Fußball | Regionalliga Chemie-Trainer Jagatic: "Man muss das richtig einordnen, wo wir noch vor Kurzem waren"

Mit Tabellenplatz drei sorgte die BSG Chemie Leipzig in der abgebrochenen Regionalliga-Saison für Furore. Eine "Momentaufnahme", sagte Trainer Miroslav Jagatic, der den Ball bewusst flach hält. Wir sprachen mit ihm.

Miroslav Jagatic
Seit Januar 2019 leitet Miroslav Jagatic an der Seitenlinie die Geschicke bei Chemie Leipzig. (Archiv) Bildrechte: IMAGO / CHROMORANGE

Ein Pokalspiel von Chemie Leipzig gegen den FSV Zwickau Anfang Mai, ansonsten neun Monate Zwangspause wegen Corona. Ihre Mannschaft hat aber den Wettkampfmodus nicht verlernt…

Miroslav Jagatic: "Es ist immer wieder anstrengend, in den Wettkampfmodus zu finden. Diese ständige 'On-Off' ist nicht leicht. Das haben die Jungs aber gut bewältigt – und das ist die große Kunst. Daran sind wir gerade intensiv am Arbeiten."

Chemie ist also wieder heiß für kommende Aufgaben…

"Die ganze Mannschaft hat Lust, weil man hofft, wieder in einen normalen Rhythmus reinzukommen. Die Erwartung ist groß, dass die Saison zu Ende gespielt wird. Und das endlich wieder mit unseren vielen Fans im Rücken. Ich hoffe, dass die Stadien in der kommenden Spielzeit voll werden."

Sie sehen optimistisch in die Zukunft, oder täuscht das?

"Wie weit das von der Politik abgesegnet wird, da frage ich nicht noch einmal nach. Das habe ich mir abgeschminkt, weil man einfach nur noch mürbe wird. In der Vergangenheit kam von Woche zu Woche eine Veränderung. Da wirst Du als Trainer bekloppt. Ich muss mich auf Fußball konzentrieren. Die Vereine haben schon alles so gemacht, wie es die Politik wollte, und super Hygienekonzepte erstellt. So wie es sein soll. Hoffen wir also, dass endlich wieder Normalität einkehrt. Dennoch, man darf auch weiterhin die Sachen rund um die Pandemie nicht unterschätzen. Wie weit jedoch der Hunger der Chemie-Fans nach Fußball ist, sieht man am enormen Absatz der Dauerkarten."

Herr Jagatic, Sie sprechen es an. Chemie hat mit über 1.700 verkauften Dauerkarten (Stand 11. Juli 2021) den vereinsinternen Absatz-Rekord geknackt. Ein starkes Signal…

"Ich glaube, so ein Ergebnis können nur wenige Drittligisten aufweisen. Da sieht man, was wir in Leutzsch für eine Fanbase haben, was hier für ein Feuerwerk abgebrannt wird. Auch für die mobile Flutlichtanlage wurden schon wieder über 10.000 Euro gespendet, fantastisch. Ob Höhen oder Tiefen, gemeinsam kommen wir immer durch."

Wie schätzen Sie die bisherige Saisonvorbereitung ein? Sind Sie zufrieden, woran muss noch gefeilt werden?

"Wir haben sehr viele Testspiele absolviert. Beispielsweise haben wir gegen Greuther Fürth II beim 2:0 ein richtig geiles Spiel gemacht. Tags darauf gegen Hildesheim (0:1) musste ich die Mannschaft splitten, damit jeder seine Spielminuten bekommt. Wegen Verletzungen mussten manche Spieler doppelt ran, und die bekamen natürlich schwere Beine. Trotzdem hat sich das Team gut verkauft. Wir unternehmen sehr viel, damit wir für die komplette Saison gerüstet sind. In den Tests gegen Grimma (3:0) und Fulda-Lehnertz (0:0) arbeiteten wir an der Feinabstimmung. Aktuell wird das Training so weit heruntergefahren, dass wir zum Auftakt gegen den FC Eilenburg fit sind."

Wichtige Spieler haben Leutzsch verlassen. Wie haben Sie das verschmerzt? 

