Fußball | Champions League Jérôme Polenz: "In Australien habe ich das Spiel endlich verstanden"

Mittwochabend, Champions League, RB Leipzig gegen Zenit St. Petersburg. Am Radio-Mikrofon von "MDR aktuell" sitzen nicht nur zwei MDR-Reporter, sondern auch Jérôme Polenz, der neue Taktik-Experte der Sportschau. Er sieht aus wie 25, ist aber 32 Jahre alt und hat seine Profi-Karriere (u.a. bei Werder Bremen und Union Berlin) bereits hinter sich. Wir haben mit ihm über sein Fußballleben, seine Wiedergeburt in Australien und seinen neuen Job gesprochen. Und natürlich über das Spiel RB gegen Zenit.

Jerome Polenz
Jérôme Polenz Bildrechte: MDR/Sven Kups

Frage: Sie sind ein anerkannter Taktik-Fuchs. Trotzdem fällt vielen bei "Jérôme Polenz" nichts weiter ein. Sind das Ignoranten, oder haben die schlicht keine Ahnung?

Jérôme Polenz: "Nein, ich hatte ja keine große Bundesliga-Karriere. Da waren nur drei Spiele für Werder Bremen. Ansonsten war ich in der zweiten Liga unterwegs und dann in Australien und Norwegen. Thomas Broich und ich sind erst jetzt durch unsere Arbeit bei DAZN etwas bekannter geworden, wo wir das Format "Talking Tactics" erschaffen haben. Das haben wir jetzt in die Sportschau rübergeholt."

Nun gut, der Name Thomas Broich ist schon geläufiger. Ist das gerecht?

Jérôme Polenz: (grinst) "Na, er hat immerhin ein paar Bundesliga-Spiele mehr als ich gemacht. Über ihn gab es auch einen tollen Film, den ich nur empfehlen kann. In Australien ist er außerdem "Spieler des Jahrzehnts" geworden."

Sie haben drei Bundesliga-Spiele auf dem Konto – nur oder immerhin?

Jérôme Polenz: "Aus meiner Perspektive 'nur' drei. Natürlich ist es schön, da überhaupt mal gespielt zu haben. Aber wenn man älter wird, weiß man dann auch, woran es gelegen hat, dass es 'nur' drei waren."

Wir sind gespannt!

Jérôme Polenz: "Es lag bei mir eher an der Reife im Kopf. Ein bisschen mehr Professionalität im jungen Alter hätte mir ganz gut getan."

Wo waren Sie unprofessionell?

Jérôme Polenz: "In der Lebensführung. Man muss am Wochenende nicht weggehen, wenn das Ziel ist, Bundesliga-Spieler zu werden. Auch solche Dinge wie gesunde Ernährung waren zu der Zeit noch nicht so präsent wie heute. Allgemein nicht, und auch nicht in meinem Leben. Man denkt, dass das Kleinigkeiten sind. Aber das sind sie nicht. Sie summieren sich und sind am Ende entscheidend, ob man erfolgreich ist oder nicht."

Aber in Australien kam doch der Erfolg. War da die Reife da?

Jérôme Polenz: "Das war sie. Da kam dann das Umdenken. Nachdem ich bei Union Berlin meinen Vertrag aufgelöst hatte, bin ich mit mir selbst ins Gericht gegangen. In Australien wollte ich dann einen Neustart machen und hatte dort zum Glück einen sehr guten Trainer. Der legte genau auf diese Dinge Wert: richtige Ernährung, Disziplin und Profi-Lifestyle. Er war nicht nur Trainer, sondern auch ein sehr guter Lehrer. Durch ihn habe ich noch mehr Interesse am Spiel entwickelt. Vorher spielte ich vor allem instinktiv, intuitiv. In Australien habe ich endlich das Spiel gelernt und verstanden."

Sie haben das Spiel so gut verstanden, dass Sie das zum Fußball-Experten macht. So etwas wie 'Schweinsteiger 2' …

Jérôme Polenz: (lacht) "Nicht wirklich. Ich bin Jérôme Polenz. Jeder macht es auf seine Art und Weise. Ich versuche, die Dinge so rüberzubringen, wie ich sie auf dem Feld sehe. Thomas Broich und ich haben einen sehr strukturierten Weg, wie wir an das Spiel rangehen. Wir wollen leicht verständlich rüberbringen, was da auf dem Feld abgeht. Denn das ist mehr als nur Kämpfen, Grätschen und Schießen."

Aber immerhin sind Sie wie 'Schweini' Champions-League-Sieger.

Jérôme Polenz: "Die Sydney Wanderers haben damals den asiatischen Champions-League-Titel gewonnen. Ich war Teil der Mannschaft. Aber nach dem Achtelfinale bin ich nach Norwegen gewechselt. Mit dem Titelgewinn hatte ich nichts mehr zu tun."

Haben Sie nach dem Titelgewinn Ihres Ex-Vereins den Wechsel verflucht?

Jérôme Polenz: "Und wie!"

Jérôme Polenz (mi.), Taktik-Experte der ARD-Sportschau, mit den MDR-Hörfunk-Reportern Jan Günther (li.) und Thomas Kunze (re.).
Jérôme Polenz (mi.), Taktik-Experte der ARD-Sportschau, mit den MDR-Hörfunk-Reportern Jan Günther (li.) und Thomas Kunze (re.) beim Champions-League-Spiel von RB Leipzig gegen zenit St. Petersburg. Bildrechte: MDR/Sven Kups

Das 'Fluchen' konnte RB Leipzig im Spiel gegen Zenit St. Petersburg geradeso verhindern. Haben Sie nach der ersten Halbzeit und dem 0:1-Rückstand noch an eine Wende geglaubt?

Jérôme Polenz: "Ich war mir sicher, dass Julian Nagelsmann umstellen würde. Das tat er dann genau so, wie ich es erwartet hatte: Er stellte die zwei Außenverteidiger viel höher, um die russische Viererkette unter Stress zu bringen. Damit RB auf der letzten Linie ein Fünf-gegen-vier hinbekommt. Das haben sie dann auch super gemacht. Die Russen wussten teilweise nicht mehr, ob sie links oder rechts rausrücken oder im Zentrum bleiben sollen."

Was hat Sie bei RB mehr wahnsinnig gemacht: die Fehlpässe im Spielaufbau, die zum Bumerang wurden, oder die Chancenverwertung?

Jérôme Polenz: "In der zweiten Hälfte die Chancenverwertung. In der ersten hatte die Ruhe am Ball gefehlt. RB wollte vorn schnell durchbrechen. Sie hätten sich den Gegner aber vorher etwas mehr zurechtlegen müssen, z.B. auf eine Seite ziehen und auf der anderen durchbrechen. Das haben sie zu wenig gemacht."

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Sven Kups.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL - Das Nachrichtenradio | 23. Oktober 2019 | 18:55 Uhr