Nachruf Gerd Schädlich - Der stille Held des Fußballs

Er sah aus wie Tom Selleck. Michael Ballack hatte keine Chance bei ihm. Hans Meyer wollte ihm ein Denkmal bauen. Und Jürgen Klopp holte seine Spieler. Mit Gerd Schädlich ist ein stiller Held mit festem Händedruck gegangen. Ein Nachruf.

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Gerd Schädlich - Fußball 3 min
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So 30.01.2022 12:49Uhr 02:51 min

https://www.mdr.de/sport/sport-im-osten/video-nach-dem-tod-von-gerd-schaedlich-archiv-aufstiegs-gerd-hat-zugeschlagen-100.html

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Mein letzter Besuch bei Gerd Schädlich zu Hause war im August vergangenen Jahres. Am Nachmittag auf dem Rückweg aus dem Erzgebirge nach Leipzig klingelte ich gemeinsam mit meinem Sohn Franz an seinem Haus vor den Toren von Chemnitz. Er öffnete selbst und hinter seinem legendären Schnauzbart funkelte es freundlich aus seinen Augen. Er sah aus wie Tom Selleck aus Magnum.

Ein Buch für Schädlich

Gerd bat mich herein auf ein kleines alkoholfreies Bierchen für mich und Gummibärchen für meinen Sohn. Ich hatte ihm das Tagebuch von Trainerlegende Walter Fritzsch als Geschenk mitgebracht. Wochenlang hatte ich ihm zuvor Zitate aus dem Buch meines Kollegen Uwe Karte per Nachricht und Telefon geschickt, die ihn sehr amüsierten. Jetzt sollte er sein eigenes Exemplar bekommen. Trainerlegende las quasi über Trainerlegende. Denn das war er der Gerd Schädlich aus dem vogtländischen Rodewisch – eine Trainerlegende.

Trainer Gerd Schädlich (re.) im Gespräch mit MDR-Sportreporter Raiko Richter
Trainer Gerd Schädlich (re.) 2011 im Gespräch mit MDR-Sportreporter Raiko Richter. Bildrechte: IMAGO / Picture Point

Ein ehrlicher akribischer Arbeiter

1998 führte ich als Praktikant des MDR mein erstes Interview mit ihm in Hoyerswerda. Dort war er gelandet trotz seiner Erfolge mit dem FSV Zwickau in der 2.Liga, den er von 1991 bis 1996 trainiert hatte. Eine kurze Episode in Leipzig Leutzsch beim damaligen FC Sachsen endete 1997 als er an der Tabellenspitze stehend entlassen wurde. Er wollte sich von Sponsoren nicht in die Aufstellung reinreden lassen. Er war unbeugsam, ein ehrlicher akribischer Arbeiter des Fußballs. Er forderte von den Spielern genau das, was er selbst vorlebte: Einsatz zu jeder Zeit. Er machte talentierte jedoch zunächst gescheiterte Spieler meist auf dem zweiten Bildungsweg besser. "Wenn man versucht sein Zeug zu machen, lässt er einen in Ruhe", sagten viele seiner Spieler über ihn. Aber wehe wenn nicht!

Gerd Schädlich - Fußball
Seien Fußballer-Karriere musste Schädlich früh beenden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Welchen Pionier hat der MDR geschickt?"

Als ich ihn erstmals interviewte, sah man ihm an, was er dachte: "Welchen Jungpionier hat der MDR denn hier zu mir geschickt?" Gerd Schädlich erzog nicht nur junge Fußballer, sondern auch junge Journalisten. Es brauchte Zeit, ihn zu überzeugen, dass man ehrliches Interesse an seiner Arbeit hatte. Als ich mich dann ab 2002 oft von Leipzig nach Aue 100 km über die Landstraße morgendlich ins Erzgebirge zur Berichterstattung schlängelte, war er schon nachsichtiger und trotzdem immer mit einem Spruch auf den Lippen zur Stelle. "Hoffentlich bekommt Leipzig Olympia damit die Autobahn fertig wird", rief er mir zu, wenn ich zu spät war zum Interview.

