Mannschaftsfoto von Motor Suhl
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Fußball | Unvergessene Vereine Als Motor Suhl ganz oben anklopfte

Es war die Sensation im DDR-Fußball: Die BSG Motor Suhl schaffte 1984 den Aufstieg in die höchste Spielklasse. Im Fußball. Am Ende wurde es nur eine kurze Episode, ein einziger Sieg sprang heraus. Dennoch bleibt diese Zeit unvergessen, auch wenn sie schon so weit weg scheint.

von Ronny Eichhorn/Uwe Karte

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Die mausgraue Gegenwart heißt Kreisoberliga Rhön-Rennsteig und am 1. September der SV Trusetal 05. Ein Pünktchen und Platz 13 ist die bisherige Saisonbilanz. Doch der 1. Suhler SV blickt auf eine spannende Geschichte zurück, die den Verein sogar schon in die DDR-Oberliga geführt hat. 1984.

Fußballer jubeln Fans zu. 1 min
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Fr 24.08.2018 10:08Uhr 00:33 min

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Stadion-Runderneuerung in fünf Wochen

Harry Felsch, in den 60er-Jahren schon mal Co-Trainer beim damaligen Oberligisten BSG Motor Steinach, wurde 1984 vom Bezirksfachausschuss Fußball zur BSG delegiert, als der Aufstieg in die höchste Spielklasse der DDR geschafft wurde. "Ich war eigentlich Mädchen für alles. Ich lernte dort den große DDR-Fußball kennen.“ Und es gab sehr viel zu tun, die Jugendabteilung musste neu aufgebaut, das Stadion praktisch komplett neu gebaut werden. Innerhalb von vier, fünf Wochen. "Vom ersten Tag an ging es nur um den Klassenerhalt. Doch trotz des vielen Niederlagen haben es die Spieler genossen. Sie haben gekämpft, jedes Spiel war ein Höhepunkt“, erinnert sich der heute 82-jährige Felsch.

Stadion in Suhl.
Das Stadion sieht noch so aus wie vor 30 Jahren. Bildrechte: MDR/Dirk Jeschke

Sensation in Dessau klar gemacht

1971 war die BSG Motor Suhl bereits in die Liga, die zweithöchste Spielklasse der DDR, aufgestiegen, schaffte danach immerhin drei Mal als Staffelsieger die Aufstiegsrunde. Geklappt hatte es jedoch nicht, bis 1984. Dieter Kurth kann sich noch gut an die nervenaufreibende Aufstiegsrunde erinnern. "Wir hatten Zwickau, Brandenburg, Schwerin und Dessau dabei, waren der Außenseiter. Die Entscheidung fiel dann am vorletzten Spieltag in Dessau“, so Kurth.

Ein Mann erzählt. 1 min
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Fr 24.08.2018 09:18Uhr 00:18 min

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Auf der Rückfahrt haben wir dann jede mögliche Raststätte mitgenommen.

Dieter Kurth

Und dort brauchte Suhl noch einen Punkt für das Wunder. Zwei Minuten vor Schluss lag Motor 1:2 zurück, dann schlug Uwe Büchel per Kopf zu. Ausgleich und Aufstieg! Kurios: Der Torschütze rannte nach seinem Treffer völlig losgelöst in die falsche Kurve und stieg dort auf den Zaun. Kurth: "Danach wurde es feucht. Wir haben ewig lang gebraucht. Auf der Rückfahrt haben wir jede mögliche Raststätte mitgenommen. Und dann der Empfang in Suhl." 

Vier Ex-Spieler im Trikot von Motor Suhl. V.l. Ralf Eismann, Uwe Troemel, Roman Seyfarth, Matthias Brückner,.
Vier Ex-Spieler im Trikot von Motor Suhl. V.l. Ralf Eismann, Uwe Troemel, Roman Seyfarth, Matthias Brückner,. Bildrechte: MDR/Dirk Jeschke

Ausnahmespieler Mosert: "War ein Betriebsunfall"

Doch die Voraussetzungen für ein erfolgreiches Jahr in der höchsten Spielklasse waren denkbar ungünstig. Neuzugänge kamen aus Ilmenau oder von der Zweiten des FC Carl Zeiss Jena. Erhard Mosert, damals aktiver und bekanntester Spieler der Suhler, stellt klar: "Es war eher ein Betriebsunfall. Wir hatten keine Chance. Wir sollten auch keine Rolle spielen. Das wollte auch der Fußballverband nicht. Am Ende war es Zirkus, gegen übermächtige Gegner zu spielen wie Dynamo Dresden oder den BFC Dynamo. Es gab einen Schlag nach dem anderen. In Magdeburg bekamen wir sieben Stück, das geht auch auf die Psyche, gerade bei den jungen Spielern." Dafür erhielten die Kicker eine "Durchhalteprämie", wenn sie trotz einer Niederlage eine gute Leistung abgeliefert hatten.

