Thüringer Amateurfußball Streit um Saisonfortsetzung: Die Kluft wird immer größer

In Thüringen soll die aktuell unterbrochene Saison im Amateurbereich ab September fortgesetzt werden. Die Entscheidung stößt vielen Vereinen übel auf – die Fronten verhärten sich und eine gemeinsame Lösung rückt in immer weitere Ferne. Der Thüringer Fußball steht vor einer Zerreißprobe.

Michael Wedekind (Heiligenstadt - links) gegen Francisco Paunde (Arnstadt - rechts)
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Es brodelt im Freistaat Thüringen – und zwar gewaltig. In einem offenen Brief vom 6. Juni holten zuletzt neun Klubs der Verbandsliga zur Generalkritik am Thüringer Fußballverband (TFV) aus. In dem Schreiben, das den Titel "Saisonabbruch JETZT!" trägt, heißt es unter anderem: "Der Thüringer Fußball befindet sich in seiner Außendarstellung in einer katastrophalen Situation. Es werden Beschlüsse gefasst, revidiert, Erklärungen abgegeben, Spekulationen angeheizt. Einigkeit in den Gremien des TFV – Fehlanzeige!"

Streitfall Nachwuchsbereich

Ausgangspunkt für die Kritik ist der Beschluss des TFV, den Spielbetrieb für die laufende Saison bis zum 31. August auszusetzen und, sofern es die behördlichen Verordnungen zulassen, ab dem 1. September fortzusetzen. Anfang Mai stimmte eine Mehrheit der Vereine von 58 Prozent dem Vorschlag des TFV-Vorstandes zu. Doch sorgte vor allem die analoge Entscheidung im Nachwuchsbereich für reichlich Gegenwind: Aus den eigenen Reihen reichten Jugendausschuss und Kreisfußball-Ausschüsse (KFA) Anträge ein, um den TFV-Vorstand zum Umdenken zu bewegen. Auch eine Online-Petition mit mehr als 2.000 Unterschriften stemmte sich gegen die Fortführung der Saison im Nachwuchsbereich. Zudem wurde die Einberufung eines Außerordentlichen Verbandstages gefordert, um die Situation neu zu bewerten.

Sämtliche Anträge wurden am 27. Mai vom Verbandsvorstand zunächst abgelehnt, die Entscheidung, den Spielbetrieb sowohl im Nachwuchs- als auch im Erwachsenenbereich wie geplant fortzusetzen, bekräftigt. Keine 24 Stunden später wurde jedoch eine 180-Grad-Wende eingelegt. Aufgrund "einer signifikant anderen Ausgangslage", sah man sich auf Verbandsseite "zum Handeln gezwungen" und entschied, die Saison im Nachwuchsbereich nun doch zu beenden. Der Sinneswandel ging dabei mit der Entscheidung des Bayerischen Fußball-Verbandes (BFV) einher, die Spielzeit der Junioren zu beenden. Thüringen wäre sonst der einzige Landesverband gewesen, der die Saison im Juniorenbereich verlängert hätte.

Vorwurf: Keine Kommunikation mit den Vereinen

Die Kehrtwende sorgte vielerorts für Entrüstung. Daniel Rudloff, Vorstand des F. C. Eisenach, schrieb in einem offenen Brief (1. Juni) an TFV-Präsident Wolfhardt Tomaschewski: "Ich bin absolut erschüttert und völlig perplex, was der TFV mit all seinen Gremien für ein Bild abgibt. Nicht nur, dass es völlig unverständlich und nicht nachvollziehbar ist was Sie in den letzten Wochen tun. Nein, es wird der Fußball in Thüringen lächerlich gemacht und Demokratie mit den Füßen getreten." Auch die neun Verbandsligisten, die sich für einen Abbruch im Erwachsenen-Bereich stark machen, kritisieren das Auftreten des Verbandes: "Bis zum heutigen Tag gab es keine (Web-)Konferenz mit den Thüringenligisten, sich mit dem Spielausschuss für das Für und Wider eines Saisonabbruchs oder einer -fortsetzung auszutauschen. E-Mail-Anfragen bleiben unbeantwortet, es wird immer nur mitgeteilt was nicht geht, aber keine Lösungsvorschläge verschiedener Szenarien diskutiert."

Es wird der Fußball in Thüringen lächerlich gemacht.

