Fußball | 2. Bundesliga 1. FC Magdeburg: "Sorgenfrei" ins neue Zweitliga-Abenteuer

Nach dem Aufstieg in die 2. Bundesliga ist die Euphorie groß beim 1. FC Magdeburg. Doch mit einem in einigen Teilen veränderten Team geht es für die Sachsen-Anhalter natürlich erst einmal nur um den Klassenerhalt. Der soll über das vielbeschworene Miteinander und das dem Club innewohnende Selbstverständnis gelingen. Dafür dürfen die Verantwortlichen diesmal aber nicht frühzeitig die Nerven verlieren.

So lief die vergangene Saison

Vom Sorgenkind zum absoluten Dominator in der 3. Liga – so kann man die Entwicklung des 1. FC Magdeburg unter Trainer Christian Titz in den letzten eineinhalb Jahren in wenigen Worten zusammenfassen. Nachdem der FCM in der Saison 2020/21 lange Zeit auf einem Abstiegsplatz stand, konnte man sich erst nach der Verpflichtung des neuen Übungsleiters von den Sorgen über einen möglichen Absturz in die vierte Liga befreien. Dieser Aufwärtstrend wurde in der abgelaufenen Spielzeit fortgesetzt.

Die Sachsen-Anhalter waren an keinem der 38 Spieltage schlechter als auf Rang drei in der Tabelle platziert – den Spitzenplatz sollten sie ab dem 7. Spieltag bis zum Saisonende nicht mehr hergeben. Der Aufstieg in die 2. Bundesliga war mehr als verdient. 14 Punkte betrug der Vorsprung auf den Zweitplatzierten Eintracht Braunschweig – noch nie war der Abstand in der 3. Liga so deutlich.

Saisonverlauf 1. FC Magdeburg 2021/22
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Eng verbunden ist dieser Aufschwung auch mit dem Namen Baris Atik. Das einstige Wunderkind fand nach einigen Umleitungen auf seinem Karriereweg in Magdeburg wieder in die Erfolgsspur. Der als eigensinnig geltende Pfälzer war vor seinem Engagement in Magdeburg ein halbes Jahr vereinslos, begann sich in dieser Zeit aber stärker zu hinterfragen und bekam beim FCM eine zweite Chance. Nach ein paar Anlaufschwierigkeiten zeigte Atik, dass er ein echter Leader sein kann.

In seinen 35 Drittliga-Einsätzen der vergangenen Saison gelangen ihm unglaubliche 41 Scorerpunkte, 19 Mal traf er selbst, 22 Mal legte er auf. Damit stellte der 29-Jährige einen neuen Drittliga-Rekord auf und übertraf die alte Bestmarke des damaligen Darmstädters Dominik Stroh Engel deutlich (35 Punkte/27 Tore/8 Vorlagen).

1. FC Magdeburg 45 min
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Wer kommt, wer geht

Die Leistungen in der Aufstiegssaison haben natürlich auch Begehrlichkeiten bei anderen Vereinen geweckt. Mit Kapitän Tobias Müller und Rechtsverteidiger Raphael Obermair verliert der FCM wichtige Defensivstützen. Gemeinsam mit Sirlord Conteh schloss sich das Duo dem künftigen Ligakonkurrenten SC Paderborn an. Bisher zusammengeblieben ist dagegen die Offensive des FCM. Neben Atik sorgen da unter anderem Tatsuya Ito und Jason Ceka auf den Außenbahnen für Wirbel. Mit diesem Trio – wenn es denn zusammenbleibt – muss sich Magdeburg auch in der 2. Bundesliga keinesfalls verstecken, auch wenn es gegen die deutlich robusteren Defensivreihen schwerer als in Liga drei wird.

Bei den Neuzugängen bleibt zu konstatieren, dass bis auf Malcom Cacutalua kein Spieler über Zweitligaerfahrung verfügt. Zu allem Überfluss hat sich der Ex-Auer zu Beginn der Vorbereitung einen Bänderriss zugezogen und ist noch nicht wieder fit. Qualität besitzen die Neuen zweifellos, aber es muss sich zeigen, ob diese auch ausreichend ist. Zumal viele Spieler noch recht jung sind – etwa Jamie Lawrence von Bayern München II. Der 19-Jährige ist wie Cacutalua für das Abwehrzentrum vorgesehen.

