Nach den heftigen Ausschreitungen rund um den Dynamo-Aufstieg Erster Dynamo-Randalierer vor Gericht

Rund 150 weitere Täter bereits identifiziert | SoKo arbeitet auf Hochtouren

Der Dynamo-Aufstieg sollte am 16. Mai zu einem Fußball-Fest werden, doch am Ende eskalierte die Situation und es kam zu den bislang schwersten Fußball-Krawallen in Dresden. 185 Polizisten wurden verletzt. Die "Sonderkommission Hauptallee" ermittelt seither auf Hochtouren und identifizierte bereits rund 150 potentielle Gewalttäter. Heute (21.07.2021) findet vor dem Amtsgericht Dresden der erste Prozess gegen einen der Identifizierten statt. Es handelt sich dabei um ein "beschleunigtes Verfahren".

Dynamo Dresden Aufstieg 2021
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Die Attacke des 34 Jahre alten Angeklagten war eine der ersten tätlichen Angriffe auf Einsatzkräfte an jenem 16. Mai. Der Mann soll aus vollem Lauf einen Polizisten in den Rücken getreten haben. Er wurde daraufhin festgenommen, deshalb konnte auch ein beschleunigtes Verfahren angewandt werden: Die Beweislage ist eindeutig und der Sachverhalt klar. Die Höchst-Strafe liege bei solchen Verfahren allerdings bei einem Jahr, hieß es von der Dresdner Staatsanwaltschaft.

150 potentielle Straftäter identifiziert

Weitere Verhandlungen gegen Fußball-Randalierer sind derzeit noch nicht absehbar. Daraus kann man ableiten, dass es sehr schwierig ist, Straftaten an diesem Tag einzelnen Personen zuzuordnen. Trotzdem sind die Ermittlungen bislang recht erfolgreich. Auch wenn die Polizei derzeit keine genauen Zahlen veröffentlichen will, so liegt die Zahl der identifizierten potentiellen Straftäter wohl bei ungefähr 150. Dafür hat die Polizei auch das umstrittene Mittel der Öffentlichkeitsfahndung eingesetzt und mit Postern nach insgesamt 40 Personen gesucht. Dabei handelte es sich allerdings um unmaskierte Personen, also "einfachere Fälle", wie Polizeisprecher Thomas Geithner es formuliert.

Enrico Lange von der "Soko Hauptallee" hängt ein Fahndungsplakat auf.
Enrico Lange von der "Soko Hauptallee" hängt ein Fahndungsplakat auf. Bildrechte: Tino Plunert

"Die schwereren Straftaten wurden von maskierten Personen durchgeführt, die entsprechend schwerer zu identifizieren sind." Aber unmöglich ist diese Identifizierung nicht. Denn die Polizei verfügt über 82 Stunden Videomaterial. Potentielle Gewalttäter wurden also auch vor Beginn der Ausschreitungen gefilmt, sodass die später maskierten Täter auch anhand ihrer Kleidung identifiziert werden können.

500 beteiligte Personen - 185 verletzte Polizisten

Die bislang 150 Identifizierten hat die Polizei keinen Strukturen oder Gruppierungen zuordnen können, sagt Geithner. Eindeutig sei aber, dass es sich fast ausschließlich um Personen aus Dresden und Umgebung handeln würde. Die Theorie von "Randale-Touristen" lässt sich also offensichtlich nicht halten. Die "Soko Hauptallee" mit ihren 50 Beamten hat trotzdem noch reichlich Arbeit vor sich. Die Polizei geht davon aus, dass sich bis zu 500 Personen an den Gewaltaktionen beteiligt haben. Selbst im deutschlandweiten Bereich eine fast einmalig hohe Zahl.

Räumung Straße vor Stadion
Die Polizei bei der Räumung vor dem Stadion Bildrechte: MDR/KH

Genauso wie die 185 verletzten Polizisten. "Der Umgang mit Gewalttätern innerhalb der Fanszene ist ein Problem - das hat der 16. Mai deutlich gezeigt," erklärt Dresdens Polizeisprecher Geithner. Ihm ist wichtig, dass der erste Prozess zeitnah erfolgt und auch noch vor Saisonbeginn. "Die strafrechtlichen Konsequenzen durch Polizei und Staatsanwaltschaft können nicht die alleinige Antwort auf die Ausschreitungen sein. Jetzt sind auch andere Player wie beispielsweise Verein, Fanprojekt oder Stadtrat gefragt, neue Wege zu gehen – und das zeitnah."

Fanprojekt-Leiter Bec: "Nicht alles auf den Kopf stellen"

Auch das Fanprojekt hat die Gewalt scharf verurteilt. Leiter Ronald Bec weist aber darauf hin, dass es "in Dresden seit vielen Jahren sehr gut funktionierende Konzepte und Strukturen gibt. Diese haben am 16.05. nicht in der bekannten Weise funktioniert, deshalb muss aber nicht alles auf den Kopf gestellt werden."

