Fußball | 2. Bundesliga Magdeburg-Experte Marius Sowislo: Keine Zeit, herumzuexperimentieren

Zwischenfazit

Marius Sowislo hat den 1. FC Magdeburg mit in die 2. Bundesliga geführt. Der FCM-Experte, der im Sommer seine Karriere als Fußballer beendete, analysiert im Interview die Hinrunde des Liganeulings. Er spricht über Schwächen und Stärken, Veränderungen unter dem neuen Trainer und die Rolle von Torjäger Christian Beck.

Marius Sowislo, der 1. FC Magdeburg hat die Hinrunde in der 2. Bundesliga hinter sich. Was bleibt nach den ersten 17 Spielen hängen?

"In erster Linie ist es ernüchternd. Viele wussten, dass es nach dem Aufstieg schwer wird. Aber es ist nicht realisierbar, dass nur elf Punkte zu Buche stehen. Nur ein Sieg und kein Heimsieg. Das ist das, was am meisten wehtut."

Neun Anläufe gab es. Aber als einziger Zweitligist hat der 1. FCM in dieser Saison noch keinen Heimsieg eingefahren. Warum nicht?

"Das ist eine Qualitätsfrage. Magdeburg hat viele Spiele gut gespielt, aber nicht über die Zeit gebracht. Es gab keine konstante Leistung über 90 Minuten. Der 1. FCM hat nur phasenweise das Spiel durchgedrückt, was man sich vorgenommen hat. Das war ausschlaggebend für die fehlenden Punkte."

Es gibt aber bestimmt auch etwas, das gut gelaufen ist?

"Der Zusammenhalt innerhalb der Stadt, innerhalb der Fanszene. Sie steht hinter der Mannschaft. Die Fans sind bestimmt auch frustriert und sauer. Aber sie haben nicht vergessen, wo wir herkommen. Sie wissen, dass es ein harter Weg ist, in der 2. Liga zu bleiben. Sportlich hat man in der Hinrunde gezeigt, dass man mit vielen Mannschaften mithalten kann. Man kann viele Gegner vor Probleme stellen. Aber die Mannschaft hat es noch nicht geschafft, dem Gegner überlegen zu sein und das Spiel für sich zu entscheiden. Einsatz, Moral und Leidenschaft sind keinem abzusprechen. Jeder ist an seine Grenze gegangen. Als Kollektiv hat es dennoch nicht für mehr gereicht."

FCM Fans
26.10.2018: Fanblock beim FCM-Heimspiel gegen den Hamburger SV. Bildrechte: imago/Jan Huebner

Magdeburg sucht weiterhin die Erfolgsformel. Welche könnte es sein?

"Es ist wichtig, dass sie so schnell wie möglich die Hinrunde hinter sich lassen und dass man als Mannschaft weiterhin zusammenhält. Die Gegner in unmittelbarer Nähe - Ingolstadt, Sandhausen und Duisburg - müssen besiegt werden. Da sollte man sich nicht von einer Punktemarke leiten lassen. Magdeburg muss versuchen, aus diesem Pool die beste Mannschaft zu werden. Das ist wie eine eigene Meisterschaft. Man muss auch konsequenter verteidigen und überzeugender Angriffe starten."

Wie beurteilen Sie den Trainerwechsel?

"Man sieht, dass eine spielerische Veränderung da ist. Aber man würde Jens Härtel Unrecht tun, wenn man sagt, jetzt ist alles besser. Die erhofften Punkte sind nicht eingefahren worden. Michael Oenning macht einen guten Job. Er legt Wert auf die spielerischen Elemente. Aber wir haben schon oft Erfolg gehabt, ohne dass spielerische Aspekte wichtig waren. Nicht jeder in der Liga spielt auch Fußball. Man muss auch den Willen an den Tag legen. Manchmal gibt es eben Hauruckfußball."

Michael Oenning
Michael Oenning ist seit dem 14.11.2018 FCM-Trainer. Aus den bisherigen vier Spielen sprangen zwei Punkte heraus (Archiv). Bildrechte: imago/Contrast

Christian Beck spielte vor drei Jahren noch in der Regionalliga. Nun ist er mit acht Treffern schon wieder bester FCM-Torschütze. Wie schafft er das?

"Er ist einfach ein Vollblut-Stürmer. Er macht das, was er machen soll: Tore schießen. Auch menschlich ist er ein einwandfreier Typ. Er hätte noch viel mehr Tore erzielen können, wenn man ihn gezielt eingesetzt hätte. Es haben sich wenige Spieler hervorgetan, die ihn unterstützen können."

