Fußball | Oberliga & DFB-Pokal Das große Kribbeln bei der BSG Chemie Leipzig

In Leipzig-Leutzsch herrscht ungebrochene Euphorie: In der Oberliga eilt die BSG Chemie von Erfolg zu Erfolg, im DFB-Pokal will man einmal mehr zum Favoritenschreck werden. Welche kurz- & langfristigen Pläne schmieden sie im Alfred-Kunze-Sportpark?

von Maximilian Hendel

BSG Chemie Leipzig - SSV Jahn Regensburg Jubel nach dem 2:1 Siegtreffer für BSG Chemie Leipzig durch Kai Druschky (zweiter von re.)
Jubel bei den BSG-Spielern nach dem Siegtreffer im Pokal gegen Regensburg. (Archiv) Bildrechte: IMAGO

Noch hat der Alltag die Mannschaft und Verantwortlichen der BSG Chemie fest im Griff. Aber in Leipzig-Leutzsch bemühen sie sich erst gar nicht darum zu verhehlen, wie Anspannung und Vorfreude auf etwas ganz anderes bereits kontinuierlich aufkommen. "Klar ist das schon im Hinterkopf", gesteht Trainer Dietmar Demuth im Gespräch mit dem MDR. Ebenso wie der erfahrene Fußballlehrer verspürt Vereinsvorsitzender Frank Kühne ein zunehmendes Kribbeln, denn "das Spiel rückt immer näher." In kaum mehr drei Wochen, am Vorabend des Reformationstages (Di., 30. Oktober 2018, 18.30 Uhr), gastiert der bestens aus den Startlöchern gekommene Zweitligaaufsteiger SC Paderborn beim unangefochtenen Spitzenreiter der NOFV-Oberliga Süd zum lang erwarteten Zweitrundenduell des DFB-Pokals.

Spätestens Anfang letzter Woche ist ihnen das so richtig bewusst geworden. An zwei Tagen reihten sich Dutzende Anhänger in die jeweils lange Schlange vor der Geschäftsstelle über der 'Sachsenstube', um an die restlichen Kartenkontingente für das jüngste große Highlight zu gelangen. Wie bereits zur 2:1-Auftaktsensation gegen Jahn Regensburg waren sämtliche Tickets erneut im Handumdrehen vergriffen. "Die Leute haben uns die Bude eingerannt", berichtet Kühne. Neben den beiden mit 4.999 Zuschauern ausverkauften Auftritten auf der großen Pokalbühne pilgern derzeit im Schnitt 2.500 Fans zu den Oberliga-Heimspielen ins Leutzscher Holz. Eine zweifellose Aufbruchstimmung scheint den Verein erfasst zu haben. "Überall, wo wir hinkommen, freut man sich riesig, dass es bei uns aufwärts geht, der sportliche Erfolg ist noch das i-Tüpfelchen", schildert er und beteuert im gleichen Atemzug eindringlich: "Wir geben nur das Geld aus, das wir haben, nicht das, was wir vielleicht bekommen. Den Leuten ist es wichtig, dass wir vernünftig bleiben, sie haben einen Blick dafür und honorieren das."

1. Runde des DFB-Pokals: BSG Chemie Leipzig vs. SSV Jahn Regensburg am 19.08.2018 im Alfred-Kunze-Sportpark, Leipzig Leutzsch. Im Bild: Fans, Fanblock, Ultras, Norddamm, Choreografie, Fahnen, Traeumend im Gras, Loewe.
Gegen Regensburg zeigten die BSG-Anhänger eine eindrucksvolle Choreografie. (Archiv) Bildrechte: IMAGO

Spagat zwischen Oberliga-Pflicht und Pokal-Kür

Angesichts der auf unterschiedlichsten Ebenen grassierenden neuen Aufmerksamkeit gegenüber den Grün-Weißen wissen Kühne und die mehrheitlich ehrenamtlichen Vereinsmitarbeiter momentan manchmal kaum, wo ihnen der Kopf steht, was sie als nächstes angehen müssen und wie sie es schultern wollen. Auf 1.600 Mitglieder ist der junge Verein angewachsen, 100 davon sind allein im September eingetreten. Zudem melden sich wöchentlich neue Kids und Jugendliche, die aktiv in den Stück für Stück wieder aufgebauten Nachwuchsteams mitmischen wollen.