"Burim Halili in der Verteidigung ist natürlich ein großer Verlust. Auch Florian Schmidt, der viele gute Momente hatte, wo er den Karren mit aus dem Dreck gezogen hat. Er bleibt aber dem Verein in einer anderen Funktion erhalten. Morgan Fassbender hätte uns sportlich immer weiter nach vorn gebracht. Er ist menschlich ein Supertyp. Als plötzlich die Möglichkeit bestand, dass er bleibt, hatten wir aber schon Ersatz gefunden. Deshalb der Wechsel zum Drittligisten Meppen. Tomas Petracek war von einigen Verletzungen gehandicapt – trotzdem hat er sein Soll dazu beigetragen.

Torjubel
Vergangene Saison: Björn Nikolajewski wird von den Kollegen gefeiert. (Archiv) Bildrechte: imago images/Beautiful Sports

Bei Björn Nikolajewski habe ich schon gespürt, dass er seinen Weg gehen wird. Wir haben bestimmt 15 Mal miteinander telefoniert und uns mehrmals persönlich getroffen, trotzdem hat er das Angebot aus den USA angenommen. Das hat mir sehr weh getan, die Tür für ihn ist jedoch immer offen.

Alle Spieler, die uns diese Saison verlassen haben, auch Pascal Pannier, Denny Krahl und Keeper Julien Latendresse-Levesque, der viele Verdienste für den Verein hat, bleiben in bester Erinnerung. Wenn einer denkt, dass Spieler nur Figuren sind in einem Spiel und keine Gefühle haben, dann ist man falsch gewickelt."

Wie zufrieden sind Sie mit den Neuzugängen? Es ist auch wieder ein Spieler vom Ortsrivalen Lok Leipzig dabei…

"Ja, Angreifer Denis Jäpel hat noch Luft nach oben. Er ist ein bisschen in sich gekehrt durch die Vergangenheit. Er will sich aber wieder die Freude aneignen, und da ist er auf einem guten Weg. Die Mittelfeldspieler Anton Kanther und Paul Horschig sowie Abwehrmann Florian Brügmann schlagen schon die richtige Richtung ein. Nicht zu vergessen Defensivspieler Ben Keßler. Ich bin mit den Neuen zufrieden, sie werden Chemie noch viel Freude bereiten."

Denis Jäpel (BSG Chemie Leipzig)
Denis Jäpel im Testspiel gegen Markkleeberg (6:1). (Archiv)    Bildrechte: imago images/Picture Point

In der abgebrochenen Saison haben die Grün-Weißen Platz drei belegt, ein echtes Husarenstück. Wohin geht die Tendenz in der kommenden Spielzeit, was ist die Zielsetzung?

"Ich sehe das kritisch. Es war eine super Momentaufnahme und wir als Mannschaft konnten das richtig einordnen. Ich habe aber das Gefühl, dass viele von außen mit dem dritten Platz nicht sehr gut umgehen können. Man muss das richtig einordnen, wo wir noch vor Kurzem waren. Wir haben noch so viele Baustellen vor uns, ein Schritt nach dem anderen."

Das bedeutet konkret…

"Wir wollen uns sportlich weiterentwickeln. Jetzt heißt es rechtzeitig Punkte holen. Haben wir die notwendigen Zähler eingefahren, dann kann man natürlich weiter schauen und neue Ziele stecken. Wir sind aber gut beraten, immer wieder ein bisschen demütig zu sein. Schon deshalb, weil wir noch nicht die Strukturen haben, wie es sich für einen Profiverein gehört. Da arbeiten wir aber zielstrebig darauf hin. Wir haben bald neuen Kunstrasen, wir haben neues Flutlicht – das geht alles in die richtige Richtung. Deshalb sollte man, wenn man ein Haus baut, nicht mit dem Dach anfangen, sondern mit dem Fundament. Und das Fundament steht."

Ein kurzer Schwenk noch einmal zum beherrschenden Thema der letzten Zeit. Pandemie und die Folgen für den Fußball. Wie schätzen Sie das ein?