Offener Brief des F.C. Eisenach

Lutz Lindemann und Wolfhardt Tomaschewski
TFV-Präsident Wolfhardt Tomaschewski (re.) mit dem heutigen "Sport im Osten"-Experten Lutz Lindemann. (Archiv) Bildrechte: imago/Matthias Koch

Benno Harbauer, Vorstandsvorsitzender von Preußen Bad Langensalza, konkretisierte auf MDR-Nachfrage: "Am meisten kritisieren wir die Kommunikation mit uns Vereinen, die findet nämlich nicht statt. Hätte sie stattgefunden, wäre man vielleicht zu einer anderen Lösung gekommen. Wir warten seit der Unterbrechung der Saison, dass sich der Verband mit der Thüringenliga zusammensetzt. In den drei Monaten ist das nicht erfolgt." Matthias Springer, Vorsitzender des BSV Eintracht Sondershausen, schlug in die gleiche Kerbe: "Im Vorhinein (der Entscheidung, Anm. d. Red.) fand keine Meinungsfindung statt, um ein Bild einzuholen, mit dem man in eine sachliche Diskussion kommen kann. Der Verband ist schlicht nicht auf uns zugekommen."

TFV beruft sich auf Mehrheitsentscheidung

Beim TFV wird die Situation anders eingeschätzt. "Wir haben versucht, uns im Vorfeld unserer Entscheidung so viele Informationen wie möglich einzuholen. Eben um keinen Schnellschuss zu machen, sondern so viele Aspekte wie möglich zu berücksichtigen", sagte TFV-Vizepräsident Udo Penßler-Beyer im Gespräch mit dem MDR. Er stellt klar: "Es gibt in dieser Situation keine Variante, die allen Ansprüchen gerecht wird. Wir haben die Vereine in großem Umfang durch das Webinar beteiligt und waren im Vorstand völlig offen, in welche Richtung es geht. Es handelt sich um keine einsame Vorstandsentscheidung. Wir spiegeln immer noch den Mehrheitswillen der Thüringer Vereine wider."  

Es handelt sich um keine einsame Vorstandsentscheidung. Wir spiegeln immer noch den Mehrheitswillen der Thüringer Vereine wider.

Udo Penßler-Beyer TFV-Vizepräsident

Den Unmut der Klubs kann Penßler-Beyer aber nachvollziehen: "Dass diejenigen, die bei der Abstimmung unterlegen waren, nun versuchen, ihre Interessen durchzusetzen, ist völlig legitim." Aber: "Unser Demokratieverständnis sagt, dass nicht so lange abgestimmt werden kann, bis das gewünschte Ergebnis rauskommt. Letzten Endes muss bei jeder Entscheidung die Einsicht reifen, dass man eine Entscheidung getroffen hat und auf dieser aufbaut." Der TFV-Vize spricht dabei von einer Situation, "die das Fußball-Land Thüringen schlichtweg spaltet." Demnach gäbe es in dieser neuen und ungewissen Situation keine Optimallösung. Diejenige, die man im Verband favorisiere, sei "die bessere von zwei schlechten."

Klage des SC Weimar scheitert

Anhand der kritischen Stimmen wird deutlich, dass im Vorfeld scheinbar keine ausreichende Diskussionsplattform gegeben war, die sich den Fragen und Unwägbarkeiten der beteiligten Akteure widmen konnte. Harbauer unterstreicht dabei, dass es nun vor allem darum gehe, in einem gemeinsamen Dialog zu treten: "Wir müssen uns miteinander an einen Tisch setzen und flexible Lösungen finden." Einen ähnlichen Weg forcierte auch der SC Weimar 1903, der sich zwar nicht aktiv für einen Abbruch der Saison aussprach, aber eine Beschwerde gegen den Beschluss des TFV-Vorstandes einlegte und im Zuge dessen die Einberufung eines Außerordentlichen Verbandstages empfiehl.

Jener Antrag wurde am gestrigen Mittwoch (10. Juni) vor dem Sportgericht Erfurt verhandelt, jedoch mit Verweis auf die Satzungs- und Spielordnung des TFV,  welche "keine fehlerhafte Ermessensübung erkennen konnte", abgelehnt. Johannes Arnhold, Vorstandsmitglied Recht beim SC Weimar ließ gegenüber "FuPa Thüringen" verlauten: "Über das Einlegen weiterer Rechtsmittel, um unser Ziel, einen außerordentlichen Verbandstag herbeizuführen möglicherweise noch zu erreichen, wird unser Vorstand in Ruhe beraten."