Ganz zu schweigen vom legendären, aber genauso bröckelnden Alfred-Kunze-Sportpark und dem dazugehörigen Vereinsgelände. "Wir haben im Rahmen unserer begrenzten Möglichkeiten unheimlich viel in die Infrastruktur investiert", sagt Frank Kühne. Die lange Zeit gesperrte Holztribüne im Rücken des Dammsitzes darf wieder benutzt werden, ein Familienblock wurde hergerichtet, die Trainingshalle innen entkernt und aufpoliert, eine Sprinkleranlage für den Rasen in Betrieb genommen. Ohne die aufopferungsvolle Hilfe von etlichen freiwilligen Fans wäre schon das nicht zu stemmen gewesen. Gleichwohl bleibt die BSG als Pächter auf essenzielle Unterstützung von außen angewiesen, nicht zuletzt jene des Eigentümers – der Stadt Leipzig. Unter anderem sind die Trainingsbedingungen und Kabinen unübersehbar modernisierungsnötig, allen voran bedarf das gesamte Wasserleitungsnetz vor Ort dringend einer Generalüberholung. "Man nimmt es wahr, wie wir arbeiten, was wir schon geschafft haben und was noch geschehen muss und wird", weiß der Vereinsvorsitzende und appelliert: "Dazu brauchen wir die Stadt, aber natürlich ist es für sie genauso schwierig ist, denn sie hat auch kein Geld."

Frank Kühne (Vorstandsvoritzender BSG Chemie Leipzig)
Frank Kühne leitet seit 2012 die Geschicke der BSG. (Archiv) Bildrechte: Picture Point/S. Sonntag

Kunstrasen, Sanitäranlagen, Flutlicht – AKS ein Sanierungsfall in Millionenhöhe

Laut der "Leipziger Volkszeitung" hat das städtische Amt für Sport unter Bürgermeister Heiko Rosenthal (Die Linke) jüngst einen Fördermittelantrag mit einem Investitionsvolumen von gut vier Millionen Euro auf den Weg gebracht. Die perspektivisch erhoffte Bewilligung würde einen fundamentalen Baustein zur Realisierung nächster Infrastrukturmaßnahmen bedeuten. "An erster Stelle", so Kühne, stehe 2019 der Bau von zwei Kunstrasenplätzen. "Das wäre ein Quantensprung", unterstreicht er. Weitere wie die Renovierung des Kabinentrakts und der Sanitäranlagen sowie das Mammutprojekt 'Flutlicht für Leutzsch' sollen sich anschließen. Für letzteres ist ein Planungsbüro beauftragt worden, um aufzustellen, "was da generell auf uns zukommt." Den finanziellen Gesamtaufwand bis zu einer etwaigen Fertigstellung schätzt der Vereinschef auf "400.000 bis 800.000 Euro". Bis Jahresende soll dafür die Marke von, vornehmlich durch unterschiedlichste Spendenaktionen gesammelte, 100.000 Euro an Eigenmitteln geknackt werden. Gut 30.000 Euro fehlen noch bis dahin, was sich nicht zuletzt mit dem Verkauf der im Rahmen des zurückliegenden Oberliga-Heimsieges gegen Sandersdorf (3:1) vorgestellten Sondertrikots ändern soll.

Auch wenn bis zum festen Flutlicht noch ein ziemlich weiter Weg zurückzulegen ist, wird der Alfred-Kunze-Sportpark dennoch schon am 30. Oktober gegen Paderborn zum ersten Mal überhaupt nach Sonnenuntergang hell leuchten. 70.000 Euro netto kostet die dafür einmalig zum Einsatz kommende mobile Anlage. Der Verein rechnet mit Gesamtausgaben von 120.000 Euro für die Organisation und Durchführung der Partie. Allerdings schüttet der DFB allen Teilnehmern der zweiten Runde jeweils gut 320.000 Euro Prämie aus, zudem partizipieren diese an den im Pokal traditionell geteilten Zuschauereinnahmen. Alles in allem bleibt also ein zu Saisonbeginn nie eingeplanter Segen für die weiterhin keineswegs auf finanziellen Rosen gebettete Leutzscher Klubkasse über. Freilich hätten sie sich die teure Flutlichtleihe äußerst gerne gespart. DFB und Pay-TV-Sender "Sky", dem die Live-Rechte obliegen, beharrten ungeachtet inständiger Bitten der BSG-Verantwortlichen um einen Nachmittagstermin am darauffolgenden Reformationstag auf dem späten Anstoßtermin am Abend zuvor um 18.30 Uhr.

