Fußball | Zuschauer „Dem Fußball bricht der Fan-Nachwuchs weg!“

Die MDR-Analyse zeigt, wie die Zuschauerrückkehr nach Corona bei den Ostklubs stockt

Endlich wieder Bratwurst, Bier und Fangesänge denkt man! Doch schauen die Vereine Woche für Woche auf die Besucherzahlen werden die Gesichter immer länger. Nicht nur in der Bundesliga werden die Kartenkontingente am Ende der Pandemie kaum ausgeschöpft, sondern vor allem in der Regionalliga setzt ein Zuschauerschwund ein. Betroffen sind große Traditionsklubs wie der Chemnitzer FC und Lok Leipzig.

Halle, Zwickau, Lok und CFC büßen viele Zuschauer ein

"Sport im Osten“" hat die bisherigen Besucherzahlen der größten elf Ostvereine mit denen in der Saison 2019/20 bis zum Corona-Ausbruch verglichen. Ergebnis: Obwohl gerade beim Halleschen FC, FSV Zwickau, Lok und dem CFC jeweils so viele Zuschauer zugelassen sind wie vor der Pandemie im Schnitt kamen, ist ein beträchtlicher Teil der Anhänger nicht zurückgekehrt. Bei Drittligist Halle pilgern mit 5.847 Fans pro Partie nun ziemlich genau 2.000 Zuschauer weniger ins Leuna-Chemie-Stadion. In Zwickau scheint die Lage ähnlich, in Chemnitz sogar noch dramatischer. Von 5.369 Besuchern kurz vorm Drittliga-Abstieg 2020 sank die Zahl auf 2.530 Zuschauer – weniger als die Hälfte. Beim letzten Regionalliga-Heimspiel gegen Altglienicke (0:2) verloren sich nur noch 1.853 Menschen im Stadion an der Gellertstraße.

Vorstandschefin Romy Polster ist alarmiert, sagt gegenüber dem MDR: „Wir sind traurig darüber. Mit den knapp 2.000 Zuschauern zuletzt wurde ein Tiefpunkt erreicht. Der Mensch gewöhnt sich an viele Dinge, auch den Livestream im eigenen Garten mit Freunden. Dazu waren viele in Kurzarbeit und das Portemonnaie ist nicht so dick gefüllt. Da fragen sich einige, kann und will ich mir da den Stadionbesuch noch leisten?“

CFC-Vorstandsvorsitzende Romy Polster
CFC-Vorstandschefin Romy Polster ist besorgt über den Zuschauer-Rückgang bei den Himmelblauen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Zuschauerentwicklung bei ausgewählten Ostklubs
Verein Zugelassene Zuschauer Bisher besucht (Durchschnitt) Vor Corona (Durchschnitt) Veränderung
RB Leipzig 23.500 23.100 40.809 keine
FC Erzgebirge Aue 8.000 6.734 11.583 kleiner Rückgang
SG Dynamo Dresden 16.000 12.294 27.232 kleiner Rückgang
F.C. Hansa Rostock 14.500 14.500 13.699 Steigerung auch dank Aufstieg
1. FC Magdeburg 15.000 13.895 16.853 kleiner Rückgang
Hallescher FC 7.500 5.847 7.888 klarer Rückgang
FSV Zwickau 6986 3.868 5.572 klarer Rückgang
1. FC Lok Leipzig 6.000 2.595 3.225 klarer Abwärtstrend
Chemnitzer FC 7.500 2.530 5.369 klarer Rückgang
FC Carl Zeiss Jena 2.728 2.471 6.151 nicht bewertbar durch Stadion-Baustelle
BSG Chemie Leipzig 4.999 3.479 3.113 Anstieg trotz gleicher Spielklasse

Fanforscher Prof. Lange: „Bedeutung des Fußballs wird oberflächlicher“

Fanforscher Prof. Harald Lange von der Universität Würzburg meint zu dieser Entwicklung: „Durch die Bank lässt sich feststellen, dass die Bedeutung des Fußballs über alle Fangruppen hinweg eine oberflächlichere geworden ist. Es war für mich aber überraschend, dass diese Abwendung auch in der 3. und 4. Liga so stattgefunden hat. Da hätte ich vermutet, dass es nicht so dramatisch wird.“ Dabei hatte der Experte selbst mit seiner These Ende November letzten Jahres im MDR prognostiziert, dass die Fans sich nach Corona im großen Fußball millionenfach abwenden. Nun sieht er sich in ersten Indizien bestätigt: „Mit Blick auf die Bundesliga und 2. Liga konnten die knapp bemessenen Kontingente trotz eineinhalbjähriger Fan-Abstinenz bisher oft nicht verkauft werden. Einige Klubs bleiben auf den Karten sitzen.