"Durch Corona hat auch der Fußball neue Gesetze. Es wird keinen Mittelstand mehr geben. Man wird sehen, dass es entweder ganz reiche Vereine oder ganz arme Vereine geben wird. Dazwischen gibt es nichts mehr."

Ich greife Ihre Worte auf. Arm oder reich? Wohin neigt sich die Waage in Leutzsch?

"Die Tendenz allgemein geht in die falsche Richtung und deshalb sollten wir ruhig bleiben und schauen, dass wir gut aus der Corona-Krise herauskommen und dann stabil auf die Zukunft hinarbeiten. Dann werden wir auf lange Zeit bestehen bleiben. Wir haben eine Verpflichtung unserer Tradition gegenüber. Bedeutet, wir wissen, wie man gerade im ostdeutschen Fußball und in Leutzsch spielen muss. Wir brauchen den zwölften Mann."

Wie sehen sie das Auftaktprogramm gleich mit einer Englischen Woche? Zuerst in Eilenburg, dann zuhause gegen Halberstadt und darauffolgend geht es nach Meuselwitz…

"Sehr gefährlich, diese Spiele werden uns nicht in den Schoß fallen. In Eilenburg war es immer ganz schwer, zu spielen. Der Aufsteiger hat gute Fußballer und einen guten Trainer. Da müssen wir wirklich unsere Hausaufgaben machen, um einen guten Start zu erwischen. In der Mannschaft haben wir es tief verinnerlicht, dass wir jeden Gegner sehr ernst nehmen."

Wer ist für Sie Favorit in der Staffel?

"Da habe ich fünf Mannschaften. An erster Stelle steht der BFC Dynamo. Man schaue sich die Einkaufsliste an, Wahnsinn. Dann folgen die VSG Altglienicke, der FC Carl Zeiss Jena, der Chemnitzer FC und der FC Energie Cottbus."

Welche Schlagzeile würden Sie gern über Chemie am Ende der Spielzeit lesen?

"Wir sind auf dem richtigen Weg."

Reihe von links: Benjamin Bolze, Stefan Karau, Manuel Wajer, Paul Horschig, Benjamin Luis, Florian Kirstein, Benjamin Schmidt, Alexander Bury, Philipp Wendt, 2. Reihe von links: Sportlicher Leiter Andy Müller-Papra, Torwart-Trainer Harald Bellot, Cheftrainer Miroslav Jagatic, Co-Trainer Christian Sobottka, Tom Müller, Ben Keßler, Max Keßler, Tarek Reinhardt, Anton Kanther, Zeugwart Siegfried Müller, Teammanager Daniel Heinze, Chef-Physiotherapeut Alireza Hamzehian, 1. Reihe von links: Florian Brügmann, Dennis Jäpel, Andy Wendschuch, Torhüter Bejamin Bellot, Torhüter Jonas Janke, Timo Mauer, Lucas Surek, Tom Gründling.
Mannschaftsfoto der BSG Chemie Leipzig Saison 2021/2022. Bildrechte: IMAGO / Picture Point

Herr Jagatic, vielen Dank für das Interview.

Jens Daniel

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Ein perfekter Hinrundenabschluss für die Sachsen: Der Chemnitzer FC zeigte bei Aufsteiger Tasmania Berlin einen dominanten Auftritt und sackte den achten Saisondreier der Saison ein.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sport im Osten | 25. Juli 2021 | 14:00 Uhr

10 Kommentare

sachse81 vor 18 Wochen

Besser so , selbst so eine Karte können sich eure dösener Hartzer nicht leisten .

Bei Fragen gern Anruf 😅. Bzw das Amt in Leipzig , gibt bestimmt Zuschuss als Fan von Traktor dösen

sachse81 vor 18 Wochen

330€ Ohhhh das du dir das leisten kannst . Lieber isst du ein Jahr nur Toast oder 😅😅

Soviel kostet mein Auto auf 1% Regel . Lieber Auto als Traktor dösen

Ich 68 vor 18 Wochen

149 Euronen für ne Dauerkarte, 20 HS, macht über den Daumen gepeilt 7,50 Euro Eintritt... 😂 Und eure Spieler sind aus Überzeugung bei Schämiiiieeee😂.. Die spielen für lau... Träume weiter...