Kommentar Warum dem neuen FCM-Trainer Christian Titz der Klassenerhalt gelingen wird

Daniel George
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Christian Titz soll den 1. FC Magdeburg vor dem Absturz in den Amateurfußball bewahren – und könnte auch über die Saison hinaus eine bessere Zukunft prägen. Was den neuen Trainer des Drittligisten auszeichnet und wieso seine Verpflichtung auch für die Arbeit von Sportdirektor Otmar Schork spricht.

Christian Titz
"Der 1. FC Magdeburg ist ein sehr interessanter Verein mit Möglichkeiten", sagte Christian Titz bei seiner Vorstellung. Aber: "Erstmal geht es für uns nur um den Klassenerhalt." Bildrechte: IMAGO / Hartenfelser

Angesichts großer Bedrohung fehlt oft der strategische Blick nach vorn. Und der 1. FC Magdeburg ist gerade sehr bedroht: Nur 21 Punkte aus 22 Partien, eine zerrüttete Mannschaft, vorletzter Tabellenplatz.

Dem Traditionsklub aus der Elbestadt droht der Abstieg – und damit der Absturz in den Amateurfußball. Also verliert der FCM – es wäre nicht das erste Mal – bei seiner Trainerwahl den Kopf?

Mitnichten. Ausgerechnet in dieser Situation macht der FCM nun Christian Titz zum neuen Cheftrainer – und trifft damit eine Personalentscheidung mit ungeahntem Potenzial.

Hoffen übertrumpft meckern

Die Verpflichtung von Titz birgt das Potenzial, zu einer der besten der vergangenen Jahre zu werden. Gewiss: Schwer ist das angesichts der dramatischen sportlichen Entwicklung der jüngeren Vergangenheit nicht. Doch schürt sein Engagement erstmals seit Monaten wieder so etwas wie Euphorie, zumindest Hoffnung bei den Anhängern.

Zur Erinnerung: Vor etwas mehr als einem Jahr sah das nach dem Trainerwechsel von Stefan Krämer zu Claus-Dieter Wollitz ganz anders aus. Ernüchterung statt Aufbruchstimmung.

Nun aber wird endlich mal wieder mehr gehofft statt gemeckert bei den Blau-Weißen. Denn ihr Klub hat einen neuen Cheftrainer geholt, mit dem so richtig niemand gerechnet hatte – und der mehr ist als nur ein Retter in der Not.

FCM-Sportdirektor Schork hat alle überrascht

Torsten Ziegner wurde gehandelt. Torsten Lieberknecht und Petrik Sander. Auch Oliver Zapel oder Sören Osterland. Zuletzt sogar Torsten Gütschow, dessen Verpflichtung auch ein Zeichen gewesen wäre, dass der FCM sich insgeheim schon auf die Regionalliga vorbereitet. Für diese Liga gilt Gütschow schließlich als ausgewiesener Experte.

Nur der Name Titz fiel ernsthaft nirgends. Zum einen, weil reflexartig oft zuallerst über Trainer mit Ost-Erfahrung gesprochen wird, wenn ein Ost-Klub einen Trainer sucht. Zum anderen aber auch, weil sich viele Anhänger kaum vorstellen konnten, dass ein Mann wie Titz in der aktuellen Situation nach Magdeburg wechselt.

Doch er hat es getan. Und diese Verpflichtung mit Perspektive ist zuvorderst Otmar Schork zu verdanken. In seiner kurzen Amtszeit als Sportdirektor des FCM hat der 63-Jährige bereits bewiesen, dass er nicht nur redet, sondern vor allem macht. Der erste Beweis: die Winter-Zugänge. Der zweite Beweis: die Verpflichtung von Christian Titz.

Ein dritter Beweis? Als sich vor ein paar Wochen die Möglichkeit ergab, Philip Türpitz vielleicht doch noch zurück zum FCM zu holen, tat Schork alles dafür. Er reiste kurzfristig zu Türpitz nach Mannheim und versuchte, ihn von einem Wechsel zu überzeugen – auch wenn dieser sich wenige Tage später für Hansa Rostock entschied.

FCM-Sportdirektor Otmar Schork für Podcast 60 min
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MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir Mi 03.02.2021 17:00Uhr 60:00 min

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Christian Titz, der Menschenfänger

Nun saß Otmar Schork am Samstagmittag also neben Christian Titz auf der Pressekonferenz des FCM zur Vorstellung des neuen Trainers. Was beide in ihren Aussagen einte: Sie wollen nicht zurückschauen, sondern nur nach vorn. Sie wollen von Spiel zu Spiel denken. Sie wollen nicht jede Minute jedes Tages auf die Tabelle schauen.

Es entstand das Gefühl: Die neue sportliche Führung ist sich einig. Sie teilt Prinzipien und folgt diesen.

Fest steht: Christian Titz bringt alles mit, um den 1. FC Magdeburg vor dem Abstieg zu bewahren. Den Druck bei einem Traditionsverein kennt der Fußballlehrer von seinen bisherigen Stationen bereits. Er wird nicht einbrechen, wenn die Zeiten schwer werden.

Und obwohl bei seiner letzten Station in Essen am Ende auch das nicht allzu gute Verhältnis zur Mannschaft ein Grund für seinen Abschied gewesen sein soll: Der 49-Jährige gilt als Menschenfänger. Und sein Erfolg gab ihm Recht: Als er Rot-Weiß Essen verlassen musste, stand ein Punkteschnitt von 2,28 Zählern pro Partie auf dem Konto von Titz.

