Ein Heftchen mit der Aufschrift '20 Jahre Oberligafussball in Riesa' auf einem Tisch.
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Fußball | Unvergessene Vereine Als Stahl Riesa die DDR-Oberliga enterte

Vor 50 Jahren klopfte die BSG Stahl Riesa in der Oberliga an. Es sollten bis zum Ende der DDR insgesamt 16 Jahre in der höchsten Spielklasse werden, in der Saison 1974/75 stand Stahl sogar kurz vor der Teilnahme am Europacup. Ausgerechnet 1988 erwischte es Riesa dann, die Betriebssportgemeinschaft stieg kurz vor der politischen Wende ab. Danach ging die Post ohne Stahl ab. Wir haben diese aufregende Zeit noch einmal zusammengefasst.

von Ronny Eichhorn/Uwe Karte

Ein Heftchen mit der Aufschrift '20 Jahre Oberligafussball in Riesa' auf einem Tisch.
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Vor 50 Jahren hat sich in Riesa Historisches ereignet. Die BSG Stahl stieg in die höchste Spielklasse der DDR auf. 1968 schickten sich Spieler wie Johann Ehl oder Klaus Schlutt an, den Topteams der Oberliga das Fürchten zu lehren. Und Trainer der damaligen Truppe war kein Geringerer als Walter Fritzsch, der später als Meistermacher bei Dynamo Dresden berühmt werden sollte.

Älteres Foto von Zuschauern bei einem Fußballspiel. 7 min
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Sport im Osten Sa 22.09.2018 16:30Uhr 06:53 min

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Seit 1966 arbeitete Fritzsch akribisch an dem Wunder, zwei Jahre später klappte es tatsächlich. "Der machte ein Bomben-Training, jeder Spieler wusste genau, was er zu tun hatte. Und noch bevor das entscheidende Spiel zu Ende war, war die Gaststätte in Riesa schon bestellt", erinnert sich Ehl, der insgesamt 167 Pflichtspiele für die BSG bestritt. Und obwohl Trainer Fritzsch nicht gerade als Partylöwe bekannt war, soll er nach dem großen Erfolg doch mal mitgemacht haben.

Fußball | DDR-Oberliga BSG Stahl Riesa - die Protagonisten

Walter Fritzsch (re.)
Walter Fritzsch (re.) Er war der Macher des ersten Aufstiegs in die Oberliga 1968. Walter Fritzsch war für sein hervorragendes, knallharte Training bekannt und auch als großer Aufpasser. Nach seinem Weggang aus Riesa 1969 führte er Dynamo Dresden fünf Meistertitel. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Walter Fritzsch (re.)
Walter Fritzsch (re.) Er war der Macher des ersten Aufstiegs in die Oberliga 1968. Walter Fritzsch war für sein hervorragendes, knallharte Training bekannt und auch als großer Aufpasser. Nach seinem Weggang aus Riesa 1969 führte er Dynamo Dresden fünf Meistertitel. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Reinhard Hauptmann
Reinhard Hauptmann Reinhard Hauptmann bestritt zwischen 1971 und 1984 insgesamt 310 Pflichtspiele für Stahl Riesa. Er sagt: "Stahl war ein wunderschönes Erlebnis, es hat mir sehr viel gegeben." Bildrechte: MDR/Karte
Klaus Schlott
Klaus Schlott Klaus Schlott lief zwischen 1966 und 1980 insgesamt in 245 Pflichtspielen für die BSG Stahl Riesa auf. "Es war eine Freude für mich, bei Stahl gespielt zu haben und jetzt auch Zuschauer zu sein." Bildrechte: MDR/Karte
Johann Ehl
Johann Ehl Johann Ehl erlebte den ersten Aufstieg 1968 als aktiver Spieler mit. 167 Pflichtspiele absolvierte er für die BSG. Er sagt: "Die BSG Stahl Riesa war für mich ein großes Erfolgserlebnis." Bildrechte: MDR/Karte
Dietmar Jentzsch
Dietmar Jentsch Dietmar Jentzsch war in der Aufstiegssaison 1982/83 der Torgarant des damaligen DDR-Ligisten, erzielte 16 Tore. Insgesamt bestritt er 155 Pflichtspiele für Stahl Riesa. Er sagt: "Stahl Riesa habe ich in zehn Jahren Leistungsfußball nicht verlassen. Und das war gut so." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Walter Fritzsch macht das Wunder perfekt

Nach einem 3:0-Sieg bei BSG Aktivist "Karl Marx" Zwickau stand der Aufstieg fest. Das Erfolgsgeheimnis von Fritzsch war dasselbe, wie später in Dresden. "Die Spieler mussten nach jeder Partie eine Einschätzung des Gegenspielers und der eigenen Leistung schreiben", so Klaus Schlutt, der ab 1966 14 Jahre die Fußballschuhe bei Stahl schnürte.