Professor Harald Lange 20 min
Professor Harald Lange Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Prof. Harald Lange
Fanforscher Prof. Harald Lange von der Universität Würzburg sieht die Bedeutung des Fußballs schwinden. Bildrechte: Harald Lange

In Analysen von Social-Media-Aktivitäten bemerkt man, dass sich das Verhältnis zwischen Fans und Fußball abkühlt. Die Lebenswirklichkeit zwischen dem abgehobenen Profigeschäft mit seinen hohen Millionen-Beträgen und dem normalen Alltag des allgemeinen Fußball-Anhängers ist zu groß geworden.“ Dazu käme die Entemotionalisierung. „Der Fan hat gemerkt, dass es ihm reicht, auch im Fernsehen eine Zusammenfassung zu schauen. Dass er auch die Bundesliga-Konferenz ansehen und parallel etwas anderes zuhause machen kann. Live muss quasi gar nicht sein.“ Bei allen Argumenten weiß Lange: „Die Zahlen in der Regionalliga wie bei Lok Leipzig sind schon erstaunlich.“

So kämpfen Lok und CFC gegen den Fanschwund

Die Probstheidaer sind der dritte große Verlierer, fielen von 3.225 auf 2.595 durchschnittliche Besucher – ein Rückgang von einem Fünftel. Lok reagierte mit einer Sofort-Maßnahme. Nach einem entsprechenden Vorstandsbeschluss verkündete der Kultklub: „Gerade Schüler und Studenten haben in den letzten Monaten besonders unter den Folgen der Corona-Pandemie gelitten. Daher ist zu allen Regionalligapunktspielen der aktuellen Saison der Eintritt für alle bis 18 Jahre sowie für Studenten zur Gegengerade und allen Kurvenbereichen kostenlos.“

Als einzige Ausnahme wurde das Derby-Heimspiel gegen Chemie Leipzig definiert, sonst sind alle Ost-Kracher wie gegen Cottbus oder Chemnitz inbegriffen. Die Gratis-Karten der Blau-Gelben sind auch deshalb bemerkenswert, weil es rund um das Aufkommen von RB Leipzig ab 2009 schon Überlegungen bei den Probstheidaern gab, günstigere Angebote für junge Fans zu machen. Da man damals aber wirtschaftlich auf keine Einnahmen verzichten konnte, wurde der Plan nicht weiter verfolgt. Nun schaut man dem Problem wie in Chemnitz anders in die Augen. Der CFC erwägt eine Kartenaktion mit zwei Tickets zum Preis von einem.

Zuschauer im Stadion unter Hygienebestimmungen und Abstandsregelungen auf Grund der Coronakrise
Der allgemeine Zuschauerrückgang hat auch den 1. FC Lok Leipzig hart getroffen. Knapp ein Fünftel der Zuschauer bleiben bislang dem Stdion fern. Bildrechte: IMAGO / Picture Point

Fanforscher Prof. Lange: „Die Fankultur ist im Umbruch“

„Die Geschäftsführung des Chemnitzer FC und Lok Leipzig stehen vorm gleichen Rätsel“, meint Sportwissenschaftler Prof. Harald Lange, der den Erfolg der Ticketgeschenke nicht direkt voraussagen kann. Dennoch glaubt er, dass Lok einen richtigen Aspekt angeht. So betont der 52-Jährige generell: „Die Fankultur ist in einem Umbruch. Anhänger wachsen aus diesem Lebensabschnitt heraus, werden ruhiger, sind nicht mehr ganz so aktiv. Das gab es schon immer.

Durch das einschneidende Erlebnis Corona ist aber der Fan-Nachwuchs jetzt quasi weggebrochen. Bisher war es bei den Ultras ein Selbstläufer, sie haben sich allein etabliert. Nun sind gerade die aktiven Fanszenen auch aufgrund der personalisierten Tickets mit der Stadion-Rückkehr zurückhaltend. Das heißt, sie bieten interessierten Jugendlichen gar keinen attraktiven Anknüpfungspunkt.“

Chemie als Leuchtturm-Beispiel

Brisant: Ausgerechnet Loks Stadtrivale Chemie Leipzig ist mit Hansa Rostock der einzige Ex-DDR-Verein, der seine Zuschauerzahlen trotz Pandemie steigern konnte. So lösten die Leutzscher den FCL mit 3.479 Fans im Schnitt (gegenüber 3.113 vor der Pandemie) als Nummer zwei bei den Zuschauern in Fußball-Leipzig ab. Während in Rostock die Euphorie um den Zweitliga-Aufstieg das Wachstum offensichtlich begünstigte, ist es bei Chemie wohl auf den besonderen Zusammenhalt bei den Grün-Weißen in der Krise zurückzuführen.