Sensation mit Aue 2003

2003 schaffte er dann die Sensation: Das kleine Aue mit seinen kaum 20.000 Einwohnern stieg in die 2. Fußball-Bundesliga auf - mit einem Kader, den viele eher für eine Abstiegself hielten. Matthias Heidrich brachte er aus Hoyerswerda mit.  Dazu kamen junge Leipziger VfB-Fußballer wie Marco Kurth, Maik Kunze und Thorsten Görke, Chemnitzer wie Alexander Tetzner und Kay-Uwe Jendrossek, vor allem aber auch sein Ziehsohn und Kapitän Jörg Emmerich, der aus Erfurt kam, und den er vom Zehner zum Libero umschulte und so eigentlich die Dreierkette in den Hochzeiten der Viererkette wieder salonfähig machte, weit vor Guardiola.

Geburtsstunde der "Macht im Schacht"

Nicht zu vergessen auch tschechische und bulgarische Spieler. Er formte eine Mannschaft, die das Unmöglich geglaubte vollbrachte. Es war die Geburtsstunde der "Macht aus dem Schacht", die Basis für mittlerweile 16 Jahre 2.Liga im Erzgebirge.

Mit Bescheidenheit Erfolge feiern

In Dresden, Leipzig, Erfurt, Jena oder auch Magdeburg staunte man zurecht. "Als Aue musst du heimlich kommen. Wenn du auf den Putz haust, wirst du ernst genommen und dann hast du als Aue keine Chance", sagte Gerd, der an der DHfK studiert hatte. Es war seine Natur. Er freute sich diebisch über seine Tiefstapelei. Mit Bescheidenheit Erfolge feiern, eine Mannschaft zusammenbasteln, die die Großen ärgern konnte. Das war Gerd Schädlichs große Qualität.

Ein Glücksfall

Dazu gehörte stets auch eine anfängliche Skepsis. Ich weiß noch, wie schwer er sich 2004 im Trainingslager auf Mallorca tat, den polnischen Stürmer Andrzej Juskowiak zu verpflichten. Erst als sich Union Berlins Trainer Mirko Votava mit Juskowiak auf Polnisch unterhielt, wollte er nicht das Nachsehen haben und holte ihn doch schnell nach Aue. Ein Glücksfall, wie sich herausstellte. Gemeinsam mit den kleinen Außenstürmern Curri aus Albanien und Shubitidze aus Georgien rockten sie die 2.Liga.

In Zwickau Ballack abgelehnt

Als Trainer in Zwickau, war er schon 1994 in die 2.Liga aufgestiegen und hatte in dieser Zeit eine Leihe von Michael Ballack aus Chemnitz abgelehnt, weil er den jungen Mittelfeldtechniker nicht brauchte für den Abstiegskampf im Westsachsenstadion. Mit Selbstironie sagte er: "Da flachst man auch mal gerne unter Trainern: Ballack abgelehnt!" Als die Bayern im DFB-Pokal 2005 in Aue antraten schoss der ehemalige Chemnitzer das Tor zum 1:0 Sieg.

Klopp: "Weiß nicht, wo Gerd die Spieler herholt"

Trainerkollegen und Spieler sprachen stets mit Hochachtung über Gerd Schädlich. Jürgen Klopp sagte einst nachdem er Nicolce Noveski und Florian Heller von Aue nach Mainz gelotst hatte: "Ich weiß gar nicht wo der Gerd immer die Spieler herholt und so hinbekommt." Später verpflichtete Klopp auch Dimitar Rangelow und Chris Löwe für Dortmund. Auch die hatte Gerd Schädlich geschliffen.

"Du läufst an wie Ronaldo und schießt wie Roland"

Nach knapp 8 Jahren in Aue erweckte er dann auch den dritten westsächsischen Verein zu neuem Leben. Seinen Heimatclub in Chemnitz, wo er einst wegen einer Knieverletzung seine Spielerkarriere schon mit Mitte 20 beenden musste. Auch hier stieg er 2011 gegen den hochfavorisierten RB Leipzig mit viel weniger Geld aber sehr viel Arbeit in die 3. Liga auf. Beinahe wären die Himmelblauen sogar mit ihm durchmarschiert in die 2. Liga. Spieler wie Ronny Garbuschewski, Benjamin Förster, Hendrik Liebers oder Rene Trehkopf funktionierten nur unter Gerd. Ernst wäre als Vorname passender gewesen, weil er oft grimmig dreinblickte. Dabei hatte er einen sensationellen Humor, der auch auf seiner scharfen Beobachtungsgabe beruhte. Einen Chemnitzer Spieler blaffte er mal hinterher: "Du läufst an wie Ronaldo und schießt wie Roland."