Der Trainer lief nachts durch Riesa-Weida, wo die meisten Spieler wohnten, und kontrollierte, wo noch Licht brannte.

Klaus Schlutt über Walter Fritzsch

Auch vor der Stadtteilgaststätte soll Fritzsch regelmäßig am Abend gesichtet worden sein: "Der Trainer lief nachts durch Riesa-Weida, wo die meisten Spieler wohnten, und kontrollierte, wo noch Licht brannte", berichtet Schlutt. Das führte zumindest dazu, dass die Mannschaftskasse – es gab einen strengen Strafenkatalog – immer prall gefüllt war. Ein Oberligajahr saß Fritzsch noch auf der Bank in Riesa, schaffte knapp den Klassenerhalt, danach ging er 1969 zu Dynamo Dresden. Zum damaligen Kader der BSG gehörten übrigens Lothar Kurbjuweit und Frieder Andrich.

Ein Mann hält eine ältere Zeitung in die Kamera.
Seite eins der Fußballwoche 1968: Stahl Riesa ist aufgestiegen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Riesa klopft international an

Es gibt Spielzeiten, da läuft es einfach. So in der Saison 1974/75. Mehr als 10.000 Zuschauer pilgerten im Schnitt ins Ernst-Grube Stadion. Riesa stand zur Halbserie auf einem sensationellen dritten Platz. Und ein Spiel blieb den damaligen Protagonisten bis heute in Erinnerung. "Der frisch gebackene Europacup-Sieger 1. FC Magdeburg kam nach zehn Spielen ohne Niederlage nach Riesa. Nach einer Viertelstunde führen die durch Jürgen Sparwasser, am Ende gingen wir mit 3:1 als Sieger vom Platz. Die Zuschauer haben uns auf einer Welle getragen“, glänzen bei Reinhard Hauptmann auch heute noch die Augen. Hauptmann spielte zwischen 1971 und 1984 bei Stahl und erinnert sich noch genau an die Unruhe im Verband, als Riesa "drohte", auf dem internationalen Parkett zu spielen. Der Rest der Geschichte ist bekannt: Magdeburg holte den Titel, Riesa belegte immerhin einen respektablen sechsten Platz.

Eine Tabelle der DDR-Oberliga
Unglaublich: Stahl Riesa nach zwölf Spielen auf Platz drei vor Dynamo Dresden Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die besondere Atmosphäre bei Stahl

Dass gerade die etablierten DDR-Fußballclubs nur ungern nach Riesa kamen, hatte einen Grund. Die Atmosphäre war besonders. Manfred Dönicke, von 1976 bis 1991 Stadionsprecher bei Stahl, erinnert sich: "Am Spieltag haben die Lokführer ordentlich Dampf abgegeben. Die Stahlwerker haben auch mal ordentlich Ruß durch die Schlote geschickt, damit der Platz schwarz war. Und selbst auf der Ehrentribüne ging es hoch her. Die Fuwo schimpfte mal, dass sich die Leute dort wie kleine Kinder benehmen. Gemeint war unter anderem kein Geringerer als der Generaldirektor des Stahlwerkes. Dem war das aber völlig egal." 

Älteres Foto von Zuschauern bei einem Fußballspiel.
Die Fans und die Mannschaft - das war in Riesa ein besonderes Verhältnis. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Stahlwerker und ihre Fußballer, das ist eine besondere Geschichte. Zwar ließen sich die Spieler, vor allem in der Oberliga, kaum noch im Werk sehen. "Aber Stahl Riesa war in der Region eine Institution. Ich stand in den Kurven und dachte, hier musst du mal spielen", erinnert sich Dietmar Jentzsch: "Wir wurden auf Händen getragen, aber bei Niederlagen bekamen wir die Helme von der Tribüne, wir sollen im Werk zum Arbeiten erscheinen."

Wir wurden auf Händen getragen, aber bei Niederlagen bekamen wir die Helme von der Tribüne, wir sollen im Werk zum Arbeiten erscheinen.

Dietmar Jentzsch

Unbeliebtester Gegner: BFC Dynamo

Die heiße Atmosphäre wurde noch explosiver, wenn sich der BFC Dynamo in Riesa blicken ließ. Stadionsprecher Dönicke erinnert sich mit Grauen: "Da nahm ein General in Zivil neben mir Platz, es gab eine telefonische Direktleitung nach Berlin. Und die Spieler bekamen Extra-Essen. Der BFC war das Unangenehmste."