So ordnet Prof. Lange ein: „Chemie ist ein wunderbares Beispiel, wie ein Verein von seinem Umfeld, seinem Stadtteil und den Fans eine Bedeutung erlangt und nicht durch einen großen Investor, der irgendwo hinkommt, und erst durch Erfolg Anhänger anzieht.“

Anton Kanther (23, Chemie) und Lucas Surek (11, Chemie)
Grund zum Jubeln für die BSG Chemie Leipzig. Trotz Corona kommen in der neuen Saison durchschnittlich deutlich mehr Zuschauer ins AKS. Bildrechte: PICTURE POINT / Roger Petzsche

Zuschauer-Faktor Pandemie

Dass die Pandemie den Zuschauer-Strom noch direkt beeinflusst, beispielsweise durch Zuschauer, die sich nicht testen lassen möchten, sieht der Fanforscher als Nebenphänomen an. Selbst bei niedrigeren Impfquoten betont Prof. Lange: „Anders als zu Beginn letzter Saison hat jeder, der sich schützen will, ja vorgesorgt. Durch die große Grundgesamtheit schon bei 55 Prozent Geimpften in der Bevölkerung plus Genesenen und Menschen, die bereit sind, sich testen zu lassen, müsste das Potential groß sein, alte Zahlen zu erreichen.“

Allerdings scheuen nach MDR-Informationen zum Beispiel in den Fankreisen von Dynamo Dresden und Lok Leipzig Anhänger auch aufgrund des Aufwands mit geforderten Tests und den Hygienebedingungen teilweise noch den Stadionbesuch. So schaffte die SGD erst gegen Paderborn (0:3) am Wochenende erstmals ein mit 16.000 Zuschauern coronabedingt ausverkauftes Haus. Die CFC-Vorstandsvorsitzende Romy Polster gibt zu: „Die objektiven Rahmenbedingungen der Pandemie halten die Fans sicher noch vom Besuch ab. Eine große Hürde ist mit der 3G-Regel zu nehmen. Es sind viele Dinge zu erledigen, bevor man ins Stadion kommen kann – und das Hygienekonzept sieht eben personalisierte Tickets vor.“

Trotz Größenwahn des Fußballs: „Noch ist nichts verloren“

Prof. Lange begründet die Fan-Müdigkeit dagegen mehr mit der Kommerzialisierung, der Aufblähung von Wettbewerben, der Verteilung von TV-Geldern und der Vergabe von Weltmeisterschaften nach Russland und Katar. „Man kommt aus der Empörung gar nicht heraus. Die Spitze der Menschenrechtsdebatte um Katar ist noch gar nicht erreicht, da kommt die FIFA auf die Idee, die WM 2030 nach Saudi-Arabien und Italien vergeben zu wollen.“

Die Fußball-Blase nehme keine Rücksicht auf gesellschaftliche Themen wie Corona, Demokratie und Klimawandel – und das stoße auf. Aber sind das die Gründe, nicht mehr zum regionalen Lieblingsklub zu gehen? Prof. Lange: „Es gibt keine Einheit im Fußball mehr. Was Paris St. Germain und RB Leipzig beispielsweise betreiben ist gegenüber Klubs wie Kaiserslautern oder Lok Leipzig eine andere Sportart. Dadurch fühle ich mich dem Fußball gar nicht verpflichtet. Es ist eine Aufgabe für DFB und DFL, auch im Sinne der kleineren Vereine glaubwürdige Konzepte für die Zukunft des Fußballs vorzulegen. Noch ist nichts verloren.“

Fanforscher Harald Lange
Fanforscher Prof. Harald Lange sieht die Zukunft des Fußballs noch nicht ganz verloren. Der DFB müsse glaubwürdige Konzepte für die Zukunft vorlegen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sport im Osten | 04. September 2021 | 16:00 Uhr

45 Kommentare

Ich 68 vor 3 Wochen

Unsere aussortieren Stürmer schießen ein Tor nach dem anderen.. 😂 😂 Ich hau mich weg... Nochmal für dich zum Verständnis, wenn eurer Kühne den Geldhahn zu dreht, weil seine AH nicht mehr laufen, ist bei euch Schicht im Schacht und wenn ihr die DK um die Hälfte senkt 170 x2000 =340000,Lok verlangt ca 300 x 1100 sind 330000..also

DiddiS vor 3 Wochen

Als langjähriger Anhänger des CFC (im höheren Alter) kommt für mich noch ein Aspekt dazu, der eng mit den personalisierten Tickets zusammenhängt. Die Dauerkarten sind nicht mehr - wie früher - auf andere Personen übertragbar. Ich kann mir schon denken, dass auch hierbei Corona und das Hygienekonzept des Vereins eine Rolle spielt. Aber man ist immer in einer Saison ein paar mal nicht da und kann das Heimspiel nicht wahrnehmen. Also hat man früher an diesem Tag die Dauerkarte einem Kollegen oder einem potentiellen "Nachwuchsfan" übergeben. Inzwischen haben einige mir bekannte langgediente Anhänger den Kauf einer Dauerkarte "abgewählt". Wir wollen nicht jedes Jahr für die ausgefallenen Spiele spenden. Und weil das Prozedere des Testens und der Datenerfassung ewig Zeit kostet und zudem noch nervig ist, gehen wir eben gar nicht mehr ins Stadion. Und wenn das in dieser Saison mit diesen Schikanen so weiter geht, gebe ich nach mehren Jahrzehnten ev. auch noch meine Vereinsmitgliedschaft auf.

martin123 vor 3 Wochen

Also wenn Dein Beitrag als Satire gemeint ist, dann ist das wirklich Super. Wenn das aber ernst gemeint ist, dann ist das an Dummheit nicht zu unterbieten.