Fußball | 2. Bundesliga Team-Check FC Erzgebirge Aue - wankt die letzte Bastion des Ostens?

Erzgebirge Aue geht mit Bauchschmerzen in die neue Zweitliga-Saison. Trotz einer sorgenfreien vergangenen Spielzeit geht es für die "Veilchen" diesmal in erster Linie um den Klassenerhalt. Im DFB-Pokal kam schon das Aus.

Trainer Dirk Schuster, Erzgebirge Aue, Co Trainer Sascha Franz Aue und Dimitrij Nazarov
V. li.: Trainer Dirk Schuster, Assistent Sascha Franz und Mittelfeldspieler Dimitrij Nazarov Bildrechte: imago images/Picture Point

So lief die vergangene Saison

Rang sieben war für Aue die beste Platzierung seit 2011. Zuhause agierten die Sachsen bärenstark. 37 Punkte wurden geholt, da kam selbst Aufsteiger Bielefeld nicht heran. Nur zwei Teams waren besser. Zu den Highlights gehörten ein spektakuläres 4:3 gegen den 1. FC Nürnberg, eines der aufregendsten Saisonspiele in Liga zwei überhaupt, und ein 3:0 über den Hamburger SV. So gut es zuhause lief, so schlecht lief es außerhalb vom Erzgebirge. Aue war ein gern gesehener Gast. Nur am ersten und letzten Spieltag gelang den "Veilchen" jeweils ein Sieg. Dazwischen lagen lange 15 Partien ohne Dreier.

Freude Jubel nach gehaltenem Elfmeter und Spielende - Martin Männel Maennel
Auer Jubel nach dem dramatischen Sieg über Nürnberg Bildrechte: Sportfoto Zink / Daniel Marr

Insgesamt verlief die Saison im Lößnitztal ruhig: Nach einem Start mit zwei Siegen und dem ungewöhnlichen Rausschmiss des jetzigen Braunschweig-Trainers Daniel Meyer war Aue schnell in einem sicheren Bereich. Zur "Saison-Halbzeit" konnte man auf Rang sechs liegend sogar nach oben schielen. Stuttgart als Dritter war nur vier Punkte entfernt. Die Rückrunde verlief dagegen mäßig. Die Schuster-Elf holte nur zwei Zähler mehr als Absteiger Dresden - und das auch nur durch einen glücklichen Sieg in Regensburg. Ansonsten wäre man im Rückrundenklassement auf dem Relegationsplatz gelandet.

Wer kommt, wer geht?

Gleich drei Innenverteidiger verließen den Verein: Jacob Rasmussen (AC Florenz), Marko Mihojevic (PAOK Saloniki) und Dominik Wydra (Braunschweig). Der Däne Rasmussen hatte im April 2020 bei "Transfermarkt" einen Marktwert von 2,8 Millionen Euro, bei Mihojevic soll Aue laut "Kicker" eine Kaufoption von 800.000 Euro gehabt haben - auch das zu viel für den FCE, nicht nur wegen Corona. Auch Linksverteidiger Dennis Kempe (Wehen Wiesbaden) und Mittelstürmer Christoph Daferner (Dynamo Dresden) gingen. Der Vertrag mit Linksfuß Robert Herrmann wurde überraschend aufgelöst. Ihn hatten die "Veilchen" zu Drittligist Kickers Würzburg verliehen. Dort schlug er ein, kam auf zwölf Scorerpunkte in 31 Partien und stieg sogar in die 2. Liga auf.

Im Bild v.l.: Gaeton Bussmann (Neuzugang aus Frankreich), Präsident Helge Leonhardt (Aue) und Florian Ballas (Neuzugang von Dynamo).
V. re.: Florian Ballas, Aue-Chef Helge Leonhardt und Gaetan Bussmann Bildrechte: PICTURE POINT / Roger Petzsche

Besonders in der Abwehr reagierte der Klub auf die Abgänge und holte Innenverteidiger Florian Ballas und Linksverteidiger Gaetan Bussmann (EA Guingamp/FRA). Ballas war zuletzt bei Zweitliga-Absteiger Dynamo Dresden Kapitän und ist nach den bei der SGD einst ausgemusterten Sören Gonther und Pascal Testroet der bereits dritte ehemalige Kicker des sächsischen Erzrivalen. Den Ex-Mainzer Bussmann wollte Trainer Dirk Schuster schon vor drei Jahren nach Darmstadt holen. Am 29-jährigen Franzosen schätzt er dessen Flexibilität. Für das defensive Mittelfeld verpflichtete Aue den Bosnier Ognjen Gnjatic (Korona Kielce/POL). Kurios: Der 28-Jährige hat in 227 Pflichtspielen noch kein einziges Tor erzielt. Bei Aue ist dafür ohnehin der jüngste Neuzugang zuständig: Nach dem bitteren DFB-Pokal-Aus bei Regionalligist Ulm holten die Sachsen mit Ben Zolinski einen Angreifer von Bundesliga-Absteiger SC Paderborn. Zu deren Erstliga-Aufstieg 2019 trug er mit neun Torbeteiligungen in 32 Partien bei. Auch in der vergangenen Saison kommt er auf immerhin 28 Einsätze (drei Tore).