Fußballspiel 7 min
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Und da gab es noch das Spiel am 25. August 1979. Riesa trotzte dem damals schon amtierenden DDR-Meister ein 1:1 ab. Doch eine Szene sorgte für helle Aufregung. BFC-Spieler Reinhard Lauck blieb plötzlich auf dem Rasen liegen. "Er soll von einem Stein getroffen worden sein. Unser Mannschaftsarzt erlebte Lauck auf dem Platz aber quietschmunter", so Dönicke. Dennoch wurde Stahl von der Rechtskommission des DFV mit einer Platzsperre belegt. Am 1. September musste Riesa gegen den FC Carl Zeiss Jena plötzlich in Cottbus antreten. Die Thüringer erfuhren davon angeblich erst auf der Anreise.   

Fünf Oberliga-Jahre am Stück in den 80ern

Auch in den 80er Jahren konnte sich die BSG Stahl Riesa immer wieder in der Oberliga halten. Neun Jahre bis 1982 war Günter Guttmann der Mann an der Seitenlinie bei den Sachsen, dann folgte Peter Kohl. "Der hat uns ein anderes Leben eingehaucht. Er kam aus Halle von einem Fußballklub, da standen Spielformen im Vordergrund", erinnert sich Dietmar Jentzsch. So kam Riesa nach zwei Jahren in der Liga 1983 zurück in die oberste DDR-Spielklasse. Dort sorgte Stahl gleich für Furore, als beim FC Carl Zeiss Jena mit 6:4 und beim Halleschen FC mit 5:3 gewonnen wurde. Im Riesaer Tor stand da übrigens Claus Boden, der nach zehn Jahren bei Dynamo Dresden, zwischen 1983 und 1988 bei Stahl aktiv war. Bis 1988 hielten sich die Stahlwerker knapp über dem Strich, dann ging es in die Liga, die 2. DDR-Fußball-Liga.

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Heute: Ballsportgemeinschaft spielt Landesliga

Es folgten Wende, Absturz und Insolvenz. Heute spielt in Riesa wieder eine BSG, die Ballsportgemeinschaft, in der sechstklassigen Landesliga Sachsen. Der Spielort ist nicht mehr das Ernst-Grube-Stadion. Dort, wo 1968 die erste freitragende Tribüne der DDR entstand, bröckelt heute der Putz. Für Ex-Spieler Johann Ehl unverständlich: "Der Tunnel war fast neu, auch Wachräume und Sozialgebäude. Warum man das so verfallen lässt, verstehe ich nicht.“ Die 16 Jahre in der DDR-Oberliga und dieses wohl einmalige Publikum kann den Riesaern aber keiner nehmen.

Stahl Riesa Stadion
Hier werden seit Jahren keine Spielstände mehr angezeigt. Bildrechte: MDR/Karte

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sport im Osten | 22. September 2018 | 16:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. September 2018, 11:48 Uhr

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8 Kommentare

23.09.2018 07:18 Ostkur"f"e Erfurt 8

Unvergessene Zeiten. Ihr u die Spiele allgemein sind nicht vergessen. Das war noch Fussball damals u Stimmung pur. Von Kommerz nichts zu sehen. Leider hat es die letzten Jahre bei euch mit den Aufstieg nicht geklappt. Rw Grüße an alle die die DDR Oberliga erleben durfte. Diese hätten wir 1990 behalten sollen. Derbys u viele Fans. Eigener Verband wie es Schottland hat. Die spielen dadurch auch im Europa Cup. Tradition u Werte!! RW Grüße

23.09.2018 06:17 Chemiker aus Zeitz 7

Schöner Artikel/Beitrag. Mehr davon. Grüße aus Zeitz und der alten BSG Chemie.

22.09.2018 23:46 G. 6

.....oder die "Malocher-Vereine" Schalke oder Dortmund :-)))))))))

22.09.2018 23:42 G. 5

Riesa-BFC ohne Kommentar. Echte Zeitdokumente. Geile Bilder. Die Schornsteine im Hintergrund. Da würden heute auch die Bayern verlieren. Jede Wette!

22.09.2018 21:24 colditzer 4

War eigentlich schon ein Beitrag über Chemie Böhlen?
Ich war absoluter Fan von Böhlen und Zanirato und Havenstein.

22.09.2018 18:58 Arwed 3

Bitte weitere solcher Verein Porträts senden lieber MDR.
Sehr interessantes Bildmaterial & die Erfolgsjahre der Stahl aus Riesa zu erfahren.

Heute fasst in der Versenkung verschwunden & vergessen wie die BSG Stahl Brandenburg oder BSG Stahl Eisenhüttenstadt & viele andere

22.09.2018 18:22 Gerald 2

Zu @Daumen hoch 1
Waren das noch Zeiten! Spiele gegen Riesa, Cottbus oder Brieske! Diese Zeiten kommen nie wieder! Lang, lang ist es her!

22.09.2018 14:42 Daumen hoch 1

Unvergessen die Spiele gegen Schwarze Pumpe.

Unvergessene Vereine: BSG Stahl Riesa

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