Aufbau eines mobilen Flutlichtmasten
Es wird hell im Alfred-Kunze-Sportpark: Zum DFB-Pokal kommt ein mobiles Flutlicht - ähnlich wie hier beim TSV Havelse - zum Einsatz. (Archiv) Bildrechte: imago/Joachim Sielski

Demuth: "Hausaufgaben machen und im Alltag präsent sein"

"Wir haben alles versucht, aber jetzt machen wir aus der Not eben eine Tugend, das wird ein richtiger Knaller", unterstreicht Frank Kühne trotzig. "Das alte Stadion, unsere Fans, das Flair unter Flutlicht, damit muss Paderborn erst einmal zurechtkommen", hofft Trainer Dietmar Demuth auf damit zu beeindruckende Gäste. Sein Optimismus kommt nicht von ungefähr. Seitdem Demuths Mannschaft Ende Mai bloß zwei Wochen nach ihrem bitteren Abstieg aus der Regionalliga Nordost im sächsischen Landespokalfinale über den FCO Neugersdorf triumphierte, reitet sie auf einer ungeahnten Erfolgswelle. Saison- und wettbewerbsübergreifend halten die Grün-Weißen eine gegenwärtig ungebrochene Serie von zwölf Pflichtspielerfolgen in Folge.

Einen Schlüssel dafür findet Dietmar Demuth in der gewachsenen Erfahrung. "Auch wenn wir abgestiegen sind, das Jahr in der Regionalliga hat der Mannschaft gut getan, sie geht anders mit Drucksituationen um." Allein sechs Siege einschließlich der Regensburg-Partie hat die BSG bis dato erst in den letzten zehn Minuten endgültig zu eigenen Gunsten entschieden, drei Mal lag sie dabei zwischenzeitlich sogar in Rückstand. Chemie-Vorstandschef Frank Kühne schwärmt von einer "verschworenen Gemeinschaft", zu der auch diejenigen beitragen, "die hinten dran sind." Hier seien "Typen mit Ecken und Kanten gebraucht", beschwört er, "die sich nicht zu schade sind, auch mal Straßenköterfußball zu liefern." Bevor Dietmar Demuths Team in knapp drei Wochen tatsächlich ein weiteres Mal den widerspenstigen Underdog im DFB-Pokal geben will – als einziger noch verbliebener Fünftligist im Wettbewerb –, mahnt der 63-Jährige die Seinen eindringlich: "Hausaufgaben machen, im Alltag präsent sein und nicht nachlassen." Die nächste Pflicht wartet bereits – am kommenden Samstag (13. Oktober, 14 Uhr, AKS) mit dem kleinen Lokalderby im Sachsenpokal gegen Blau-Weiß Leipzig aus der Landesklasse Nord.

Dietmar Demuth
Dietmar Demuth - Trainer der BSG Chemie Leipzig. (Archiv) Bildrechte: IMAGO
Chemie singt
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Mo 20.08.2018 17:26Uhr 00:18 min

https://www.mdr.de/sport/sport-im-osten/video-223228.html

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Chemie Leipzig im DFB-Pokal gegen den SC Paderborn
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So 26.08.2018 20:42Uhr 01:27 min

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Chemie Leipzig freut sich auf 'lösbare Aufgabe' SC Paderborn
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MDR aktuell Mo 27.08.2018 17:45Uhr 00:46 min

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | SACHSENSPIEGEL | 15. Oktober 2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Oktober 2018, 13:55 Uhr

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19 Kommentare

12.10.2018 13:41 Voice 19

@18
Oh ja, die gute, alte Holztrbüne im Dimitroff-Stadion. Als Kind meine Heimat. Ich erinnere mich an ein 6-1 gegen Fortuna Düsseldorf im Intercup. Und an ein bei dichtem Nebel in der 96. Minute mit 4-5 verlorenes Spiel gg den BFC nach
4-2-Führung. Es wurde so lange im Nebel gestochert, bis der BFC doch noch einen Elfer bekam.
Danke für den nostalgischen Denkanstoß!