Jamie Lawrence (1. FC Magdeburg)
Hat Jamie Lawrence schon das Zeug zum Abwehrorganisator beim FCM? Bildrechte: IMAGO / Christian Schroedter

Auf der linken Außenbahn will sich Silas Gnaka beweisen, der Ivorer wechselte aus der ersten belgischen Liga nach Magdeburg. Im Angriff sind mit Mohammed El Hankouri (127 Spiele in der niederländischen Eredevise) und Léo Scienza (zuvor Schalke 04 II) weitere Optionen dazugekommen. Trotz des recht großen Kaders ist die Personalplanung noch nicht final abgeschlossen. Mit Ex-Dynamo Heinz Mörschel und Sercan Sararer testen die Blau-Weißen aktuell noch weitere Zweitliga-erfahrene Akteure. Allerdings wären es weitere Offensivspieler und da ist der FCM schon sehr ordentlich besetzt. "Eigentlich sind wir zufrieden, aber wir wissen auch, dass wir noch den ein oder anderen längeren Ausfall haben", sagte Titz zu möglichen weiteren Verpflichtungen.

Die Ab- und Zugänge in der Übersicht

Stand: 10.07.2022
Zugänge    
Name Position alter Verein
Belal Halbouni Abwehr Werder Bremen II
Daniel Elfadli Abwehr/Mittelfeld VfR Aalen
Malcolm Cacutalua Abwehr FC Erzgebirge Aue
Silas Gnaka Abwehr KAS Eupen (BEL)
Mohammed El Hankouri Angriff FC Groningen
Jamie Lawrence Abwehr Bayern München II (Leihe)
Leonardo Scienza Mittelfeld/Angriff FC Schalke II
Tim Boss Tor SV Wehen Wiesbaden
Tim Stappmann Abwehr Rot-Weiß Oberhausen
     
Abgänge    
Name Position neuer Verein
Tobias Müller Abwehr SC Paderborn
Raphael Obermair Abwehr SC Paderborn
Sirlord Conteh Mittelfeld/Sturm SC Paderborn
Sebastian Jakubiak Mittelfeld  
Nico Granatowski Mittelfeld/Sturm  
Tobias Knost Abwehr SC Verl
Adrian Malachowski Mittelfeld Waldhof Mannheim
Benjamin Leneis Tor FC Augsburg (Leihende)
Korbinian Burger Abwehr Erzgebirge Aue
Henry Rorig Abwehr VfL Osnabrück
Philipp Harant Abwehr Chemie Leipzig
Ole Hoch Mittelfeld Germania Halberstadt
     

Insgesamt lief die Vorbereitung der Magdeburger keinesfalls schlecht, "da die neuen Spieler sehr schnell integriert werden konnten", wie Titz bekräftigt. Aber sie lief auch nicht völlig reibungslos. Immer wieder gab es Verletzte zu beklagen, die mehr oder weniger große Teile des Trainings verpassten. "Das ist schon ein kleiner Wermutstropfen." Für das erste Saisonspiel steht aktuell kein etatmäßiger Mittelstürmer bereit und auch ein Einsatz von Atik ist noch sehr fraglich.

In den Testspielen hinterließ die Titz-Truppe einen ordentlichen Eindruck, lediglich gegen Bundesligist Union Berlin musste sie sich geschlagen geben. Auch da hielt Magdeburg lange Zeit gut mit, wurde aber am Ende von eiskalten Köpenickern für zu viele individuelle Fehler bestraft.

Die Testspiele des 1. FC Magdeburg

  • Ilsenburg - FCM 1:11
  • FCM - BSV Rehden 2:0
  • FCM - Viktoria Berlin 2:1
  • FCM - Union Berlin 1:4
  • FCM - SC Cambuur 4:2

Testspiel 1. FC Magdeburg vs. Union Berlin 2 min
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Der Trainer

Christian Titz war und ist ein echter Glücksfall für Magdeburg. Seit Februar 2021 steht er an der Seitenlinie und hat für neue Aufbruchstimmung bei den Sachsen-Anhaltern gesorgt. Der 51 Jahre alte Fußballlehrer hat seit seiner FCM-Ankunft in 52 Ligaspielen ganze 33 Siege geholt. Dazu kommen neun Unentschieden bei zehn Niederlagen – macht einen Punkteschnitt von 2,08 Zählern pro Drittliga-Partie.

Seinen Stil will Titz im Bundesliga-Unterhaus nicht groß ändern, aber er wird sicherlich Anpassungen vornehmen müssen, schließlich haben die Gegner nun mehr Qualität. "Wie wollen wir mit dem Ball spielen? Wie ziehen wir unser Passspiel auf? Wie spielen wir Torchancen heraus? Wie machen wir die Balleroberung? Wenn wir ganz viele von diesen Parametern umsetzen, erhöhen wir die Wahrscheinlichkeit, Spiele zu gewinnen", erklärte Titz zu Beginn der Vorbereitung. Neben der beschriebenen Offensiven Durchschlagskraft habe man in der Vorbereitung auch am Verhalten bei gegnerischen Standards gearbeitet: "Da sind wir sehr stabil geworden mit den neuen Spielern." Kleinere Baustellen seien noch die Themen: Konter- und Restraumverteidgung. Dort sieht der Übungsleiter noch Steigerungspotenzial.

