Fußball | 3. Liga Appelle statt harter Hand

Bekommt der DFB das Drittliga-Stadionchaos in den Griff?

In der 3. Liga bricht das Stadion-Chaos aus. Ein Viertel der Klubs trug diese Saison ihre Heimspiele in mehreren Spielstätten aus – Tendenz steigend. Der MDR analysiert die Lage, der DFB gibt erstmals Probleme zu. Profitiert der FC Carl Zeiss Jena?

Stadion und Tribüne
Das Stadion in Lotte diente in dieser Saison mehrfach als Ausweichspielstätte in der 3. Liga. Bildrechte: imago images/Noah Wedel

Drittligist Dynamo Dresden spielte am vergangenen Samstag in Lotte und an diesem Dienstag geht's nach Paderborn. Nanu, die beiden Städte sind doch gar nicht in der 3. Liga vertreten. Doch, denn der KFC Uerdingen und der SC Verl sind umgezogen. Und das droht in dieser Spielklasse zunehmend zur Regel zu werden. Fünf der 20 Teams treten nicht mehr in einem festen eigenen Stadion an.

DFB: Stadionumzüge sind durch Pandemie bedingt

Auf MDR-Nachfrage, wie es zu dieser Entwicklung kam, verweist der DFB auf eine Sonderregelung während der Corona-Krise. Dabei wurden neue Ausnahmen definiert und zwar "zur Durchführung des Spielbetriebs, insbesondere zur Gewährleistung (…) hygienischer Standards zur Pandemie-Bekämpfung oder in Anbetracht behördlicher Verfügungen am Sitz des Heimvereins oder anderer öffentlich-rechtlicher Vorschriften (…) oder wenn durch einen Verein nachprüfbar dargelegte Gründe einer umfangreichen Kostenersparnis dies gerechtfertigt erscheinen lassen." In diesen Fällen "können andere als im Zulassungsverfahren gemeldete Spielstätten genutzt werden; von den im Zulassungsverfahren geforderten Voraussetzungen kann (…) in Abstimmung mit der DFB-Zentralverwaltung abgewichen werden."

Vereine nutzen Sonderregelung aus

Fakt ist jedoch, dass keiner der fünf Drittligisten aus Corona-Gründen den Spielort tauschte. Uerdingen war wegen seiner selbstverschuldeten Misswirtschaft (Insolvenzanmeldung mit 10 Millionen Euro Schulden) nicht mehr in der Lage, die Miete für die Arena in Düsseldorf zu bezahlen. Der zweite Investoren-Klub Türkgücü München hatte noch nie ein eigenes Stadion, brauchte wegen der fehlenden Rasenheizung im Olympiastadion eine zweite kommunale Spielstätte.

Leere Tribüne
Die Benteler-Arena in Paderborn war zuletzt die Heimspielstätte des SC Verl. Bildrechte: IMAGO / Nordphoto

An eben jener scheiterte es auch in Saarbrücken, von wo der FCS für ein Spiel knapp 200 Kilometer weiter zur PDS-Bank-Arena vom FSV Frankfurt zog, um schließlich per Ausnahmegenehmigung im näher gelegenen Völklingen zu spielen. Verl geht wegen des zu schwachen Flutlichts für Abendpartien nach Paderborn und der FC Bayern II durfte einmal am laut Statuten nicht drittligatauglichen neuen Bayern-Campus antreten, weil damit das von drei Vereinen genutzte Spielfeld im Grünwalder Stadion entlastet werden sollte. Die Beispiele zeigen: Die Vereine nutzten die Sonderregelung für ihre Belange aus.