Ich hoffe, RWE kriegt auch mal wieder sportlich was gebacken.

Beste Grüße aus der Messestadt!

12.10.2018 05:45 G. 18

Das hat Nr.16 schön gesagt. Als Leipziger kann man sich doch glücklich schätzen. Die BSG hat jedenfalls auf Grund des alten Stadions ein besonderes Flair. Old Scool sozusagen. Da spielt die Klasse gar keine allzu große Rolle. Wichtig ist authentisch zu bleiben. Wenn man wie bei Union die erste Liga anpeilt verkauft man sich auch ein Stück, ob man will oder nicht. Ich war als Stift noch unter der Holztribüne in Erfurt gegen die Dynamos. Da hockten die Leute auf den Bäumen. Jetzt gibt es hier bald nix mehr.

11.10.2018 14:55 tommes 17

ich kann doch nicht über SKY-Übertragungszeiten klagen....wenn ich durch sie 300.000,- € bekomme? Oder?
Bodenständigkeit predigen aber bei jeder Möglichkeit nach Geld (u.a. Förder- ergo Steuergelder) raffen! Auch eure BSG ist in der Spirale der Kapitalwelt eingebunden - bitte beachten. Drück trotzdem die Daumen für Wiederaufstieg und Pokal!

11.10.2018 13:19 Voice 16

Ich als RB-Fan wünsche Chemie nur das Allerbeste. Ihr packt das weil Ihr auf dem richtigen Weg seid!
Jegliche Missgunst und Rumhetzerei liegt mir fern! Der Fußball hat mehr als nur einen Platz in unserer schönen Stadt. Völlig Wurscht ob grün-weiss, blau-gelb oder rot-weiss. Wir sollten alle tolerant miteinander sein. Da wäre viel weniger Platz für Hater! Ich drücke Euch alle verfügbaren Daumen fürs Flutlicht und werde zur Unterstützung auch ein solches Trikot kaufen.

Beste Grüße aus der Messestadt!

11.10.2018 11:48 Lisa 15

@8, Du bist noch nie wirklich ein richtiger Fan gewesen und das wirst Du auch nicht werden. Du bist ein zu Läufer von RB mehr nicht. Und Tradition hat dieser Verein schon lange nicht. Wach aus deinen Alptraum auf!!!

11.10.2018 10:49 roberto hirsch 14

aber paderborn darf ausnahme haben(letzte pokalsaison)! Scheiss DFB!!!

11.10.2018 09:56 MirSindRaumkapsel 13

Der Herr Küpper wieder - immer schön Krawall, immer schön oberflächlich und so gar nicht investigativ - die Hausaufgaben hat der junge Kader sträflichst vernachlässigt, wenn er im Bericht zum Spiel Markkleeberg gegen Chemnitz vom größten Spiel nach der Gründung der Kickers faselt. Herr Küpper, 2006 spielte Markkleeberg bereits gegen den CFC, verlor 1:3, das war ganz einfach, diese Info zu finden.

10.10.2018 23:56 Eiserner aus Berlin 12

Chemie ist ganz einfach eine Institution im Leipziger Fußball. Derartige Traditionsvereine mit "gewachsenem Stadionpotential" haben es verdient, sich Schritt für Schritt wieder nach OBEN zu arbeiten. Hier regiert, wie vergleichswiese in der Alten Förstererei der Charme echter "Fussbalkultur"...
Ich drücke die Daumen !

10.10.2018 23:35 Marcel 11

Es gibt auch noch sympathische Vereine in Leipzig, die sich nicht für ein paar Dollar aus Österreich prostituieren.

10.10.2018 20:13 Dreissiger 10

@8, schon Ihr Pseudonym sagt alles über Ihren Zustand. Mehr kann man dazu einfach nichts sagen, wäre totale Zeitverschwendung.

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