Otmar Schork und Christian Titz (1. FC Magdeburg)
Die zwei sportlichen Macher des FCM: Sportgeschäftsführer Otmar Schork und Trainer Christian Titz (v.l.). Bildrechte: IMAGO/Christian Schroedter

Erwartungen an die kommende Saison

Spricht man über die Erwartungen an die neue Spielzeit, fällt bei den Verantwortlichen immer wieder das Wort "sorgenfrei". Klar ist: Für den FCM kann es zunächst nur um den Klassenerhalt gehen. Alles andere wäre ein Überraschung – auch wenn der Anspruch der Fans, "die Größten der Welt" zu sein, dazu im Widerspruch steht. Eine Prognose lässt man sich beim FCM nicht entlocken - zu ausgeglichen sei die Liga, meint Titz.

Für das Erreichen des Saisonziels ist es umso wichtiger, ordentlich in die Saison zu starten. Wie schwierig es ist, nach einem verpatzten Start wieder aus dem Keller zu kommen, haben nicht zuletzt Erzgebirge Aue und FC Ingolstadt leidvoll erfahren müssen – die späteren Absteiger standen bis auf wenige Spieltage stets unter dem Strich. Zum Auftakt warten mit Düsseldorf, Karlsruhe und Kiel drei Gegner auf den FCM, die die Vorsaison im gesicherten Mittelfeld abgeschlossen haben. Es ist kein allzu schweres, aber auch nicht das einfachste Startprogramm.

Mannschaft bei der Besprechung 1 min
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1 min

Der 1. FC Magdeburg kann sein Comeback in der 2. Fußball-Bundesliga in der heimischen Arena feiern. Zum Saisonauftakt geht es gegen Fortuna Düsseldorf.

MDR aktuell 17:45 Uhr Fr 17.06.2022 17:45Uhr 01:21 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Wichtig wird auch sein, dass die Verantwortlichen diesmal die Ruhe bewahren, sollte es mal nicht ganz so toll laufen. Beim bis dato einzigen Zweitliga-Aufenthalt 2018/2019 wurde bereits nach 13 Spieltagen der damalige Aufstiegstrainer Jens Härtel entlassen. Sicherlich: seine Bilanz bis dahin war recht mies, aber der Rückstand auf die Nichtabstiegsplätze betrug auch nur einen Punkt. Unter Nachfolger Michael Oenning folgte ein kurzer Aufschwung, trotzdem ging es nach 34 Spieltagen auf direktem Weg zurück in die Drittklassigkeit.

Das große Faustpfand der Magdeburger ist der Fanrückhalt. Mit der blau-weißen Wand im Rücken soll gerade bei den Heimspielen das Optimum herausgeholt werden. Wie viel Lust die Anhänger verspüren, lässt sich gut an einer Zahl festmachen: 13.050 Dauerkarten wurden verkauft. So viele wie noch nie in der FCM-Historie.

Matthias Niedung Podcast 62 min
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR aktuell | 17. Juli 2022 | 19:30 Uhr

1 Kommentar

Volker von Alzey vor 28 Wochen

Alles gut und schön. Mir wären 3 oder 4 erfahrene Zweitliga Spieler lieber gewesen, die bis aufs Blut für den Klassenerhalt, ihren Verdienst und Ihre Existenz gekämpft hätten und den „ Quecksen „ die was von Weiterentwicklung , Bla Bla Bla und ich möchte mal irgendwann usw, in der Kabine in den Arsch treten könnten. Das absolut Unerklärliche ist allerdings, das man wahrscheinlich als einziger Zweitliga Club in Europa, ohne Gesunden Mittelstürmer in die Saison geht. Das Projekt wird schon nach wenigen Spieltagen scheitern, so wie die Vorstellungen von Jogi Löw, der es Jahre ohne Mittelstürmer versucht hat und sich am Ballbesitz ergötzte und am Ende entfernt wurde.Ich weiß. was einige jetzt denken, was will der ? wir können auch aus dem Mittelfeld Tore machen oder von Außen. Ein guter Mittelstürmer bindet auch Leute in der Innenverteidigung, steckt einen Pass, nimmt einen Abpraller, fälscht ab usw. Sorry , bis Luca wieder im Herbst spielen kann , hängen wir zurück.

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