Ex-Dynamo-Boss Robert Schäfer kritisiert Stadion-Entwicklung

Die Auswüchse sind mittlerweile so enorm, dass der 3. Liga ein Imageschaden droht. Das erklärt Ex-Dynamo-Geschäftsführer Robert Schäfer "Sport im Osten": "Zu meiner Zeit in Dresden gab es den Drittliga-Slogan 'Wer Dritter ist, will Erster werden'. Dabei ging es um die Markenentwicklung einer 3. Profi-Liga. Schaue ich mir das heute an, ist es einfach unprofessionell, wenn Vereine nicht über eine eigene Infrastruktur oder klar geregelte Stadionnutzungsverträge verfügen." Schäfer gilt als Lizenzierungsexperte, saß im DFL-Aufsichtsrat und vertrat diese im DFB-Vorstand. Dabei stellt sich die Frage, warum die dauerhaft heimatlosen Investoren-Klubs Türkgücü und Uerdingen zugelassen wurden. Manuel Hartmann, DFB-Abteilungsleiter Spielbetrieb, antwortet: "Jeder Fall ist individuell zu betrachten. Bei Türkgücü München und KFC Uerdingen verlief der sportliche Aufstieg in einem sehr hohen Tempo."

Es ist einfach unprofessionell, wenn Vereine nicht über eine eigene Infrastruktur oder klar geregelte Stadionnutzungsverträge verfügen

Robert Schäfer | Funktionär
Dresdens Geschäftsführer Robert Schäfer (li.) und Sportdirektor Ralf Minge. 2015
Dynamo Dresdens ehemaliger Geschäftsführer Robert Schäfer (li.). Bildrechte: imago/Robert Michael

Doch was der DFB als Grund für die Zulassung deklariert, ist laut Schäfer der Grund des Übels. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende von Fortuna Düsseldorf sagt: "Bei beiden Vereinen wurde einzig in die Mannschaft und nichts ins Umfeld investiert. Stehen sie dann direkt vor dem Aufstieg, stellt dies den Verband vor Probleme. Das ist ein echtes Dilemma." Zumal der Plan beider Klubs durchschaubar war. Mit möglichst hohem kurzfristigen Investment ins Team, wollte man so schnell wie möglich an die TV-Millionen der 2. Liga heran. In welchem Stadion bis dorthin gespielt wird, war für den vor wenigen Monaten zurückgetretenen russischen Investor Mikhail Ponomarev in Krefeld und den türkischen Gönner Hasan Kivran in München nachrangig.

Appelle statt harter Hand vom DFB

Im Vergleich zu früher ist der Wille, die eigene Infrastruktur weiterzuentwickeln, vor diesem Hintergrund deutlich geringer. Zu diesem Befund betont der DFB: "Zunächst sollte jeder Klub diese Motivation mitbringen, um sich im Profifußball etablieren zu können. Eine professionelle Infrastruktur und eine eigene Heimat sind hierfür essenziell – unter anderem in Bezug auf Zuschauerbindung und Einnahmemöglichkeiten." Auffällig: Der Verband versucht sich in Appellen, die weitgehend ins Leere laufen. Mit neureichem Geldgeber und Fernsehgeld lässt sich heute nämlich in der Bundesliga und 2. Bundesliga auch leben, das zeigen allein die Geisterspiele in der Corona-Zeit.

Kevin Großkreutz beim Testspiel FC Schalke 04 - KFC Uerdingen, 2020
Uerdingen nahm unter anderem Ex-Weltmeister Kevin Großkreutz für ein stattliches monatliches Salär unter Vertrag. Bildrechte: imago images/Revierfoto

Dagegen zeigt der DFB keine Zähne. Seit der Drittligagründung im Jahr 2008 wurde keinem Drittliga-Aufsteiger die Lizenz verweigert. Funktionär Schäfer sieht allerdings Handlungsbedarf: "Uerdingen ist ein Beispiel, aus dem man Lehren ziehen muss. Sie haben das Gehaltsgefüge der 3. Liga mit Transfers wie von Kevin Großkreutz völlig gesprengt." Wie im Rahmen eines Rechtsstreits vor dem Krefelder Amtsgericht bekannt wurde, verdiente der Ex-Weltmeister 51.000 Euro monatlich. Schäfer sagt klipp und klar: "Solche Löhne sind in der 3. Liga gar nicht zu erwirtschaften."

Uerdingen ist ein Beispiel, aus dem man Lehren ziehen muss. Sie haben das Gehaltsgefüge der 3. Liga mit Transfers wie von Kevin Großkreutz völlig gesprengt.