Alte Ausgaben der Zeitung 'Fuwo'
Motor Suhl war Aufmacher in der Fußballwoche (FUWO). Bildrechte: MDR/Dirk Jeschke

Wir  sollten auch keine Rolle spielen. Das wollte auch der Fußballverband nicht.

Erhard Mosert

Dennoch war die Euphorie in der Stadt und bei den Spielern zunächst riesengroß. Zum ersten Oberliga-Spiel gegen FC Vorwärts Frankfurt (Oder) strömten gut 10.000 Fans in den damaligen Sportpark der Freundschaft. Und bis zur 75. Minute stand die Null, am Ende gewannen die Gäste mit 1:0. "Wir hatten einige knappe Spiele, hätten zum Beispiel gegen Chemie Leipzig gewinnen müssen“, so Dieter Kurth. Noch was für die Geschichtsbücher: Das erste Oberliga-Tor der Thüringer erzielte Erhard Mosert, als am 15. September Stahl Riesa (2:3) zu Gast war.

Erhard Mosert, Aufnahme von 1969
Er galt als großes Talent im DDR-Fußball Bildrechte: IMAGO

Im vierten Anlauf klappt's - Oberliga-Genehmigung für Mosert

Mosert, der in den 70er-Jahren von Oberligist Halleschen FC nach Suhl gewechselt war, hatte aber vor dem Aufstieg ein Problem. "Da musste ich unterschreiben, nie mehr Oberliga zu spielen“, sagte der 67-Jährige. Ein Fakt, der noch wichtig werden sollte, als Motor Suhl vier Mal an die Oberliga-Tür klopfte. "Da bekam ich keine Genehmigung, eine Petition nach Berlin wurde abgelehnt.“ 1984 änderte sich plötzlich die Situation: Der Generalsekretär des DDR-Fußballverbandes, Karl Zimmermann, hob den Daumen. "Er sagte, wenn Mosert auf eigene Gefahr spielt, ist mir egal, was war. Wenn er sich in der Lage fühlt.“

Mit Mosert und einer ausgehandelten Prämie von 500 DDR-Mark pro Sieg in die Aufstiegsrunde der fünf Liga-Staffelsieger ging die Mannschaft hoch motiviert in die Aufstiegsspiele und schaffte den Sprung in die Oberliga. Aber dann, so Mosert, wurden große Fehler gemacht. "Man dachte, mit jungen Leuten kann man bestehen. Es gab nur zwei Gestandene, die wussten, was Oberliga bedeutet. Ich ahnte, was passiert, kannte die Qualität der anderen Oberliga-Vereine.“ Aber auch die Rahmenbedingungen waren denkbar schlecht. Ans Aufgeben dachte er dennoch nicht, machte 24 der 26 Spiele für die BSG. Und knapp 6.000 Zuschauer im Schnitt strömten trotz der Niederlagenserie – es gab nur einen Sieg gegen Wismut Aue – ins Stadion.

Trainer Erhard Mosert gestikuliert auf der Bank
Erhard Mosert hier bei einem Ehemaligen-Spiel. Bildrechte: IMAGO

Seyfarth wird "FUWO-Spieler des Tages"

Und an diesen einzigen Oberliga-Sieg am 9. März 1985 kann sich Doppeltorschütze Roman Seyfarth bestens erinnern. 3:1. "Ich hatte das Glück, dass ich gleich das Tor gemacht habe. Dann noch nach butterweichem Eckball per Flugkopfball das 3:0. Und ich war dann am Montag Spieler des Tages in der Fußballwoche.“ Gefilmt wurden der Sieg und die anderen Spiele auf der Wohnscheibe, einem großen Plattenbau. Dort standen auch viele Fans, es gab schließlich die beste Aussicht. Es sollte das einzige große Erfolgserlebnis bleiben, für das es immerhin pro Spieler 800 DDR-Mark gab. Suhl stieg am Ende mit nur fünf Punkten sang- und klanglos ab.