Zwischenzeitlich hatte es ja auch Irritationen zwischen Polizei und Dynamo gegeben. Auch im Stadtrat gab es zuletzt scharfe Angriffe gegen den Verein. "Ich halte es für nicht förderlich, mit dem Finger einseitig auf den Verein zu zeigen", sagt Robert Pohl von der Fangemeinschaft Dynamo. "Es gehören nach wie vor alle an einen Tisch, denn an diesem Tag ist einiges schiefgelaufen. Gewalt ist nicht akzeptabel, und das war ein Ereignis, was uns alle aufgeschreckt hat und das sich auf keinen Fall wiederholen darf. Aber bei der Aufarbeitung darf man nicht nur auf den Verein schauen und bei anderen Akteuren wegsehen."

Innenministerium fordert Ausschluss gewalttätiger Fans

Dynamo Dresden ist mittlerweile mit allen Akteuren im Gespräch, mit der Stadt, der Polizei und mit dem Innenministerium Sachsen. Dort sehe man angesichts der Dimension der Gewalt gegen Polizisten dringenden Handlungsbedarf bei Dynamo. Gewalttätige Fans müssten konsequent ausgeschlossen werden, hieß es aus dem Ministerium.

Vorschaubild Jürgen Wehlend
SGD-Geschäftsführer Jürgen Wehlend: "Jeder Verletzte ist einer zu viel." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bei Dynamo trifft diese Forderung auf offene Ohren. Geschäftsführer Wehlend hat die Ausschreitungen von Beginn an scharf verurteilt. "Es gibt keine Rechtfertigung für das, was dort passiert ist. Jeder Verletzte ist einer zu viel." Außerdem betonte er, dass Dynamo "für Gewaltfreiheit und gegen Rassismus" stehe. Das sei auch in der Fan-Charta des Vereins klar formuliert. "Wer gegen diese Charta verstößt, stellt sich über den Verein." Außerdem hat Wehlend versprochen, dass die Ermittlungen nicht im Sande verlaufen. Mittlerweile hat der Verein Dutzende Stadionverbote gegen Randalierer vom 16. Mai verhängt. Innenminister Wöller hält weiterhin an der Idee von personalisierten Tickets fest. Auch wenn viele Fans davon nichts halten. "Personalisierte Tickets lösen das Problem nicht", sagt Robert Pohl von der Fangemeinschaft Dynamo.

Bleibt die Frage, wie sich das Problem von Gewaltausbrüchen rund um den Dresdner Fußball beheben lässt. Basis für weitere Maßnahmen ist sicherlich die juristische Aufarbeitung. Wichtig ist deshalb, dass diese Aufarbeitung zeitnah passiert. Der Prozess heute ist also nur der Anfang.

Videos und Audios zur 2. Fußball-Bundesliga

Martin Männel
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR aktuell | 21. Juli 2021 | 17:45 Uhr

11 Kommentare

Sharis vor 1 Wochen

Nun ja, die erste Gewalt ging von einigen "Fans" aus, da sind sich beide Berichte einig. Die Solidarisierungseffekte sind teilweise verständlich, wenn man als friedlich Feiernder plötzlich Tränengas atmet.
Es wäre wohl besser gewesen, den Bereich abzusperren & an Zugängen alle Teilnehmer vorab zu durchsuchen.
Dann hätte man die Typen mit "Randale-Ausrüstung" (Pyro, Sturmhauben, etc.) gleich rausfischen können.

Guter Schwabe vor 1 Wochen

@Sharis:
Die Situation eskalierte, weil die 500 nicht akzeptieren wollten, nicht IM Stadion mit der Mannschaft feiern zu dürfen.

Das ist ihre Meinung.

Fakt ist, beide Seiten tragen die gleiche Schuld an dieser Auseinandersetzung.
Lesen sie mal den Bericht des Fan Projekts, dann den der Politei und Sie werden merken, da stinkt was gewaltig zum Himmel.

Am Ende will keiner den ersten Stein geworfen haben.

DyGr

Sharis vor 1 Wochen

Dass die Regelübertretungen bei anderen Gelegenheiten "niemanden stören", halte ich für nicht zutreffend. Läden hatten zu dem Zeitpunkt noch Auflagen zur maximalen Kundenzahl, die sich gleichzeitig im Geschäft aufhalten durften.
Ist aber auch eigentlich egal, denn dass andere auch Fehler machen, ist keine Entschuldigung für die eigenen.

Dass die Fans ins Stadion wollten, steht so im Artikel.
Und es war ja auch schon in den Tagen vor der Feier als Ziel verschiedener Fangruppen mit dem Verein besprochen worden.
Letztlich ist das ja auch so Tradition, die aber Corona-bedingt mal ausfallen musste.