Robert Schäfer | Funktionär

Schäfer fordert neue Lizenzierungskriterien

Dresdens Ex-Boss hat auch Ideen für eine Verbesserung des Zulassungsverfahrens parat. "Im Rahmen einer Lizenzierung sollte eine gewisse Perspektive aufgezeigt werden, wie man in den nächsten Jahren zu einer geeigneten Infrastruktur kommt. Die angekündigten Fortschritte sollten durch Nachweise glaubhaft gemacht und später verbindlich belegt werden müssen", sagt Schäfer. "Dazu kann man eine Kilometerzahl festlegen, in dessen Umkreis um den Vereinssitz ein Spielort zwingend liegen muss." Als Reaktion auf solche Gedankenspiele teilt der Verband mit, dass man die Lizenzkriterien regelmäßig einer Prüfung unterziehe. 

Drittligisten mit mehr als einem Spielort 2020/21
Verein Spielstätten
SC Verl Sportclub-Arena Verl

Benteler-Arena Paderborn
1. FC Saarbrücken Ludwigsparkstadion

PSD Bank Arena Frankfurt a. M.

Hermann-Neuberger-Stadion Völklingen
KFC Uerdingen Merkur Spiel-Arena Düsseldorf

Frimo-Stadion Lotte
Türkgücü München Olympiastadion München

Grünwalder Stadion
Bayern München II Grünwalder Stadion

FC-Bayern-Campus

DFB gibt erstmals Probleme zu

Bemerkenswert ist vor allem, dass Spielbetriebsleiter Manuel Hartmann erstmals Probleme öffentlich andeutet und eine Debatte über die Stadionthematik nicht ablehnt. So erklärt der DFB-Verantwortliche dem MDR: "Es ist richtig, dass ein ständiger Wechsel der Spielstätte oder eine Heimspielstätte mit großer Entfernung zum eigentlichen Vereinssitz keine optimalen Bedingungen darstellen. Gleiches gilt für eine sehr geringe durchschnittliche Zuschauerzahl in einem sehr großen Stadion. Hierüber gilt es zu diskutieren." Diese Aussage dürfte bei potentiellen Drittliga-Aufsteigern für Zittern sorgen. Denn in diesem Sommer drohen schon die nächsten Härtefälle bei der Lizenzvergabe.

Stadion Lichterfelde
Auch Drittliga-Aufsteiger Viktoria Berlin beschäftigt die Stadion-Problematik. Bildrechte: imago images/Ed Gar

In der Regionalliga Nordost wurde Viktoria Berlin nach dem Saisonabbruch zum Meister bestimmt. Die Hauptstädter weisen Parallelen zu Uerdingen auf. Weil der chinesische Investor Alex Zheng nicht zahlen wollte, musste die Viktoria Ende 2018 in die Insolvenz, mit dem neuen deutsch-kroatischen Investor Zeljko Karajica marschierte der Klub nun Richtung Profifußball, ebenfalls ohne taugliches Stadion. Auf die Kritik geht der Klub nur am Rande ein, teilt mit: "Um den Start in Liga drei zu meistern, wollen wir uns weiter professionalisieren. Erste Schritte wurden bereits vor geraumer Zeit angestoßen." Problem: Der Zuschauerschnitt lag schon vor der Pandemie nur bei 562 Besuchern. Jetzt liegt der Ball beim Land Berlin: Unterstützt man den Verein mit Steuergeld beim Ausbau einer Spielstätte, um einen dritten Profiverein in der Stadt zu erhalten?

2021/22 sieben Klubs ohne drittligataugliches Heimstadion?

Ansonsten richten sich die Blicke nun wieder auf den DFB. Da der Zweitplatzierte Altglienicke dasselbe Problem in Berlin hätte, wäre Carl Zeiss Jena aufstiegsberechtigt. Die Thüringer verwandeln bis 2023 ihr Ernst-Abbe-Sportfeld in eine zweitligataugliche Arena, müssen lediglich nachweisen, dass während des Umbaus dort gespielt werden kann. Für den Verband und die Liga wird es eine Richtungsentscheidung. Fest steht, dass der DFB seine Anforderungen wie bei der 10.000-Zuschauer-Kapazität nicht heruntersetzen wird, weil die Problematik sich sonst immer mehr auf den Übergang zur 2. Liga mit einem Mindestfassungsvermögen von 15.000 Besuchern verschiebt.