Außenansicht des Thüringer Fußballverbandsgebäudes
Hier werden die wichtigen Entscheidungen für den Thüringer Amateurfußball getroffen: Der TFV in Erfurt. (Archiv) Bildrechte: imago/Steve Bauerschmidt

Eine Kehrtwende scheint ausgeschlossen

Die Fronten sind verhärtet, das wird mehr als deutlich. Und obwohl sich nach MDR-Informationen weitere Verbandsligisten den Abbruch-Befürwortern anschließen werden, ist eine Kehrtwende wohl eher unwahrscheinlich. "Ich denke, man wird diesen Weg nicht mehr verlassen", meint auch Harbauer: "Das sind Machtspiele innerhalb des TFV. Jeder beharrt auf seinem Standpunkt. Das zeigt auch die Uneinigkeit zwischen dem Präsidium und den Kreisfußball-Ausschüssen. Man marschiert nicht in die gleichen Richtungen."

Ich denke, man wird diesen Weg nicht mehr verlassen. Das sind Machtspiele innerhalb des TFV. Jeder beharrt auf seinem Standpunkt.

Benno Harbauer Vorstandsvorsitzender Preußen Bad Langensalza

Beim TFV, und das macht die Sache nicht leichter, sieht man sich mit einem Dilemma konfrontiert. "Es kann an diesem Beschluss nach meiner Auffassung keine Änderungen mehr geben", macht Penßler-Beyer deutlich: "Wenn wir jetzt die Rolle rückwärts machen, benachteiligen wir die Vereine, die sich an dem Beschluss orientiert haben und ihre Saisonvorbereitung danach ausrichten."

"Scherben aufkehren, und das WIR in den Vordergrund bringen"

Fakt ist, dass die Kluft zwischen Vereinen und Verband in den letzten Wochen immer größer geworden ist. Die Voraussetzungen für eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs, ganz gleich wann und in welcher Form dieser stattfinden sollte, gestalten sich mehr als besorgniserregend. Denn letztlich schadet die kontroverse Diskussion vor allem einem: Dem Thüringer Fußball.

Doch schaffen es die beteiligten Konfliktparteien, bestehend aus Verband, Ausschüssen und Vereinen, in einen sachlichen Dialog zu treten, könnte jeder sein Gesicht in dieser heiklen Situation wahren. Nicht ohne Grund appelliert Eisenachs Vorstand Rudloff am Ende seines Briefes mit versöhnlichen Worten an alle Akteure: "Scherben aufkehren, ZUSAMMEN nach vorne blicken und MITEINANDER unseren geliebten und gelebten Fußball, sportliche Erfolge und das WIR in den Vordergrund bringen."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sport im Osten | 14. Juni 2020 | 15:25 Uhr

2 Kommentare

Kyffhaeuser vor 3 Wochen

ja es wurde abgestimmt, aber wie ? der TFV gab die Regeln, vor, jeder Verein erhielt eine Stimme, egal ober er eine Mannschaft oder 15 Mannschaften ins Rennen schickt. 2-3 Tage Zeit hatte jeder Verein zum Abstimmen. In der Anpreisung des Verbandes wurden die Vereine massiv unter Druck gesetzt. Es gab in der Abstimmung nur dafür oder dagegen, keine Alternative des Verbandes. Die war gar nicht vorgesehen ! So funktioniert Demokratie eben nicht, Das war eine Vorführung und eine vorgefertigte Meinung wurde massiv durchgesetzt. Somit haben die "Dorfmannschaften" , meist ohne Nachwuchs, ohne großen Etat, meist reiner Thekenfussball, die höherklassigen Ligen überstimmt, d.h. die Kreisligisten haben über die Landesliga entschieden, ein Witz ! Mit welchem Recht entscheiden niederklassige Vereine über höherklassige Ligen ? ein Unding ! dagegen richtet sich der Protest.

66BB1966RWE vor 3 Wochen

Es wurde abgestimmt, die Mehrheit hat sich für weiterspielen entschieden. Fertig. Die jetzt mit ins Horn blasen, sind bestimmt auch jenige, die sich damals der Stimme enthalten , oder erst garnicht bei der Abstimmung teilgenommenen haben. Demokratisch gewählt heißt aber in unserer Demokratie nicht unbedingt, dass das Ergebnis bestand hat. Siehe Ministerpräsidentenwahl. Da wurde die Demokratie mit Füßen getreten . Im Endeffekt ist es eh egal was entschieden wird. Sollte eine 2. Welle kommen fallen dann eben sogar zwei Saisons aus. Es ist nur ein Spiel.