Freude Jubel nach gehaltenem Elfmeter und Spielende - Martin Männel Maennel
Jubel nach gehaltenem Elfmeter und Spielende in Aue. Bildrechte: Sportfoto Zink / Daniel Marr

Fußball-Kolumne Emmas Einwurf: Erzgebirge Aue

Als Profi war Jörg Emmerich ein Gesicht des Fußballs in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. In seiner Kolumne "Emmas Einwurf" wirft er einen Blick auf das aktuelle Fußball-Geschehen. Heute: Erzgebirge Aue.

von Jörg Emmerich

Freude Jubel nach gehaltenem Elfmeter und Spielende - Martin Männel Maennel
Jubel nach gehaltenem Elfmeter und Spielende in Aue. Bildrechte: Sportfoto Zink / Daniel Marr

7 Tore, 3 Elfmeter, eine rote Karte und gefühlte 20 Minuten Videobeweis - 4:3 im Schacht und eine wilde Schlussphase mit Emotionen pur, die diesen Sport so faszinierend machen. Ein Flutlichtspiel so richtig nach dem Geschmack der Fans. Während diese noch mit Freudentänzen feierten, blieb Schuster bei der Pressekonferenz bei seinen Leisten.

Kurzer Rückblick

Fußball ist keine Mathematik (Rummenigge über Hitzfeld) und Fußball ist ein Ergebnissport. Das Beherrschen der Grundrechenarten kann aber durchaus von Vorteil sein. 6 Punkte aus drei Spielen und eine Runde weiter im DFB-Pokal! Erfolglosigkeit sieht anders aus und dennoch gab es eine Veränderung auf dem Trainerstuhl. Mal wieder.

Nun hatte ich mich auf den nächsten Trainer-Neuling eingerichtet, dem man die Chance auf Profifußball ermöglicht und im Gegenzug dafür im Hintergrund dem Novizen erklärt, wie das knallharte Geschäft Profifußball in Aue zu laufen hat. Doch es kam anders.

Die Entscheidung fiel für Dirk Schuster. Mein erster Gedanke: Das könnte passen. Und um noch einmal die Mathematik zu bemühen, es werden ein paar interessante Parallelen aufgezeigt, die die Hoffnung auf eine ähnlich erfolgreiche Phase schüren, wie sie vor 20 Jahren begann und den Grundstein für Aues Erfolgsgeschichte im vereinten Deutschland legte.

Wieder ein Leonhardt auf dem Präsidentensessel

Beide hatten überraschenden und unerwarteten Erfolg mit ihren Mannschaften, bevor sie ihr Weg nach Aue führte. Der eine Coach in Zwickau, der andere Coach in Darmstadt. Beide hatten nach den Erfolgen weniger glückliche Engagements. Der Eine bei Sachsen Leipzig, der Andere in Augsburg. Dass beide Nachnamen der Trainer mit SCH anfangen - geschenkt. Aber eine Parallele gibt es noch: Wieder thront ein Leonhardt auf dem Präsidentensessel.

Uwe Leonhardt und Trainer Gerd Schädlich
Uwe Leonhardt und Trainer Gerd Schädlich (Archiv). Bildrechte: imago/Dehlis

Dass nach den Debütanten Stipic, Letsch, Tedesco, Drews und Meyer innerhalb der letzten fünf Jahre nun ein bundesligaerfahrener Coach den Kumpelverein trainiert, deutet auf eine Strategieänderung hin. Bisher hatte man den Eindruck, dass die Taktik des Präsidenten Helge Leonhardt darin bestand: Finde jede Saison mindestens drei Vereine, die mehr Fehler machen als sein Verein.

Das hat, wenn manchmal auch haarscharf, immer irgendwie geklappt. 1860 München, Kaiserslautern, Karlsruhe, Duisburg und Ingolstadt - alles Vereine, die größeres Potenzial als der FC Erzgebirge haben, stiegen ab. Die Lila-Weißen retteten sich mit 39 oder 40 Punkten und auch mal über die Relegation.