Gerd Schädlich - Fußball
Mit Chemnitz setzte sich Schädlich gegen RB Leipzig durch. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Niemals ist er umgezogen, egal wo er arbeitete. Er war seiner westsächsischen Region immer verbunden. Wer das Wort bodenständig erfunden hat, muss an ihn gedacht haben dabei.

Keine Altersmilde - schon immer weicher Kern

Als Gerd meinen 11-jährigen Sohn Franz zu seiner Fußballerkarriere befragte, freute er sich herzlich über seine naseweisen Ausführungen, als er stolz erzählte, dass sie bei Lok auch bald einen Meisterstern auf dem Trikot hätten, wie Aue, als 3-facher DDR-Meister.

Meyer: "Man sollte Gerd ein Denkmal bauen"

Darauf fragte er ihn, ob er auch wüsste, dass Lok Leipzig im Europacup-Finale stand. Der angeblich harte Hund war nicht altersmilde geworden. Er hatte schon immer einen weichen Kern. Ein stiller Held mit festem Händedruck. Jens Härtel, Trainer von Hansa Rostock und Spieler unter den großen Osttrainern Meyer, Geyer und Schädlich schrieb mir: "Er war einer der Größten des Ostens und bleibt immer in meinem Kopf." Auch Trainerkollege Hans Meyer meinte vor Jahren: "Man sollte Gerd in Aue ein Denkmal bauen, am besten ganz oben auf einer Wismuthalde. So hoch, dass es alle sehen und so hoch, dass ja kein Hund daran pinkeln kann."

"Hört mir auf mit dem Personenkult", entgegnete er abwinkend.

Mach’s gut Gerd, mein väterlicher Freund

Jetzt hat er seine Ruhe. Mach’s gut Gerd, mein väterlicher Freund. Wir werden dich vermissen und versuchen dein Erbe zu bewahren. Vor allem, dass man mit ehrlicher Arbeit auch im Osten etwas erreichen kann.

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Hansa Rostock vs. 1. FC Magdeburg - Stimmen Amara Condé
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Niederlage für den 1. FC Magdeburg bei Hansa Rostock. Nach dem Spiel analysierte FCM-Kapitän Amara Condé das 1:3 im Interview.

Sport im Osten Sa 17.09.2022 16:00Uhr 02:17 min

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Hansa Rostock vs. 1. FC Magdeburg - Stimmen Jens Härtel
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Hansa Rostock vs. 1. FC Magdeburg - Stimmen Kai Pröger
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR Aktuell | 29. Januar 2022 | 19:30 Uhr

3 Kommentare

Zett vor 35 Wochen

Vielleicht würde sich der Gerd wünschen, dass es als Anlass genutzt werden kann, dass beide Vereine FCE und FSV mehr aufeinander zugehen. Schließlich haben wir durch Gerd etwas gemeinsam.

FCE vor 35 Wochen

Ich trauer um den ehemaligen Trainer Gerd Schädlich. "Wir sind unendlich traurig über diese Nachricht und in Gedanken bei seiner Familie und seinen Freunden. Wir hatten Seite an Seite wunderbare und erfolgreiche Jahre in Aue. Ohne ihn wäre unser Verein heute nicht das, was er ist. Gerd hat uns in seiner Ära in den bezahlten Fußball geführt, gekrönt mit dem Aufstieg 2003 mit den FC Erzgebirge Aue. Er war ein wahnsinnig disziplinierter Trainer, und Gerd blieb immer bodenständig
vor allem aber ein wunderbarer Mensch. Er hat nie die Fehler bei anderen gesucht und auch in Krisenzeiten immer Zuversicht ausgestrahlt. Sein Tod schmerzt uns alle unheimlich."

FSV-Tommy vor 35 Wochen

Ein großer Mann ist gegangen, ein vorbildlicher Sportler und ein unglaublich toller Mensch. Weit über ein Jahrzehnt nach seinem von der Vereinsseite her unrühmlichen und würdelosen Rauswurf beim FSV Zwickau trafen wir ihn am Rande eines Fußballspiels. Er konnte sich nach dieser langen Zeit noch an uns einfache Fans, unsere Namen und an unseren Wohnort erinnern. Einfach unglaublich.
Ruhe in Frieden, Gerd. Und bestimmt gibts auch da oben paar Leute, denen Du fußballerisch und menschlich noch was beibringen kannst...

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