Dem FCM würde dieser Schnitt in den restlichen 16 Partien wohl locker zum Klassenerhalt reichen.

Trainer Christian Titz (Hamburg)
Beim Hamburger SV arbeitete Christian Titz von 2015 an erst als Jugendtrainer und später als Chefcoach der Profis. Bildrechte: IMAGO

Dass von einem Trainer nicht berücksichtigte Spieler einmal nachtreten, ist normal im Fußballgeschäft. Mergim Mavraj hatte beim Hamburger SV unter Titz einst keine Spielzeit gesehen – und sich im Nachhinein wie folgt geäußert: "Menschlich ist dieser Trainer ein Desaster."

Titz reagierte damals souverän auf die persönliche Kritik – und es ist ihm zuzutrauen, dass er mit konsequentem Handeln und Auftreten auch die zerrüttete FCM-Mannschaft wieder auf eine Linie bringt. Denn Titz will mündige Spieler. Endlich wieder Offenheit könnte in der Kabine jetzt genau das Richtige sein – um das zu vergessen, was war.

Ein Fußballlehrer im wahrsten Sinne

Vor seinem Wechsel 2019 zu Rot-Weiß Essen hatte Christian Titz gesagt: "Ich wollte ein Projekt starten, in dem ich mich wiederfinde, egal in welcher Liga." Ein Indiz dafür, dass der 49-Jährige langfristig, mindestens mittelfristig denkt. Auch wenn es sich in der aktuell so bedrohlichen Situation beim FCM naturgemäß verbietet, zu weit nach vorn zu schauen.

Trotzdem sagte Titz bei seiner Vorstellung: "Der 1. FC Magdeburg ist für mich ein sehr interessanter Verein mit Möglichkeiten." Er hat einen Vertrag bis zum Sommer 2022 unterschrieben, gültig für die dritte Liga.

Sollte der Klassenerhalt gelingen, wird der Trainer mehr wollen. Er liebt es, Mannschaften und Spieler über einen längeren Zeitraum zu entwickeln. Das hat er bereits im Nachwuchsbereich des Hamburger SV bewiesen. Titz ist ein Fußballlehrer im wahrsten Sinne, das Trainersein seine Passion.

Die klare Spielidee von Christian Titz

Christian Titz steht für dominantes Ballbesitzspiel und hohen Druck auf den Gegner. Unberechenbarkeit und blitzschnelle Offensivaktionen. Titz ist ein Trainer mit klarer Spielidee. Die Gefahr: diese um jeden Preis durchdrücken zu wollen. Doch auch diese Angst nahm der Cheftrainer den Anhängern am Samstagmittag: Er kündigte an, zunächst die Defensive stützen zu wollen und flexibel auf die Gegner zu reagieren.

Klar in seinen Ansagen, schnörkellos in seiner Sprache – der gebürtige Mannheimer kam sympathisch rüber bei seinem ersten Auftritt im FCM-Dress.

Titz machte dabei unmissverständlich klar, worum es ihm geht: "Das Wesentliche", wie er sagte, "ist die Arbeit mit der Mannschaft auf dem Platz." Keine Worte und keine Vorschusslorbeeren. Genau die richtige Einstellung.

Daniel George
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Über den Autor Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung.

Vom Internet und den neuen Möglichkeiten darin ist er fasziniert. Deshalb zog es ihn im April 2017 zurück in seine Heimatstadt. Bei MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet er seitdem als Sport-, Social-Media- und Politik-Redakteur arbeitet, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern.

MDR, Daniel George

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 13. Februar 2021 | 19:00 Uhr

27 Kommentare

FCMfox vor 1 Wochen

Ich sehe das auch so und habe mir gestern ein Glas guten Rum "Don Papa" gegönnt, man muss die Feste feiern wie sie fallen! Ich hoffe es gibt noch ein paar Anlässe sonst ist die Flasche nächstes Weihnachten noch halb voll.

Durchblick 2.0 vor 1 Wochen

Er war die günstigste Alternative? Welcher Trainer war denn jetzt, deiner fachmännischen Meinung nach, die bessere Variante?
Hat er in Magdeburg den Punkteschnitt vom HSV, geht’s in sichere Mittelfeld, hat er Punkteschnitt von Essen, dann geht’s steil nach oben.
Hat alles nix zu sagen, aber von Fußball hast du wohl keinen Plan.
Da hilft auch dein „bwg“ nicht. Bist enttarnt

hettstedt vor 1 Wochen

Ja achte mal darauf!
Wirst feststellen, dass nur der FcM so ein Dreigestirn mit Sabrina Bramowski, Guido Hensch und Daniel George beim mdr hat.
Alle drei berichten zum Beispiel auch über den HFC.
Allerdings sind das gefühlt zwei völlig verschiedene Welten.
Dir wird in deiner Analyse auffallen, dass es einen riesengroßen Unterschied gibt, was Umfang der Beiträge, Interesse des jeweiligen Berichterstatters, oder Tiefgang des Inhalts überhaupt angeht.
Mach dir doch mal ein Bild, indem du dir beide Podcasts hintereinander anhörst (beide von Daniel George moderiert)
Was weiter oben steht ("Vergötterung und Pathos") triffts ebenfalls ganz gut. Wenn man Fan eines Vereins ist, sollte man nicht für ein Medium wie den mdr arbeiten dürfen. Ist einfach nicht neutral genug.
Das ein Regionalsender die lokalen Vereine vielleicht doch immer ein bisschen durch die "rosarote Brille" sieht, bleibt nicht aus, aber hier ist es zum wiederholten Male zu viel des Guten.