwieg er, brachte im Training weiter seine Leistungen. "Was hätte es denn genützt, wenn ich da große Sprüche rausgehauen hätte? Ich war da nach außen ruhig und habe die Situation für mich sacken lassen. Die Mannschaft sollte ihre Ruhe haben", sagt Glinker. "Wir hatten ja ein gemeinsames Ziel. Warum hätte ich das gefährden sollen, nur weil es bei mir schlecht lief? Es ging in den letzten Jahren für jeden von uns immer nur um den 1. FC Magdeburg als Verein – genau diese Einstellung hat uns stark gemacht."

Zingerle musste den Verein im Sommer 2017 verlassen und wechselte nach Paderborn. Glinker wurde wieder zur Nummer eins und verabschiedete sich mit dem Aufstieg. "Wir waren schon damals, als ich von Union nach Magdeburg gekommen bin, eine unglaubliche Mentalitätstruppe und das hat sich in den drei Jahren dritte Liga fortgesetzt", sagt der 34-Jährige. "Jeder konnte sich auf den anderen verlassen, auf dem Rasen und abseits davon. Da sind viele echte Freundschaften entstanden. Gerade in schlechten Phasen hat uns das stark gemacht."  

Wie hat sich der 1. FC Magdeburg verändert?

Ein Mann steht vor einem Denkmal. 1 min
Bildrechte: MDR/Daniel George

Fr 11.05.2018 14:23Uhr 00:29 min

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Zu Beginn seiner Zeit beim FCM pendelte Jan Glinker fast täglich zwischen seinem Wohnort Berlin und Magdeburg. Das wurde mit der Zeit weniger. Glinker nahm sich eine kleine Wohnung in der Elbestadt, blieb immer öfter. Nach den Trainingseinheiten schlenderte Glinker mit seiner Kamera durch die Stadt und fand beim Fotografieren den Ausgleich zum Fußball. "Ich habe mich in Magdeburg und mit den Menschen hier extrem wohlgefühlt", sagt er. "Zu unseren Fans brauche ich sowieso nicht mehr viel zu sagen, außer ein weiteres Mal einfach nur: Danke!"

Inzwischen ist seine Wohnung leergeräumt. Die Fotoausrüstung steht in Berlin. Nach dem Sommerurlaub geht es zu seinem neuen Arbeitgeber nach Nordhausen. Ein letzter Blick über die Elbe auf den Dom. Zwei Aufstiege innerhalb von vier Jahren, das Comeback nach dem großen Rückschlag, die Zuneigung der Fans – seine Zeit beim 1. FC Magdeburg war ziemlich perfekt, oder? "Ja", sagt der 34-Jährige, "war sensationell." Und sein Grinsen verrät: Sie war genau das.  

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