Haupttribüne Ernst-Abbe Sportfeld
Das Ernst-Abbe-Sportfeld in Jena wird derzeit umgebaut. Die Lizenzauflagen für die 3. Liga könnte der FCC erfüllen. Bildrechte: IMAGO / Picture Point

So könnte sich die Lage in der 3. Liga verschärfen. Aus der Regionalliga Nord hat der TSV Havelse angekündigt, in der für den kleinen Klub überdimensionalen Hannoveraner HDI-Arena aufzulaufen und auch der potentielle Relegationsgegner Viktoria Aschaffenburg muss noch an einer Stadion-Lösung basteln. Im Extremfall spielen 2021/22 sieben Vereine in der 3. Liga, die in der Fremde zuhause sind. Die Fans müssten nach Corona dann googeln, wo welcher Klub gerade sein Heimspiel austrägt.    

Videos und Audios zur 3. Liga

Hallescher FC - SV Meppen
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR aktuell | 04. Mai 2021 | 19:30 Uhr

31 Kommentare

MartinB. vor 12 Wochen

Thomas, überlege doch mal bitte was das für ein Standpunkt ist, der hier (auch von dir) vertreten wird!

Weil es für die 3. Liga eine dumme Regel gibt, die es auch in der 2. BL gibt (und die dort genauso dumm ist), und weil diese Regel in der Vergangenheit bereits angewendet wurde... kann man diese Regel nicht ändern?

Entschuldigung, aber das ist Blödsinn.

Es wird hier über die Gesamtkapazität ein Kampf ausgetragen, der regelmäßig die falschen trifft.

Was will man denn eigentlich verhindern? Investorenclubs? Wäre ich dabei. Aber dann muss man an den Regeln für die FInanzierung arbeiten.

Ja, und was ist denn, wenn ein Verein ein Stadion mit 1000 Gast- und 1000 Heimplätzen vorweist? Weil es nur ein 5000-Seelen-Nest ist? Und sie die 3. Liga mit so wenigen verkauften Tickets finanzieren können?

Die Stadiongröße ist ein Alibi-Argument von Verband UND Fans, und ein Treibanker der alles, was nicht Großstadtverein ist, von der 3. Liga fernhält.

Egal ob Investor oder nicht.

GEWY vor 12 Wochen

Beim DFB ist man vor nichts sicher. Die Erfahrung zeigt doch, dass nie gleiche Maßstäbe angelegt werden. Wenn dem DFB die Nase nicht passt, für den werden die Bedingungen eben hoch geschraubt. Siehe Zwickau Toilettenanlegen. In Chemnitz waren es eben nicht genug Sitzplätze und ein ungenügender VIP-Bereich. Das reichte für die Drohung, wenn nicht dann Lizenzentzug. Obwohl internationalen Ansprüchen genügendes Flutlicht und Rasenheizung vorhanden war.

ThomasBN vor 12 Wochen

Hallo Martin,

Ja es ist richtig das es für einen Verein quatsch ist, viele sehr oft ungenutzte Plätze anzubieten. Das Thema ist, jeder Verein muss in der 3.Liga 10.000 Plätze vorhalten und das Problem hier ist, dass 10.000 Plätze mehr kosten als 5.000 Plätze, welche alle anderen Vereine jetzt vorhalten und auf irgendeine Weise bezahlen. Ausserdem, wo zieht man dann eine Grenze? Dann kommt der nächste Verein mit einem 1.000 Mann Stadion um die Ecke und sagt das reicht mir. Leider müssen meiner Meinung nach solche Regeln sein um für gleiche Rahmenbedingungen zu sorgen. Man sieht es ja leider an Türkgücü und Viktoria Berlin wie es gelebt werden kann, wenn Regeln individuell für sich ausgelegt werden.