Alles Denkbare ist machbar

Damit wir uns nicht falsch verstehen. Selbstverständlich bleibt der Klassenerhalt in der 2. Bundesliga oberstes Gebot und eine bemerkenswerte Leistung aller Beteiligten. Aber wenn das Motto gilt: Alles Denkbare ist machbar, denke ich, sollte es machbar sein, auch höhere Tabellenregionen erfolgreich anzustreben und nicht Jahr für Jahr erst am letzten Spieltag von der Schippe zu springen.

14 Jahre 2. Bundesliga, aber etabliert haben sie sich noch längst nicht. Dafür braucht es Kontinuität, ein Konzept und eine Mentalität innerhalb der Mannschaft, die sich dadurch auszeichnet, noch besser werden zu wollen. Dass Schuster in der Lage ist, Emotionen in die Mannschaft zu transportieren, hat er schon unter Beweis gestellt, aber dass sich die Mannschaft vor allem im Ballbesitz verbessern und die Fehlerquote minimieren muss, hat er auch deutlich gemacht.

Trainer Dirk Schuster, Erzgebirge Aue
Aue-Trainer Dirk Schuster. Bildrechte: Picture Point

Dass der Videobeweis in den letzten Spielen auch nicht zum Nachteil für die Erzgebirgler ausgelegt wurde und sich solche Dinge im Laufe einer Saison ausgleichen, weiß auch er ganz genau. Kontinuität scheint man im Personal mit etablierten Spielern voranzutreiben. Ich hoffe, man schafft es auch, junge, talentierte Spieler längerfristig zu binden, zuzuführen oder was am besten wäre, selbst auszubilden. Diese müssen sich dann neben den Gestandenen entwickeln. Und vor allem hoffe ich auf Kontinuität auf dem Trainerposten.

Freiburg des Ostens

Vielleicht hat der wortgewaltige Präsident gelernt, traut und vertraut dem Fußballfachmann Schuster ohne permanent Seelentröster für unzufriedene Spieler zu sein, womit er gewollt oder ungewollt die Autorität der jungen Vorgänger untergrub. Für meinen Trainer Gerd Schädlich war das klar, auch für Uwe Leonhardt, dem Bruder von Helge Leonhardt und damaligen Präsidenten. Sportlich hatte nur Schädlich das Sagen. Der Erfolg gab beiden recht.

Mit Dirk Schuster könnte Aue in andere Regionen Vorstoßenes - wenn man ihn lässt. Vielleicht kann Aue irgendwann das Freiburg des Ostens werden. Die Ruhe und Idylle des Lößnitztals müssen kein Nachteil sein. Kiel und Paderborns Erfolge sind im überhitzten Fußballgeschäft, gespickt mit Selbstdarstellern und vielen Eitelkeiten, auch in Aue nicht unmöglich. Erfolg im Bentley auf der Überholspur ist denkbar, eher machbar erscheint er mir auf Schusters Rappen - Schritt für Schritt.

Der FC Erzgebirge ist mit einem Jahresumsatz von 20 Millionen Euro immer noch ein Kleiner. Aber geschickt eingesetzt, kann er perspektivisch auch den Großen wehtun. Sollte Schuster dieses Vertrauen bekommen, dann könnte er auch in Aue ein zweites Damstadt schaffen. Also. Bleiben sie bei Ihren Leisten, Herr Schuster!

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sport im Osten | 19. Oktober 2019 | 16:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Oktober 2019, 21:23 Uhr

1 Kommentar

snaz83 vor 7 Wochen

Freue mich als SGDler sehr für Aue, da hier eine Mannschaft kämpft ,ackert und erfolgreich ist. Dasselbe was bei uns auch eingeführt werden müsste anstatt ein Barcelona-System mittelmäßigen Zweitliga-Kickern aufzustülpen, was sie gnadenlos überfordert. Aue hat nicht die besseren Spieler, aber eine Taktik die die Mannschaft ausführen kann und dazu kämpferisch nie aufgibt. Deswegen sind sie zur Zeit zu Recht da oben!