Der Trainer

Nach den Talenten Domenico Tedesco, Hannes Drews und Daniel Meyer setzten die Sachsen ab August 2019 auf einen erfahrenen Rückkehrer: Dirk Schuster ist ein "Kind des Ostens". Geboren in Karl-Marx-Stadt ist er mit 52 Jahren nicht nur der älteste Zweitliga-Trainer, sondern mit über 600 Partien als Spieler und Coach neben Heidenheims Frank Schmidt auch einer der erfahrensten. Sein Spielstil ist ähnlich wie er einst als Abwehrspieler unter anderem in Köln und Karlsruhe war: Kämpferisch, aggressiv, zweikampfstark und defensiv geprägt. Nach Aue - siehe die Heimbilanz - fuhr in der vergangenen Saison kein Konkurrent gerne.

Dirk Schuster
Aue-Trainer Dirk Schuster Bildrechte: Poolfoto/PICTURE POINT/Sven Sonntag

Was ihm Kritiker aber vorwerfen ist eine gewisse Eindimensionalität. Wenn Aue zurück liegt, gerade wieder zu besichtigen bei der Pokalpleite in Ulm, dann fehlt dem Team ein "Plan B" mit einem spielerischen Ansatz. Vor allem auswärts macht sich das dann bemerkbar. Es fehlt an Kreativität, Geschwindigkeit und Durchschlagskraft. Der FC Erzgebirge reagiert lieber mit Umschaltspiel, überlässt gern dem Gegner die Aktion.  

Die Ziele

Rang sieben war für Aue eine bemerkenswerte Platzierung. Daran messen lassen sie sich aber nicht. Wegen Corona fahren sie im Erzgebirge einen knallharten Sparkurs, die Spieler murrten bei angekündigten Gehaltseinbußen. Dieser Kurs ist sportlich ein Wagnis, finanziell aber unabdingbar. Geschäftsführer Michael Voigt und Boss Helge Leonhardt geben nur das aus, was sie haben. Für Harakiri ist kein Platz.

Noch nicht ganz sicher ist der Verbleib des neuen U21-Nationalstürmers Florian Krüger, der den Auern eine hübsche Summe, aber auch sportliche Sorgenfalten einbringen würde. Wenn er oder Techniker Jan Hochscheidt, dessen Knie immer wieder schmerzt, hustet, dann kriegt Aue schnell eine Lungenentzündung.

Tor für Aue. Florian Krüger / Krueger (11, Aue) trifft zum 3:0 umnd jubelt mit Jan Hochscheidt (7, Aue) und John Patrick Strauß / Strauss (24, Aue)
Wichtiges Duo: Jan Hochscheidt (li.) und Florian Krüger (re.) Bildrechte: Picture Point

Im fünfzehnten Zweitliga-Jahr geht es für das "gallische Dorf" Aue zunächst einmal wieder um den Klassenerhalt. Träume von der Bundesliga, wie sie nach der gelungenen Vorrunde der Vorsaison durchaus angebracht waren, sind beim Verein, der als BSG Wismut Aue zwischen 1951 und 1990 ununterbrochen der DDR-Oberliga angehörte und damit den Rekord aufstellte, weit weg. Die Pokal-Niederlage in Ulm hat die Vorfreude auf die Saison empfindlich gestört. Angesichts dessen, eines schwierigen Auftaktprogramms und eines kleinen und alten Kaders, ist mehr Bangen um die letzte Zweitliga-Bastion des Ostens angesagt.

Ben Zolinski 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Steve Breitkreuz
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Über eineinhalb Jahre Leidenszeit mit einer Knieverletzung liegen hinter Steve Breitkreuz. Auswärts beim Hamburger SV gab Erzgebirge Aues Verteidiger nun endlich sein Comeback. Wie hat er die 90 Minuten erlebt?

Do 22.10.2020 15:06Uhr 02:36 min

https://www.mdr.de/sport/sport-im-osten/video-erzgebirge-aue-steve-breitkreuz-unbeschreiblich-und-absolut-platt-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 19. September 2020 | 13:00 Uhr

16 Kommentare

Blauer Hund vor 5 Wochen

Deinen ersten Satz teile ich.
Auch deiner letzten Bemerkung schließe ich mich an, und wünsche allen Vereinen der Region, dass sie ihre Ziele erreichen mögen.
Nur mit deiner Aussage "Live-Eröffnungsspiel der ARD" (das Maß aller Dinge) kann ich mich nicht so richtig anfreunden.
Böse Zungen behaupten, dass das Geld eben bei ARD nicht reicht, um Profifußball zeigen zu können.
Deshalb läuft erste und zweite Liga eben woanders.
Und schon passt es wieder mit der letzten Bastion des Ostens...:-)

max mustermann vor 5 Wochen

Ich denke es wird mindestens bis Jahresende dauern, bis man sich ein halbwegs realistisches Bild der Leistungsstärke in der neuen Saison machen kann, denn Corona verändert auch weiterhin vieles.
"Erz, die letzte Bastion des Ostens??" und Dynamo im Live-Eröffnungsspiel der ARD?? Da passt wohl irgend etwas nicht zueinander.
Glück Auf und einen guten Saisonstart mit Herz und Verstand; Alles Gute

wolle010 vor 5 Wochen

NWA das deine Kommentare im Dynamoforum generell negativen und besserwissenden Charakter haben wissen hier mittlerweile so ziemlich alle.
Aber die sachunkundige Darstellung eures eigenen Vereins wundert mich schon.
Was Ballas angeht, wuensch ich euch viel Freude die gesamte Saison ueber.
Trotzdem wuensch ich den Veilchen eine erfolgreiche Saison, das hat mit dir gar nichts zu tun