Was meinen Sie damit, dass Beck hätte gezielt eingesetzt werden können?

"Er hat viel defensiv gearbeitet. Das ist auch wichtig. Aber so viele Chancen hatte er gar nicht. Er hat eine überragende Quote. Er ist unersetzlich für die Mannschaft. Er ist ein Strafraum-Stürmer. Man muss alles versuchen, ihn in Szene zu setzen und ihn damit auch hinten zu entlasten."

Christian Beck
05.08.2018: Christian Beck jubelt über sein erstes Zweitliga-Tor gegen den FC St. Pauli. Bildrechte: IMAGO

Bis Ende Januar öffnet sich das nächste Transferfenster. Auf welchen Positionen braucht der 1. FCM Verstärkung? Wo sollte er in der Winterpause tätig werden?

"Es hängt davon ab, welche Spieler sich vielleicht vom Verein trennen. Der Kader ist recht groß. Da muss man auf jeden Mannschaftsteil schauen. Die meisten Spieler sind sich noch schuldig geblieben. Wir brauchen noch mehr Torgefahr aus dem Mittelfeld oder Sturm. Wenn man Spiele gewinnen will, muss man Tore schießen. Die Defensive muss auch stabiler stehen. Aber in der Winterpause muss man auch erst einmal jemanden finden, der direkt helfen kann und Qualität mitbringt. Es bleibt keine Zeit, herumzuexperimentieren."

Haben Sie gehört, wer vielleicht Magdeburg verlassen könnte?

"Da will ich nicht spekulieren. Christopher Handke wird mit Jena in Verbindung gebracht."

Bei 15 FCM-Spielern laufen laut transfermarkt.de die Verträge im Sommer 2019 aus. Darunter sind zum Beispiel Kapitän Nils Butzen, Björn Rother und Philip Türpitz. Wen sollte Magdeburg unbedingt halten?

"Da wären alle Spieler auf dem Prüfstand – abhängig davon, welcher Liga man nach der Saison zugehört. Der Verein wird noch nicht die Verträge fixieren. Philip Türpitz war letztes Jahr klasse, diese Saison tat er sich schwer. Man muss gucken, wo man sich im März, April befindet. Nun geht es erst einmal um die Ligazugehörigkeit, dann um Einzelschicksale."

Schafft der 1. FCM Klassenerhalt?

"Ich bin recht optimistisch, dass das möglich ist. Ich hoffe, dass der Klub das beim FC St. Pauli angeht. Die Mannschaft hat die Qualität. Wenn sie einmal in die Spur kommen und Siege einfahren, kann sich Magdeburg auch öfter belohnen."

Tor zum 3:0 durch Simon Terodde (Köln)
17. Spieltag: Der 1. FC Magdeburg unterliegt mit 0:3 beim 1. FC Köln. Bildrechte: imago/DeFodi

Am Samstag geht es für den 1. FCM zum ersten Rückrundenspiel zum FC St. Pauli. Das Hinspiel ging mit 1:2 verloren.

"Das Spiel hätte der FCM nicht verlieren müssen. Da hat man das erste Erfolgserlebnis verpasst. Das hat sich dann durchgezogen. Vielleicht kommt jetzt die Kehrtwende und das Team kann ein Highlight setzen."

Am Mittwochmorgen hat es mehrere Festnahmen in der Ultraszene des 1. FCM gegeben. Wie wird das wahrgenommen?

"Fans, die sich wirklich mit dem Verein beschäftigen, schaden ihm nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das welche waren, die uns sehr nahe sind."

Die Feiertage rücken näher. Wie verbringen Sie Weihnachten?

"Mit der Familie geht’s ins Ruhrgebiet. Das wird ein schönes Weihnachtsfest, wenn wir mit der kleinen Familie die große Familie besuchen. Der Fußball wird sicherlich auch ein Thema sein. Aber es bleibt auch Zeit, mal abzuschalten."

Marius Sowislo mit seiner Tochter, 2017.
Marius Sowislo mit seiner Tochter, eine Aufnahme von 2017. Bildrechte: IMAGO

Vielen Dank für das Gespräch, ein schönes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch.

Die Fragen stellte Maria Köhler.

Zuletzt aktualisiert: 19. Dezember 2018, 19:18 Uhr

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