Fußball | 3. Liga FCM-Legende Heinz Krügel bei der Waffen-SS: Klub gründet Arbeitskreis

Fußball-Drittligist 1. FC Magdeburg will die Vergangenheit seines Erfolgstrainers Heinz Krügel von 1940 bis 1945 beleuchten und hat einen Arbeitskreis dazu gebildet. Der Klub setzt auf eine fundierte Auseinandersetzung.

Fußball-Drittligist 1. FC Magdeburg hat am Donnerstag einen Arbeitskreis "Heinz Krügel" gegründet. Das gab der FCM am Freitag (22. Januar) bekannt. Anlass sei unter anderem die mediale Berichterstattung zur Vergangenheit der Magdeburger Trainerlegende in der Zeit von 1940 bis 1945.

Peter Fechner, Präsident 1. FC Magdeburg
FCM-Präsident Peter Fechner Bildrechte: imago images/Christian Schroedter

Zu dem siebenköpfigen Kreis gehören unter anderem FCM-Präsident Peter Fechner, Jens Janeck vom Fanprojekt Magdeburg und der Historiker Dr. Michael Thomas (Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg). Fechner sagte: "Wir halten es für sehr wichtig, dass wir uns diesem Thema annehmen. Wir wollen unseren Beitrag zur Wahrheitsfindung in Bezug zur Person Heinz Krügel leisten." Janeck fügte hinzu: "Die Fans bewegt die Diskussion um Heinz Krügel. Der Arbeitskreis ermöglicht eine ergebnisoffene und wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit dem Thema von Seiten des 1. FC Magdeburg und seinen Fans. Er ist eine wichtige Ergänzung zu den Arbeiten der externen Akteure." Zunächst sollen Primärquellen gefunden werden, Mitte Februar wird sich der Arbeitskreis das nächste Mal treffen.

Konkret geht es um die Rolle von Krügel als Mitglied der "Waffen-SS". Dies kam 2014 erstmals zutage, erzeugte damals aber kein großes Echo. Nun hat das Thema neues Gewicht erhalten, nachdem die Chemnitzer "Freie Presse" auf eine Recherche des Autors und Experten für Fußball-Historie, Uwe Karte (u.a. MDR), reagiert hat und am 14. Januar Krügels Vergangenheit ("Der Heinz von der Waffen-SS") eine Geschichte widmete und die "Magdeburger Volksstimme" dann nachzog.

2014 veröffentlichte der inzwischen verstorbene Wissenschaftler Otto Altendorfer ein Buch mit dem Titel "Die Fußball-Nationaltrainer der DDR zwischen SED und Staatssicherheit. Eine biografische Dokumentation". Das Werk des Professors der Hochschule Mittweida umfasst satte 787 Seiten. Einige Seiten davon befassen sich auch mit Krügel, der von 1959 bis 1961 die DDR-Nationalmannschaft trainierte. "Sport im Osten" liegt das entsprechende Kapitel vor.

August 1940: Mitglied der Waffen-SS

Hermann Goering, Heinrich Himmler, General Loerzer, Adolf Hitler, Benito Mussolini
Heinrich Himmler (2. v. li.) und Adolf Hitler (2. v. re.) Bildrechte: imago images/UIG

1940 sei Krügel, kurz vor seiner Meisterprüfung in der Tabakindustrie, eingezogen und als Artilleriesoldat ausgebildet worden. Im August 1940 wurde er, mit 19 Jahren, Mitglied der Waffen-SS, "vermutlich freiwillig" (Altendorfer). Es habe damals eine groß angelegte Werbekampagne gegeben. Die Waffen-SS galt als gefürchtete Elitetruppe und stand unter dem Oberbefehl von Heinrich Himmler, hinter Diktator Adolf Hitler die Nummer zwei im Machtgefüge der Nazis. Krügel nahm an Hitlers Krieg in Polen, der Sowjetunion, in Finnland und auf dem Balkan teil. Er gehörte der 5. SS-Division "Wiking" an.