Motor Suhl 1 min
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Do 23.08.2018 09:59Uhr 00:27 min

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Gegenwart heißt Kreisoberliga

Erhard Mosert beendete seine Karriere 1987, war nach der Wende 1996/97 Trainer des nunmehr 1. Suhler SV, verpasste den Aufstieg in die damals dritthöchste Liga, die Regionalliga Nordost. Zuletzt gab es nur noch eine Richtung: Es ging abwärts, bis in die mittlerweile Kreisoberliga. Dafür, so Mosert, gab es auch viele hausgemachte Probleme. Was aber bleibt, ist ein Jahr in der höchsten Spielklasse der DDR. "Dieses Jahr, das kann dir keiner nehmen", resümierte Dieter Kurth. Die BSG Motor Suhl hat Geschichte geschrieben, auch wenn sie in der ewigen Oberliga-Tabelle Letzter ist.

Schild des 1. Suhler SV 06 auf dem Fußballplatz
Die Gegenwart des 1. Suhler SV ist eher trostlos. Bildrechte: MDR/Dirk Jeschke

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sport im Osten | 25. August 2018 | 16:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. August 2018, 13:50 Uhr

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9 Kommentare

25.08.2018 15:41 Andreas 1.FC Magdeburg 9

Schöne Erinnerungen...

25.08.2018 15:17 HansKle 8

Ja, da blutet beim Lesen dieser Zeilen mein Herz, wenn an diese Zeiten erinnert wird! Auf dem Weg zum perfekten Suhler Aufstieg kreuzten sich auch zu DDR-Ligazeiten meine „Wahlheimat“- Sportler der TSG Ruhla mit den „Wäldlern“ aus Suhl die Klingen, die allerdings schon damals mit einigen bekannten Hallenser Fußballern mächtig verstärkt wurden. Besonders freute ich mich, dass es dabei ein Wiedersehen mit meinen beiden früheren Zwickauern Kumpeln Neupert und Golle kam, mit denen wir gemeinsam im letzten Nachwuchsjahr 1966 gleich zweimal unter die letzten Vier in der Meisterschaft und im Pokal landesweit kämpften! Eine Seltenheit war natürlich die parallel zum Spielfeld gestandene „Wohnscheibe“, die vielen Zuschauern automatisch auf Dauer einen freien Eintritt sicherten.....

25.08.2018 10:36 FSVever 7

Schöne Geschichte! Aber nicht nur die Spieler können die Fans verwechseln. Das geht auch anders herum. Bei Suhl's Auftritt in Zwickau wurde ihnen zugejubelt, bis der Stadionsprecher verkündete, daß die Gastmannschaft in den roten Trikots spielt. Heute ist sowas undenkbar, damals war es kurios.

24.08.2018 22:55 Vogtländer 6

Habe 1984 meine Hochzeitsreise nach Suhl gemacht und das erste Oberliga-Heimspiel gegen Frankfurt besucht und am Ende mit den Einheimischen mitgelitten. Die Ehe hat übrigen bis heute gehalten. :-)

24.08.2018 21:07 Alex 5

Selbst die Fans von Liverpool, haben Angst vor Motor Suhl.

24.08.2018 18:15 Magdebürger 4

Das waren noch Zeiten! Zu dieser Zeit begann ich mich für Fußball zu interessieren. Suhl war hoffnungslos unterlegen, aber sie waren dabei!

24.08.2018 18:06 Real 3

Guter Artikel, sehr interessant. Weiter so.

24.08.2018 18:00 rewi 2

Das waren noch Zeiten. Habt Ihr damals gut gemacht. und zumindest das 3:1 gegen Aue sollte nvergessen bleiben. Viel Erfolg Euch weiterhin in Suhl.BGW Grüsse aus dem Paradies

24.08.2018 17:31 NDHler 1

Ja das waren noch gemeinsame Zeiten in der DDR Liga Staffel E!

Fußballer jubeln Fans zu. 1 min
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Motor Suhl 1 min
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Die U17-Mannschaft der DDR 1969
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Erhard Mosert

Erhard Mosert

Der gebürtige Bitterfelder war Ende der 60er Jahre eines der größten Fußball-Talente der DDR, spielte da beim Halleschen FC und sogar schon in der Nationalmannschaft. Dann kam der 28. September 1971, die Brandkatastrophe in Eindhoven. Er überlebte, doch nach einer fünffachen Fraktur des Sprunggelenks war Hochleistungssport nicht mehr machbar.