An der Ostfront verletzt

Im Juli 1941 überfiel die Wehrmacht die Sowjetunion, am 12. Dezember 1941 war "Wiking" an der Ostfront stationiert, im Donezbecken, heute das Grenzgebiet Ukraine/Russland. Krügel wurde offenbar so schwer verletzt, dass er im Januar und Februar 1942 in insgesamt drei Lazaretten lag. Die genaue Art der Verletzung ist nicht bekannt. Im September 1942 registrierte die SS Krügel beim SS-Ersatz-Artillerie-Regiment in München. Ende des Jahres ging es für ihn "vermutlich" (Altendorfer) wieder an die Ost-Front. Die "Wiking"-Division wurde zwischen Anfang 1944 und Februar 1944 von 14.647 Mann auf nur noch rund 4.000 reduziert. Altendorfer schreibt, dass Krügel ab Juli 1944 als "Oberscharführer" bis Oktober bei einer Abteilung zur "Bekämpfung der Bandenbewegung" auf dem Balkan gewesen sei.

Drei Auszeichnungen

Im Mai 1945 geriet er in St. Veit (Kärnten/Österreich) in britische Gefangenschaft, es folgte der Abtransport nach Rimini (Italien), wo Krügel mit deutschen Gefangenen gegen englische Militärteams Fußball spielte und ein Angebot nach England zu gehen, ausschlug. Anfang November 1946 lässt sich Krügel als Gefangener in Neapel nachweisen, ehe es am 8. November mit dem Lazarettzug zurück nach Zwickau ging. Drei Auszeichnungen habe Krügel bis 1945 erhalten: Die Ostmedaille, das Verwundetenabzeichen und das Eiserne Kreuz 2. Klasse.

Fritzsch-Tagebuch: Notiz zu Krügel

Eine aufwändige Recherche von Uwe Karte, der für "Sport im Osten" und "Sport Inside" arbeitet, brachte nun einen weiteren Aspekt zum Vorschein. Der Experte für DDR-Fußballgeschichte schreibt gerade an einem Buch über den ehemaligen Trainer von Dynamo Dresden, Walter Fritzsch. Unter anderem hat er Zugriff auf mehr als 50 Tagebücher von Fritzsch, der zwischen 1969 und 1978 Dynamo zu fünf Meistertiteln und zwei Pokalsiegen führte. Kaum zu glauben: Zwei der erfolgreichsten DDR-Trainer waren Kumpels aus der Schule. Fritzsch ging mit Krügel einst zusammen in die Volksschule Planitz bei Zwickau. Beide spielten gemeinsam Fußball und freundeten sich an. So war es kein Wunder, dass Feldpostbriefe von Krügel aus dem Krieg bei Fritzsch landeten. Weil sich der 1997 verstorbene Fritzsch akribisch Notizen zu jedem Brief machte, entdeckte Karte auch den Eintrag "Heinz zum Unterscharführer befördert". Ein Unterscharführer war der niedrigste Unteroffiziersrang. Damit wird die Recherche von 2014 bestätigt.

Krügel-Biograph Volkmar Laube, der sich in seinem Buch in erster Linie mit der Trainerlaufbahn von Krügel beschäftigt hat, berichtet von Kriegseinsätzen in Finnland und auf dem Balkan und von britischen und US-amerikanischen Gefangenschaften. Es seit bekannt gewesen, dass Krügel im Krieg gewesen sei.

Erste Hinweise 1960

Mehr Details darüber verlor Krügel in den Jahren aber zumindest offiziell nicht. In offiziellen Fragebögen habe er die "Waffen-SS" verschwiegen, schreibt Altendorfer. 1960 hätte ein "Inoffizieller Mitarbeiter" der Stasi erste Hinweise darauf gegeben. Da war er aber schon DDR-Nationaltrainer. In der DDR gab es die Staats-Doktrin "Anti-Faschismus", die 1961 gebaute Berliner Mauer war offiziell der "Antifaschistische Schutzwall". Mit Nazis hatte man hochoffiziell nichts zu tun. Ein Nationaltrainer bei der Waffen-SS? Das wäre für die DDR eine politische Blamage gewesen. Später fand die Stasi heraus, dass Krügel von 1940 bis 1945 "in der faschistischen Waffen-SS" gedient habe. An die Öffentlichkeit gelangten diese Informationen nicht.

Heinz Krügel (Ex-Trainer 1. FC Magdeburg) und Udo Lattek (damals Bayern München) 1974
Auch das offene Auftreten von Krügel (li.) im Europacup-Spiel gegen Westvertreter Bayern München, hier mit Kollege Udo Lattek, 1974 war der Stasi ein Dorn im Augen. Zumal die Politik zuvor das Duell um den europäischen Supercup zwischen dem Pokalsieger- und dem Landesmeister-Cup-Gewinner verhindern konnte. Dass beide dann regulär aufeinandertrafen, war eine Fügung des Schicksals. Bildrechte: imago images / Fred Joch

Warum er damals zur Waffen-SS gegangen ist? Das ist eine der spannenden Fragen nun, bei der man sich vom FCM-Arbeitskreis eine Antwort erhofft. Laut Wikipedia waren bis Ende 1945 915.000 Menschen in der Waffen-SS.

Krügel und der FCM: Europacup-Triumph und Denkmal

Heinz Krügel (1921 - 2008) gilt beim traditionsreichen 1. FCM als eine Legende. 1974 gewann er mit dem FCM durch ein 2:0 gegen den AC Milan den Europacup der Pokalsieger - als einzige DDR-Mannschaft überhaupt. Von 1966 bis 1976 war der als klug, gewitzt, selbstbewusst und eloquent beschriebene Krügel an der Elbe und führte die Blau-Weißen zu drei DDR-Meisterschaften und einem FDGB-Pokalsieg.

Co Trainer Günter Konzack, Funktionär Günter Behne, Siegmund Mewes, Wolfgang Abraham, Manfred Zapf, Wolfgang Seguin, Trainer Heinz Krügel, Torwart Bernd Dorendorf, Detlef Enge, Torwart Hans Werner Heine, Jörg Ohm, Helmut Gaube, Detlef Raugust, Martin Hoffmann, Torwart Ulrich Schulze, Axel Tyll, Jürgen Pommerenke
Die FCM-Europacup-Gewinner 1974 Bildrechte: imago/Kicker/Eissner, Liedel

Zu seiner Popularität trug bei, dass er sich von der mächtigen "SED-Bezirksleitung" nicht in die Suppe spucken lassen wollte. 1976 wurde ihm dies zum Verhängnis, als er degradiert wurde und zur BSG Motor Mitte Magdeburg abgeschoben wurde. Zwei Jahre nach dem Europacup-Triumph. Unter anderem soll den Funktionären sein Auftreten 1974 gegen den "feindlichen Westen" von Bayern München missfallen haben.

Mit dem FCM blieb Krügel auch im Ruhestand verbunden. Er war Mitglied des Ehrenrates und zeitweilig Sport-Direktor. 2009 wurde der Platz vor dem Stadion nach ihm benannt. Seitdem spielt der Klub offiziell am "Heinz-Krügel-Platz 1". 2014 kam ein Denkmal, auf Initiative des Fanrats, hinzu. Die Arena, offiziell nach einem Magdeburger Telekommunikationsunternehmen "MDCC-Arena" benannt, wird von vielen Anhängern als "HKS" bezeichnet: "Heinz-Krügel-Stadion".

___
red

Videos und Audios zur 3. Liga

Sport

FCM Duisburg Interview Titz
FCM Duisburg Titz Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sport

FCM Duisburg Interview Dotchev
FCM Duisburg Dotchev Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sport

Ein Fuchs läuft durch die Ränge in einem Stadion.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Alle anzeigen (115)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR aktuell | 22. Januar 2021 | 19:30 Uhr

25 Kommentare

MDR-Team vor 15 Wochen

Hallo saxonia! Dass Krügel Mitglied der "Waffen-SS" war, kam vor wenigen Jahren zutage. Schon davor (2009) wurde der Platz vor dem Stadion nach ihm benannt. Vereinsverantwortlichen und Fans können selbst entscheiden, wie sie mit der Thematik umgehen wollen. Beste Grüße aus der MDR.de-Redaktion

saxonia vor 15 Wochen

Nochmals Hallo mdr. Ich glaube das in diesen Fußball Foren meist Ostdeutsche User Ü 50 und drüber kommentieren. Soll bedeuten, dass uns die Nazi Zeit in der POS und später EOS in den Fächern Geschichte und Staatsbürgerkunde regelrecht eingeprügelt wurde. Warum werden wir immer wieder daran erinnert? Haben wir keine anderen Probleme ?

MDR-Team vor 15 Wochen

Hallo saxonia!
Jens Janeck, Mitarbeiter im Fan-Projekt, erklärt auf der Webseite des 1. FCM:
"Die Fans bewegt die Diskussion um Heinz Krügel. Der Arbeitskreis ermöglicht eine ergebnisoffene und wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit dem Thema von Seiten des 1. FC Magdeburg und seinen Fans." Beste Grüße aus der MDR.de-Redaktion